Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seile- 515 Hilfsverein risr Deutschen Juden Übersicht über seine Tätigkeit vor:1 .־. Jnr.uar bis 30. September 1907. (Im Auszüge.) I. Organisation. Die Zahl der Mitglieder hat sich wesentlicl» erhöht. Ständige Jahresbeiträge entrichteten am 1. Januar a. c. rund 13 000 Mitglieder, am I. April a. c. rund 14 000 Mitglieder, am I. Oktober a. c. rund 17 000 Mitglieder. Während wir im Vorjahre in 442 Orten Deutschlands vertreten waren, erhalten wir heute bereits aus 551 deutschen Platzen Mitgliedsbeiträgc; i seihst in den kleinsten Gemeinden ist nie Anteilnahme an [ unserer Arbeit rege geworden, Entsprechend diesem Zuwachs an Mitgliedern sind \om 1. Januar bis Anfang Oktober a. e. an Jahresbeiträgen eitigcgangen rund 120 0011 Mark, die sich durch weitere Zahlungen bis zum Schlüsse des Jahres noch beträchtlich erhöhen werden (gegen 98 696,44 Mark in Vorjahre). Ausserdem erhielten wir an einmaligen Beiträgen vom 1. Januar bis Anfang Oktober a. c. rund 160 00(1 Mark. II. Schulwerk. Im Jahre 1907 hat das Schulwerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden erhebliche Portschritte zu verzeichnen. Palästina. Der Hilfsverein hat in diesem Jahre in Palästina, wo er die meisten Schulen tinterh!1t. eine Handelsrea'scluilc in Jerusalem mul weitere Kindergärten in Beirut, 11;:.:a und Tibcrias begründet. Die Subver.th neu der Üchranstaken in Jerusalem und Jaffa wurden inshes >11 Je re in! Hinblick auf die grosse Inanspruchnahme durch mittellose russische Inm.igrantenkiuder beträchtlich er!.ah:. Der Lehrplan des Seminars des Hi'.isvereins in Jerusalem, das Lehrer für Palästina, insbesondere die jüdischen Kolonien daselbst, und für die Balkan-!ander und die europäische Türkei heranbilde:, hat eine wichtige!::Weiterung ־ durch lliniährung t'aeoreiisch.er und praktischer landwirtschaftlicher Kurse erfaltren. Tüchtige Lehrkräfte, die in Deutschland ihre Ausbildung empfangen haben, sind für Seminar, Schaden und Kindergärten gewonnen worden. Line Reine von Büdungslind humanitären Institutin, die für das kulturelle und wirtschaftliche Leben Paläste.:$ von hervorragender Bedeutung sind oder zu werden versprechen, sind unterstützt worden: — so in Jerusalem die Uämelschule, die Zentralbibliothek, das jüdische Mädchenhenn, das rassische und palästinische Waisenmädchen auininimt. — Studienreise des Herrn Dr. Nathan nach dem Orient. Eine weitere wesentliche Ausgestaltung des palästinischen Schulwerkes des Hilfsvereins steht bevor. Sic wird au! Grund der Vorschläge des Herrn Dr. P. Nathan. Geschäftsführers des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Ehrenamt, erfolgen, der sich zurzeit auf einer Studienreise im Orient befindet, aut der er sich im besonderen über die Schulverhältnisse aufs eingeltendste zu informieren bemüht. Im Anschluss an die Reise des Herrn Dr. Nathan, die über Bulgarien und Konstantinopel erfolgt ist. sind bereits Bewilligungen von erheblicher Bedeutung für dortige Schulen vollzogen worden. Bulgarien. Die erfolgreiche Tätigkeit der von uns entsandten deutschen Lehrkräfte in Bulgarien wird dankbar anerkannt. Den an uns herangetreteneu Wünschen entsprechend, werden weitere Lehrkräfte dorthin entsandt und ferner Mittel zur An- Schaffung von Unterrichtsmaterial bewilligt. Türkei. In Konstamiriopel, wo eine ״rosse Jüdische Bevölkerungstnasse zusammengedrängt ist, und die Scliulverhältnisse durchaus ungenügende sind, wird der rasche Ausbau der Or Thora Schule zu einer scchsklassigen Volksschule nach deutschem Muster ermöglicht, und zwei weiteren Schulen, der Schule ״Scror ha Chajinr* und ..Aclirida‘. werden die Mittel zu einer zweckentsprechenden Umgestaltung und Erweiterung des Umerriehtsplaiies 7air Verfügung gestellt. Rumänien. Die Subventionierung rumänischer Schulen erfolgt in gleichem Umfang wie bisher. Das Hillswerk für Rumänien musste sich leider in diesem Jahre nach anderer Richtung als der weiteren Förderung der kulturellen Eutwicklung erstrecken. _ Es galt, im Verein mit den übrigen Qrgani- Nationen die Schäden zu lindern, die durch die mit den Agrar- Unruhen Hand in Hand gellenden antisemitischen Exzesse verursacht waren. Insgesamt unterhält und unterstützt der Hilfsverein im Jahre 1907 12 Kindergärten. 14 Knaben- und Mädchenschulen, eine kommerzielle Mittelschule, eine Handelsschule, eine Haushaltungsschule, eine Handwerker.schule. eine Kunstgewerbcschule, ein Seminar, im ganzen 32 Anstalten, die tausenden von jüdischen Knaben und Mädchen Gelegenheit gewähren, sich zu nützlichen Mitgliedern de׳ Gesellschaft heranzubilden. * UI. Hilfswerk. Galizien. Das Hilfswerk für Galizien führt der Hilfsverein in Verbindung mit dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien und der eng befreundeten Giossloge für Deutschland weiter fort. