Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651546--05206-2662217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 49S JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 4f> diesen 23 in Deutschland lebende Deutsche sind. Von einer ״ausschliesslich französischen Zentralleitung* kann man unter solchen Umstünden nicht sprechen. Von den übrigen 18 nichtfranzösischen Mitgliedern des Zentral-Komitees sind ausserdem so viele von Geburt Deutsche, dass alles in allein der deutsche Teil des Zentral-Komitees mindestens ebenso zahlreich ist wie der französische. Ebenso ist es unzutreffend, dass die Führer der Alliance den französischen CharaKtcr ״auch dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Untcrriclitsanstalteu Lm Osten, aufgeprägt“ haben. Es ist riehtig, dass in den Allianceschulen des Ostens der französische Sprachunterricht vorzugsweise — gegenüber dem’ Unterricht in irgend einer anderen.europäischen Sprache — gepflegt wird. Aber im Orient ist bis aut den heutigen Tag französisch die Kultursprache, cs ist in der Türkei die zweite Staatssprache; die Kenntnis allein des Französischen ist für den Orientalen im Leben von praktischem Wert und gewährt ihm eine nutzbare Ucberlegenhcit im wirtschaftlichen Fortkommen. Wo die Verhältnisse nur ciuigermasscn anders liegen, wird namentlich deutscher Sprachunterricht ausgiebig erteilt. Herr I'hilippson meint, cs sei nicht zu verwundern, dass sich »S71 die englischen Juden in der Anglo-Jewish-Association, 1873 die österreichischen in der Israelitischen Allianz zu Wien \on Ucr Alliance Universelle loslösten.’' — Nein, hier ist etwas ganz anderes verwunderlich: dass nämlich iiir falsche Folgerungen irrige Mitteilungen als Ursache angeführt werden! Die ״Anglo Jewish Association in connection with tlic Alliance Israelitc Universelle“, wie der volle und richtige Name von Anbeginn und bis heute lautet, ist 1871 entstanden aus der Besorgnis, der Krieg von I8in71׳ möchte den Fortgang des segensreichen Werkes der Alliance Brachte Universelle stören. Um dieser Möglichkeit zu begegnen, um das Werk der Alliance aufrecht zu erhalten, hat die Anglo Jewish Association sich gebildet. Das ist in dem ersten Bericht der Angl״ Jewish Association 1871/72 ausführlich dargelegt und i:1 der Firma der Gesellschaft iar jeden gekennzeichnet. Die Anglo Jewish Association hat nie aufgehärt, ihrc Mittel den Werken der Alliance Israelitc Univetseile zu widmen, namentlich der Schulunterhaltung, obwohl nur in zwei von den durch das Geld der Anglo Jewish Association mit erhaltenen Schulen überhaupt englischer Sprachunterricht erteilt wird. Auf eine Anfrage, die wir nach London gerichtet haben, ist uns von der Leitung der Anglo Jewish Association unter dem 13. Oktober d. J. erwidert worden: ״The Anglo Jewish Association was founded to help the Alliance in its hour of need at the time of t!1e Franco- German war. It was also thouglit tliat more money would be obtained in England ii there werc a separate Association in clear conncxion however with the Alliance. — There has never been an ״Abfall“, and our relations have always been clear and friendly. Indeed much of our money goes in grants made to Alliance schools.“ (Die Anglo Jewish Association wurde gegründet, um der Alliance in einer Stunde der Not beizustehen, in der Zeit des französisch-deutschen Krieges. Man hat auch geglaubt, dass in England mehr Geld für eine besondere Vereinigung zu erlangen wäre, die gleichwohl in deutlichem Zusammenhang mit der Alliance stünde. — Niemals hat es einen ״Abfall" gegeben, und unsere Beziehungen sind immer ungetrübt und freundschaftlich gewesen. Tatsächlich wird ein grosser Teil unseres Geldes als Zubussc für die Allianceschulcn verwendet.) Auch bezüglich der Israelitischen Allianz zu Wien ist die Darstellung des Herrn Philippson unzutreffend. Die Israelitische Allianz zu Wien hat sich 1873 gebildet, einfach weil das österreichische Staatsgesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft verbietet, deren Zentralsitz sich ausserhalb Oesterreichs befindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift musste natürlich Folge gegeben werden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier bestehen die alten Alliance-Komitees fort.' Dies findet beweiskräftige Betätigung durch nachstehendes Schreiben, das der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien unter dem 20. Oktober auf unsere Anfrage an uns gerichtet hat: Sehr geehrte Herren! ״Wir danken Ihnen sehr fiir die freundliche Mitteilung des auf die Alliance bezüglichen Passus im Buche