Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 490 No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Besonders traurig ist der Fall des Mannes, von dem wir oben sagten, dass er 10 Kinder habe. Er ist erst 45 Jahre alt, seine Harmlosigkeit und Ungefährlichkeit stellt ihm im Gesicht geschrieben Er lebte seit nicht weniger als 20 Jahren in guten Verhältnissen in Brchujcsty. In seinem Kolonialwaren- und Holzgcschäft hatte er sich im Laufe der Jahre 12000 Francs erspart, für einen rumänischen Doribcwohner schon ein kleines Vermögen. Die Geschichte seines Ruins ist wert, erzählt zu werden. Eines Tages wurde er zum Magistrat des Nachbarortes geladen, wo ihm mitgeteilt wurde, der Präfekt lasse ihm sagen, es sei besser für ihn, wenn er sein Dorf auf einige Zeit verlasse. Der Mann war über das freundschaftliche Interesse, das der Beamte an seiner Person nahm, nicht wenig erstaunt und konnte cs sich nicht anders erklären, als dass es auf einen Erpressungsversuch abgesehen sei. Indessen wurde ihm bedeutet, der Präfekt wünsche ihn lediglich vor den aufrührerischen Bauern zu schützen, die auf sein Dorf im Anmarsch waren. Er solle seinen Laden nur für einige Tage verlassen, ln seiner Augst glaubte der erschrockene Mann nichts Besseres tun zu können, als dem Rate der Obrigkeit zu folgen. Er sandte daher einen Boten nach Hause mit dem Auftrag, die vier ältesten Kinder in der Nachbarschaft uuterzubringen und seine Eraii mit den sechs andern zu ihm zu schicken. Das geschah, und der Laden wurde geschlossen. Sodann machte er sich auf den Weg zu der Stadt, wohin seine vier ältesten Kinder geflüchtet waren. Aber er konnte nicht hinein. Der Platz war in Händen der Aufrührer. So blieb ihm und seiner Frau nichts übrig, als vor der Stadt liegen zu bleiben, unterdessen sich ein Huuptmann der rumänischen Armee das Ycrgütigen machte, ihm zu versichern, seine 4 Kinder seien in der Stadt ermordet worden. Zum Glück erwies sich das als eine Lüge . Die Kinder waren am Lebet). Nachdem das Land wieder ruhig geworden war, ging der älteste Solu! in das Heimatsdorf zurück. Der Anblick, der sich ihm bot. war furchtbar. Das ganze Haus geplündert und verbrannt; was die Brandstiitcr nicht hatten wegtragen können, war besudelt und in den Strassenkoi geworfen. ..Das ist der Ertrag meiner 25jährigen Arbeit.“ klagte der Aermstc. Und doch war er unverzagt und pflegte seine Kinder mit rührender Sorgfalt. Ein anderer, ein Mann von 46 Jahren, erzählte: ..Ich wohnte mit Frau und Kindern seit S Jahren in Zlatuntii. Am 5. Dezember wurde mir befohlen, das Dorf zu verlassen. ,.Ich wünsche keine Juden in meinem Dorf.“ sagte der Dontyrann. ״Ich hasse sie.“ ״Es war mitten im Winter. Ich hatte einen Laden und bebaute 10 Acker Land, auf denen ich Korn und Gerste gesät hatte. Ich b?t um ein Jahr Aufschub; ich wusste nicht, wie ich mein Eigentum verwenden, wo ich Trau und Kinder unterbringen sollte. Die einzige Antwort war der Befehl, mein Haus sofort zu verlassen. Ich ging mit meiner Frau zum Magistrat. Meine Frau warf sich dem Bürgermeister zu Füssen. ״Steh auf, Weib,“ lachte er. ״Du bist verrückt.“ ״Wohin sollen wir gehen?“ ״In die Erde,“ war die höhnische Antwort. ״Aber unser Eigentum, unser kleines Vermögen?“ ״Wirf es in den Fluss," schrie der Unmensch. ״Ich habe kein Mitleid mit Juden, sic sind Hunde!“ ״Gebrochenen Herzens wankten wir nach Hause. Die Bauern und die Polizei folgten mir und iragten mich, wohin ich gehen wolle. ״Ich weiss es nicht,“ antwortete ich. Man sagte, man» werde mich mit Gewalt heraustreiben. ״Das könnt ihr leicht tun," sagte ich. ״Ihr seid 200, und ich bin ein einzelner.“ ״In einer Winternacht zogen wir dann in ein kleines Stadteben in der Nachbarschaft. Als ich nach einigen Tagen zurückkehrte, war alles vernichtet. Man hatte beschlossen, mich zu ruinieren; ich war ruiniert." Das sind einige von den Tragödien, die man im Shelter hören konnte. Jede von ihnen enthielt ein Lcbensschicksal. c/de war ein krasses Zeichen von unerhörten, wahnwitzigen Verfolgungen, denen unsere Brüder im ״Muttcriande“ Runiänien ausgesetzt sind. Sie sind die Opfer eines europäischen Skandals. Aber Europa hat Wichtigeres zu tun als sich um diese Unglücklichen zu kümmern, die aus ihrer Heimat, aus ihrem Besitz vertrieben worden sind, nur weil sie Juden sind. Aus Gemeinden und Gesellschaften Israelitische Erzlcliungsbelhllien für geistig zurückgebliebene Kinder In Beelitz, Wilhelin-Auguste-Vletorla-SciUnng. Sehnlich erwarten zahlreiche jüdische Eltern die Nachrieht von der Vollendung des geplanten Erziehungsheimes für schwachsinnige Minderjährige. Mit ihnen werden alle Menschcnfreande. denen