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Jüdische Rundschau · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 45 Seite 487 JÜDISCHE RUNDSCHAU. an der Mehrzahl der Fälle grausamer und ungerechter Zurück* Weisung von Zufluchtsuchcndcn nicht nur die schlechte Hand* habung des Gesetzes, sondern auch dieses selbst schuld. Der Board of Deputics hat nunmehr in seiner letzten Ver* Sammlung eine energische Aktion gegen die Aliens Act inauguriert. Man beschloss die Regierung entschieden zu einer Aenderung des Gesetzes aufzufrirdern, und zu verlangen, dass sie diese Aenderung in ihr bei der Eröffnung der Parlaments* Session vorzulcgendcs Programm aufnehmen. Der Board he* schloss ferner, bei dem Ministerium des Innern inzwischen dahin vorstellig zu werden, dass die Einwanderungsbehörden einstweilen <Jjc Weisung zu einer humaneren Ausführung des Gesetzes erhalten. Dr. Straucher In der Ausgleichsdebatte In der Dienstag-Sitzung des Abgeordnetenhauses hielt Abg. Dr. Straucher bei der ersten Lesung der Ausglcichsvorlagen eine ausgezeichnete' Rede über den Ausgleich, in der er mit grosser Sachkenntnis und Gründlichkeit den ganzen Komplex der Ausgleichsfragen einer sachlichen Kritik unterzog. Fr schloss seine zweistündige Rede mit einem Appell au das Parlament, den österreichischen Juden gleiche Rechte und die staatsgrundgesetzlich gewährleistete nationale Gleichberechti* gung nicht vorzuenthalten. Fr sagte: ' Wenn ich das Fazit ziehe, so glaube ich, dass wir derzeit kn app vor Ablauf der zehnjährigen provisorischen Ausgleichs- Periode nicht anders können als uns mit dem Fntwurf dieses Ausglcichsinstrumcntcs einigermassen zu beireiinden. Ich tue das, trotzdem wir, und da meine ich. wir Juden und wir Ver* treter des Jüdischen Volkes hier im Hause, uns wohl keines Wohlwollens von seiten der Regierung zu erfreuen haben. Im Gegenteile! Unsere Regierung beschäftigt sich mit den Angelegenheiten und Dcsidcrien aller Völker dieser Reiehsluiüte — die verbrieften Rechte der Juden ignoriert die Regierung: ja sic lässt vielfach auch die Judenschaft von allen Seiten durch Zurücksetzung, Präterieruhgcn, Verhöhnungen, Be* sckinipfungen und Verfolgungen förmlich mit Füssen treten. Keine Beschimpiung oder Zurücksetzung bleibt uns erspart! Im höheren Grade, als es das ruthenischc Volk in Galizien zu erfahren hat. haben wir Juden gegen alle möglichen Drang* salierungen zu kämpfen. Insbesondere haben unsere jüdischen Bewerber bei Be- Werbung um öffentliche und Staatsanstellungen mit empörenden Zurücksetzungen und argen Verfolgungen in so krasser Weise zu leiden, dass sich wohl kein anderer Volksstamm eine solche Verletzung der Gleichberechtigung gefallen lassen würde! (Ruf: Die slawischen Völker!) Ich bitte, wollen Sie doch endlich einmal die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung für alle Bürger und Völker dieses Staates, auch für die Juden, für das Jüdische Volk zur Wal 1.rljeit.jverden lassen! Sic sollten sich nicht immer auf Ihre eigene Domäne zurückzichcn und die anderen entrechteten Völker im Stiche lassen! Lassen" Sie das wahre Recht sprechen, damit die Gleichberechtigung aller Völker und Staatsbürger in diesem Reiche zur Wahrheit werde! Wir können es uns nicht iort und fort gefallen lassen, in diesem Staate förmlich als vogelfrei behandelt 2u werden, wo jedermann mit täppischer Hand nach uns-״greift und auf uns Juden losschlägt und herum* trampelt. 1. Schauen Sie doch einmal die — gegen Gesetz und Recht aufgerichteten — unüberwindlichen Schranken an, Welche den jüdischen Bewerbern um öffentliche und Staatsaustellungen aufgerichtet sind! Sie werden dann die Summe des Unrechts und der tiefen Kränkung beurteilen können, die wir erleiden, erleiden müssen, da wir eine Minorität sind, kein Volk in Oesterreich für uns seine Stimme erhebt, die Regierung aber sich von künstlich erzeugter, verhetzender Agitation beeinflussen lässt und dem Gesetze keine Geltung verschafft. Wenn wir nicht schreien, keinen Spektakel machen, so möchte ich Sic bei dieser Gelegenheit bitten, mir zu gestatten. Ihnen ein Gleichnis aus dem jüdischen Volksleben zu erzählen. Bei der jüdischen und namentlich sogenannten gesetzestreuen Bevölkerung ist cs üblich, dass sic ihre Streitigkeiten. auch geschäftlicher Natur, ebenso wie ihre Familien- Zwistigkeiten vor dem Forum des Rabbiners zur Austragung bringt. So kam es auch einmal, dass bei einer solchen Streit- Verhandlung vor dem Rabbiner die Streitteile ihre Klagen und Begehren vorbrachten. Der eine Streitteil schrie überlaut, polterte herum und betäubte förmlich den Rabbiner mit seinem Geschrei. Der andere Streitteil trug sein Anliegen bescheiden, ja demütig vor; zumeist schwieg er sogar. Als zum Schlüsse der judizierende Rabbiner an die