Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651500-2651545--05179-2662189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4SS JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 45 nicht zum Gegenstände grundsätzlicher Ausschliessung und Bekämpfung gemacht werden?“ Interpellationen haben ferner überreicht: Abg. Dr. Mahler an den Landesvcrtcidigungsminister über die Befreiung jüdischer Soldaten von! Dienst an den hohen Feiertagen; die Interpellation befasst sich mit der Angclegcnheit. die Gg. Joachim Neiger in der JüD. ZEITUNG ausführlich behandelt hat; Abg. Dr. Gabel an den Minister des Innern über die Sonntagsruhe im Fleischcrgcwerbe in den Bezirken Krakau und Podgorzc; Abg. Stand au den Minister des Innern wegen Amtsmissbrauch des Rcgicrungskommissars in Ottynia: Abg. Dr. Gabel an den Minister des Innern über Verfolgungcn des Arztes Dr. Frostig in Beiz durch die Administrativbehörden. * 4 Abg. Dr. Gabel ist fiir den sozialpolitischen Ausschuss des Parlaments, der demnächst gewählt werden wird, als Vertretcr des Jüdischen Klubs in Aussicht genommen. י ״Selbstwehr“ In Galizien Sanok. Vorige Woche hat vor dem hiesigen Kreisgerichte der Prozess gegen 31 Juden aus Litwinsk begonnen. Am 10. März. d. Js. versuchten Bauern von der ungarischrumänischen Grenze, welche in der Litwinskcr Molzsägc als Arbeiter beschäftigt waren, einen Pogrom zu veranstalten. Die Juden begäbet! sich sofort zur Gendarmerie, die aber dem Bauernhaufen nicht gewachsen war und den Juden riet, zur Selbstwehr zu greifen. Die Juden organisierten stell rasch und in den darauffolgenden Gasscnschlägcreien wurde ein Bauer getötet, zwei schwer und 15 leicht verletzt. Die Juden trugen blos geringfügige Verletzungen davon. Alle Juden wurden verhaltet und befinden sich bereits seit März in Untersuchungshaft. Die Verhandlung gegen sie ist für 10 Tage anberaitrnt; 153 Zeugen sind vorgeladen. Ueber den Ausgang der Verhandlung werden wir noch berichten. Galizische Richter Aus Tyssmenic wird folgender empörender Fall berichtet: Der polnische Richter L. Rolski ging dieser Tage über die Strasse; sein Hund lief vor ihm her. Von der entgegenge״ setzten Richtung kam der jüdische Fuhrmann M. Hermann zu Fuss daher. Der Hund lief dem Fuhrmann nach und drohte auf ihn zu springen. Anfangs beachtete Hermann den Hund nicht, als dieser aber schliesslich auf ihn lossprang und seine Kleider zerriss, versetzte Hermann dem Hunde mit der Rosspeitsche, die er in der Hand hielt, einen Hieb, um das Tier zu verscheuchen. Als der Richter dies sah. sprang er auf den Juden zu, packte ihn mit der einen Hand am Genick, während er mit der anderen das Gesicht des Fuhrmannes bearbeitete, bis cs vom Blut überströmte. Und nachdem der wackere Richter sich ausgetobt hatte, versetzte er dem Juden noch einen Stoss, indem er ihm zurief: ״Da hast du, elender Jude!“ Die Szene spielte sich in Gegenwart einer grossen Zuschauerschar ab, und es ist bezeichnend fiir die Gedrücktheit der Kalizischen Juden, dass sich keiner gefunden, der cs gewagt hätte, dazwischen zu treten. Das geschah nach den Wahlen. Vor den Wahlen allerdings zerfloss derselbe Richter vor demselben Fuhrmann vor Freundschaft und Liebe, denn gerade diesen Juden Hermann benutzte der Richter Rolski, um die Juden der Stadt für die Wahl des polnischen Kandidaten A. Zinskv zu gewinnen. Allpolen gegen die Zionisten Die Warschauer ultranationalpolnischen Blätter reproduzieren aus dem allpolnischen Blatte SLOWO POLKIE einen ungemein heftigen Artikel gegen die Umtriebe der Zionisten in Galizien, ״welche die jüdischen Volkstnassen gegen die Polen aufstacheln (?)“. Das Blatt sagt: ״Die zionistischen Agitatoren betreiben unter den gaiizischeu Juden eine Propaganda des Hasses (?’.) dem Polcntum gegenüber, welche fiir die Dauer nicht geduldet werden kann. Diese zersetzende und destruktive Wirksamkeit der Zionisten bildet eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden darf. Man muss beizeiten auf Mittel bedacht sein, um dieser Vcrhtzung der Juden in Galizien einen Riegel vorzuschieben. Auch ein Teil der Juden selbst protestiert dagegen, dass die Zionisten sich als die Stimmführer des galizischen Judentums aufwerfen. Fs ist Zeit, dass man polnischerscits gegen die zionistischen Wühlereien (!) Stellung nimmt.