Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 49 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 525 ■ ... 1 ■» heit, in deren Verlauf der Dichter erblindete. Am 3. Tcbeth, | dem letzten Tage unserer Makkabäerfeier, vollendet der Dichter das 45. Jahr eines Lebens, das aus Not und Enthebrungen und Unglück besteht. , Unit doch hat ihn die Hoffnung nicht verlassen. Mit tiefem Empfinden hat Moses Ephraim Lilien, der fa von allen jüdischen Künstlern in seiner Kunst am tiefsten fn die jüdische Volksseele eingedrungen ist, Roscnfeld mit dem Pinsel nachgedichtet. Der kräftige jüdische öreis sitzt unter umwölktem Himmel von der Dornenhecke umfangen und Schlangen züngeln ihm entgegen. I;r aber sieht über Dornen und Nattern glückstrahlend hinaus, denn er erblickt in der Ferne Zion, die Hoffnung seines unsteten Wandervolkcs, über dem die strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel emporsteigt: Wieder ist der Mai gekommen,; . . Kam mit seiner Zauberpracht ־— t Alle Griiser, alle Blumen Sind nun wieder aufgewacht. Wieder blüht es auf den Feldern, Wieder grünt es in den Wäldern, t - Wieder glänzt es überall, Wieder singt die Nachtigall. Horst du, Jude? Glück und Frieden!" Ruft dir zu ein neuer Mai. Wein nicht! Bist noch nicht verloren, Wage müder Wanderer du, [ . Neue Jahre, gute Jahre, Winken dir, mein Jude, zu! ... E i j ö q t m. Der schleichende Pogrom Während des Druckes erhalten wir noch den folgenden Bericht aus Odessa vom 27. November: Täglich und stündlich werden ruhige Passanten in den belebtesten Strassen der Strassen der Stadt von Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes geprügelt und misshandelt. Bald ist cs ein Gummiknüttel, bald ein ״Eiserner Handschuh“, bald ein finnischer Dolch, der dabei zur Anwendüng gelangt. In der Stadt herrscht daher eine ausserordentlieh gedrückte Stimmung, von der man ausserhalb Odessas, infolge der nicht zu schildernden Knebelung der hiesigen Presse, absolut keine Vorstellung hat. ״Im Interesse der öffentlichen Ruhe" ist nämlich der Presse ein Maulkorb angclegt worden. Die früher sc» üblichen Ausdrücke ״Verbandsmltglicd“, ״Oelb-Bluscnmann", ״Schwarzes Hundert“ u. a״ sind jetzt aus, der Terminologie unserer Tageszeitungen ganz verschwunden. Neben der Knebelung der Presse wurde zur Beruhigung der Bevölkerung ein noch viel entschiedener Schritt gemacht. Die Revolution sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Dafür fand man aber kein besseres Mittel als Massenvcrhaftungen. Man hat hier in den letzten Tagen eine förmliche Jagd nach ״P 0111 i s c 11 - U n z u v e r I ä s s i g-e n“ veranstaltet. Das Verfahren dabei war ein recht einfaches. Man verhaftete eine Anzahl ״ve rd äch t i ger Pcrsonc n“, ihre Papiere wurden durchsucht, man notierte sich sorgfältig die Namen Sämtlicher Personen, die das Unglück hatten, jemals einem der ״Verdächtig c n“ eine unschuldige Karte oder ein bclangloses Billet zu schicken, um sie am folgenden läge gleichfaUs ins Gefängnis zu werfen. Es lief auch nicht ohne tragikomische Szenen von pikantem Beigeschmack ab. Unter den Papieren des verhafteten Studenten J. P., der als Don Juan besonderes Glück hatte, fand man eine Anzahl von ״Billetdoux“ entzückter Studentinnen oder, wie sie hier genannt werden, Kursistinnen. Die sentimentalen Briefstellerinnen müssen nun ihre Lyrik mit dem Gefängnis, büssen. Sehr umfangreich sind die Studentenverhaftungen. ,Die Odessacr studentische Abteilung des Verbandes des russischen Volkes verschmähte es nicht, sich in eine förmliche S p i 0 ־ nenorganisation zu verwandeln und an ihren Studiengenossen schnöden Verrat zu begehen. Diese wackeren Musensöhnc und