Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651549--05268-2662282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r- \ \ 7 L \JÜ ü vr^rj-rtn ■r\Cu> l'ilMf mQVni LJ DK3UÜÜ Abonnementsprcls einschliesslich LITERAT URBLATT vierteljährlich: 1. durch die E*?editlon: *) ln Berlin —,90 Mark, b) nach aus* wäm I,— Mark.. c) für aas Ausland 1,50 Mark. 2. Im Portabonnement 1,25 Mark. Insertionspreis lie viergespaitene Pe:!t* Zeile oder deren Raum 25 Pfennig. All״ememe Jüdische Zeitung־ Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: II, 33S7. Expedition und Adresse für Geldsendungen und Bestellungen: Vortag Jsidiieh« Rundschau, E. O.m. b.H., Berlin N.54, Auguslstraiso 4S». Geschafttstunden der Expedition täglich (ausserSabbat und Sonnlag) vormittags 10—1, nachmittags 3—7 Ur י Alle Rechte vorbehalfen. Abdruck aus der JUEDISCHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quclienangibe gestattet. Berlin. 1. Tebeth 5668 — 6. Dezember 1907 XII. Jahrgang Nummer 49 נ i ״Tendenzkunst" Wenn der Sprache eine sachliche Logik inncwolmtc, dann musste unser Titelwort unmöglich sein. Denn was kann Tendenz — worunter hier immer eine politische oder soziale oder religiöse Bestrebung verstanden wird — Mas kann solche Tendenz mit bildender Kunst gemeinsam haben?' Zunächst sicher nichts. Denn die Kunst als höchste Gabe des Menschengeschlechts hat sich ja entwickelt in der Emanzipation von der ursprünglichen religiösen Tendenz. Kunst ist ja nur durch die Abwesenheit von Tendenz. So sollte man meinen. Gleichwohl fühlt man den Widerspruch, der in so schroffer Scheidung steckt. . Denn zweifellos gibt es eine ״Tendenzkunst“. Eine andere Frage ist es, ob man sie für berechtigt, ja ob man sie überhaupt für ״Kunst“ halten will. ״Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter!“ — das ist ohne Frage Tendenzkunst. Ganz deutlich, will gar nichts anderes sein. Aber auch die patriotischen Bilder Anton von Werners wird man ruhig für Tendenzkunst erklären können, während es kaum jemanden beifallen könnte, Menzels grandioses ״Eisenwalzwerk“ diesem Begriff unterzuordnen, selbst wenn Adolf Menzel — Sozialdemokrat gewesen wäre und den ״starken Arm“ des Proletariates hätte verbildlichen wollen. Es ist •eine sehr subtile Unterscheidung, die da gemacht werden muss. Und so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheinen könnte, ist sie denn doch nicht. Man sagt, wenn der Künstler mit seinem Bild einen bestimmten Zweck erreiche! wolle, der ausserhalb der rein künstlerischen Wirkung liege, so sei man bereehtigt, von Tendenzkunst zu sprechen. Es ist klar, wie kaiitsclmkartig . diese Definition gezogen und gepresst werden kann. Wenn Bäck 1 in also Pantheist war und mit seinen Bildern pamheistische Stimmungen im Beschauer auslösen wollte, so wäre von Tendenzkirnst zu sprechen? Und wenn Goya seine Teufelsfratzen für Realitäten gehalten und beim Beschauer den Glauben daran hätte erzeugen wollen, dann wäre sein Werk Tendcnzkmist?? Nein, mit der Kenntnis von der Absicht des Künstlers ■ist nichts getan. Und wenn Anton von Werner —. liofribib dictu! -- etwa Anarchist gewesen wäre und alle seine Bilder nur zum Broterwerb auf Bestellung gemalt hätte, oder wenn es wirklich nur die Freude an Uniformen und blanken Reiterstiefeln gewesen wäre, also eine immerhin künstlerische Absicht, die ihn seine Bilder malen Hess, es bliebe doch Tcndenzkunst. Also die ״rein künstlerische Wirkling“. Aber diese Wirkung ist bei verschiedenen Menschen verschieden. Etwas an sich Tendenziöseres als beispielsweise •eine Grunewaldlandschaft gibt es kaum. Und wir nehmen an, sie wirke auch zunächst auf alle Beschauer ״rein kiinstletriseh‘־.. Nun kommt eine kommunal־ politische Bewegung mit der Parole ״Schutz dem Grunewald!“ Armer Leistikow — ich wette: Deine Bilder wirken in dieser Zeit tendenziös! Und der unvermeidliche ״Verein zur Erhaltung des Grunewaides“ bittet um die Erlaubnis, sie in seinen Schriften re produzieren zu dürfen! Also Leisrikow: Tendenzmaier! Wirklich? Oder wenn ein Obsthändler es sich cinfallen liesse, ein Stillleben, eine Schüssel mit Früchten, — und sei es zehnmal von einem der Besten gemalt! — ausziistellen!? Schliesslich beruht - ja darauf die Wirkung der modernen ״künstlerischen Plakate“. Es ist doch kein Zweifel, dass gar manches dieser Geschäfts-Plakate in Idee und Ausführung der Kunst erheblich näher verwandt ist als die zahlreichen Schmierereien, über die wir in den Ausstellungen bisweilen den Kopf schütteln müssen. Und doch ist hier Tendenz, gewollt, erklärt, und noch dazu — fi done! — dienstbar gemacht dem Geschäftsgcwim;. Mit der Unterscheidung von Kunst und Tendenzkirnst nach der Wirkung ist es also auch nichts. Rezniczeks Bilder voll Champagnerstimmung blieben künstlerisch, auch wenn sie von einer Sektfabrik auf die flaschen geklebt würden; und das schöne Bild ״Das grosse Los“, das bei manchen Lottcriogesehäiten im Schaufenster zu bewundern ist — ein kaiserlich deutscher Geldbriefträger zählt einer armen Familie in einem bescheidenen Zimmerehen Reihen Goldes auf den Tisch - - das bliebe ein Schmarren, und wenn cs in Oel gemalt und in kostbarem Rahmen im Hauptsaal der (]rossen Berliner Kunstausstellung hinge oder gar in der Sezession. Kunst und Tendenz sind eben zwar verschiedene Bgriiie, was aber nicht ausschliesst, dass säe beiein־ ander wohnen. Und Kunsterzeugnissc hat man nicht danach zu sortieren, ob an ihrer Entstehung eine Tendenz miiwirkte, oder ob sie geeignet sind, eine tendenziöse Wirkung zu haben, sondern nur danach, ob sie eben — Kunst sind oder nicht! Sonst komme« wir mit T