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Jüdische Rundschau · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 518 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 4ü seiner Beschwerde an die hiesige Obersiadthauptmannschaft, wo er jedoch mit seiner Beschwerde an das Ministerium des Innern verwiesen wurde. Interessant und charakteristisch an der Sache ist jedoch folgendes: Als die Mädchen polizeilich in Szigc t zurückgehaltcn wurden, sandten sie mit dem letzten Oelde vierDcpeschcn um Intervention und Hilfe an Herrn M. Korn me 111 und an ihren in Budapest beschäftigten Bruder ab, von denen eigentümlicherweise keine einzige bis zum heutigen Tag angekommeu ist. Es wäre wohl der Miihe wert, zu untersuchen, wo diese vier Depeschen verblichen, und wer das Geld der armen Mädchen unterschlagen hat! Wir sind aber auch in der Lage, naehznweisen, dass aus d c* rselben Qegcnd vor nicht langer Zeit 97 Bauern für eine hiesige Ziegelei anlaugteu. die anstandslos dieselbe Grenz- Polizei passieren duriten. Wir glauben, dass diese Tatsachen, die wir jeden Moment zu beweisen bereit sind, uns bcrcclitigen. die Anwendung der Erciudcngcsetze als j u d e n f c i 11 d - lieh und antisemitisch zu bezeichnen und sind neugierig, ob sich unter den ungarisch-jüdischen Abgeordneten, denen wir diesen Artikel rekommandiert zusenden werden, einer finden wird, der dieses Vorgehen zum Gegenstand einer Interpellation oder Intervention machen wird." Slowaken und Juden Bei Besprechung des Blutbades in C s e r 11 o v a . bei dem bekanntlich 12 slowakische Bauern von d• r ungarischen Gendannerie erschossen w urden, h« nont d.<• FRANKFURTFR ZEITUNG das Verhältnis der vcrschicJenen Nationalitäten Ungarns zu den magvarischen Machthabern zu sprechen und schreibt folgendes: Unter allen Nationalitäten des Ungariandes sind die Slowaken am schlechtesten dran, de n 11 sie 11a beit, u!1 g I c i c 1ו <i e 11 D c 111 s c 11 c!1. R 111t; ä n cii und S e r - hen. keinen selbst ä n d i g e n Nationalstaat, den sic. wenn es in Ungarn gar zu b u nt hergeht, f ii r s i c 11 interessieren konnten. G egen die Slowake n k a n 11 m a 1׳ s i c!1 d a 11 c r a m meisten 11 c r a 11 s 11 c h m e n. Wenn die FRANKFURTER ZEITUNG statt von der slowaki scher, von der jüdischen Nation schreiben würde, so würde sie ihren eigenen Worten nicht glauben. ► ... Konsistorialwählen in Frankreich Am 10. November haben in ganz Frankreich die Wahlen zum Konsistorium stattgefuuden. Früher nahm die jüdische Bevölkerung Frankreichs nur in sehr geringem Masse Anteil an der Wahl; die dics'ührigcn Wahlen erlangten indessen durch den Umstand, dass sie die erst״! Wahlen nach Erlass des Trennungsgesetzes sind. . erheblich, grössere Bedeutung. Früher bestand das Konsistorium aus insgesamt 12 Mitgliedern, einem für Jede Provinz einschliesslich Algier. Jetzt ist dieser Modus geändert worden. Nunmehr entsendet jede jüdische Gemeinde nach dem Verhältnis ihrer Stärke Delegierte ins Konsistorium, dem aber höchstens 200 Mitglieder angeboren dürfen. Es ist klar, dass ein solches Parlament erheblich mehr Interesse erweckt, als die frühere aristokratische Körperschaff, diesmal war daher zum ersten Male auch so etwas wie ein Wahlkampi zu verspüren. Die meisten jüdischen Gemeinden Frankreichs haben sich dem Konsistorium unterworfen, nach dem Gesetz steht es ihnen bekanntlich irei, sich zu K.ultusvcrbänden zusammenzuscliliessca oder nicht. Die famose Rdormbewegung hat also trotz des Tamtams, mit dem sie eingelcitct wird und der liberale Blätter veranlasst, in ihr den Anfang einer Erlösung — soll heissen A u f losung — des Judentums zu sehen, recht wenig Erfolg gehabt. In Paris freilich beteiligten sich an der Wahl nur 3221 Wähler, für eine so grosse Gemeinde eine verhältnismässig geringe Zahl. Gewählt wurden Baron Gustave von Rothschild. Narcissc Leven, Henri Aron, Albert Lew, Masse, Rene Dreyfuss, Ruber. See und Alfred Ncyniarck. Die Duma und die-Judenfragp Der Ministerrat hat in einer seiner letzten Sitzungen be- *schlossen, in der ,udenfragc der Reichsduma keinen Entwurf vorzulegen, sondern die Initiative der Duma abzuwarten. Der Vorschlag einiger Burcaukratcn. die Juden als Ausländer zu betrachten, wurde vom Ministerrat verworfen. Der Vorschlag ist nicht neu, er wurde schon im vorigen Jahre vom Ackerbauminister Fürsten Wassiltschikow gemacht. Die Judeiifrage wird auch den Gegenstand einer Interpeltatiön bilden, welche, wie ich höre, von selten der Rechten in kurzer Frist cingebracht werden soll, und auf deren Beautwortung sich die Regierung jetzt vorbereitet. Die Interpellation fiagt. warum am Polytechnikum Kiew jüdische Studenten über die No!