Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 506 JÜDISCHE RUNDSCHAU. sie würden dem Lande und den Juden Vorteil bringen. Sie würden uns auch in permanenten Kontakt mit der türkischen Regierung bringen, die uns kennen lernen und sehen würde, dass wir keine Trüumcr oder Utopisten sind, sondern Männer, die in der Lage sind, nützliche Arbeit zu verrichten. Das sind die Vorschläge, die wir gerne vor den Kongress gebracht hätten. Diejenigen, die angenommen worden sind, sind zwar davon etwas verschieden, wir haben aber nichtsdestoweniger dafür gestimmt. So lange wir nicht fn der Lage sind, der Türkei Irgend etwas positives, das wir erreicht haben, <zu zeigen, dürfen wir nicht an einer Charter denken. Der VIII. Kongress hat die politische Seite und Tendenzen des Zionismus nicht besonders betont: er hat einen mehr oder weniger ausführlichen (Plan der praktischen Arbeit für die nächsten zwei Jahre geschaffen. Ich erwarte davon keine bemerkenswerten Resultate; aber zwei Jahre bedeuten nichts im Leben eines Volkes, und wenn wir auch wirklich einen neuen Schlag erleiden sollten, der Zionismus ist stark genug, ihn auszuiiaken, und brauchte deswegen nicht entmutigt zu werden. Jedenfalls können wir der Erfahrung und der Klugheit der Männer, die wir in die Paläs!inakommiss;on berufen haben, vertrauen, dass sie nicht zu weit gehen werden, dass sie nicht schwere Fehler begehen werden; vor allen Dingen aber wissen wir, dass sie unser (leid nicht \erschleudern werden. Darum wollen w ir mit Sympathie das betrachten, was diese .Männer versuche^ werden, zu erreichen. Lasst uns ihnen helfen, damit sie Erfolg haben, und lasst uns versichert sein, dass, wenn sie ich liechen, die Schuld nicht sic treffen wird, sondern in den Umständen begründet ist. Auf dem IX. Kongresse werden wir von ihnen Rechenschaft fordern über das, was sie getan haben. Mittlerweile bleibt unsere Pflicht, was sie immer gewesen ist: Das Gewissen des Jüdischen Volkes aefzjuweeken. Das ist das letzte Wort, das w ir dem Jüdischen V»!kc zurufen. Dia Lage der Juden in Oesterreich (Schluss.) Das unsichtbare Ghetto. Was ist es nun mit der Separation, die der schwerste Vorwurf immer gegen uns ist, dem Zurüekffihren ins Ghetto und <km Ausschluss aus der europäischen Kultur, die man angeblich als Folgen der nationalen Autonomie fürchtet? Nun ich meine gerade jene, die am meisten dagegen wettern, die grosse Zahl jener Juden, die den sogenannten besseren Ständen angeboren, wissen von der Separation, wenn sie aufrichtig sein wollen, eine ganz besondere Melodei zu singen. A!l ihr krampfhaftes Suchen und Streben nach arischem, nichtjüdischem Umgang ist im allgemeinen verlorene Liebesmühe, sie mögen noch so verführerisch girren und zwitschern. Im besten Fall beschrankt sich der Verkehr auf den arischen Hauslehrer, den man eigens zu diesem Zwecke nimmt, und — auch i:es soll Vorkommen ein paar gefällige Schuldner, die so liebensw ürdig waren, sieh von reichen Juden Geld auszuborgen und nun durch ihren Verkehr Kapital samt Zinsen abzuzahlen glauben. So, meine Herren, sicht cs mit der vorgeschützten und der wirklichen Separation aus. Ja aber, ruft mau. bedeutet das nicht das Wiederaufrichten icr Ghettomauern, denen wir glücklich entflohen zu sein glaubten? Nein? Wer das wirklich geglaubt hat, wai in einem schweren Irrtum gefangen, wir sind eben nicht den Ghettomaucrn entronnen, sie stehen aufrecht und fester denn je, da sie unsichtbar sind und daher tiniibersteigbar. Die ganze Beweisführung aber ist falsch; wenn sich Juden irgendwo zusammenfinden, und zwar freiwillig — und darauf muss ich das Hauptgewicht legen —- so ist das noch lange kein Ghetto. Wird es jemand wagen, das Reich Davids und Salomorts, die Rückkehr unserer Ahnen unter Esra und Nchemia ein Ghetto No. 47“ | zu nennen? Oder was, glauben Sie, meine Herren, würde Deutscher sagen, wenn man ihm zumutctc, das