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Jüdische Rundschau · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 485 Ans seiner GerechtlgkeitsÜebe, der Jüdischen Kardinal• I ttigend, waren seine politischen Ueberzeugungen hervorgegangen. die ihn auf die Seite der Verfolgten stellten und ihn 7.u!n Anwalt seiner unterdrücken Nation machten, in welchen Liindcrn und unter welchen Umständen immer ihnen Unrecht geschah. Darum stand er an der Spitze, wenn es galt für die Verfolgten und Geplünderten in K i s c h i n e w zu sammehl, wenn cs darauf ankam. Wunden lind Schmerzen zu stillen, die in Hornel von der Faust des Pöbels der Jüdisehen Bevölkerung zugefügt waren. Da stand der Name Heinrieh Meyer Cohn immer als der erste da, wie früher der Name seines Vaters Mevcr Cohn dort gestanden hatte. Bei jeder Hilfsaktion, bei jeden» Versuche zu bessern und zu helfen war er mildtätig und oft allein oder mit wenigen ähnlich Gcsonnten die treibende Kraft. Denn in seiner weichen Seele fühlte er, der in seinem Lehen niemals Mangel gekannt hat, die Schmerzen und Leiden, den Hunger und die Not der Armen und Acrmsten mit. Aber nicht aus seinem immer regen Mitleid ging seine nationaüiidischc Gesinnung hervor, sondern aus seinem tiefen Sinn für die Wahrheit, aus seinen» heissen Bedürfnis nach Gerechtigkeit, aus seiner ihm innewohnende»» Liebe zu seinen Stammesbrüdern. So kan» es, dass er. als kaum einige junge Studenten sich in Westeuropa dem zionistischen Ideal angcschlossen hatten mit der ganzen Stärke, die er aus seinen reichen Kenntnissen der Geschichte gewann, sich an der Be* gründntg eines jüdischen Gemeinwesens auf stammcstiimlichcr Grundlage beteiligte. Da er aber nicht von der Judennot, sondern von der jüdischen Geschichte und Kultur ausging, so musste er zu anderen Frgebnissea oft gelangen, als andere, die nach Ihm den gleichen Weg zur Wiederautricltfuug jiidischeu Ligcnvvcsens c inschlugen. So kam es. dass er zwar lange vor Theodo: Herzt bemüht war. für die Schaffung' eines jüdischen Gemeinwesens im alten Heimatlandc Bausteine zusammeazutragen. dass er aber dem ...1 ud enstaa t \ den ihm Herzl als Firsten in einen» Münchener Hotel zur Begutachtung vorlas. nicht beistimmen konnte. Nicht weil er das Ziel missbilligt hätte. Das hatte er lange vorher fest ins Auge gefasst. Aber er hielt den Weg für den falschen. Auch verstand er sehr wohl, dass der Judenstaat auch ein jüdischer Staat sein müsste, und so nannte er sich bezeichnenderweise Herzl gegenüber einen K u 11 u r z i o n i s t e 1». Und dass er tief in den Geist der jüdischen Kultur cineedrüngcn war. das konnte man sehen, wem» man von hin», "der kaum einiges Hebräische hatte notdürftig lesen lernen, Abhandlungen las. in denen er den Geist des jüdischen Gesetzes mit viel feinerem Verständnis darlcgte, als die meisten, deren wissenschaftlicher Berui cs ist, in diesem Oesetze zu forschen. Denn obwohl er aller einseitigen Bücherweisheit abhold war. konnte er sich doch in die Wissenschaft vertiefen und soweit jüdisches Wissen in deutscher, französischer, holländischer oder englischer Sprache zugänglich war, hatte er sich den Zugang zu ihr verschafft und mit einem merkwürdigen Instinkt stets das Wesentliche herausgefunden und das Nebensächliche bei- Seite gelassen. Dieser wissenschaftliche Instinkt war es auch, der ihn auf einem Gebiete leitete, wo er eigentlich Laie war. Kr war juristisch forschend an den Prozess Jesu herangetreten, der ihn vom Standpunkte des Judentums aus intcrcssicrtc. und war dabei! allmählich zu historisch und philo-!(•gisch ausserordentlich interessanten und höchst wertvollen Resultaten gelangt, obwohl er in seiner fibergrosset» Bescheidenheif dieser Arbeit, die wahren wissenschaftlichen Wert hat, die Form populärer Aufsätze verlieh. Dabei konnte er, wie seit» Buch über Chambcrlain, seine Juden im heutigen England, seine kleine Schrift über Trcitsch^e, seine Theorie des Wertes beweisen, die exakte Wissenschaft* liehe Forschung mit einem wunderbaren Stile verbinden, in dem er. der feine Stilpsychologe, ein unübertroffener Meister war. Anschaulichkeit und Klarheit war das Charakteristischste seines Stiles und seiner Peisünüchkeit. Das Mystische war und blieb ihm fremd. Deshalb war er. der feine Kenner und Liebhaber der Musik, der mit Andacht einer Ncgcrkapellc zuhören konnte, ein Gegner jenes verschwommener» Mystizismus. der aus Wagners Schule hervorging und bei Chambcrlain endet, der die Tatsachen seinen» leeren Mystizismus anzupassen sich bemüht. Dr. Cohn war ein Gegner aller Vcrschwommenheit »»ml deshalb vertrat er mit unerschrockenem Mute den indischen Standpunkt ehrlicher Gerechtigkeit gegenüber einer allgemeinen Liebe, die nur dazu angetan zu sein scheint, der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor offenzuhalten. Mit bewunderungswürdigem Fernblick für die Schönheit und stille Grösse des nltmosaischcn Kulturbaues vertrat er die soziale Gerechtigkeit des Alten Testaments