Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 336 No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU. statt dessen die Quelle und der Ausjangcpunkt des Gegenteils wurde von dem, was in dem Manifest verheissen war. Von seinem jüdischen Stammcsintcressc ausgehend, hatte er die grosse Arbeit sich aufgebürdet, die er neben manchen anderen Lasten für die Alliance!sra61ite Universelle leistete. Bei seiner grossen Tätigkeit im Bankgeschäft und bei seinem ausgebreiteten literarischen Interesse fand er die Zeit für diesen Verein, in dem er, ehe cs eine zionistische Partei gab, allein eine Gesamtorganisation für das ganze jüdische Volk zu sehen glaubte, so zu arbeiten, wie cs kaum alle übrigen deutschen Komiteemitglieder, denen hierdurch nicht nahegetreten wird, zusammengenommen taten. Das war nur eine Portsetzung jener Tätigkeit, die er schon damajs begonnen hatte, als er allein von allen Teilnehmern der Delegierten־ Versammlung zur Beratung der Hilfsaktion fiir die russischen Juden (1891) sich bereit fand, unsere Studentenpetition zu befürworten, die als Lösung der Judenfrage die systematische Besiedelung Palästinas forderte. In den weitesten Kreisen aber hat sich Justizrat Heinrich Meyer Cohn einen unvergänglichen Namen durch seine einzigartige Wohltätigkeit erworben. Und doch wirkte er im Stillen, sodass selbst die Allernächsten keine Ahnung von der gewaltig grossen Armenpflege hatten, die er auf sich genommen liatte. Doch diente er, wie gesagt, so manchem mehr mit seinem klugen, weisen Rat als durch reiche Unterstützung. Sein (]hielt war, beglücken zu können, Wenn er einem jungen Paare zur Existenz verhelfen konnte, dann war er selig. Ir! ihrem Glücke fand er sein eigenes. Wenn ein Student, der von ihm unterstützt wurde, das Examen bestanden hatte, dann strahlte er, als wäre ihn: selber das grösste Glück widerfaliren. Abhold falscher Wohltätigkeit bemühte er sich. Existenzen zu gründen. Kr übte Wohium mit Verstand und Ueberlegung. Tausende haben in ihm ihren Helfer verloren. Er, der nie daran dachte, dass ihm irgend jemand Dank wissen könnte, ' war für jede noch so kleine Gefälligkeit so unendlich dankbar. Wenn ihm aber jemand, dem er vor Jahren Geld geliehen hatte, — er ״verlieh“ so gern, was er schenkte — etwas davon zurückzahltc. so war er so hoch beglückt, dass er am gleichen Tage mindestens das Doppelte und Dreifache weiter ״verlieh". Ein zarte Rücksichtnahme auf alle seine Mitmenschen zeichnete ihn aus. Er wollte niemanden bemühen. Und dies ebenso wie seine Abneigung gegen alle Förmlichkeiten haben zusammengewirkt dass als einziger letzter Wunsch die Verfügung bekannt wurde, dass er in aller Stille zur ewigen Ruhe eingebettet werden möge. Zwei Jahre sind es her, zwei kurze und doch lange Jahre, dass der teure Mann seinem Volke entrissen wurde. Er liatte nicht geglaubt, dass er so schnell von seiner Arbeit für seinen unterdrückten Stamm werde scheiden müssen. Er hat auch nicht daran gedacht, dass seine Wünsche nicht zur Ausführung kommen würden, die sich, entsprechend seiner! jüdischen und pädagogischen Anschauungen, besonders nach zwei Richtungen hin bewegten, nämlich den Handfcrtigkeitsunterricht für alle jüdischen Schulen des Orients einzuführen und dann für die Weiterarbeit der jüdischen Besiedelung in Palästina im w׳eitestcn Sinne zu wirken. Dadurch w׳ird die nachkommende Generation freilich weniger wissen, wie weit die Ideen und die Liebe des Mannes zu seinem Volke sich erstreckten, während cs täglich die Notleidenden empfinden, dass sich die Hand nicht mehr ihnen cntgcgcnstreckt, die immer offen war, wo sio helfen konnte. Aber wir, die wir cs wissen, die wir gesehen haben, wie er sich die Stunden und Minuten schwerer Arbeit abgerungen hat, um unermüdlich für sein Volk tätig zu sein, wir haben die Pflicht dafür zu sorgen, dass sein Andenken gewahrt bleibe. Er hasste jede äussere Bezeugung von Ehren. Er kannte nur das, was er als seine Pflicht begriffen liatte. Wenn wir seiner in seinem eigenen Sinne gedenken wollen, so müssen wir den Kampf für die Ideale w׳eiter führen, in dem er mitgcfiihrt hat, den Kampf gegen den Abfall, den Kampf gegen Unwahrheit und Ungerechtigkeit, den Kampf für die Wiederherstellung des zersplitterten Stammes, den Kampf für die jüdische Ehre. Das Andenken des Gerechten bleibt zum Segen: wenn wir so seiner in seinem Sinne gedenken, wenn wir versuchen, den Idealen Heinrich Meyer Colins näher zn kommen, ehren wir das Andenken des uns teuren Heinrich Meyer Cohn. ^_• _Heinrich locwc. 