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Jüdische Rundschau · 1907-11-08 · Heft 45 (8.11.1907) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 484 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 Boden, den wir bauen“. Aber praktische Arbeit allein ist cs nicht, d:c uns zum Ziele führt, wenn man nicht fassen wissen wollten, die klassischen Worte zurief: ״Wer sich unwidersprochen fünfzehn Jahre!ans einen Lumpen nennen lässt, der ist ein Lump!" die politische Arbeit mit unter dieser praktischen Arbeit versteht. Freilich erachten wir es für im höchsten Masse unpraktisch, diese politische Arbeit zu vernachlässigen. Unsere Parteileitung bedarf der Mittel zu der praktischen Arbeit der Polit'k wie zu der politischen Tätigkeit der realen Arbeit. Diese Mittel ihr zu verschaffen, soll jetzt unsere Aufgabe sein, an der wir uns alle beteiligen müssen, in allererster Linie die Deutsche Landsmann- Schaft clcr Zionisten, die bereits mit gutem Beispiele vorauzuschrci'cn begonnen hat. So wie die Oclbaumspende zuerst von den deutschen Zionisten aufgegriffen und zur ständig.n Institution erhoben wurde, die dann von den andern Landsmannschaften gern und neidlos naehgeahtm wurde, so soll cs jetzt unsere Flfre sein, mit den Sammlungen für den Parteifonds den anderen Landsmannschaften nach Möglichkeit voranzugehen. Das ist praktisch und das ist politisch, vor allem ist es• aber zionistisch und jüdisch. Dcmoc ra t its s i m u s. Ein Gedenkblatt Die Zahl/der Männer, die sich ganz und gar für das Jiidische Volk cinscizen. ist nicht sehr gross. Wenn einer von ihnen aus der ZaH der Lebenden scheidet, so bleibt eine grosse und fühlbare Lücke zurück. Eine solche Lücke, c:'!1 fühlbarer Riss ist durch den Tod Dr. Heinrich Meyer Cohns entstanden, der heute vor zwei Jahrei. erfolgte. Hunderte und Tausende haben im Laufe einer langen Reihe von Jahren an ihm einen stets bereiten Helfer und Berater gefunden, dessen gern erteilter und kluger Rat von vielen mehr geschätzt wurde, als seine immer gern gegebenen reichlichen Spenden. Hunderte und Tausende vermissen in ihm den treuen Berater und Melier. Aber nicht diese persönliche Lücke ist es, die er hinterliess, wenn er auch allen, die ihm jemals nahestanden, unersetzbar und unvergesslich bleibt, sondern .den Riss, den das jüdische Volk empfindet, weil er einer seiner treuesten Sühne und gctrculichsten Arbeiter für sein Wohl war. Ein noch verhältnismässig jugendlicher Mann, der eben erst das fünfzigste Lebensjahr erreicht hatte, und der nur deshalb in weiten Kreisen für älter galt, weil seit mehr als zwanzig Jahren sein Name überall genannt werden musste, wo etwas zur Hebung des Jüdischen Volkes geschah. Justizrat Dr. Heinrich Meyer Cohn war aus einer der hervorragendsten Familien des Jüdischen Berlin hervorgegangen und hatte eine sehr sorgfältige Erziehung genossen, die bei seiner eminent hohen Begabung die herrlichsten Früchte trug. Ein erstaunliches Gedächtnis kam dieser her- vorragemlcn Begabung zu Hilfe. Seine feine Bildung und sein tiefgründiges Wissen selbst auf Gebieten, die seinem Fachstudium und seinen Lieblingsbeschäftigungen fern lagen, waren allen bekannt, die Gelegenheit hatten, mit dem Manne in Berührung zu kommen, der sich die grösste Mühe gab, weniger zu ersehe ׳neu als er war. Für seine ausserordentliehe Bescheidenheit ist es bezeichnend, dass er die vielen wertvollen Aufsätze, die seiner fruchtbaren Feder entstammten, meistens gar nicht, oder so Unterzeichnete, dass niemand ausser seiner allernächsten Umgebung auch nur ahnte, dass der Aufsatz von Dr. Colin w׳äre. Diesen Allernächsten gegenüber hatte er freilich keine Geheimnisse und sprach er auch gern und viel über seine literarischen Arbeiten, ohne auf sie aber grösseren Wert zu legen, als ihnen gebührte. Eher war : er auch in diesem engsten Kreise noch zu bescheiden. Er war hierin das absolute Gegenteil jener Protzen, bei denen man Bescheidenheit nicht zu den Tugenden oder Feh- . lern ihres Wesens rechnen kann. Aber während jene nur für sich selbst unbescheiden, für die jüdische Gesamtheit mehr als zu Bescheiden zu sein pflegen,- war er keineswegs der stille Beobachter, der der Not seines Volkes etwa von weitem zusah. Seiner Natur widerstrebte jeder Kampf, und , doch stand er schon zu einer Zeit in'den vordersten Reihen unserer Kütipitr, als es noch für vornehmer galt, ״sich nicht . zu erkennen zu geben". Die Versammlung ist unvergessen, .wo er den reichen Juden, die ..sich nicht zu erkennen geben" 'wollten und die Abwehr antisemitischer Angriffe und den Kampf für die Ehre des jüdischen Namens, für die sie wirklieh kein Verständnis hatte!!, nielitjüdisehen Kreisen