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Jüdische Rundschau · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 508 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. Al DeutschlandsUuden sind Russlands Juden! An die Handels- und Ocwcrbckammcr in Nürnberg waren vor einiger Zeit neue Klagen über die Behandlung jüdischer Reisenden in Russland gelangt. Die Kammer veranstaltete hierauf Erhebungen unter den am russischen Handel interessierten Firmen des Bezirks und befasste sich in ihrer letzten Sitzung eingehend mit dem Gegenstand. Seitens des Referenten wurde festgestellt, dass in der Tat die deutschen Staatsbürger je nach ihrer Konfession in Russland eine mehr oder weniger günstige Behandlung erfahren. Die ersten Schwierigkeiten treten für jüdische Reisende schon hei der Erwirkung des Passvisums der russischen Gesandtschaft auf. insofern von der letzteren Kontessionsangabe gefordert und den jüdischen Passinhabern sodann nur gegen den Nachweis, dass ihre Firma in dem Handelsregister eingetragen ist und unter die bedeutenden des Ortes zählt, das Visum erteilt wird. Diese durch die Konfession gekennzeichneten Pässe haben höchstens drei Monate Gültigkeit, während die F'rist sonst sechs Monate beträgt; ihre Inhaber haben für die Berechtigung zum Ktmdcnbesuch statt 100 Rubel 300 Rubel zu bezahlen und sind überdies allen Aufenthaltsbeschränkungen und Ausnahmebestimmungen wie die einheimische jüdische Bevölkerung unterworfen. Den Kennern der Verhältnisse wird mit dieser Feststellung nichts neues gesagt. Interessant wird cs nur sein, das Schicksal des Beschlusses zu erfahren, den die Nürnberger Handelskammer in dieser Angelegenheit gefasst hat. Sic will nämlich die bayerische Regierung ersuchen, bei der Reichsregierung dahin zu wirken, dass Erhebungen über die Behandlung jüdischer Reisenden dcutsclier und anderer nichtrussischcr Nationalität eingcleitet werden und an die russische Regierung das Verlangen der Beseitigung aller Erschwerungen des. Rciscns von Deutschen jüdischer Konfession gestellt werde. Zur Unterstützung der Regierung in ihren Ermittlungen soll an die Presse und alle Interessenten die Aufforderung ergehen, der nsittcifränkischen Kammer alles Material zugehen zu lassen, das eine günstigere Behandlung der jüdischen Reisenden anderer Nationalität als der deutschen in Russland wahrscheinlich macht. — Bekanntlich lassen sich England und Amerika eine Einmischung der russischen Regierung in ihre staatsrechtlichen Verhältnisse nicht gefallen und geben den,, Wünschen Russlands nach einer Differenzierung der Engländer' und Amerikaner in solche jüdischer und nichtindischer Abkunft nicht statt. Die deutsche Regierung hat diese Festigkeit gegenüber russischen Wünschen bisher so sehr vermissen lassen, dass man gespannt sein darf, wie sie sich zu dem Ersuchen der Nürnberger Handelskammer stellen wird. Es wäre an der Zeit, dass Deutschland sich nicht mehr von Russland verschreiben Hesse, was es in die Pässe seiner Bürger hir.einzuschreiben hat und was nicht! „Russische“ Studenten Den Verwaltungen der deutschen Universitäten und Hochschulen wird offenbar doch zu Unrecht vorgeworfen, dass sic in allzu grosser Abhängigkeit von den ihnen übergeordneten Regierungen ständen. Denn während diese Regierungen sich zumeist sehr energisch um Russlands Freundschaft bemühen, ergreift von jenen eine nach der anderen immer stärkere „antirussischc“ Massnahmen. Die technischen Hochschulen haben nun sämtlich, mit alleiniger Ausnahme von Karlsruhe. die Bestimmung getroffen, dass nur solche Ausländer immatrikuliert werden, die in ihrem Heimatlandc bereits an einer gleichgestellten Anstalt immatrikuliert g e wese n sjnd. Das ist eine Verschärfung jener früheren Verfügung, nach der solche Ausländer zugelassen werden sollten, die ihren Zeugnissen nach auch in ihrem Heimatlande zur Aufnahme in eine gleichstehende Anstalt berechtigt wären. Diese Bestimmung konnte wenigstens üusscrlich noch als gerecht und billig erscheinen. denn schliesslich ist die Belastung der Hochschulen mit Elementen von zweifelhafter Vorbildung nicht w ünschenswert; und so sehr wir die grosse Zahl jüdischer Studenten aus Russland bedauern mochten, die in ihrem „Hcimatlandc’* nur deshalb kein Gyitmasialzeugnis erwerben konnten, weil ihre Eltern nicht reich genug waren, um durch Bestechung die Aufnahme des Solmcs auch über die zugelasscucn 3 Prozent Juden hinaus durchzusetzen, so konnte unsere höchste Forderung doch nur dahin gehen, diesen Opfern der Willkür durch ein Aufnahme-Examen die Möglichkeit zur Immatrikulation zu geben (wie dies in anerkennenswerter Weise die Schweizer Hochschulen trotz aller Missstimmung gegen die „Russen“ getan haben). Wie