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Jüdische Rundschau · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 489 Ohren die Wehrufe unserer Brüder in Z \v a n i c z, und schon hören wir wieder die herzzcrrcissenden Rufe zweier jüdischer Gemeinden: Zwo! in und Nowydwor. Von 528 Hausern sind in Zwoün nur 28 schlichen. Das Ranze Vermögen der Bevölkerung — auch bares Ocid — wurde ein Opfer der Flammen, und nichts war versichert. Tausend jüdische Familien lagern obdachlos unter freiem Hinnucl. Von einem ähnlichen Schicksal ist Nowydwor hc ::,.gesucht worden. Die Stadt zählt 7000 Einwohner und davon sind 5000, fast lauter Juden, vollständig brot- und obdachlos geblieben. Unter den glimmenden Pfählen fand man verkohlte Menschcnleichen. Nun kommen Hiobsposten aus P «nitwicsc h und N o w o - K r u d o k. Die Dumawahlen Das erste Stadium der Wahlkampagne ist vorüber, die Wahl der Wahlmänner ist bereits vollzogen. Die Wahlkampagne verlief fast überall mtcresse’ns, apathisch; in vielen Orten erschienen von den jüdischen V. ählern kaum ein Viertel der Teilnehmer an den ersten und zweiten Wahlen. Von zionistischer Seite wurde im allgemeinen sehr wenig gearbeitet; an manchen Stellen, wo die Aussichtslosigkeit der Wahlresultatc von vornherein auf der Hand lag, enthalten sich unsere Genossen gänzlich der Wahl, allerdings war der Boykott mir ein passiver, aber kein aktiver. Wahlerthaltung wurde u. a. in ganz Polen, Wilna, Brcst-Litowk. B:elostok, BobruL'k und anderen Orten geübt. Der Kampf zwischen jüdischen Parteien war ein sehr sch\ aclieer. nur in einzelnen Orten fanden noch kleine Zweikampf. zwischen Zionisten und Bundi>ieü statt. So z. B. in Kowno 1_״J Poltawa. ־ in beiden Punkten haben unsere Genossen den Sieg davongetragen. Unter der. bis jetzt bekannt gewordenen Wahimänncrn befinden sich bereits 26 Zionisten. Ausser den bereits mitgeteiltcu Namen nennen wir noch: Churgin (Minsk). Bartuzki (Orgeje.v). Dr. Hurwitz (Proskurow). Dr. F. Lander (Wassilkow». Grinberg (Proskurow). Rabbir.er Kantorsehzik (Pruzan), Lew (Bcresina), Czarny und Gcnnin (Borissow), Losinsky 115*. J Le .in (Slonim), Feinberg (Mariampol), Rechtsanwalt Giessin (Mohilew), Rosenblum (H01ki>, O. Goldenberg (Kowno, statt Jabotinsky, der sein Mandat niedergelegt hat). Lcrnun!Poltawa), Shtzky (Nowgorod*Sewers>. Sa Slawe (GendcbrarDr. F'einstein (Kowel). Hurwitz (Friedrichstadt) und KopeÜnwitz (Bychow). An vielen Orten finden noch Nachwahlen statt. Fbensoviel. wenn nicht mehr, Nationalisten sind gewählt, welche dem Zionismus sehr nahe stehen; das Gros der Wahlmänncr besteht aus unparteiischen Juden, gewöhnlichen Baalebatim. die sich parteipolitisch noch nicht differenziert haben. Bimdisten und sonstige Sozialisten sind ca. 10 gewählt; von den Gruppisten der Winawerschen Richtung etwa 20. fm ganzen werden etwa über 200 jüdische Wahlmänner gewählt worden sein. Das interessanteste Spiel wird aber wohl in Odessa stattfinden. Das Wahlgesetz vom 3. Juni 1907 enthält nämlich die evidentesten Gegensätze; neben dem indirekten, oftmals dreifachen Wahlmodus durch verschiedene Stufen von Wahlmanövern finden sich für manche Plätze, nämlich für die einzelncn Grossstädtc, für Petersburg. Odessa, Moskau u. dgl. vollständig demokratische, direkte Wahlbcstimmmigen. Ausserdem hat Odessa jetzt statt eines zwei Mandate; eins in der ersten Kurie (Kaufleute und Hausbesitzer) und eins in der zweiten Kurie. In der ersten wird wie früher Rechtsanwalt Pergament (getaufter Jude) wohl v iedergcwählt werden. In der zweiten haben die Juden ziemlich gute Chancen, in 13ctracht kommen folgende drei Mn״ :er: Ussischkin. Ginsberg (Achad-Haam) und Schabotinsky. Jetzt findet ein Plebiszit unter den jüdischen Wählern statt; für welchen von diesen Namen die Majorität entscheiden wird, zu dessen Gunsten werden die übrigen zwei ihre Kandidatur zurickziehcn. Wahrscheinlich ist aber, dass die Otlcssacr Juden durch die Odessaer ״echten Russen“ terrorisiert werden, so dass kein Jude gewählt werden wird. Auf alle Fälle kann von einer systematischen, jüdischen Vertretung in der dritten Duma keine Rede sein; cs werden wohl 3—1 Mandate zuiiillig durch Kombinationen den Juden zufc'lcn, aber an eine proportio•־ eil würdige, an Zahl und Qualität entsprechende Vertretung eines Volkes von 5L: Millionen Seelen ist nicht zu denken. * Wie uns vor Schluss der Redaktion telegraphisch gemeldet wird, war bis Mittwoch, dem 30. d$.. ein Jude als Dumadeputierter gewühlt. DIE WELT. Auswanderersorgen