‘‘ Eine hebräische Schule Luzan. Durch die äusserst rührige Agitation unseres Og. Josef Rubinger wurde hier eine hebräische Schule begründet, die zugleich die Volksschule ersetzt. Die jüdischen Kinder — 70 an der Zahl wurden aus der öffentlichen riithcni.schcn Volksschule ausgeschrieben und traten in die hebräische Schule cm. Das Budget der Schule beträgt 4000 K. jährlich. Drei Lehrer wurden aufgenommen, einer für Hebräisch nach der Methode ״Ibritlt b’ibrith*', ein zweiter für Volkssc׳mlgegenstände und ein dritter, der die Aufsicht über die unbeschaftigtcn Kinder zu führen hat. Turnen und Gesang wurden cingcfiihrt und Ausflüge werden veranstaltet werden. Delcgierte der Safa-hrurah aus Czcrnowitz und ein Lehrer der Baron Hirsch-Schulc aus Zablotow sind mit der Inspektion der Schule betraut. Russische Juden In der kleinen Militärgrenzstadt Gradiska bestand vor vielen Jahren eine blühende jüdische Gemeinde. Sie hatte eine schöne Synagoge und auch sonst die in jüdischen Getncindeu üblichen Hinrichtungen. Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts begannen dann die Juden von Gradiska allmählich atiszuwandcrn. Die meisten zogen nach der nahegclegcncu Stadt Triest, andere wieder nach Italien, und so wurde dann eines Tages die Synagoge gesperrt, denn es blieben keine Juden zurück, für die ein Gottesdienst hätte abgehalten werden sollen. Kurz vor den diesjährigen hohen Feiertagen siede!- teil sich einige russische Flüchtlinge mit ihren Fami'cn in Gradiska an, welche während der Feiertage in unserer Synagoge den ersten Gottesdienst nach langen Jahren veranstalteteil. Dem Gottesdienste wohnten auch mehrere Juden aus Triest Fei. So haben denn die russischen Flüchtlinge das so lauge verwaist gebliebene Gotteshaus mit den 12 Sine Thora!!, Spuren einstigen blühenden Gemeindeiehens. wieder zu F.iireu gebracht. Wahl des Grandrabbln Paris. Das Amt des Grossrabbiners der französischen Judenhcit ist seit dem vor zwei Jahren erfolgten Tode Z: d oc Kahn’s unbesetzt geblichen. Da nach dem Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat die gesetzliche Zentralisation der jüdischen Konfession in Frankreich nicht mehr bestellt, so ist es die private Angelegenheit der Juden, ob sie sich wiederum ein geistliches Oberhaupt geben wollen. Man hat sich jedoch in bejahendem Sinne entschlossen, und zwar wird die Ernennung des Grossrabbiners durch das demnächst zu wählende Zentralkonsistorium im Verein mit Delegierten der einzelnen Gemeinden vollzogen werden. Das Zentralkonsistorium wird aus etwa 30 Mitgliedern bestehen, da nach dein Wahlstatut je 200 Wähler ein Mitglied, die Pariser Juden jedoch nicht mehr als 10 Mitglieder werden ernennen können. Dazu werden noch ungefähr 30 Delegierte kommen, so dass die Konferenz, die die Wahl des Grossrabbiners zu beschliessen hat, etwa CG Personen umfassen wird. Die Wahlen zurrt Zentralkonsistoriiim sind auf den 11. November bestimmt. Aus der Pogromei Aus Petersburg wird der RUSS. KORR• geschrieben: Die antisemitische Agitation des Mönchs lliodor führt zu einer unglaublichen Verrohung im Gouvernement Wolhynien, wo Judenausschreitungen, au der Tagesordnung sind. — ln der Stadt Soköl dieses Gouvernements spielte sich folgende entsetzlich rohe Szene ah. ln der Dämmerstunde fand dort die Beerdigung eines jüdischen Kindes statt. Diese Zeremonie iiüssficl einer Bande von halbwüchsigen Burschen. Sic überfielen deshalb den Leichenzug, löschten die Laternen aus. misshandelten die Juden und begannen mit der Leiche des Kindes wie mit einem Balle zu spielen, tmd machten schlicsslieh Anstalten, die Leiche in eine schmutzige Grube zu werfen. Die Ankunft der Polizei machte dieser grässlichen Szene ein Ende. Odessa. Schwarze Banden verübten am 21. Oktober wieder Ausschreitungen aus Anlass der Verlegung ihres Versäumtitmgslokals. Gegen 30 Jude n wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Ei n ctu Knaben wurden die Augen a u s g e s t o c 11 e n. Saison der Feuerbrände Seit einigen Wochen wütet im jüdischen Ansiedlungsrayot: eine wahre Epidemie von F'eucrbratuien. Nicht nur Hab und Gut, sondern auch Menschenopfer, Greise und Kinder!verschlingt der Moolch der Eeuerbründe. Noch klingen in unseren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.