וזז aufgenommen worden sind. Diese Interpellation wird Stolypin selbst beantworten. Er will darlegen, dass die Aufnahme auf direkte Verfügung des bereits verabschiedeten Gehilfen des Handclsministers. Stoff, stattgefuuden hat, und die Regierung ungerecht handeln müsste, wenn sie die über die Norm angenommenen Juden entfernen wollte. Regierungssorgen wegen der Judenfrage in Russland Ans Petersburg wird berichtet, dass der Ministerrat sich noch immer nicht schlüssig darüber ist. ob cs statthaft sei. das Gesetzesprojekt über die Judeniragc in der Form, wie cs vom Ministerium des Innern ansgearbeitet wurde, vor die dritte Reichsduma zu bringen. Das ,.neue Projekt" ist nämlich durchaus nicht neu. Es läuft durchaus nicht darauf hinaus, die Juden der übrigen Bevölkerung rechtlich gleiclizustellen. sondern betrifft mir die Aufhebung d \s Ansiedlungsravons. Aber in bezug auf diese Reform herrsche״ zwei Ansichten. Die eine will den .Inden in Zukunft dieselben Rechte im ganzen russischen Reiche gewähren, die ihnen bisher nur im Ansiedlungsrayon zu eigen waren; die andere versieht unter Aufliebimg des Ansiedlungsrayons eine voMstäudige, unbeschränkte, nach westeuropäischem Muster ein/.iihihrende Freiziigigkeit. d. 11. dass •einem jeden das Recht zustehe. nach Belieben seinen Wohnort zu wählen. Letztere Ansicht wird von der Regierung nicht akzeppei t werden. Höchstens werden sich einige Minister dazu verstehen, dis• Aufhebung des Ansiedaingsrax <>;1s im ersten Sinne zu hd.itWorten ---׳ d, h. die Gleichmacherei der Gesetze für die Juden ausserhalb wie innerhalb des Rayons. Fs dürft,־ nicht überflüssig sein, dies mit einigen Worten zu erklären. limcrhalb des Ansiedhingsrayr י;יs dürft•: 1 die Juden nt ir in den Städten und Fkc.vcn v . i'lnica!, 1 lande! treib״•׳, auf dem ilacii er. Lande ist ihnen jede!;11 der Aufuulu! 1t und jede l'e n:1saus»!mag untersa! gt. W ie!! ckann i. dürfen nur diejenigen , die in irgendeinen* D orte vor 1; irlass der temp ('raren Best!::;! :nungeu vom 3. Mai INS2 sich niede :■gelassen hatten, dort aber auch nur in jenem Dorfe, v eitcr bleiben. Will ein zu d ieser Kate gorie gehöriger Jude oder eines sc iner nächste;'. Famibe nmitglieder n ach einem andern, in der nächsten Näh׳. gelegencn Dorfe itl!crsicdeln. so be sitzt er kein Rech.t 11» erz.u. Der Rayon weist noch gar viele einschrä! ikcndc Best'!::;: .mmgen schlimmster Art auf; selbst die jiidi sehen Hanäwe rker. denen das bekannte Allerhöchste Gesetz, vom Januar 1565 die Freizügigkeit im ganzen Reiche gewährt, dürfen auf dem flachen Lande im Rayon nicht wohnen und ihren! Berufe nachgehen. Das Recht. Immobiliarbesitz zu erwerben, bewegt sich ebenfalls in ganz engen Grenzen. So ist auch die prozentuale Normierung der Zahl der jüdischen studierenden Jugend in den öffentlichen Lehranstalten innerhalb des Rayons dtirchgeifihrt worden. Die Juden sind innerhalb des Rayons gänzlich von der Teilnahme an der städtischen Verwaltung auch in solchen Städten ausgeschlossen, wo sie die überwiegende Mehrheit bilden. Da haben ein paar christliche Stadtväter die Analphabeten sind, zu schalten und zu walten. Es ist klar, dass das Glcicliinachen des Innern Russlands mit dem Rayon in bezug auf die JuJenrcchte eine jämmerliche. Farce wäre. Es hiesse, die Juden in Smolensk, ,in Ore] oder Twcr wären nicht mit de!1 Russen, sondern mit ihren Brüdern in Wilna. Brest. Odessa gleichgestellt werden. Nun werden aber die Juden in Wilna. Brest. Odessa auch auf jeden Schritt drangsaliert und schikaniert! Aber auch diese unbedeutende Konzession ist tiir die jetzige Regierung etwas Hiuimelstiirnicrischcs, Unerschwingliches. Der Ministerrat ist nicht einig, die Hofpartei, die viel nu'iclitiger ist. als alle Minister zusammen, wird davon nichts hören wollen. Und so konnte bis jetzt der Beschluss nicht gefasst werden, ein neues Projekt wegen der Judenfrage der dritten Duma vorzulcgcn. Programm des Dumazentrums Petersburg. Das politische Bekenntnis, mit dem die Fraktion des Oktobcrvcrhandes vor die Reichsduma treten wird, um ein starkes Zentrum zu bilden, ist durchaus reaktio- 1vär und enthält n. a. folgendest Der Oktoberverband strebt die volle Restitution der Autorität und der wirklichen Macht der Staatsgcwa.lt auf dem Wege einer Einigung des Monarchen mit dem Voll; auf der Basis des Oktobermanifestes an. Die Oktooristenf r a k t i o n ist gegen die Gleichberechtigung der Juden und für die Aufhebung partieller Rechtsbeschrünkmigen. gegen die Durchsicht der Grundgesetze, gegen die Dura.11sicht des Wahlgesetzes, solange die Duma sich nicht durch Durchführung wichtiger Reformen die Autorität im Lande ge-

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