gegenüber der entsagenden Liebe des Neuen, die nur zu oft der Heuchelei die Tür öiinct. Wie gewissenhaft er arbeitete, möge man daraus ersehet», dass er sich oft vor grossen Arbeiten nicht scheute, um festzustcücn, ob er eine von ihm in Aussicht genommene Behauptung wissenschaftlich rechtfertige»» könnte. So hat er einmal, um fcstzustcllcn, ob seine Anschauung auf Tatsachen beruhe, wonach die bildenden Künste familienweise sich vererben, ganze Bände von Kiinstlcrlcxiken statistisch durchgcarbeitet, ehe er zulicss, dass dieser Satz seines Manuskriptes als druckreif angesehen werden durfte. In diesen» Sinne hat et, utn sich ein genauerer, Bild von der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung zu verschaffen, während seiner Reise im Heiligen Lande eine jüdische Sterbestatistik veranlasst und auf seine Kosten hcrstcllen lassen. Durch die Judenfrage zur Beschäftigung mit der Kriminalstatistik geführt, war er der erste, der auf die ausschlaggebende Bedeutung der Berufs- Statistik für die Statistik der Verbrechen hinwles. lieberhaupt finden sich in allen seinen Arbeiten glänzende Berner- Kungcn, allgemeine Betrachtungen mit ganz neuen Schlaglichter!», . die grell die Paradoxe der Erscheimmgswelt bcleuchten. In seinen geistreichen Bemerkungen, die er in Wort und Schrift gelegentlich hinwarf, finden sich ganz neue Gedankenreihen, deren Ausführung von hohen» Wissenschaftliehen Interesse sein wird. Von ihm ging viele geistige Anrcgting aus. und wer das Glück hatte, dauernd in seiner Nähe zu weilen, konnte sich auf die Dauer den Anregungen aller Art nicht entziehen, die von ihm ansgingeu. Seines Wesens Kern war aber seine angeborene Liebe zu seinem Volkstum. Sein Judenstolz führte ihn unter die Vorkämpier seines Volkes. Und er. der nui sein Volk so stolz, für sich selbst viel zu bescheiden war, hatte auch einen hohen Mut. Ich erinnere mich da, dass er einmal von einer seiner Reisen in England zurückkatu und auf einem Postamte in Belgien zufällig einem Streite mit beiwohnte, wo ein Jude in seiner Eigenschaft als Jude beleidigt wurde. Er hatte keinen Augenblick Bedenken, für die beleidigte Ehre seines Volkes einzutreten und war bereit, obwohl er ein grundsätzlicher Gegner des Zweikampfes war, auf den» Wege sich Genugtuung zu verschaffen, der merkwürdigerweise in Europa immer noch als der Weg gilt, die Ehre wieder herzustellcu. Er hatte den Erfolg, dass der Beleidiger ihn» volle Genugtuung auf einem anderen Wege leistete, der seinen. Dr. Cohns durchaus 1110• dernen Anschauungen entsprach. Dieser Judenstolz führte ihn zur Begründung des Vereins zur Abwehr des Antisemllismus, von dem er sich keine Besserung der sozialen und politischen Lage der deutschen Juden versprach, von dem er aber erwartete, dass er zur Rehabilitierung der jüdischen Volkseh rc beitraget» müsste. In der ganzen Zeit seit der Begründung des Vereins hat er. tätig mitgearbeitet, und auch die zahlreichen Artikel und N'tiz.cn im Abwehrblatt, die nicht von der Redaktion stammen, die die jiidischc Stammesehre anrufen, in denen der nationale jüdische Cicdankc, und der Zionismus gerechtfertigt werden, entstammten fast ausschliesslich seiner Feder. In demselben Sinne schrieb er die so hoch geschätzte Einleitung von Ludwig Jacobowskis Buch, über den christlichen Staat. Mit seiner Stammesehre hing aufs innigste sein reger Familiensinn zusammen. Ich weiss nicht, was grösser war, der Stolz des selbstbeschcldencn Mannes auf seinen Vater eder auf seinen Heranwachsenden Sohn. Mit einer unendlich zärtlichen Liebe hing er au der greisen Mutter, die, nachdem sie erst ihren Sohn Alexander verloren, auch um den Verlust des andern Solmcs zu klagen hat. Mit warmer, heisser Liebe hing er an seinem Bruder und an seinen Vcrwandten und brachte seinen Freunden Beweise aufopferungs- Fähigster Freundschaft. In seinen Söhnen würden, so hoffte er, wenn sie zu Männern geworden seien, seine eigenen jiidisehen und allgemeinen Ideale zu grösserer YoLcommeultcü gelangen, als in ihm selber. Sic würden sic!» in seinen Bahnen wandeln. In der letzten Zeit seines Lebens galt sein ganz besonderer Kampf den russischen Finanzen und er war gerade dabei, eine grössere nationalökonomische Arbeit über sie vorbereiten, zu der er eifrig das Material sammelte, als er plötzlieh aus seinem Leben und Wirken scheiden musste. Er versprach sich von ihr nicht bloss einen theoretischen Erfolg. Er war zwar ein feiner kritischer Koni, der überall sogar die kleinsten Schwächen in den Gedankenreihen fand, der aber in echt jüdischem Optimismus alles Gute von der Zukunft erwartete. So wai er so sehr von den» Stiege der Freiheit in Russland überzeugt, dass er noch mit dem letzten Aufflackcrn des Bewusstseins sich nach• den neuesten russisehen Ereignissen erkundigte. Er schloss die Augen zum ewigen Schlummer kurz, ehe das Zarenmanifest erschien, das Russland einen» »icuen Frühlnig entgegenzuführen verhiess und

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