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Jüdische Rundschau · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 517 3sa» Rundschau. Judenpässo Hin charakteristischer Beitrag zu dem Thema der Behändhing deutscher Staatsangehöriger jüdischen ״Glaubens" in Russland liefert eine Schilderung, die dem FRÄNKISCHEN KUR1KR von eiuör angesehenen Nürnberger Firma zugegangeu ist: . In Deutschland ist cs ungesetzlich, das Religionsbekenntnis dem Pass beizufiigen; die Eriüllung dieser russischen Forderimg bedeutet eine Umgehung des Gleichheitsprinzips. Wenn es nun damit abgetan wäre. s<» wäre das zwar bedauerlich vom ethischen Standpunkt, aber schliesslich zu ertragen. Allein durch diese amtlicherseits gestattete Kennzeichnung der Religion wird der russischen Willkür Vorschub geleistet: es werden von den Reisenden jüdischen Glaubens erpresserische Abgaben eingezogen, cs werden ihnen Beschränkungen und Unannehmlichkeiten persönlicher Art auierlegt. denen der Reisende christlichen Glaubens und der jüdische Angehörige des englischen, amerikanischen und französischen Staates nicht ausgesetzt ist. weil diese Nationen einen Unterschied in der Passbehandlung ihrer gleichberechtigten Staatsbürger nicht gestatten. Seit 20 Jahren reise ich besonders nach Russisch- Polen. Ich habe zu wiederholten Malen die Unannehmlichkeit gehabt, dass mein Pass, der bei der Ausreise aus Russland das Visum der Polizei der let/.tbesuchten russischen Stadt tragen muss, mir nicht erteilt wurde mit der Angabe: ..Wir visieren keinen jüdischen Pass, damit müssen Sie in die Gouvernementsstadt fahren!“ Da das Gouvernement häuiig eine Tagereise entfernt ist. kann man sich denken, welche Kosten und Zeit hierauf verwendet werden müssen, abgesehen von den Gefühlen, die man empfindet, wenn es heisst ״jüdischer Pass" statt ״deutscher Pass". Fs sind acht Tage her. da erhielt ich in Russland meinen Pass wieder zurück mit dem Bemerken: ״Jüdische Pässe visiere ich nicht, Sie müssen nach Warschau!" Ich hatte nach Warschau 6 Stunden Bahnfahrt, dort l1-־ Tage Aufenthalt, da Ucbernachtcn erforderlich ist, und wieder 10 Stunden Bahnfahrt zurück, da mein Reiseziel in ganz anderer Richtung lag. Um diese schwerwiegende L'nannehmlichkeit und auch um Zeit und Geld zu sparen, begab ich mich selbst auf das Polizeibureau der betreffenden Stadt, konnte jedoch keinen anderen Bescheid erzielen, und es versagte auch das sonst erfolgreiche •Mittel einer ״Abgabe". Ich musste nach Warschau, um dort ebenfalls erst zu hören: ״einen jüdischen Pass visiere ich nicht!‘‘, und ich erhielt ihn visiert erst, nachdem ich eine ״freiwillige" Abgabe von 15 Rubeln bezahlt hatte! Diese Mitteilungen übertreiben sicherlich nicht. Wir selbst haben uns. bemerkt die VOSS1SCHE ZEITUNG, des öfteren überzeugen müssen, dass die Reisenden schweren Unannehmlichkciten ausgesclzt sind, deren Pass das ״Judensiegel" trägt.. ‘ i״ *Vu* -. ., . , Deutsche Pässe ... ’ Zu dem mehrfach im EEANK. KUR. erörterten Thema: ״Behandlung deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens in Russland" wird noch von einer beteiligten Seite geschrieben: ״Ich reiste vor drei Jahren fiir Rechnung eines Pariser Hauses in Begleitung meines Chefs, eines Franzosen christlichen Giaubens. über Wien nach Russland und wollte mit auf der dortigen russischen Botschaft meinen Pass bestätigen lassen. Der Beamte in Wien nahm mir für die Bestätigung des Passes 6 Kronen ab, und erst im letzten Augenblick fragte er mich, welcher Religion ich angeliörte; als ich ihm sagte, dass ich jüdischer Religion sei, sali ich, wie der Mann sich offenbar bemühte, mir Schwierigkeiten zu bereiten: unter anderem stellte er mir die Frage, für welches Haus ich reise, und als ich ihm* daraufhin meinen Chef, der in meiner Begleitung war. vorstellte, antwortete er mir kurz: ״Wenn Sie für ein Pariser Haus reisen, müssen Sic nach Paris zurück, denn nur der Pariser russischen Botschaft seht es zu, Ihren Pass anzuerkennen/ Wenn Sie die Reise Wien-Paris und zuürck bedenken, die Kosten und den Zeitverlust, den eine solche Reise bedingt, so werden Sie es begreiflich finden, dass ich alle mögliehen Hebel in Bewegung setzte, um diese Kosten zu \ermeiden; erst als ich am dritten Tag ihn der Lage war, ein vom Handelsvorstand in Wien ausgefertigtes Attest, dass ich auch ein Wiener Haus verträte, beizubringen, wurde mir die Reise gestattet." Auo dam polnischen Musterland Lemberg. In seiner Sonntagsnummer berührt das Lernberger SLOWO POLSKIE in einer aus Paris (l) datierten Korrespondenz unter anderem das Verhalten der jüdischen Wählerschaft In Galizien und meint zum Schlüsse etwas uuwirsch, diese Verhältnisse (nämlich: jüdischer Separatismus, Zionismus usw.) würden sich erst dann andern, wenn auch den Juden gegenüber volle Gleichberechtigung geübt werden würde . . . Das klingt in einem allpolnischcn Blatte wie eine neue Oncnbarimg. Deswegen kam ihm die Erleuchtung aus Paris, der Stätte der Verkündigung der Menschenrechte, daher auch die Propaganda für die Gleichstellung der Juden! Ach, der Wahn war kurz und der Schwärmer fiir diese Gleichberechtigung mag wohl aus Paris stammen, allein er heisst nicht Mirahcau. diesmal ist es Tartutic. Die ״a u f r i c 11 - t i g e" Gleichberechtigung der Juden, so meint er, müsse durchgeführt werden, indem man sie (die Juden!) aller ihrer Privilegien entkleide!!! Wir fragen das SLOWO POLSKIE, welche ״jüdischen Vorrechte” da gemeint sind. Sind cs etwa die allz.uvielen. hohen und kleinen jüdischen Beamten bei den gerichtlichen, politischen und autonomen Behörden? Sollen bei der Statthalterei, den Bezirkshauptnmnnschafteu, dem sakrosankten Laudcsausschusse, dem Leinberger Magistrate, den Salzämtern usw. usw. nur so viele jüdische Beamte zugelassen werden, als der jüdischen Bevölkcrtmg entspricht und kein einziger darüber? Sollen in allen Volks- und Mittelschulen jüdische L e h r k r ä f t e nur im Verhältnisse zur Schüleranzah! angesteüt werden, keine einzige Lehrperson darüber, auch kein Direktor, kein Inspektor zu viel. Sollen die Juden hei der bevorstehen־ den gaüzischcn L a n d tags w a h 1 r e f o r m nur s » viele Mandate zugewiesen bekommen, als ihrer Bevölkcri.Tgszalil entspricht? Sollen die Juden in Galizkn ihres Vorrechtes enthlösst werden, wöchentlich zwei Tage, den Sab bat 11 um! Sonntag, zu feiern und gesetzlich ermächtig: werden, den einen oder anderen Tag zu ruhen? Die vielen, vielen armen Kauflcutc oder Handwerker wären fiir die Kürzung dieses Privilegs sehr dankbar. Noch etwas. Wie halten es die Herren mit der Religion? Sie wollen doch auch in religio־ ser Hinsicht die Juden den Christen gleich machen. Helfen Sie uns also eine staatliche Congrua auch für die jüdische Geistlichkeit schaffen. Weg mit dem protzigen Privileg der Juden, die Geistlichen aus eigenen Mitteln zu erhalten! Der Rabbiner werde dem Pfarrer kongruent! Es gilt bei uns das Sprichwort: Ein Mann, ein Wort! Wenn dies auch für das SLOWO POLSKIE, zu deutsch: ״Polnisches Wort", gilt, und daran ist ja wohl nicht zu zweifeln, so wird cs seinen ״ Mann stellen Und uns die Antwort nicht schuldig bleiben, Uudenfeindliche Anwendung der Fremdengesetze in Ungarn Die ALLGEMEINE JÜDISCHE RUNDSCHAU in Budapest bringt unter obigem Titel einen beachtenswerten Artikel, in welchem ein krasser Fall der Behandlung jüdischer Ausländer durch ungarische Behörden erzählt wird. Der österreichische Abg. Stand hat den Fall zum Gegenstände einer parlanientarischen Intervention gemacht und es bleibt abzuwarten, ob die österreichische Regierung die gegen Angehörige dieser Reiclishäütc, weil sie Juden sind, verübte Brutalität ohne Widerspruch und ernste Rekriminationcn hinnehmen wird. Welchen Lärm würden im umgekehrten Fall die Herren jenseits der Leitha schlagen! Die RUNDSCHAU schreibt: ״ Wie sehr gerechtfertigt der Verdacht war, dass das Fremdengesetz in Ungarn gegen die Juden sich richten wird und wie geräuschlos der antisemitische Apparat bei uns arbeitet, beweist folgender, absolut authentischer Fall. Der hiesige Steppdecken-Erzeuger Markus Kornmehl, der eine grössere Anzahl Arbeiter beschäftigt und hierorts keine Arbeitskräfte bekommen konnte, bestellte sich aus S t a n i s 1 a tt in Galizien, wo die tüchtigsten Kräfte In dieser Branche reichlich vorhanden sind, zwei Arbeiterinnen und sandte ihnen zu diesem Zweck Vorschuss auf Reisespesen. Die beiden Schwestern, Sehari und Esti Schwarz, brave Mädchen achtbarer Eltern, traten sofort die Reise, mit Arbeitsbüchern und Geburtsschein ausgestattet. an und kamen bis nach Szlget an der ungarischen Grenze. In dieser Station wurden sie von der Grenzpolizei angehalten und ihnen nach kurzem Verhör die Fahrkarten, welche bis Budapest bezahlt waren, abgcnomnicn. Hierauf wurden sie im Polizeiarrest interniert und nach 2-lstundiger Internierung nach Lawoschno retour geschickt. Da die armen Mädchen den Reisevorschuss auf Fahrspesen verausgabt hatten und ohne Geld dastanden, mussten sie einen Teil ihrer Garderobe verkaufen, um von Lawoschno die Rückreise In ihre Heimat antreten zu können. Als der hiesige Stcppdeckeucrzcugcr. der nicht nur sein Geld verliert, sondern auch die Arbeiterinnen entbehren muss, von dem Schicksal der Mädchen brieflich verständigt wurde, wandte er sich mit

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