111. י■ "" ■" Rundschau. «*» ■■■ - •i Ausstellung jüdischer Künstler In der ersten Novemberhälfte wird In der Galerie für alte und neue Kunst. Wiihelmstrasse 45, eine Aus- Stellung von Bildern jüdischer Künstler stattfinden. der sich auch Werke der synagogalen Kunst und Erzeugnisse neueren jüdischen Kunstgewerbes anreihen werden. Die Anregung zu der Veranstaltung bot eine analoge Ausstellung, die ״E x - hibition of Jewish Art and Antfquitie s“, welche in der ״Whi t echa peI Art Gallery“ zu London stattfand. Das Interesse, welches die genannte Ausstellung in den Kunstkreisen erweckte, veranlasstc auch den Industri Eore ningen (Industrieverein) in Kopenhagen, eine Ausstellung ähnlicher Art fiir den Januar 19ÜS vorzubereiten. Die Berliner Ausstellung wurde von dem ״Verein zur Förderung jüdischer Kunst", dem ein aus Künstlern, Schriftstellern und Kunstmäccncn zusammengesetztes Komitee zur Seite stand, organisiert. Sie umfasst hauptsächlich Werke ausländischer jiidisehen Künstler, die man in Berlin selten zu sehen Gelegenheit hat. Ihren Mittelpunkt bildet eine grössere Kollektion von Oelbildcrn, Aquarellen und Radierungen des Altmeisters Josef Israels. Von hervorragenden verstorbenen Künstlern werden durch eine Reihe von Werken vertreten sein: der russisch-jüdische Bildhauer Mark Antokolski. Camille P i z z a r o. Simeon Solomon, der Vorlaufer des englischen Prärahaclismus. H c 1t r y Levy, der Schöpfer der MonumentaibiL'er im Pariser Pantheon, Moritz Göttlich, ferner der dänisch-jüdische Künstler Professor D a v i d M o 11 i c s. Von lebenden Künstlern beteiligen sich neben den in Berlin schauenden, aus dem Auslande 11. a.: Solomon J. Salomo r. s, Mitglied der Kgl• Akademie in London, Frank S. E in a n u e 1. W o 1 m a r k , Josef O p p c n h e i in e r (London), lsaac Israels, M a imir a Pizznro, Jules B enoi z L cvy, Alphnnse L e v y . L. Pilicliowski, Jacques Hast. Eugen Spiro, Israel R u c 11 u rn 0 w s k i. B. E l k a n (Paris), Professor Leop o! d 1J o r w i t z. Isidor K a u i m a 11 n , L a z a r K r e - s t i n, Nikolaus S c h a 11 c n s t cin . Po11a k-K a r ־ 1 i n (Wien), Prof. Samuel Hirszcnbcrg. M. Trebacz, Frommer, Merkel. Markowicz (Krakau), Prof. Pasternak, Elias Günzburg, W'cinlcs, Minkowski (Ausland und Polen). H. G 1 i z e n s t c i n (Rt;n), Prof. Benno Becker (München), Max Stern (Düsseldorf), Boris Schatz (Jerusalem). Sehr interessante Gegenstände umfasst die Abteilung der synagogalen Altertümer, die hauptsächlich aus den jüdischen Museen in Wien und Hamburg stammen. Es befinden sich darunter sehr wertvolle kunstgewerbliche Arbeiten jüdischer Künstler aus den früheren Jahrhunderten. Das moderne jiidi- 1 sehe Kunstgewerbe ist durch die ersten Erzeugnisse der Kunstgewerbeschule ״B e z a I e 1“ in Jerusalem vertreten, die einen neujüdischen Stil anstrebt. Die Ausstellung ist mit einem wohltätigen Zweck verbunden; aus dem Reingewinn sollen Stipendien für angehende jüdische Künstler geschaffen werden. Die meisten ausstellenden Künstler spendeten für den wohltätigen Zweck eines oder mehrere ihrer Werke, die in einem besonderen Raume zum Verkauf gelangen W'crdcn. Eine Reihe von hervorragenden jüdischen Kunstmücenen in Berlin hat einen Betriebs- und Garaatiefonds fiir das Unternehmen geschaffen. Der Tag der Eröffnung wird durch Säulcnanschlac und Ankündigung in der Tagespressc bekannt gegeben. Entree! Mark; für Mitglieder des ..Vereins zur Förderung jüdischer Kunst“ einmaliges freies Entree, bei öfterem Besuche sowie für je drei Angehörige Ermüssiguugen. Adresse des Ausstellungsbureaus: Berlin-Halensee, Johann Sigismundstrassc 3. Tel. Wi. 1757. Vom asemitischen Gesetz Die Klagen über die harte und ungerechte Handbabung der Aliens Act mehren sich von Tag zu Tag. Sie bilden schon eine ständige, ziemlich umfangreiche Rubrik in den jüdischen Blättern Englands. Ein besonders krasser Fall, der jüngst vorgekommen ist, betraf einen Mann, dessen Verwandten in England wohnen und sich gegenüber der Einuanderungsbehörde bereit erklärten, ihm eine gute Beschäitiguug zu geben. Auf die ganz unbefugte Frage der Beamten, ob infolgedessen ein anderer Arbeiter aus seiner Stelle entlassen werden würde, gaben sic das als wahrscheinlich zu, und die Behörde wies daraufhin den Ankömmling als unerwünschten Fremden zurück: eine Entscheidung, für die die Aliens Act übrigens keinerlei Unterlage bietet. Das Fremdengesetz will lediglich Arbeitsunfähige und ähnliche Kategorien!enthalten, den Arbeiter, der sich selbst zu erhalten vermag, sieht es jedoch im Gegenteil als erwünscht au. Natürlich ist