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Jüdische Rundschau · 1907-12-06 · Heft 49 (6.12.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 522 __JÜDISCHE Notwendigkeit zu der Anschauung, dass alle Akte unj sittlich sind, weil sie vielleicht unsittliche Wirkung haben könnten, und schliesslich wird Michelangelos ״Leda mit dem Schwan“ noch ein Pamphlet zur Heförderung der Sodomie, . . ... . Gewiss, diejenigen, dje das Wort Tcndenzkunst am häufigsten zur Verurteilung von Kunstwerken im Munde führen, sind dieselben, d;e der eben genannten Anschauung am wenigsten Hclfcrsdicnste leisten wollen. Aber das hindert nicht, dass diese in der Tat nur eine etwas verbreiterte Konsequenz des Schlagwortes von der Tendenzkunst ist. Wenn ich mich zu diesem bekenne, wer will mich überzeugen, dass nicht auch Sascha Schneiders ״Anarchist‘־, der eine rauchende Bombe in die verödeten babylonischen Paläste trägt, Tendenzkunst ist? Hier ist sogar Tendenz — aber wer wird bestreiten wollen, dass hier auch hohe Kunst ist! — Man hat mit dem Schlagwort ״Tendenzkunst“ auch gegen die Ausstellung Jüdischer Künstler etwas sagen zt! können geglaubt. Was aus solchen Be- Strebungen im besten Falle herauskonimen könne, das sei Tendcnzkims't. Erführen diese Ausstellungen Förderung, so würden noch einige Synagogen- und einige Pogrombllder mehr gemalt werden. Das sei das ganze Ergebnis. Fine grössere Anzahl krasser Tendenzbilder. Das wäre fürwahr ein klägliches Resultat. Aber die Ausstellung In der Wilhelinstrasse zeigt, dass au dt die ״Linden“ sich ihrer nicht hätten zu schämen brauchen. Was hier geboten wird, ist zu einem ebenso holten Prozentsatz Kunst, wahre, wahrhaftige Kunst, als in anderen Ausstellungen, die manch lieber Mann lieber sieht. Und was mir das Hauptresultat dieser Ausstellung scheint, das ist nicht die Zusammenbringung von einigen Bildern mit jüdischen Sujets, sondern das ist die deutlich erkennbare Gemeinsamkeit einer Reihe verschiedener Künstler, die nicht aus ihrer gemeinsamen Schule zu erklären ist. Ich will hier in keine detaillierte Kritik eintreten, aber das möchte iclr sagen: man sehe sich die Juden an, die Pilichowskf, Pasternak, Hirsz'cnberg, Minkowski! u. a. gemalt hab'en, und dann frage man sich, ob je ein anderer Maler nichtjüdischen Stammes solche Juden so gemalt hat, ob er sic so malen konnte. Auch ein Italiener oder ein Deutscher könnte ja ein Bildchen aus dem Auswandererbahnhof malen; aber so ״jüdisch“ wäre es gewiss nicht, auch wenn es sonst die gleiche Stimmung im Beschauer »erwecken könnte. Die ״Tendenz“ im . Bilde macht es nicht aus — das spezifisch Jüdische — die könnte auch dem Bilde eines nichtjüdischen Malers innewohnen. Technik kann ebenfalls nichts Spezifisches im jüdischen Sinne begründen. Denn die jüdischen Künstler, die da ausstelltcii, haben ihre Technik ebenso aus Paris. Rom oder anderswoher geholt, wie andere Künstler; und ich möchte mich auch nicht anheischig machen, aus der Art der Behandlung des Sujets immer das Jüdische herauzufinden. Ich glaube nicht daran, dass in jedem .Ralle ein deutscher Künstler den banale grande in Venedig anders malt als ein französischer, ein spanischer, ein jüdischer Maler. Es werden da Unterschiede zu finden sein; aber hier sind es solche der Schule, des Milieus, des persönlich;•» Temperaments, nicht solche der Nation. Wie denn überhaupt die bildenden Künste neben der Musik am meisten international sind. Und dennoch ״Ausstellung Jüdischer Künstler“? O ja, weil eben auf allen Gebieten, die überhaupt eine nationale Differenzierung aufweisen, diese Unterschied- RUNDSCHAU.