Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 479 den. weil es sicli erwiesen hatte, dass er 1901 wegen Ausliefernd); von PI'inen der Festung Kronstadt an eine auswärtige Macht aus dem Dienste ausgeschlossen und nach Sibirien verbannt wurde. Als Vorbestrafter hatte er kein Wahlrecht, obwohl ihm später auf dem Gnadenwege die Strafe erlassen wurde. Jetzt hat die Gouvcrncmcntswahikommission diese Entscheidung der Kreiskommission aufgehoben. Schmid ist Redakteur des reaktionären Blattes MINSKOVE SLOWO und auch die rechte Hand der Administration in Wahlangciegenhcitcn. Aui seinen Rat ist seinerzeit die Wahlkreiseinteiiung des Gouvernements Minsk zu ungunsten der Polen abgeändert worden. Geschändete Thorarollen Die indischen •Soldaten des Wilnacr Regiments hatten um Befreiung vom Dienste an den hohen Feiertagen angesucht. Die Bitte wurde ihnen nicht gewährt, doch wurde ihnen gestattet, in einem besonderen Zimmer in der Kaserne einen Gottesdienst abzuhalten. Fs wurde eine heilige Lade mit zwei Thorarollen besorgt und die Soldaten konnten sowohl am Roseh-Haschannb, wie auch am Kol-nidrc-Abend ungehindert ihren Gottesdienst verrichten. Als sie aber am Morgen des Versöhnungstages sich im reservierten Zimmer zum Frühgottesdienst versammelten, fanden sie die Thorarollen ihrer Mäntelchen beraubt, zum Teile zerrissen und beschmutzt aui dem Fussbfxlen liegen. Die versammelten Soldaten erblickten in diesem Vandalismus eine allzudeutliche W a r n u t! g ihrer russischen ..Kameraden‘• und sie wagten auch nicht, den Gottesdienst abzuhalten. Die eingeleitete Untersuchung ist. wie jetzt aus Wilna gemeldet wurde, selbstverständlich resultatlos verlaufen. Fs geht nichts über die Liebe. Polnische Sozialdemokraten Infolge der durch die Wahlhewegting hervorgerufenen veränderten Lage im galizischen Judentum haben sich sogar die polnischen Sozialdemokraten veranlasst gesehen, die Fxistenz einer jüdischen Nationalität anzuerkennen. Auf der letzten Konferenz der jüdischen Sektion der P.P.S. wurde folgende Resolution Zetterbaum angenommen: ,.D.i c Konferenz der jüdischen Sektion der P.P.S. stellt fest, dass das jüdische Proletariat Galiziens, welches in der sozialdemokratischen Partei organ:־ siert ist. seine Zugehörigkeit zur jüdischen Nation anerkennt und sich seiner National!- tat bewusst ist." Und der Meister Daszynski, welcher immer so heiss für die Assimilation der Juden eitigetreten ist und im Parlamente mit einer unverschämten Arroganz die Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nation ausgciacht hat. musste aus dem Munde seiner eigenen, treuen Genossen erfahren, dass die Juden unbedingt als Nationalität anerkannt werden wollen, und dass zu seiner eigenen Niederläge in Krakau seine falsche Stellungnahme der ״unglücklichen‘• Judenfragc gegenüber viel beigetragen hat. Aus dem Wiener Rathause Wien. Das Amtsblatt der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen Konkurs auf 17 verschiedene Oberlehrerstellen in Wien. Von allen diesen Oberlehrerstellen, darunter zwei in der von Juden dicht bewohnten Lcopoldstadt. sind jüdische Bewerber im Sinne der Ausschreibung ausgeschlossen. Die Bewerber haben als Befähigungsnachwefs den Taufschein beizubringen und den Nachweis ihrer Eignung. den katholischen Religionsunterricht zu erteilen, zu'.'licfcrn. Aus dem Wiener Ratskeller Ucbcr Jüdische Hochzcitsieste im Wiener antisemitischen Rathauskcller schreibt Dr. Blochs OFSTFRRFICHISCHF WOCH!INSCHRIFT: ״Fiir den Geist, der in einzelnen Kreisen der hiesigen jiidischcif Gesellschaft herrscht, ist eine Acusserung, die der Wirt unseres antisemitischen Rathauskeliers. Herr Dombacher. jüngst einem Journalisten gegenüber gemacht, hesonders charakteristisch. Herr Dombacher meinte diesbcz.iiglieh: Die Politik hat mit dem Rathauskcller nichts zu tun, es gibt hier auch keine konfessionellen Reibungen. \m letzten Jahre hatten wir 57 jüdische Hochzeiten zu versorgen. Die Herren Israeliten, die oben im Rathause allerdings nicht immer glimpflich hergenommen werden, sind im Rathauskeller willkotnmene Gäste, ja Herr Dombacher •versicherte sogar, dass ihn die jüdischen Feiertage empfindlich treffen.