Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651546--05208-2662219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite SOO JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46 1 gewirkt hat. Dass da dem fiir seine Glaubensgemeinschaft warm empfindenden Juden einmal ein bitterer Ausdruck in die Feder flicsst, ist leicht verzeihlich. Die Irrtümcr und Verfehlungen zahlreicher hühcrcr Angestellter derselben — die der ganze Orient kennt — hier anfzufiihrcn, enthalte ich mich um der Sache willen. Eine persönliche Aufsicht von Mitgliedern des Zentralkomitees wäre hingst dringend geboten. Alle jene Dinge habe ich nicht zum ersten Male zur Sprache gebracht, sie sind vielmehr der Alliance oft und in viel schärferer Weise gesagt worden; sie hat nicht darauf gehört und das einmal befolgte System unentwegt fortgesetzt. Wahrlich, nicht die Lust am Tadeln hat mich zu meiner Darlegung veranlasst, auch keine Gegnerschaft wider die sonst so verdienten und von mir hochgeachteten Männer, die in Paris die Leitung in Händen haben, sondern das brennende Mitleid mit unseren unglücklichen orientalischen Glaubensgenossen, sowie der innige Wunsch, dass hier endlich Besserung geschaht und die grossen pekuniären Mittel, die der Alliance zur Verfügung stehen, in angemessener Weise verwendet würden. _ Endlich möchte fch die Herren bitten, che• sie berichtigen, sich erst Kenntnis von dein wahren Sachverhalt zu verschaffen. Im November 1S72 beschloss in der Tat, auf Anicgiing Makowcrs. eine Versammlung deutscher Aliiancc-Mitglieder in Berlin, eine nur in loserem Zusammenhänge mit dem Zentrai-Komitcc stehende Israelitische .\Hin11cc in Deutsch• laiul ‘ zu begründen. Der Pi an sebeiteretc aber an dem Widerstände de: Pariser Zentralkomitees. Das kann jedermann in den jüdischen Blättern jener Zeit lesenden Verfassern der ״Erklärung“ scheinen solche nicht zu Gebote gestanden zu haben. Dies ist mein erstes und letztes W'ort in einer Polemik, die bei weitcicr Fortsetzung nur schädlich wirken würde. Prof. Dr. Martin Philippson. Nachbemerkung Der Streit, den wir nur bedauern können, regt die krage nach der Berechtigung der Alliance und nach ihren Erichen von neuem an. W'ir sind zu allen Zeiten und zwa grundsutzlieh für die Alliance cingctictcn, wenn wir auch stets glaubten, an den Fehlern der Alliance Kritik üben zu dhrien und zu sollen. Und dass Prof. Philippson in seiner Beurteilung des Schulwerkes *’er Alliance einen sehr wunden Punkt angerührt hat, wird jeder Kenner des Orients und der onentatischen Schulen der Alliance vollauf bestätigen. Wir haben es nicht nötig, hier unsern Standpunkt zu präzisieren, werden aber die Gelegenheit wahrnchmen, ausführlich auf die ganze Frage zurückzukommen. Rundschau ■■ —* _ Der jüdische Klub In der am Mittwoch voriger Woche in Wien stattgehabten Versammlung des jüdischen Nationälvercins für Oesterreich referierten die Abgeordneten Dr. Mahler. Dr. Gabel und Stand über die Tätigkeit des jüdischen Klubs im Abgeordnctcnliaus. Abgeordneter Dr. S t r a u c 11 e r war durch Krankheit am Erscheinen verhindert. Abgeordneter Dr. Gabel schilderte die Drangsalierungen der Juden im letzten Wahlkampfe in Galizien, wo dieselben unter den grössten Opfern, manche selbst unter Preisgabe jhtcr Existenz, bei der national-jüdischen Fahne ausgehaiten haben. Als radikale Demokraten haben die Mitglieder des Jüdischen Klubs Anschluss an die übrigen demokratischen Parteien gesucht und gefunden. Redner appelliert schliesslich an die Juden Wiens, sich gleichfalls national zu organisieren. Abgeordneter Stand sagte, der Jüdische Klub habe ein zweifaches Programm: ein jüdiscltes und ein de 1110k r a t i s c h e s. Er werde in erster Linie dahin wirken, dass die Gleichberechtigung einmal durchgeführt werde. Die l’i Millionen Juden in Oesterreich erfüllen ihre Pflicht gegen den Staat und haben daher das Recht zu verlangen, dass der Staat auch seine Pflicht gegen sic erfülle. Die Sozial- Politik der letzten Jahre habe sich gegen die Juden gerichtet, aber nicht gegen die reichen Juden, sondern gegen die ärmsten. Der Jüdische Klub werde gegen eine derartige Politik in schärfster Weise Steilung nehmen. In erster Linie werde der Klub verlangen, dass man die jüdische National!