über¬ Eine irroses Menge solcher packenden und schlagenden Worte prägte er, und zeigte sich als• ein Meister des Stils ebenso in kurzen prägnanten Sätzen wie in seinen Abhand- Jungen und Aufsätzen. So hatte namentlich auch eine Reihe von klingender Münze geprägt, die er im Kampfe gegen die Leute ausgab, die nach seiner Ansicht ״dem Antisemftismus durch die ' Tat Recht gäben", die m'i m I i c h s i c 11 oder ihre Kinder tauten Hessen. Eine tiefe soziale und nationale Grundstnnmung ging durch sein ganzes Leben. Wenn er seine fürstliche Wohltütigkeit ausübte, so ging das weniger noch aus seinem unendlich weichen Gemüt hervor als aus der tiefen lieberzeiigung seiner Pflicht gegenüber denen, die nur durch ein unwirtschaftliches Gcscllschafts- und Wirtschaftssystem ge-;׳wimget! waren, sich an die Hilfsbereitschaft anderer zu wenden, die ebenfalls mehr noch der wirtschaftlichen Entwichhing als eigener Tüchtigkeit das grosse Vermögen und Einkommen verdankten, dessen sie sich erfreuen. Aber dieser sozialistische Grundzug seines Wesens Stand in unlöslichem Konnex zu seiner nationalen Ueberzeugung und Treue, die ja im echten Judentum keinen Gegensatz, sondern selbstverstäintliehe Ergänzungen bilden. Er war Nntiona'jude und deshalb Sozialist, weil es kein wahres Nationaljudentuni geben kann, das nicht sozial ist. Deshalb stand er auch der jüdischnationalsten Form des sozialistischen Gedankens, der Boden- Lesitzrcform. sehr nahe und verfolgte die von Damaschke und seinen Freunden inaugurierte Bewegung mit grossem lnteresse. wenn er auch iiir Bewegungen ausserhalb der jiklisehen Nation nicht die Zeit und Arbeitskraft hatte, wie innerhalb des eigenen Volkstums. Weil seine Wohltätigkeit aus seinem sozialen Piiiclitbe־ wusstscin her verging. hielt er sielt stets von!falscher Wohltütigkeit fern, und wenn er auch die Woliltätigkcit seihst stets nur iür einen schwachen Notbehelf ansah, so bemühte er sich hier allen Missbrauchen entgegenzutreten und durch positive Arbeit die Wohltätigkeit nach Möglichkeit iiberiiiissig zu machen. So bemühte er sich seit einer langen Reihe von Jahren für die Hebung der Jerusalemer Judenbevölkerung. Dabei bekämpfte er die berufsmässige Seimorrerei und das Schwindlertmn ebenso energisch wie nachkaUig. Sein Kampf gegen die russische Post 1,1 Jerusalem ist bekannt, wenn auch lange nicht in allen Einzelheiten. Hierbei ging er von der Ueberzeugung aus, dass, wenn die Juden in Palästina eine öffentliclireclitlich gesicherte Heim- Stätte für die Kultur der jüdischen Nation erringen wollten, sie sich dem türkischen Staat dienstbar und nützlich erweisen mussten, in erster Linie durch Stärkung seiner finanzielten Positionen. Deshalb gab er die Losung aus, dass man auf keinen Brief hin, der von Jerusalem aus mit russischer Briefmarke versehen, hierher käme, der bittenden Institution oder dem bettelnden Schnorrer irgend 'etwas zusenden solle. Das nannte er im vertrauten Kreise, dass ״er ein guter tiirkiseher Patriot sei". Ausser diesem ״türkischen Patriotismus ־ triig zu dieser Stellungnahme seine Ueberzeugung bei, dass es keine ärgeren Feinde des Jüdischen Volkes gäbe, als jene, welche durch Unterstützung der russischen und rumänischen Finanzen den russischen und rumänischen Machthabern ebenso die Möglichkeit einer weiteren Unterdrückung der Juden bieten, wie jene Bank, welche die Wiener Anleihe des Ge- Schaftes willen untergebracht und damit ״das Wiener antisemitische Regiment auf weitere zehn Jahre verbürgt" habe. E'r licss cs hierbei nicht bei Worten bewenden, und bewies seinen ״japanischen Patriotismus" nicht bloss durch das Studium der Landkarte, wo er täglich jeden Schritt mit Eifer und Interesse veriolgtc, den die Japaner machten, als sei er der Stratege, von dessen Aufmerksamkeit das Schicksal des Feldzuges abhinge. Hier ist nicht der Ort, seine Wirksamkeit als Geschäftsnachiolger seines Vaters zu zeichnen, nicht seine Bedeutung als Jurist und politischer Schriftsteller zu erläutern, da uns au dieser Stelle tuir seine Bedeutung für das Judentum und das Judcnvolk interessiert. Hier freilich lag der Hauptinhalt seines kurzen, aber so reichen Lebens. Denn der Schlüssel zu allem seinem Tun war eben seine treue Anhänglichkeit an das angestammte Judentum, au sein Volk, zu dessen nationalsten Verfechtern er gehörte. Obwohl er niemals ein Parteiman im eigentlichsten Sinuc des Wortes war. vertrat er die modernste jüdische Richtung in Wort und Schrift und schloss sich mit ganzer glühender Seele der jungen amkeiinenden. nationalen Bewegung an. zu deren allerersten und getreuesten Anhängern in Deutschland er zählte.

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