geschlossene» deutsche Gebiet, etwa von Asch, wo 99Fj % Deutsche wohnen,, ein deutsches Ghetto zu nennen? In berechtigter Zorucsaufwallung würde er einen solchen Schmäher des eigenen Volkes züchtigen. Und nur wir müssen cs ruhig dulden, dass Leute unseres eigenen Stammes sich und uns derart schmähen, dasr*. sic ein freiwilliges Zusammentreten der Juden Ghetto nennen* Zum Begriffe des Ghetto gehört vor allem der Zwang, sei cr staatlicli oder wirtschaftlich und so hat eben z. B. San Franzisco sein chinesisches Ghetto, Belgrad hatte noch bis wir kurzem ein türkisches, weil eben die Chinesen und Türken nur eben dort wohnen durften ohne Rücksicht darauf, oh ihre Population steigt, ob der Ort ihren nationalen, wirtschaftlich« und kulturellen Interessen entspricht. Wenn aber in Wien imW Prag die Juden, wie cs tatsächlich der Fall ist, gassenweisr. beisammen wohnen, so kann man dort nicht von einem örtlichen Ghetto reden, wohl aber in New York und London, fn diesen beiden Weltstädten ist es der Zwang der Wirtschaft - lichen Notlage, der die Juden zusammemirängt, der den armen Auswanderern aus den östliche?! Barbarkiruk-rn eben keute andere Wahl lässt, als bei ihrer Unkenntnis der Landessprache, bei der geringen Aktionsfähigkeit iiires Erwerbslebens unter- und voneinander zu leben. Mas fürchtet uiau also bei der nationalen Autonomie? Der gesellschaftliche Ausschluss ist sclum vorhanden, von einem freiwilligen Ghetto z.i: reden, ist logischer Unsinn, übrigens sehen wir, w ie erwähnt $J;on heute, dass die Juden in Grossstädten wie Wien und Prag und sonstwo möglichst beisammen wohnen. Die jüdische Schule. Aber jetzt kommt das grobe Geschütz -- die grosse Cie~% fahr, „die nationale Autonomie, das ist ja die jüdische Schule4* und nun wird schnell ein bischen mit den Begriffen changiert -- Geschwindigkeit ist keine Hexerei -- behauptet: „Dreimal, wehe, Ihr seid ja klerikal, Ihr verlangt die konfessionelle Schule.“ Nichts ist bezeichnender und nichts niedriger als diese Kattipiesweise. Nicht die jüdisch-konfessionelle Schufo verlangen wir, sondern die jüdisch-nationale und auch nicht diese etwa aus blosser Prinzupicnrciterei, sondern weil wir unsere jüdischen Kinder der heute tatsächlich katholischkonfcssione'len Schule entziehen wollen. Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte ich erst beweisen, dass dem wirklich so ist, dass die heutige, nach dem Schulgesetz ofiiziell interkonfessionelle Schule in Wirklichkeit streng konicssionell ist Ich kann Ihnen aber auch, meine Herren, aus eigener .Erfahrung sagen, dass die frühere vielgcsclmiähte Judenschule sich an Güte ihrer Leistlingen, an seelischer und geistiger Ausbildung des Kindes und seines Gemütes turmhoch über den Durchschnitt der heutigen Schule erhob. Ich habe durch vier Jahre eine jüdische Volksschule besucht und kann daher aus eigener Erfahrung sagen, dass ich von dem, was ich iri diesen vier Jahren gelernt habe, reichlich zwei und drei Jahre im Gymnasium noch zehren konnte. Ich müsste fürchten, als Jude der Selbstüberhebung bezichtigt zu werden, wenn ich die wesentlichen Grunde hier aniülircu wollte. Lassen Sie mich aber gerade im Hinblick auf Böhmen und Mähren ein Argument Vorbringen. Unsere Schulen sind entweder deutsch oder tschechisch. Das jüdische Kind aber, das diese Schulen besucht, dem ist mit der Kenntnis bloss einer Landessprache nicht gedient. Als Mann muss cs daun den doppelt und dreifach scltwerett Kampf ums Dasein führen, wo oft die Kenntnis der zweiten Landessprache eine direkte Lebensnotwendigkeit darstellt. Wo soll sich nun das Kind diese Kenntnisse erwerben, da ja nicht jeder Vater in der glücklichen Lage ist. sein Kind zur Erlernung der zweiten Landessprache einige Jahre ausser Haus geben zu können, und der Jude hat auch gar kein nationales Interesse daran, die eine oder andere Sprache grundsätzlich abzulehnen. Ganz abgesehen also von