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat auch in diesem Jahre wiederum die Mittel für den Spczialdelegierten zur Verfügung gestellt, der. in Galizien stationiert, die dortigen Verhältnisse in bezug auf die Einführung neuer Industrien und die Belebung und Ausbreitung bestehender ständig verfolgt. In der MaarnetziüJustrie, der Spitzenkloritiei, der Kleiderkonfektion findet eine erhebliehe Anzahl von Arbeitskräften lohnende Beschäftigung. Weitere Arbeitsgelegenheiten werden im laufenden Jahre auf dem Gebiete der Wäschekonfektion und Weissstickerci erschlossen. Erwähnt sei auch, dass eine Reihe von Komitees zur Bekämpiung des Mädchenhandels, die in Galizien ihren Sitz haben, vom Hilfsverein subventioniert werden. Russland. Unsere ernsteste Sorge bildet auch in diesem Jahre wieder die Lage der Juden in RusslanJ. ln ständiger Furcht \or den üeiahren, die ihrem Leben und Eigentum drohen, unter entwürdigenden Ausnahmegesetzen, die trotz V ersprcchungcn der Regierung und der Diskussionen in der Puma bisher nicht erleichtert worden sind, spielt sich ihr Leben und ihre wirtschaftliche Betätigung in dumpter Resignatinti ab. Ganz hat es auch in diesem Jahre an blutigen Ausbrüchen gegen die Juden nicht gefehlt. in verschiedenen Städten kam es zu Exzessen und in Odessa herrscht ein permanenter Pogrom. Das Ausland ist nick: imstande, ihre Lage in anderer Weise als durch materielle Hiiie und durch Erleichterung der Auswanderung zu bessern, sie bleivvn nach wie Vor den Ausschreitungen cer Banden des \ t-.banclt-s russisther Leute und seiner HcÜerskehor pK:s.:c,:clm:1. Das russische Miliswerk, für das der I1i;isverein sei: zwei Jahren 2*.e Millionen Mark aufgewvndet hat, muss i1.m;.;edex-.n fortgesetzt werden. Auch in dw!,e1n Ja!.re »misste:: vo.1 uns erliebliche Sunnr.cn verausgabt v.eru'c::. um die aiigemdi.c Not zu lindern, die stoch vergrossert wurde infolge einer Reihe von schweren Bränden in verschiedenen Samten. Ls sind einschliesslich der für Auswandenmgszwecl.e erforderlichen Summen bisher im laufenden Jahre schon ca. 4uQ Mark von uns für das Russische Hüfswerk verwendet worden. IV. Auswanderung. Der Fürsorge für Russland schliesst sich unsere Arbeit für die armen Flüchtlinge, die sich den Verfolgungen entziehen, und für die Auswanderung im allgemeinen an. Das v1:n_Hilfsverein und der Grossloge errichtete und vom Hilisv׳;:c:n geleitete ״Zcntralburcau für jüdische Auswandcrimgsar.gelcgenheiten־• hat in ununterbrochener Tätigkeit sein /fiel, die Organisation des Ausv. av.dcrungswcsens zu vervol.komnmen. •weiter verfolgt. Die Büros in Hamburg und Bremen wurden den Bedürfnissen entsprechend mit bedeutenden Mittel ausgestattet. Unsere Komitees an der Grenze und int Innern Deutschlands sorgten in anstrengender Arbeit für eine glatte Abwickiung.des Auswandererverkehrs, der sich infolgedessen auch ohne jede grossere Störung itir die deutsche Judenhcit vollzog. Auch in ausserdeutschcn Häfen nund Auswanderun gsze nt r cn wurden durch entsprechende Subventionen des Komitees in den Stand gesetzt, für die Bedürfnisse der Auswanderer zu sorgen. Die Auswanderer werden wie in den Vorjahren bei ihrem Durchzug durch Deutschland verpflegt, so weit als nötig ist. eingekleidet und beherbergt, und es wird ihnen au: ihrem schweren Wege jede mögliche Hilfe. Rat und Schutz zu teil. Die Verhandlungcn mit Behörden und Schiiiahrtsgesellschaitea wurden in eifriger Weise fortgesetzt und hatten gute Erfolge. Besonders hervorzuheben ist, dass die amerikanischen Einwanderungskomtnissarc, die von den gesetzgebender Körperschäften Amerikas zum Studium der Auswan Jcrungsyerhältnisse nach den einzelnen Ländern entsandt worden sind, um das Material für neue Gesetzentwürfe zu sammeln, bei ihrer Anwesenheit in Berlin mit dem Hilfsverein sich in Verbindung setzten, auf dem Büro in Berlin vorsprachen, und sic!: aufs gc-!laueste über die Tätigkeit auf dem Gebiete des Aaswanderungswesens unterrichten Hessen. In eingehenden Beratungen w urden die Massnahmen besprochen, die zu einer ricktigeiy und gerechten Behandlung der jüdischen Auswanderung seitens der Vereinigten Staaten ergriffen werden könnten. Diese Beintuiigen werden sicherlich für die gesamte jüdische Aus- Wanderung erfreuliche Ergebnisse zeitigen, zumal der Hillsverein dauernd mit den amtlichen amerikanischen Kommissaren in Vc.,biuduug geblieben ist und ihnen über einzelne Fragen ausführliche schriftliche Gutachten überreicht hat. Mit den führenden Komitees in Amerika, jüdischen sowohl wie interkonfessionellen, die sicli mit der Einwanderung beschäftigen, sind w׳ir in dauernder Fühlung. Unsere besondere Aufmerksamkeit hatte der Elan, eine zweckmässige. Verteilung der jüdischen Einwanderer über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten herbeizuffihreii. Der Einwanderung droht infolge der Ansammlung der Juden in New׳ York und in wenigen Städten I des Ostens der Vereinigten Staaten Gefahr. Diese Anhäufung