Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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n«: ai JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 507alle» anderen Gründen ist es einfach eine Existenzfrage, ob ^ic Schule für den Juden dem Kampf der beiden sich streitende! Nationen entzogen werde. Die Prager Lehrerbildungsanstalt. Und dann, meine Herren, bedenken Sic folgendes: Der jüdische Lehrer wird in wenig Jahren zu einer ausgestorbenen Spezies gehören, nicht nur, weil er keine Anstellung bekommt ii«d so eventuell verhungert, sondern hauptsächlich auch deswegen, weil man ihn schon von vornherein nicht, wie dies etwa in Prag der Fall ist, in der Lehrerbildungsanstalt zuläi.st. In der fremden Schule dem fremden Lehrer ausgehefert, wird das Kind nicht nur seinem Volkstumc gänzlich entfremdet, sondern cs muss uns geradezu wie ein Wunder anmuten, dass wir Juden — wohl können wir mit Stolz sagen — im letzten Jahrzehnt hauptsächlich unter dem Einfluss der jung-jüdischen Bewegung dieser Gefahr entronnen sind. Es gibt nur einen Weg, ein Volk zu vernichten und auszurotten imd der ist, ihm seine Jugend zu rauben. Und darum führen auch z. B. die Ruthenen einen solchen verzweifelten Kampf um ihre nationale Schule. Die RaÜilerung der Juden. Nur au einigen prägnanten Beispielen habe ich Ihnen zu zeigen versucht, dass die nationale Autonomie nicht nur keine Gefahren birgt, sondern ebenso wie für alle anderen Völker so auch für uns Juden die einzige .Möglichkeit einer gedeihlichen Entwicklung bietet. Sie bietet aber auch, und das ist einer der gewaltigsten Vorteile, die Sicherheit des Zusammenschlusses, der Ralliicrung und diese wird sich ohne jeden . Zwang vollziehen. In dem Moment, wo sie beginnt, wird es auch einem jeden Juden klar werden, wie lächerlich es wirkt und zugleich wie hasserregend, wenn er. sagen wir in einer Stadt mit deutscher und tschechischer Bevölkerung, sich nicht als das bekennt, was er wirklich ist, nämlich als Jude, sondern wenn er durch sein Auftreten als Deutscher oder Tscheche sich offiziell in eine Katnpfposition drängt. Dieses offene Bekenntnis ist weit davon entfernt, das Aufgeben irgend einer Kultur in sich zu schliessen, im Gegenteil, ich meine, cs muss «kn Bück über den Kulturkrcis hinaus erweitern. Der Jude «twa, der in der tschechischen Kultur auigewachsen ist, wird im selben Moment, da diese Kultur für ihn auihört, Kampf- Objekt zu sein, auch soiort befähigt, die Grösse einer anderen Kultur zu ermessen und sie sich anzueignen, also etwa der deutschen, von der jüdischen ganz abgesehen und ebenso wird cs dem Juden der deutschen Kultur gegenüber der tschechischen gehen. Was ich Ihnen hier vorgebracht habe, meine Herren, sind keine Phantasien eines Idealisten. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, gehen wir in Oesterreich tiefgreifenden Umwälzungen entgegen. Das allgemeine Wahlrecht hat das von seinen Schöpfern erhoffte Resultat gehabt, dass tatsächlich die Völker sich einander nähern. Mit dem Nationaütätenkampi im reinen Klasseninteresse ist es endgültig vorbei und wer Gelegenheit hatte, bei der Ausgleichsdcbatte das Zwiegespräch zwischen Dr. Kramarz und Dr. Sommer zu hören, dem muss die Erkenntnis aufgegaugen sein, dass die Völker sich verständigen wollen, weil cs ihre wirtschaftlichen, materiellen und nationalen Interessen so verlangen. Und da ist es nun unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass bei dieser grossen Auseinandersetzung, wenn mau wiederum „die Weisheit und Güte der Regierung" zu preisen haben wird, uns nicht die Miickcnrollc zufalle, dass auch bei uns die grosse Zeit ein grosses Geschlecht finde. (StHrmischer, langanlialtcndcr Beifall.) ’?