- tüt anerkenne, auf den Hochschulen, in der wissenschaftlichen Statistik, kurz überall. Redner teilte weiter mit, dass er in der nächsten Zeit im Abgeordnetenhause die programmatischen Forderungen seiner Partei vertreten werde. Bei der zweiten Lesung des Ausgleichs werde Abgeordneter Dr. Mahler das Wort ergreifen. Es sprach noch der Präsident des Nationalvercins Herr Dr. Schalit. worauf unter lebhaften Beifallskundgebungen dem Jüdischen Klub Dank und Vertrauen votiert wurde. Die Versammlung war ungemein stark besucht. Organisation jüdischer Lastträger Tarnopol. In unserer Stadt spielten zu Zeiten von Waiden die jüdischen Lastträger — 3X1 an der Zahl — eine gHesse Rolle. Sie wurden nämlich von dem jeweiligen Rcgicrimgs- Kandidaten in Sold genommen, oppositionelle Versammlungen zu sprengen, unliebsame Agitatoren unschädlich zu machen und durch einige du!Jen zu einer t;! r ihn günstigen Stimmen-‘ abgabe gewonnen, l'm das Wohl dieser Leute kümmerte sich niemand. Dies war erst der zionistischen Organisation vorbehalten, die vor Wochen die 1.astträger versammelte und organisierte. Die Vereinigung umfasst 13‘J Mitglieder, die sic!ו sofort nach der cfnbertifenen Versammlung in die .Mitgliedciliste eintragcu bessern Die Versammlung wurde durch eine Rede des Genossen Dr. W a Id m a n n eröffnet. Nach weiteren Ansprachen des Dr. D e m a 111 und Dr. B I e 111 in c r, in der.cn auf die Notwendigkeit einer Organisation hingewiesen wurde, bildete sich ein Komitee, das mit der Abfassung der Statuten bi »raut wurde. Ungarn Es ist längst bekannt, dass der Liberalismus in Ungarn dasselbe Ende genommen hat wie in Oesterreich. Der Triiimphziig der christiichsozialcn Krämer in unserer Reichshallte hat schon lange die Leitha überschritten und sich die Regierung erobert. Die Spiegelfechterei Luegers gegen die ...I u d ä 0 m a g y a r c 11“ kann niemanden mehr irre machen, der das Walten der Unabhängigkeitspartei und der neugegründeten Volkspartei aufmerksam verfolgt. Die letztere liat er erst jüngst in Form eines volksbcgliickenden Programms den Wählcrfangköder ausgeworfen; an der Btidapester Universität richtet der Rektor an die jugendlichen Kreuzritter, welche die freisinnigen Vorträge eines Professors, der mit offenem Visier gegen die chauvinistische Clique kämpft, durch Demonstrationen zu stören, die Aufforderung, das. was sie erreichen wollen (den Professor unmöglich zu machen) ,.auf friedlichem Wege“ zu versuchen; den jüdischen Professor einer Realschule will man von seiner Stelle suspendieren, weil er offen eingestellt, dass er sozialistischen Juden huldigt; der Kandidationsausschuss des Abgeordnetenhauses baüotiert die jüdischen Abgeordneten aus den Ausschüssen heraus. Erwägt man feiner die Stimmung, welche in jüngster Zeit in den evangelischen Kirchcnvcrsainmliingeti zum Ausdruck gelangte, so ist klar ersichtlich, dass sich in Ungarn eine Unduldsamkeit breit zu machen beginnt, über welche schweigend hinwegzugehen ein Unrecht wäre. Am prägnantesten tritt diese Uuduldsamkeit auf dem Gebiete des U111 e r r i c 11 t s w e s c 11 s in die Erscheinung und solange Graf Apponyi diese Vorkommnisse in seinem Ressort duldet.•ist er zumindest mitverantwörtlich. An den Mittelschulen erhalten Juden nur noch ganz ausnahmsweise Anstellung. Der Leiter der Mitteischulscktion Baron Borköczv ist Antisemit oder, wie man in Ungarn sagt. ,.Aiitimosaist“. Ist einmal doch ein Jude an einer Mittelschule, dann wird versucht, ihn hinaus zu ekeln. Von den Hochschulen gibt.es au den unzähligen Rechtsakademien vielleicht keinen einzigen Juden, an den drei Hochschulen keine füllt und diese stammen aus der aiitediluvlanisclien liberalen Zeit. Die getauften Juden an den Hochschulen, deren es eine U11y.!! 1׳t ■!f>v»; VÜIIM^ t Vl# r''* t || ‘Vtfp1 y .✓V? 11 kü bU!A> i A י• ״ ( fi, « y jj

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.