des Herrn Professor Philippson, den auch wir mit grossem Befremden und mit Bedauern über die tendenziöse Darstellung gelesen haben. Wir können gleich der Anglo-Jewjsh Association nur bestätigen, dass von einer Loslösung oder gar von einem Abfall von der Pariser Organisation bei der Gründung der unsrigen nicht die Rede sein konnte, dass cs sich vielmehr neben der Rücksicht auf die Staatsgesetze darum handelte, grössere Mittel fiir allgemeine jüdische Hilfszwecke in unseien: Lande aufzubringen, als cs fiir ein Komitee eines auswärts domilizierten Vereins möglich gewesen wäre. W;ihrend der 35 Jabie unseres Bestehens haben wir uns in permanentem Kontakte und im herzlichsten Einvernehmen mit dem Pariser Zentralkomitee befunden, dessen Mitglied unser Präsident ist. und sind bei allen grossen Hilfswerken iiir verfolgte Glaubensgenossen mit Paris Hand in Hand gegangen. Ganz absurd erscheint uns die Andeutung des Verfassers, dass der ״französische Charakter der Alliance als nachteilig für deren erziehliche Tätigkeit im Osten angesehen und mit ein Motiv fiir unsere angebliche Loslösung gewesen wäre.“ Herr Professor I’hilippson lässt sich daun weiter vernehmen: ״Diese (die Alliance) hat in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft den Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft.’ Sie hat im Osten Elcinentarseliulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen; und zwar aus drei Gründen: einmal, weil die Leiter der Allkmcc zuerst selten, später nie nach dein Orient gingen mul das Werk lediglich Mietlingen anvertrauten, denen es zumeist entweder an Verständnis oder an Eifer oder an selbstloser Hingabe an ihre Aufgabe fehlte. Zwitens, weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist. ohne Anpassung an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients. Drittens, weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben und so die Kinder im bildungsfähigsten Alter entliessm und dem alten orientalischen Schlendrian überlieferten, dem sie unrettbar wieder verfielen.“ Die drd Gründe, die Herr I’hilippson daiiir anfiihrt, dass die Elementarschulen der Alliance im Osten angeblich ״nicht soviel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte er walten dürfen־', beweisen mir Unvertrautheit mit dein Schul werk der Alliance im Osten. Die Leiter der Alliance Israelitc Universeile haben jederzeit Wert darauf gelegt, ihr Schtihverk, das 1*12 Schulen in 3 Erdteilen umfasst, unter steter fachinännischer Inspektion zu halten. Sie wissen eben, dass allgemeine Bildung, sei sie noch so gross, nicht imstande ist, die Eachkenntnis zu ersetzen. — Herr Philippson nennt die von der Leitung der Alliance IsracMite Universelle nach langer Erprobung eingesetzten Inspektoren mit der lierabwiirdigenden Bezeichnung ״Mietlinge“. Will Herr Professor Philippson vielleicht die Rabbiner als ״Mietlinge“ ihrer Gemeinden, die fiyninasiallehrer als ״Mietlinge“ des Staats oder der Kommunen ansprechen? Nein, diese alle sind die verehrten und angescheuen Vertrauensmänner der Gemeinden, des Staates, der Städte. Und so sind die Männer, die Herr Philippson als ״Mietlinge“ herabwiirdigt, unsere erprobten und angesehenen Vertaueusmänncr, die ihres schweren Amtes mit reifem Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer und mit vorbildlicher Hingabe walten! Wenn Herr Philippson den Charakter der Allianceschulcn im Orient ״allzu abendländisch und zumal französisch" findet, so übersieht er: Die Orieiitsclmlcn der Alliance sind Schulen sui generis, sie sind ihren besonderen Bedürfnissen, die eigenartiger Natur sind, augepasst, sie sind genau das, was Herr Philippson sagt, dass sie sein sollen, und was er blos nicht gesellen hat. Herr Philippson beklagt den Mangel an Fortbildungsschulen. Das Eortbilduugssehuhveseii ist im Morgenland wirklieh noch nicht systematisch durchzufiihren. Einen gewissen Ersatz schaffen wir in den Ergänzungskurseil (elasses supplenicntaircs), die wir in verschiedenen Städten, wie Konstantiuopcl, Saloiiichi, Smyrna, Tunis, Tanger, Bagdad, Alexandrien, Kairo, den oberen Klassen angegliedert haben. Wenn im übrigen unsere Jungen im Orient unsere Schulen früh verlassen, so geschieht cs nicht um des ״Schlendrians“ willen, sondern aus bitterer Not, weil sie fiir Brod zu sorgen haben. Herr Professor Philippson beendet seine Ausführungen folgcndermasscn: ״lm Dezember 1872 beschloss eine Versammlung in Berlin die Begründung einer besonderen ״Israelitischen Allianz in Deutschland“, Allein das Zentralkomitee der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.