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Jüdische Rundschau · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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« . > Seite <94 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 46 solches stellt sich uns die Fragestellung dar, nicht bloss aus den anderen, sondern aus der Tiefe der Jüdischen Volkspsychc, cej־ Jüdischen Volkscele zu crkUiren versuchen. Lassen Sic mich hierbei, meine Herren, hauptsächlich auf die Verhält‘ nisse In den deutsch* und gemischtsprachigen Ländern Rücksicht nehmen. Ich hoffe, keinem Widerspruche zu begegnen, wenn ich sage, das Grundwesen der jüdischen Seele, sein das ganze Dasein beherrschender* Zug ist trotz aller Behauptungen aiischcr Rassenfanatiker nicht die Krwerbssucht, nicht die Gier nach Geld und I3csitz, sondern das kulturelle Streben, der Bildungsdrang, die unbegrenzte Hochachtung vor, ja der Heisshtinger nach Wissen. Zu einer Zeit, da die Juden in die Knge des Ghetto gesperrt waren, da ihnen die Erlangung aller äusseren Würden verschlossen blieb, da hat sich in der Knge der Judengasse nicht ein Geldadel, sondern ein Gclchrtcnadel entwickelt. Der reichste Mann rechnete es sich zur höchsten Ehre an, seine Tochter nicht an den gleich giossen Geldsack, sondern an einen oft blutarmen Gelehrten verheiraten zu dürfen. Höchst belehrend und anschaulich sind die Schilderungen, die Salomon Mcimon,* ein Freund Kants, der der Enge eines Litauischen Ghettos entflohen war, darüber in seiner Seibstbiographic gibt. Dieser Geleintenadcl ist zum Teil heute noch bestehend, und zwar in Galizien. Man findet dortselbst, dass das Ansehen der Familie in einem direkten Verhältnisse steht zu der Anzahl der der Familie ungehörigen Rabbiner — dies war Ja die einzige Form, in der Bildung erworben werden konnte — und auch in Böhmen führen heute noch zahlreiche Familien mit Stolz ihren Star-imbäum auf Rabbi Landau, Lipman Heller oder Rappaport zurück. Der Ahnenstolz bei uns Juden drückt sich nicht als Besitzstolz, sondern als Bildungsstolz aus. Als nun die Piorten des Ghetto sich öffneten, da war der Jude von der Grösse der europäischen Kultur, speziell der westeuropäischen, wie berauscht. Mit einer Aufnahmskraft, welche die vielte־ wunderte Japanische noch weit übersteigt, nahm er in einem unglaublich kurzen Zeitraum die gesamte geistige Produktion der germanischen, slawischen und romanischen Völker ün sich auf; was die Geistesheroen der verschiedensten Nationen geschaffen, blieb ihm nicht fremd, er führte es seinem geistigen Organismus zu und assimilierte es, wie der Naturforscher sagen würde. Und nun, da er die geistige Nahrung assimiliert hatte, kam er zu dem Trugschluss, er müsse auch sich selbst assimilieren. Nun, meine Herren, ein Jeder Naturforscher wird es . Ihnen bestätigen, etwas von aussen in sich aufzunehmen, es ganz seinem Organismus zu eigen machen, das allein heisst Assimilation. Aber etwas Aussenstehcndes nachahmen, nachäffen, anders scheinen wollen, als man tatsächlich ist, das ist nicht Assimilation, das ist Nachäfferei, bestenfalls Selbsttäuschung, das wäre nationales Mimikry. Verführt von ihrem Bildungsdrang, ihrer Kulturbegeisterung sind die Juden besonders der westlichen Länder dieser Täuschung zuin Opfer gefallen, deren Folgen wir nun schaudernd am eigenen Leibe erleben müssen. Mit der Aufnahme der deutschen, der tschechischen Kultur glaubten die meisten von uns, auch schon Deutsche und Tschechen geworden zu sein, sahen sich als die direkten Nachkommen Tcuts oder Libussas an und taten höchst entrüstet, wenn man cs ihnen nicht glaubte. Es gibt wohl Kehre bessere Exemplifikation auf diese Erscheinung als die Konstituierung der Deutschen Fortschrittspartei im Parlament, der gewiss nicht sanfte Hinauswurf, den die verehrten deutschen Volksgenossen mosaischer Konfession erlitten haben. Und trotzdem hören sie nicht auf zu schreien: ״Wir lassen uns unser Deutschtum nicht nehmen, wir nehmen teil an der deutschen Oemeinbiirgschaft.