Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 499 No. 46 Alliance in Paris wies diesen Plan durchaus zurück, der auch nie verwirklicht worden ist. Leider Hess das Pa• riser Zentralkomitee sich durch solche Vorgänge und auch durch den Abfall der Engländer und Oesterrcichcr nicht bcstimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sic um so mehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich unglücklicherweise gestalteten.*‘ Charakteristisch ist schon der erste Satz, dass ,eine“ Versammlung — deren nähere Bezeichnung vollständig fehlt *— iin Dezember 1872 die Begründung einer besonderen ״Islaelitischen Allianz in Deutschland“ beschlossen habe. Wer hat denn ״beschlossen“? Wer waren die Beschliessimdcn. die ihre Absicht sofort fallen Kessen, weil das Zemral-Koniitec in Paris den Plan zurückwies? Es müssen doch recht schwächliehe Herren gewesen sein, die dem Pariser ״nein״ gegenüber sofort auf ihren Willen verzichteten. In Wahrheit hatte das Pariser Zentralkomitee nie Anlass gehabt, solchen Bc- Schluss zurückzuweisen. Es ist im Dezember 1872 einmal eine Anregung in der angegebenen Richtung hervorgetreten. Lin Mahnwort des Herrn Sanitätsrat Dr. Keitmann hat genügt, von dem üblen Plan abzuhalten. Was in dem vorstehenden Resümee über den ״Abiall der Engländer und Oesterrcichcr" ■über die ״speziell französische Färbung“ der Alliance, Über den ״Despotismus“ des Pariser Zcntral-Komitces gesagt ist, haben wir widerlegt. Aber auch das was Herr Philippsou über eine Abnahme des Interesses für die Alliance Israelite Univciseile in Deutschland behauptet, ist nicht zutreffend. Das Interesse für die Alliance Israelite Universelle hat sich in Deutschland nicht verloren. Der Zuwachs von tausenden von Mitgliedern, die sich uns in kurzer Zeit neuerdings in Deutschland angeschlossen haben, beweist das Gegenteil. Wcitatisschauendc und allzeit getätigte jüdische Wohlfuhrts- und Wohltätigkeitspolitik veriolgt die Alliance Israelite Universelle. Sie wird ihrer Satzungen immerdar eingedenk bleiben und ihnen in unermüdlicher Arbeit treu sein, zum Segen für die gesamte Judenlieit. Berlin, den 30. Oktober 1907. Das Präsidium der Deutschen Konferenz ־ Gesellschaft der Alliance Israelite Universelle. Ludwig Max Goldberger. Charles L. Hallgarlcn. Paris, den 1. November 1907. Der vorstehenden Erklärung schliesst sich vollinhaltlich an an Das Präsidium des Zcntral-Komitces der Alliance Israfilite Universelle. Narcisse Lewen. Salomon Rcinach. Dr. A. Netter. Jacques Machiels. Erwiderung Auf die oben abgedruckte Erklärung der ״Alliance Israelite Universelle" muss ich in Kürze antworten. Zunächst schreibe ich mir als Historiker das Recht zu, über die geschichtlichen Vorgänge und Einrichtungen, die das von mir behandelte Thema umfasst, mein auf sorgfältiges Studium und reiillichc Erwägung begründetes Urteil abzugeben. Zu solchen Vorgängen und Einrichtungen gehört auch die Gründung und Leitung der Alliance. Nach dieser grundsätzlichen Verwahrung komme ich auf die hauptsächlichen Berichtigungen, die die Alliance meiner Darstellung zu Teil werden lässt. j. Dass ihr weit ausholcnder, internationaler Titel von vornherein lebhafte Besorgnisse erweckte, ist eine geschieht- Jiche Tatsache. Man sehe darüber die ALLGEMEINE ZEI- JUNG DES JUDENTUMS, Jahrg. 1SG0, S. 557 ti 612 i. Und zwar fürchtete man schon damals das Vorurteil, das eine dauernde und organisierte Verbindung der Israeliten aller Länder neu hervorrufen müsse, sofern e s die angebliche Solidarität sämtlicher Juden für jedweden Zweck betrifft. Diese Voraussicht hat sich leider in vollem Masse verwirklicht. Nicht nur Ehren-Gödsche, sondern die Antisemiten aller Länder, Frankreichs nicht minder als Deutschlands, haben der Alliance eine solche irrtümliche Bedeutung beigelegt und damit die öffentliche Meinung nicht unwesentlich beeinflusst. Sogar viele sonst unbefangene Christen haben mir selbst gegenüber aus dem Titel der Alliance derartige ebenso *chädliehe wie unberechtigte Folgerungen gezogen. Die Leiter der Alliance wissen selber am besten, dass die Regierungen und die gesamten Judenfeinde Rumäniens und Russlands das Eintreten dieser internationalen Verbindung für die dortigen Israeliten häufig benutzt haben, um diesen den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, ja des Vaterlandsvcrrats entgegenzuschleudern. 