Polizeispitzel übergaben der Polizei eine förmliche Proskriptionsliste der freisinnigen Studenten, die dann natürlich samt und sonders dem ״Arm der Gerechtigkeit“ verfielen. Darüber empörten sich die anständigen Elemente der Studentenschaft und veranstalteten eine, natürlich genchmigte, Protestversammlung. Man beabsichtigte, zum Zeichen des Protestes den Beschluss zu fassen, die Einstellung der Vorlesungen zu erzwingen. Der stellvertretende Rektor kam aber der empörten Studentenschaft zuvor, und schloss auf Drängen der Polizei die Universität. Montag, den 25. November, mor- Kens konnte man an den Türen der Universität lesen: ״ln Anbetracht der Bestrebungen der Studenten, den regelmässigen Gang der Arbeiten zu stören, erkläre ich die Universität für vorübergehend geschlossen.“ Zu gleicher Zeit verfügte der Generalgouverneur die Schliessung der Studentenkiichc. So wird an der Ausrottung der Revolution־ gearbeitet. Für unsere ״V c r b a n d s in i t g I i e d e r“ sind wieder einmal goldene Zeiten gewonnen. Die Lage wurde dadurch noch komplizierter, dass heute morgen Gencralgr.uvenieur Nowitzky plötzlich verschied. Die ״Gelbe-B'.usen-Männcr“ werden sich natürlich eine so treffiiehe Gelegenheit nicht nehmen lassen, um an den jüdischen Revolutionären ihr Mütchen zu kühlem. Der Anfang ist bereits gemacht. Vor einigen Stunden, um 6’i* Uhr, fand Ecke Kanatnaja- und Barjatinskaja-Strassc• im Bureau des 1. Moskauer Arbeiterkartells eine grandiose Expropriation mit Bomben und Rcvolverschüssen statt, wobei 5 Polizisten verwundet wurden, während die Räuber glücklich entkamen. Bald darauf durchzogen ״Verbandsmitglicder" die Strassen, feuerten aus Revolvern und verursachten eine imgeheure Panik. Auf der Malaia-Arnautskajastrasse wurde ein Laden geplündert. Während der Abendstunden wurden ins jüdische Krankenhaus folgende in verschiedenen Stadtteilen, vornehmlich aber auf der BoUschafa-Arnautskajastrasse verwundeten Personen eingelicfert: Chain! J a n k e 1 j e \v i t s c h, Preisach Gorcr.N. Plant, David A b 1 i n , Sch. B a r s k y, David Krasnow, Student M i I i t o w, G. Burak, W a h rhaltig u. a. Die meisten wurden durch Messerstiche im Rücken verwundet. Gegenwärtig, in später Nachtstunde höre ich vom Schreibtische aus ab und zu Revolverschüsse. Wer weiss, welche blutige Leichenfeier die ״Verbandsmänner“ iiir No w i t z k y uns noch veranstalten werden. Die Polizei wird wohl wieder einmal ״machtlos“ sein. Dr. G. jr-i■» Rundschau —־ Organisation der Preussischen Juden Die aus Vertretern des Deutsch-Israelitischen Gemeindeblindes und des Verbandes der Deutschen Juden zusammengesetzte Kommission zur Ausarbeitung eines O r - ganisationsgesetzes für die jüdischen G c - m c i n d e n Preussens hat in den Tagen vom 17. bis 21. November in fünf umfangreichen Sitzungen die zweite Lesung des Gesetzentwurfes vorgenommen. Die Sitzungen waren sehr zahlreich besucht: von auswärts waren die Herren Rechtsanwalt Dr. Blau aus Frankfurt a. M. und Justizrat Dr. Rothfels aus Kassel anwesend. Von den am Erscheinen verhinderten auswärtigen Mitgliedern waren zum Teil sehr umfangreichc Amendierungsaiiträge zu allen Teilen des Entwurfs eingegangen. Die Kommission, in die noch die Herren: Justiztrat Lilienthal. Syndikus der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Oberlaudesgerichtsrat a. D. Geh. Justizrat Prot. Mossc und Stadtverordneter Louis Sachs neu eingetreten sind, hat eine, aus drei Mitgliedern bestehende Redaktionskommission ein gesetzt, der die genaue Formulierung der Beschlüsse zweiter Lesung übertragen wurde. Die Arbeit dürfte mehrere Monate beanspruchen, ihr Ergebnis wird dem Plenum der Kommission