Das Zcntralbureau iifr Jüdische Auswaitderungsnngclcßcn* beiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden teilt mit, dass nunmehr auch in Argentinien sowie in Cuba und Mexico wie in Amerika und Canada allen trachomkranken (an ägyptischer Augenentzündung leidenden) Einwanderern die Landung nicht gestattet wird. Rumänien. Das Jassycr Blatt OPINIA bringt in ihrer letzten Nummer nachstehende Notiz: Wie wir aus absolut sicherer Quelle erfahren, hat der österreichischungarische Gesandte in Bukarest der rumänisehen Regierung eine Note überreicht, in der gegen die zahlreichen Ausweisungen rumänischer Juden auf österreichisches oder ungarisches Gebiet energisch protestiert wird. Diese Protestnote hatte — wie die OPINIA hinzufügt — zur Folge, dass der Minister des Innern. Herr Joncl Bratianu, sämtliche Präfekten des Landes angewiesen hat, Juden, die Auswcisungsdckretc erhalten, nicht auf österreichisch-ungarisches, sondern nunmehr auf russisches Gebiet abzitschicbcn! Rumänische Auswanderer Im Laufe der letzten Woche passierten 132 rumänische Auswanderer London. London ist nur eine Station aui ihrer Wanderung; von Rumänien wurden sie nach W ien geschickt, von Wien nach Antwerpen. Und von der englischen Haupt- Stadt wollen sie nach Montreal gehen, von wo sie wieder ihren verscl1ieder.cn - Hoffentlich endgültigen * - Bestimmungsorten zugcfiihrt werden sollen. Dies ist schon der zweite Trupp, der durch London kommt. Der erste passierte, wie wir berichtet haben, vor einigen Wochen. Und in 2 oder 3 Wochen wird eine dritte, grossere Abteilung in London erwartet, um von hier aus weitergeschicki zu werden. uie unippe, die Freitag ankam. zählte, wie gesagt, 132 Personen. Hübsch und sauber angezogen, hoben sie sich \o:teiihaft von dem Durchschnitt der sonstigen Auswanderer ab. Ohne Ausnahme handelt cs sich um Leute, die meist bessere Tage gesehen haben: alle sind Opfer einer schamlosen Tyrannei, die sie mit einem Schlage aus verhältnismässig wohlhabenden Leuten zu elenden Bettlern gemacht bat. Einige von ihnen haben den Boden bebaut, als Farmer oder Guts- Inspektoren, andere sind Handwerker. Und ai.e sind sie Menschen, denen, wie sich einer der Emigranten ausdrückt, der Staat nicht gestattet, zu leben. Sic führen eine grosse Zahl Kinder mit sich, darunter sehr hübsche und aufgeweckte Jünglinge und Mädchen. Manche von ihnen sind erst 2 oder 3 Jahre alt, einige zählen gar erst 6 Monate; hier und da liegt ein Kind an der Mutterbrust. Eine Familie, ein Mann von 36 und eine Frau von 32 Jahren, führt 5 Kinder mit sich, von denen das älteste 13 Jahre alt ist, und eine hat nicht weniger als 10 Kinder. Im Shelter. wo sie einquartiert sind, werden sie auf Trachoma untersucht, aber nur wenige der Kleinen leiden an dieser Augenkrankheit, ״ein gesunder Schlag", meinen die Doktoren. Mehrere der Auswanderer haben ihre Ackergerütschnften mitgebracht. Die Erzählungen der Unglücklichen enthüllen Tragödien von einer ergreifenden Traurigkeit. Viele von ihnen haben dem Lande, das sie jetzt so erbarmungslos ins Elend stösst, Militärdienst geleistet. Einer von diesen ehemaligen Soldaten, eine stramme militärische Erscheinung, erzählt, dass er drei Jahre bei der Kavallerie gedient und sich dann in einem Dorfe als Bäcker niedergelassen habe. Eines scheues Tages, während dieses Frühjahrs, kam ein Polizist zu ihm und brachte ihm den Befehl, binnen drei Tagen auszuwandern. Der Acrmstc erlangte mit vieler Mühe die Erlaubnis, über Pessach bleiben zu dürfen, damit er nach Bukarest gehen könne, um sich dort eine Wohnung zu suchen, ln seiner Abwesenheit brachen die Bauern in sein Haus ein, verwüsteten cs vom Speicher bis zum Keller und machten ihn auf diese Weise zum Bettler. IDer andere ehemalige Soldat, der übrigens nicht nur wie mehrere der Auswanderer sich in Englisch, sondern auch in Französisch verständigen konnte, hatte seinerzeit in einem I Artillerieregiment gedient und sich dann in VaUea-SaUtlul als Gtitsinspcktor niedergelassen. Einige Monate später bekam er Befehl von der Polizei, das Dorf hinnen H Tagen zu verlassen. Mit ihm wurden ungefähr 53 Juden zu gleicher Zeit vertrieben. Ein armseliges Kerlchen hatte den elenden Beruf eines Dotfschneidcrs ergriffen. Aber selbst in dieser Stellung bedeutete er eine Gefahr für die Nationalwahlfahrt Rumäniens. Mau bedachte ihn so lange mit Steuern, bis er nicht mehr in der Lage war, sich sein bisschen tägliches Brot zu verschaffen.

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