“ Und dabei liegen sie schon draussen vor der Tür und diese ist für sie zuge-־ sperrt — Man könnte ia diese Bewohner eines politischen Wölkenkuckucksheim ruhig und auch mitleidig ihrem Schicksale überlassen und geduldig zuschcn, wie das Rad der Eut- Wicklung über sie weiterrollt und sfe erdrückt, wenn nicht dadurch die breiten Massen unseres Volkes national und wirtschaftiich geschädigt würden, Ja wenn nicht ihre Scclcnblindheit, wenn ich so sagen darf, zu Masscnanklagen gegenüber unserem ganzen Volke, zu Verfolgungskämpfcn gegen dasselbe überall Anlass geben würde. Bedenken Sic, meine Herren, nur den Hass und die Summe von Zündstoff, die das Schlagwort von den Judäo - Magyaren in Österreich erzeugt, denn das gleiche, was von den Deutsehen und Tschechen mosaischer Konfession, gilt auch jenseits der Leitha. Ein jeder Jude sollte bei seinem ganzen Tun und Handeln sich stets vor Augen halten, dass wir das Schicksa! der Mäuse teilen. Wenn irgendwo eine Maus den Speck wegfrisst, so heisst es gleich, die .Mäuse haben cs getan, und so wird auch für das Tun eines jeden einzelnen Juden in verwenlicher Verallgemeinerung das ganze Volk verantwortlich gemacht. Ich habe gesagt, dass jene, um jeden Preis Deutsche, Tschechen und Magyaren eine hervorragende Gefahr für die breiten Massen unseres Volkes bedeuten. Nirgends ist dies deutlicher zu sehen als In Böhmen. Böhmen Ist das klassische Land des Nutionalitütcnkampies. Soweit Sie in der Geschichte dieses reichen und schönen Landes zuriiekgehen, finden Sie ihn immer, wenn auch oft nur unter mittelalterlicher Maske, angefangen von dem Streit der beiden Bnider-Hcrzögc Boriwoj und Heiliger Wenzel, unter Pizcmysl Ottokar II., besonders deutlich aber zur Htissitcnzeit — denn jeder Historiker weiss Ja, dass die Huss'tenbewegung vielleicht noch mehr eine nationale denn religiöse Bewegung war. Man hat sich fast an diesen Kampfzustand als einen chronischen gewöhnt und tröstet sich mit dem Gemeinplatz, im Lande der zwei Nationen gehe es eben nicht anders. Es mache auch schliesslich nicht viel aus, da Sieg und Niederlage wechseln. Und gerade wir müssen uns gegen diesen Standpunkt des Gehciiiassens auflchncn, denn ob nun die Deutschen der Hammer, die Tschechen der Ambos sind, ob die Rollen vertauscht werden, Ia Jedem Fall sind die Juden das Elsen, das zwischen Hammer und Ambos Ucgt, sind sie es, die von dem einem gedrückt, von dem anderen geschlagen werden. In Prag fühlen sich gar viele Juden als die berufenen Retter des Deutschtums, was ist die Folge? Die Deutschen wären dumm, wenn sie nicht willig den Juden die Rolle der freiwilligen Helfer überlicssen. Sie lassen sich für alle deutschnationalen Schutzvereine zahlen, sie laden ihnen die Erhaltung oder wenigstens Miterhaltung ihrer nationalen Bollwerke auf und — ziehen sich von ihnen zurück. Der deutsche Schulverein kann ruhig auf die Ausschiiessung der Jüdischen Lchrerelcmcnte hinarbeiten, sein Obmann ist und bleibt Dr. Gross. Trotzdem geben die Juden bei ledern Schulvcreinsfcst tausende von Oulden, die sie damit ihrem eigenen Volke entziehen. Die Herren Kisch etc. etwa müssen den deutschen Charakter der Prager Universität wahren, dafür dürfen süc aber nicht in die deutschen Studentenverbindungen und müssen sich eigene etwa mit einem Paradechristen schaffen, (lebhafte Heiterlieit) und werden auch von allen UntcrstützungslnstUuionen, wie etwa der Exkursionsfond der deutschen Techniker, t Air* uj:.־ b r; ׳11 «■ y!ן i, u v v y4 i \^ V)׳ L ti k y 's?׳ v v 1,1 Cv y 1• li 1<־׳£ I/ ץ. y y

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