2. Diese immerhin bedenklichen Tatsachen hätte man gern in den Kauf genommen, wenn die Alliance wirklich den Charakter einer Vereinigung aller Israeliten in völliger ti I c i c h b e r c c ht i g u!1 g gewesen wäre. Aber nein — sic hat von vornherein den klaren Stempel der kleinen :ranzösischcn Minderheit unserer ü’.aubcnsgenossenschait getragen und diesen bewahrt, wenn auch in neueren Tagen — zu e i 11 e r Z e i t, d i c w e i! t a u s s e r h a I b der in meinem ersten Bande behandelten Epoche liegt — die Zahl der auswärtigen Mitglieder des Zentralkomitees vermehrt worden is't. Jeder, der in diesen Dingen Erfahrung besitzt, weiss sehr wohl, dass solche fremden Mitglieder eines Ausschusses teils selten, teils nie die Sitzungen besuchen. Der Sitz des Zentralkomitees aber ist und bleibt Paris, die ücschättskituug ist eine ausschliesslich französische. Wenn der internationale Charakter eine Wahrheit werden sollte, so!misste der Sitz des Zentralkomitees — wie es bei anderen internationalen Verbänden geschieht — in bestimmten grösseren Zeiträumen abwechselnd nach den Hauptstädten der wichtigeren in der Alliance \ertretencn Länder verlegt werden; wenigstens müssten dort abwechselnd ücneralversaumilangen der Alliance stattfinden. Nichts davon ist auch nur versucht worden. Solcher .Ausschliesslichkeit der Leitung entspricht auch die T ätigkeit der Alliance. Ich Seite hier von der eigentlicher. Politik ganz ab und erwähne nur, dass in sämtlichen Schulen der Alliance die Unterrichtssprache die französische ist. Nur in vier Schulen wird das Deutsche nebensächlich gelehrt, und zwar in dreien mit einer 50 schwachen Stundenzahl, dass das Ergebnis recht geringfügig ist. Lediglich die Goldselimidtschule in Konstantinope! hat deutsche Unterrichtssprache, aber sie ist keine eigentliche Schule der Alliance, die ihr nur eine Unterstützung von jährlicch etwas über 3üu0 Fr. zukommen lässt. Und das alles, ob wo!!! die Handels- und Verkehrsinteressen des Orients in wachsendem Masse nach Deutsch-!and gravitieren, so dass die Verbannung des Deutschen aus den Schulen den Zöglingen zum Schaden für ihre־ zukünftige Erwerbstütigkcit gereicht; und obwohl die sehr zahlreichen neu eingewanderten Juden des Orients zumeist einen deutsehn Jargon sprechen, so dass ihren Kindern das Erlernen des Schriftdeutschen das Leichtere lind Natürlichere w׳äre. Wer meine historische^ Veröffentlichungen und im besonderen die vorliegende Neueste Geschichte des Jüdischen Volkes kennt, der weiss, dass ich vom deutschen Chauvinismus himmelweit entfernt bin und zumal dem französischen Volkstum gerechter Weise ein reiches Mass von Würdigung und Sympathie entgegen bringe. Aber deshalb darf ich nicht das ausschliessliche Franzosentuin der Alliance billigen, das weder ihrer internationalen Bestimmung noch der veränderten Weltlage entspricht. 3. Was ich über die Mängel der Allianceschulen im Orient gesagt habe, halte ich in vollem Masse aufrecht. Jeder Kenner der Verhältnisse wird mir darin bcipflichten. Um mich hier nicht in Einzelheiten zu verlieren, frage ich die Alliance nur: wie kommt es. dass trotz ihrer seit Dezennien bestehenden Schulen die Juden im Orient — mit Ausnahme einzelner besonders begabter oder vom Qliick begünstigter Individuen — in dem gleichen Zustande sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verbleiben. Und das, wührend die christlichen Elemente, die Armenier und zumal die Griechen, infolge ihrer ausgezeichneten und systematisch gegliederten Uuterrichtsanstalten in überraschend glänzendem und fruchtbarem Ansteigen begriiien sind. Freilich passen die christlichen Anstalten ihre Unterweisung verständnisvoll den Anschauungen, Überlieferungen und Bedürfnissen ihrer Zöglinge an und nötigen diesen nicht eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antijüdische Kulturweise auf. Dieses letztere System ist notwendigerweise mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Man sehe die unsäglich verkommenen und schmutzigen, von Trödlern, Hausierern, kleinen Handwerkern und Vermittlern bewohnten Judnvicrtcl der Icvantinischcn und ägyptischen Städte und überzeuge sich da, wie wenig das Erziehungswerk der Alliance