=====-*•*• Ri iKlKühütl .." ' * l____ __ Liberal ... . Die Liberalen machen doch Fortschritte, und es ist entschieden unwahr, dass der Liberalismus heute die reaktionärste Strömung sei. Beweis: Vor wenigen Jahren noch berichtete« liberale Zeitungen über zionistische Veranstaltungen grundsätzlich gar nicht. Dann kam die Periode der „Notizen“, d. h.. wenn eine zionistische Gruppe ein grösseres oder kleineres Inserat aufgab, so wurde dafür in den „redaktionellen Teil”, der bekanntlich mit dem Inseraten wesen nichts, gar nichts zu tun hat, eine kurze Notiz aufgenoimucn, deren Zeilenzahl in einem ganz unerklärlichen, transzendentalen Zusammenhang mit der Grösse des Inserates stand. Nun sind wir aber noch weiter. Die liberalen Blätter .berichten" nämlich jetzt über uns! Wahrhaftig! Natürlich nicht so ausführlich, wie etwa über einen „an einer verkehrsreichen Stelle gestürzten" Gaul, aber sie berichten. Was ich Euch sage — sie berichten! Gewiss nicht mit dem Ernst, mit dem sie über eine Versammlung für das allgemeine Wahlrecht zum Preussischcn Abgeordnetenhaus referieren: denn dieses Wahlrecht wollen sie ja gar nicht, also müssen sie doch ernst darüber reden, damit cs so aussieht, als ob.! Denn sonst kommen dann die Sozialdemokraten und sagen, — — — o, weh! Aber über den Zionismus — da sagen die Sozialdemokraten ja noch weniger, und das wenige zeugt auch nicht von allzuviel Verständnis. Also kann man sich beim Zionismus doch gehen lassen. Und so berichtet man denn, wie über einen Vortrag über das Leben eines Irokesenstamnics. auch über einen zionistischen Vortrag. Penn dem liberalen Berichterstatter oder Redakteur stehen Irokesen und Juden ja meistens gleich nahe. Lest also den blumigen Bericht der BRESLAUER MORGEN- ZEITUNG^ ,.mc. Zionistischer Vortrag. Herrn Dr. Seite mar ja k Löwin aus Wilna. Mitglied der ersten russischen Duma, gefiel es iti seiner russischen Heimat nicht mehr, was wir ihm nicht verdenken. Er beschloss, in die weite Welt z.n wandern, und lenkte seine Schritte auch nach Palästina. Dort konnte er mit Indier Befriedigung wahrneinnen, dass das gelobte Land seinen Namen nicht mit Unrecht trägt. Der Himmel spannt sich tiefblau über die Gefilde, hohe, mächtige Palmen, so gross wie in keinem zweiten Lande der Erde, spenden erlabenden Schatten und die Nachtigallen lassen ihre lieblichsten Lieder im Tale des Jordans ertönen. Die Menschen in diesem schönen Lande im allgemeinen und die Juden in besonderen, leben in diesem Eldorado friedlich mul so:genfrei. Sie bauen ihren Kohl, vielmehr ihren Mais, lesen ihre Bibel in der Sprache ihrer Väter und freuen sich den Vorzug zu gemessen, in Palästina zu sein. Auch die Kultur hat immer mehr in Palästina Eingang gefunden. Eine grosse Zahl von Schulen ist vorhanden, die in ihre Lehrpläne auch die hebräische Sprache auigenommen haben, auch gibt es Lehrer-Seminare und Universitäten. Dies alles verstand Dr. Lew in atn vergangenen Donnerstag im grossen Konzerthaussaal seinen zahlreichen Zuhörern in den farbenprächtigsten Bildern darzulegen. Er km'ipite daran so manche Wünsche und Hoiiiumgcn, für deren Erfüllung und Ausführung: der Redner seine Zuhörerschaft zu interessieren bemüht war.“ .so manche Wünsche und Hofinungen, für derc« Erfüllung und Ausführung der Redner seine Zuhörerschaft zu interessieren bemüht war. Was für W unsche? Welche Hoffnungen?? Na. das allgemeine Wahlrecht zum Abgeordnetenhaus war's jedenfalls nicht! — Schmock. Schmock — ob Du nun berichtest oder nicht — Du bist Dir treu geblieben! Deliizsch über den Zionismus Der bekannte Babd-Bibel-Professor hielt kürzlich itt Berlin zwei Vorträge über die „Weiterbildung der Religion", in denen er auch auf den Zionismus zu sprechen kam. Eines direkten Urteils über die zionistische Bewegung hat sieh Delitzsch zwar enthalten, aber indirekt doch ein solches gefällt, indem er den ..j ii d i s c li e n Staat in Palästina o h n e die T h e o k r a t i e auf Z i o n“ als einen „Baum ohne Wurzel und ohne Krone" bezeichnet. Da ihm diese Theokratie offenbar nicht sympathisch ist. oder da er doch mit Recht attninmst. sie werde von den Zionisten nicht angestrebt, so hält er also einen jüdischen Staat in Palästina iiir eine wurzellose Sache und weist dem Zionismus mir den Schutz bedrängter Juden als Aufgabe zu. Diese Auffassung scheint uns für einen modernen Bibelkritikcr reichlich romantisch, und wir vermögen nicht einzuselifti. w a r u in ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina unter den heutigen Verhältnissen nicht auf rein weltlicher Grundlage sollte ruhen können. Haben doch die europäischen Länder in ziemlich kurzer Zeit die Entwicklung von der Theokratie über das noch stark religiös beeinflusste Landesfürstcntum hinweg zu den modernen Staatsfomien durehgcuiacht!