verfehlt es gewesen wäre, mit einer solchen gerechten Forderung zu kommen, zeigt aber nun ,die neueste Verfügung, die kürzlich auch von Darmstadt, ausser Karlsruhe der letzten Zufluchtsstätte, erlassen wurde. Auch dieses neue ..Reglement" gibt sich überaus harmlos und sicht so gerecht aus. dass wohl auch viele Juden es dafür gehalten haben mögen. Um so mehr ist es Pflicht, darauf hinzuweisca, dass hier nicht mehr die Furcht vor „Ucbcrfülltmg mit Ausländern" und „Platzmangel für die einheimischen Studenten“, sondern der u n v c r Ii ii 111 e A n t i s e m i t i s tu u s zum Ausdruck kommt. Warum? Weil die Unmöglichkeit, an einer russischen Hochschule aufgetiommen zu werden, überhaupt die Ursache ist. dass so viele jüdische Jünglinge an ausländische Hochschulen sich drängen. Es sollte doch eigentlich schon zu bekannt sein, um noch gesagt werden zu müssen, dass in Russland von allen jüdischen Abiturienten der Gymnasien mir für höchstens 8—10 Prozent die Möglichkeit besteht. an einer russischen Universität Aufnahme zu finden. Was den Russen eine Kleinigkeit ist, nämlich uro forma in Kiew. Charkow. Moskau. Petersburg oder an einer anderen Hochschule einen Immatrikulationsschein zu erlangen, und eventuell mit dessen Hilfe dann auch an jeder deutschen Anstalt zugclassen zu werden, das ist für den Juden, und » u r für den Juden, ganz unmöglich. Alle die Massnahmen zur Abwehr der „Ausländer" sind mir solche gegen die Juden! Und deshalb sind die Regierungen und die l’nivcrsitätsbcliörden durchaus miteinander im Einklang — Liebedienerei gegen Russland (d. Ii. die russische Regierung!) und „Russenausweisungen" sowie Massnahmen gegen die „russischen" Studenten halten alle einen gemeinsamen Ursprung, den Antisemitismus. und richten sich alle gegen dieselben Filemente, gegen die Juden. Deshalb ist cs Unverstand!..h. wie sogar ausserhalb der antisemitischen Presse jene Masvmhmen gegen die „Ausländer", die von den deutsche:! antisemitischen Studenten nach Kräften unterstützt, teilweise sogar provoziert werden, Billigung im.Jen konnten. Am besten charakterisiert werden alle diese versteckt antisemitischen Aspirationen von der amtlichen KARLSRUHER ZEITUNG, die die Technische Hochschule in Karlsruhe gegen den Vorwurf der Minderwertigkeit verteidigen muss, weil diese cs ablelmt. ausländische Juden anders als andere Ausländer zu behandeln. Das genannte Blatt leg; zuerst dar, dass durch eine starke Gebührenerliöhnng und die Prüfung dafür gesorgt sei. dass die akademische Freizügigkeit nicht auf Kosten der einheimischen Steuerzahler bestelle, jedoch ohne dass Verfügungen getroffen würden, die dem internationalen Geiste akademischer Einrichtungen widersprechen, und schiiesst dann; „Die vcrwaltungstcclmischcn und politischen Gesichtspunkte, die in Russland zur Abweisung zahlreicher Kandidaten nach erfolgreich bestandener Konkurrenzprüfung führen, können vom akademischen Standpunkt keine Berücksichtigung beanspruchen, wie sic auch den I i b c r a 1 e x Anschauungen nicht entsprechen, die ffir die Ordnung der Verhältnisse im Lande Baden seit langem in Geltung sind." Leider steht das badische „Mustcrländlc" mit diesen „liberalen Anschauungen" im heutigen Prcussen-Dcutschlnnd ziemlich allein, und wer w'eiss. wie bald cs von dieser letzten Säule heissen wird: „Auch diese, schon geborsten." Aber darum gibt cs doch Leute, die da meinen, dass der Antisemitismus in Deutschland im Abnehmen begriffen sei. Aus der sächsischen Kammer Dresden. Der antisemitische Abg. Zimmermann wandte sich gegen eine Mitteilung des Justizministers Pr. v. Otto an die Ausschüsse für Auswahl der Schöffen und Geschworenen, in der darauf hingewiesen wurde, dass es verfassungswidrig sei. grundsätzlich Juden von diesen Ehrenämtern auszuschticssen. Vor Eintritt in die Tagesordnung ergriff der Justizminister heute in der Zweiten Kammer das Wort, lim nachdrücklich zu betonen, dass die grundsätzliche Ausschliessung eine Ungerechtigkeit sein würde, denn es gelte bei uns das gleiche Recht für alle ohne Unterschied der Konfession. Es sei daher völlig hinfällig, ihm den Vorwurf zu machen, er habe mit jener Mitteilung in die Selbständigkeit der Ausschüsse eingegrifien. Aufhebung des Schächtverbotes in der Schweiz? In der freien Schweiz existiert bekanntlich, wio kt Deutschland nur au den dunkelsten Orten, ein Schächtvcrbof, und die Schweizer Juden müssen das geschlichtete Fleisck aus dein Auslande beziehen. Weniger bekannt als die Tatsache dieses Verbotes ist der Umstand, dass cs nicht etwa da aus alten Zeiten überkommenes Uebcrbleibscl ist, sondern eine neue Schöpfung des antisemitischen Volksgeistes, der sielt

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