die Ausbreitung des Notstandes auf diesein bisher unbebauten Gebiete der jüdischen Wohlfahrtspflege bekannt ist. sich freuen, dass dieses vom Dcutsch-Israclitischcn GcnicinJebund und der Grossloge für Deutschland Bnei Briss gemeinschaftlich angestrebte Ziel in greiibare Nähe gerückt ist. Im Oktober ist der erste Spatenstich zur Erbauung der Beelitzer Anstadt getan worden! Wenn das Geschick dem Vorhaben günstig ist. kommt der Bti noch in diesem Jahre unter Dach, und ihr den nächsten Sommer kann die Einweihung der Ansult erwartet werden, der durch Allcrhöchten Erlass vom 8. August d. J. das Recht verliehen ist, den Namen W i I h e I m - A u g u s 10 - V i c t 0 r i a - S t i f t u n g zu führen. Gleich wie die Lage des von der Stadt Beelitz geschenkten Waldgcländes in gesundheitlicher Beziehung nichts zu wünsehen übrig lässt, s > wird auch der Plan des Herrn Baumeisters Alterthum allen Anforderungen der Hygiene und den neuzeltliehen Fortschritten des Anstaltswescns gerecht. Alles soll geschehen, durch Berücksichtigung und Verbesserung des leiblichen Zustandes der Pfleglinge eine Stütze zu gewinnen iiir die beilpädagogische Einwirkung auf ihre geistige Ent- Wicklung innerhalb der von der Natur gezogenen Schranken. Bereits ist von kompetenter Seite anerkannt, dass es dem Architekten gelungen ist. die beiden Geschlechter unter einem Dache zu vereinigen, ohne dass die gerade bei dieser Klasse \o:1 Jugendlichen so bedecküche Möglichkeit eines Zusatntren'ru ׳T.r.ies vorhanden wäre. Die beiden Uri! :ndiiiigskörperscl halten haben beschlossen, eil 1er! V er ein in IS 1.( ,ben zu rufen־. der den Betrieb der Anst; 1H Ob■ nehme־•, e n wi rd. Für dessen Verhältnis zu den gleichbe recliii g:en Be ■sitze rinnen der An* iah Fielen die Satzungen de s Ye: J« :: Jisc he Arbeilerko!,״; ־'1ie; ein Vorbild, das sich UP 1s be: ־-;י bcv.־, ährt hat. Xac I; dem Will et! der Begründer soll die neue Anstalt ein Woh!tätigke!:sinstitut werden, das auch die Wirtschaftliehe Notlage imhegüterter. doppelt beklagenswerter Eltern weitgehend berücksichtigt. Um diese edle Absicht ausfiihrcn zu kennen, wird der Verein auf die Gewinnung einer sehr grossen Zahl beitragender Mitglieder und auf die Unterstützung hocherzfgcr Gönner angewiesen sein. Die Unterhaltungskosten für 40 Kinder, für die das Haus zunächst eingerichtet ist, sind sehr hoch zu veranschlagen, zumal ein verhältnismässig grosses, geschultes Personal für diese schwierigste aller etzieherischen Aufgaben gewonnen werden muss. Die Gründer- Körperschaften als solche haben bereits ihre Leistungsfähigkeit durch Hergabc und Schaffung der Mittel für den kostspieligen Bau erschöpft. Wir sind überzeugt, dass unser Appell, der in der nächsten Zeit initunterzcichnet von den bekanntesten jüdischen Psychiatern und einem christlichen Fachmann, der als die erste Autorität auf dem Gebiete der Fürsorge iiir Schwachsinnige gilt, Herrn Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Ziehen, an unsere Glaubensgenossen im deutschen Vaterland ergehen soll, ebenso grossem Verständnis für die Gemeinnützigkeit unserer Aufgäbe, wie der selbstverständlichen Herzensmilde und Opfer- Willigkeit begegnen wird. Es ist nach der Anschauung der Fachleute begründete Aussicht vorhanden, die Pfleglinge der Anstalt — wenn auch in einfacheren Gewerben — zu nützliehen und selbstschaflenden Mitgliedern der menschlichen und zumal der israelitischen Gemeinschaft lieranzubildcn. Eibe besondere jüdische Anstalt ist notwendig, da die allgemeinen Einrichtungen dieser Art fast ausnahmslos einen scharf ausgeprägten christlich-konfessionellen Charakter tragen. Die Errichtung unserer Anstalt empfiehlt sich ferner nicht nur darum, weil wir Juden nicht hinter den übrigen Landcsgenossen bei der Linderung eines Notstandes, der gerade in unseren! Kreise nach statistischen Feststellungen erschreckend gross ist, fürderhin zurückstellen wollen, sondern auch, weil es sich um ein zeitgemässes soziales Hilfswerk haudelt. Man steile sich vor, welche drückende Last, nicht bloss in pekuniärer Beziehung die Verpflegung eines schwachsinnigen Kindes für einen armen Haushalt darstellt, wieviel Zeit, die dem Erwerbe oder der Erziehung der übrigen normalen Kinder ztigeführt werden könnte, absorbiert wird, wie vor allem dadurch eine nie versiegende Quelle seelischer I>epression mit nachteiliger Rückwirkung auf das wirtschaftliche Gedeihen der ganzen Familie geschaffen ist. So wird den Leiden so vieler beklagenswerter Kinder Linderung, den gesunden Familienmitgliedern gelegcnder Segen vervielfacht werden; mit ihm das Hochgefühl, solchem Werke seine Mithiife zu leihen.