Streitparteien eine Frage zur Aufklärung der Sache richtete, sagte er zu jenem Tciic. der immer so bescheiden geschw iegen hatte — gestatten Sic, meine Herren, dass ich Ihnen das so ziemlich im jüdisch-dcutscli.a Jargon wiedergebe — ״Dieser da durchlöchert mir die Ohren;• das heisst, seine Klagen gellen mir in den Ohren. Weil dieser Streitteil so wenig geschrien hatte, war seine Klage eindringlieber und lauter als die Klage jenes anderen, der so überlaut seine Angelegenheit verfochten batte. So ist es auch bei uns Juden der Fall. Wir tragen unsere Klagen selten vor, wir schweigen und dulden, vermeint man. man könne uns noch fernerhin ungestraft kränken und uns unsere Rechte vorenthalten. Allein auch das Jüdische Volk in Oesterreich fordert seine Rechte, ordert Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Fs ist äber die Schuld der anderen österreichischen Völker, dass sic uns nicht helfend beispringen. Jahre hindurch haben Sie es geduldet und untätig zugcselicn, manche vielleicht mit stillem Behagen, solange es sich bloss um die Ver- Ictzung der Rechte, der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Juden gehandelt hatte. Als aber von dieser Durchlöchcrung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichbercehtigtmg auch andere Völker heinigesucht wurden, schrie man laut auf. Wenn wir jederzeit dagegen auftreten werden, wo immer und wann immer und bei welchem Volke immer ein Unrcclit geschieht, dann werden wir den Beweis erbracht haben, dass wir nicht eigensüchtigen Interessen zugänglich sind, dass wir vielmehr Herz und Sinn für Recht und Gercchtigkeit haben, und dass wir reif für politische Freiheiten sind. Fin solches Band der Solidarität soll alle Volker Oesterreichs umschlingen. Nicht bei der Regierung wollen wir ewig uni unsere Rechte betteln ־ hier im Voikshatise ist der Platz, w\> wir unsere Klagen Vorbringen. Unser Recht verlangen, von Ihnen, die Sie im Besitze der Macin sind, und die Sie durch das Gewicht Ihrer Stimmen und Ihrer Paru-istürkc darauf Einfluss nehmen können, damit endlich das Staatsgründgesetz zur Wahrheit werde, lind zwar auch gegenüber d.;1 Juden, den unterdrückten, verhöhnten und verfolgten Juden. Mit diesen Ausführungen schliesse ich. (Beil: Vom Jüdischen Klub Abg. Dr. Gabel hat an den Unternchtsminister talgende Interpellation über das israelitisch-theologische Lehrinstitut in Lemberg cingcbracht: Der Kalizische Lande■ ausschuss wurde durch einen Landtagsbcschluss beauftragt, ein jüdisch-theologisches Seminar ins Leben zu rufen, dcs.'cn Budget durch Landessubventionen, durch Beiträge der Kultusgemeincen des Landes und Privatier sowie durch staatliche Subventionierung gedeckt werden sollte. Da somit alle jüdischen Steuerträger zur Errichtung und Erhaltung der zu gründenden Anstalt beitragen sollen, wäre cs recht und billig, dass die Anstalt den Juden ohne Unterschied ihres politischen Bekenntnisses und ihrer nationalen Gesinnung zur Verfügung stehe. Der Initiator dieser Anstatt, der zugleich i!n galizischen Landesschulrat das Reierat über jüdische Schulangelegenheiten führt, Professor Dr. Sternbacli, hat aber in einem Interview, das in der Wochenschrift JEDNOSC vom IS. Oktober d. J. erschien, sowohl die Tendenzen der Anstalt als auch die ganze, bei der Anstellung der Lehrkräfte und bei der Aufnahme der Hörer beabsichtigte Taktik der Schulleitung und der Gründer in einer Weise dargelegt, die allen Prinzipien der Lern- und Lehrfreiheit widerspricht und die Ziele der Anstalt von Grund aus verändert. Nach seiner Behauptung dient die Anstalt der Bekämpfung des Zionismus und wird so geleitet werden, dass Zionisten weder als Lehrer aufgenommen noch als Hörer die Anstalt besuchen werden. Es werde von beiden beim Eintritt in die Anstalt ein offenes Bekenntnis zur polnischen Nationalität gefordert werden. Auch sei auf Jahre hinaus dafür gesorgt, dass die Majorität des Kuratoriums antizionistische und nati ־׳ nalpolnische Politik rnit und in der Anstalt treibe. Die Anstalt, die der Heranbildung geeigneter jüdischer Lehrkräfte dienen und einem seit Jahren fühlbaren Mangel an jüdischen Lehrern abhelfen soll, bekommt durch die von Profcssor Sternbach angekündigte und propagierte Tendenz ein ganz anderes politisches Gepräge, das eine gedeihliche Ent- Wicklung und die Erfiihmg der in Aussicht genommenen ernsten Aufgaben nahezu ausschliesst. Die Gefertigten stellen daher an Sc. Exzellenz die Antrage: ״Ist der Herr Minister bereit, dahin zu wirken, dass das jüdisch-theologische Seminar nur seine ursprüngliche Bestimmung und keine politischen Aufgaben erfülle und dass alle politischen Anschauungen sowohl im Lehrkörper als auch in der Hörerschait in gleicher Weise behandelt und

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