___ ״א, qq I j hchkeit auch nach der jüdischen Seite hin sich bemerkbar macht. Weil das einmal an der Kirnst, wo es am häufigsten bestritten wird, dargetan werden muss. Weil heute auch für d?e jüdischen Künstler die Zeit gekommen ist, sich auf ihr Judentum zu besinnen und — nicht etwa ihre Kunst in den Dienst des Judentums zu stellen, wohl aber ihr Judentum i .n ihrer Kunst f r u c h t - bar zt« machen. Daher und noch aus gar manchen anderen Gründen die Existenzberechtigung dieser Aus- Stellung. Mit Leuten zu diskutieren, die heute immer noch, enn es sich um jüdische Dinge handelt, von ״konfessioneller Absonderung“ reden, hat doch wirklich keinen Zweck. Wir haben doch!besseres zu tun, als längst offene Türen zum hundertsten Male von neuem eiuztiremtcn. - < Aber denen, die eine ernste Gefahr fiir die Kunst zu erblicken glaubten, indem liier!eine• neue gekünstelte ״Tendenzkunst“ herangeziiehtet werde, denen sollten diese Zeilen gelten. Denn nun etwa eine Acra von üolusbildcrn entstehen zu sehen, weil Mirszenberg ein grossartiges Gemälde schuf, das ein packendes Symbol cier Judenwandenmg ist, davor bewahre uns der gute Geschmack unserer Künstler. Aber wenn jüdische Kunst gleichgcveitüt sein wird jeder andcrsuationalen, dann brauchen wir das nicht zu befürchten. Dam! werden die jüdischen Künstler nicht nach der Schablone Tendenzmalere! bringen, sondern Eigenes geben. Und dieses Eigene, was es auch sei, — wenn nur Kunst — wird dann j i! d i s c h c Kunst sein. Lächerlich wäre es, an jedem Bilde dieser ״Aus- Stellung Jüdischer Künstler“ nun das Jüdische auch zeigen zu wollen. Ebenso unverständig wie die Betniilumgen mancher Berliner Kritiker, an Pilichowski, beispielsweise, die Schule und den Einihiss dieses oder jenes Meisters zu ״entdecken“ und das Jüdische nur ja geflissentlich zu übersehen. Solche Ausstellung kann nur national verstanden werden. Und so wenig eine deutsche Kunstausstellung daran sinnlos wird, weil die deutschen Künstler nicht nur Hermann den Cherusker und die Marienburg malen, oder weil sie nicht nur in Berlin und München studiert haben, oder gar nur in Worpswede, — so wenig verliert diese Aus- Stellung ihre Besichtigung, weil die jüdischen Künstler eben die Zerstreutheit und mannigfache Assimiliertheit des jüdischen Volkes repräsentieren. Die Hauptsache־ bleibt, dass ein wirklich jüdischer Kern äa ist. Undderistda! Wer aber um ein Beispiel verlegen ist, der ermesse den Schritt: hundert Mal an hunderten von Jahren ward der ״Ewige Jude“ gemalt, bis ihn Hirszenberg in genialer Conccption umschuf in ״Die Wandernden“. Hinmiel und Sclmec und eine endlose graue Weite — und Ahasver in tausend Gestalten. Und immer derselbe - Ahasver, der Ewige Jude. * 0 f e S c 11 a c h 0 r. Der Totgesagte (Zum *15. Geburtstage Morris Rosemekls am 3. Tcbetli 5668). Eine Fülle der Tragik ist es, die den bedeutendsten Lyriker der Jüdischen Nation an der Wende des Jahrhunderts verfolgt. Arm und elend hat er den grössten Teil seines Lebens zugebraebt. Unbekannt ist er seinem Volke geblieben, bis er zufällig entdeckt wurde. Und auch dann hat er keineswegs den Erfolg gehabt, den er von seinem grossen Können erwarten durfte. Und zu seinem Elend, das fleissig in seiner Verfolgung war, wie er selber bei seiner Handwerksarbeit,

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