“ Man mag den deutschen Juden manche Fehler nachsagen, einen solchen Mangel an Ehrgefühl, wie er hier den Wiener Juden unwillkür- : lieh attestiert wird, haben sie niemals aufgewiesen. Die anständigere Umgebung, unter der die Berliner Juden doch leben, hat einen solchen moralischen Mangel nicht aufkotnmen lassen. Die minderwertigen Wiener haben eben auf dem Gebiete ihrer eigenen Minderwertigkeit auch entsprechende Juden. Die wahre Assimilation besteht eben bisher immer nur in der Angleichung an die Fehler der Umgebung. Und unsere Assimilierten — voran die bereits getauften — haben eben auch nicht die Vorzüge ilflrer Umgebung angenommen. Golusblüter. Poesie ur.d Vaterlandsfiebe Bei der Feier der Vorbereitung der jüdischen Rekruten und Einjährig-Freiwilligen auf den Fahneneid in der Neuen Synagoge zo Breslau wird ein Lied gesungen, das würdig ist, einem weiteren Kreise bekannt gegeben zu werden. Fs lautet:’ ׳Beim holden Namen Vaterland 1 ' * Erw achen holde Triebe. Ich fühle mich mit ihm verwandt, * Ich fühle, dass ich’s liebe. Ia diesem Lande lebt ich auf, O Wonne, hier begann mein Lauf Zum hohen Ziel des Lebens. So will ich denn auch dankbar sein Und anderen wieder nützen. Will raten, helfen und erfreuen, Und Gutes unterstützen. Was Ordnung. Recht und Eintracht nährt. Und das des Landes Wohlstand mehrt Soli stets mir teuer bleiben. Mau seieln bet der Breslauer Synagogeu-Gemein Je auzu- : nelnneti. dass £i;r den Geschmack des preussischen Soldaten die Poesie mancher Soldatenlieder noch zu gut ist. oc. Zweite l־׳>p+p.r>z ln der Wiener NEUEN NATIONALZF1T'UNO des Saul R a p 11 a c f La מ d a u , aus der wir ohne jede Bemerkung den famosen Angriff auf 'den Unterzeichneten übernahmen, schreibt Herr Dr. Jeremias das Folgende: I, ״Die Jüdische Rundschau." Posen, IS. *Oktober. ״Sehr geehrter Herr Redakteur! Da .־ Herr Redakteur Dr. Löwe von der JÜDISCHEN RUNDSCHAU keine Gelegenheit unbenutzt lässt, um an den Posener Zionisten sein Mütchen zu kühlen, hat er cs auch für taktvoll gehalten, uns in den Streit über die Tendenz der NEUEN NA- TIONALZÖTUXG liineinzuzerren. Weil es mir nun höchst unsympatisch ist, mit Herrn Dr. L. in literarischen Kontakt zu kommen, hatte ich mich bisher von jeder Aeusserung zur , Sache zuröckgelialten und wollte abwarten, ob er auf Ihre Fcstnagelung hin seine unwahren Behauptungen allein zurück- nehmen würde. Statt dessen begnügt er sicli damit, in seinem Blatt — das leider das offizielle Organ und enfant terrible des deutschen Zionismus ist — Ihre Ausführungen ohne sachlichen ׳ Kommentar, nur mit einer echt Löwc'schen Nachbemerkung abzudrucken. Ich kann deshalb nicht umhin, auch meinerseits Ihnen zu bestätigen, dass ich, — nicht die ״Posener Territorialisten“ — zwar vor Jahresfrist meinen engeren Gesinnungsge nossen die damalige NATIONALZEITUNG als dps einzige, in deutscher Sprache erscheinende Ito-Organ empfahl, jedoch tu i t der NEUEN N A T I O N A L - Z E I T U N 0 und deren Redaktion niemals in irgendwelchen Beziehungen gestanden habe. Freilich muss ich gestehen, dass ich auch Ihr gesell. Blatt, dem nichts jüdisches fremd ist; viel lieber lese, als ein Organ, in dem zwar allerlei persönlichen Rankünen des Herrn Redakteurs Raun! geboten wird, für die in allen anderen Blättern abgedruckten Mitteilungen über Vereinbarungen mit dem Norddeutschen Lloyd betreffend die Galvestone-Emigrauten aber kein!,!atz ist. weil der Herrn Dr. Löwe so wenig sympatische ״rfilfswrein der deutschen Juden“ und vor allem die verhasste ״Jto“ dahinter stecken. Nun, die Herren Israel Zangwill und Dr. Nathan werden sich damit ahfinden müssen, ihr verdienstliches Wirken von Herrn Dr. L. ignoriert zu sehen. Diese ganz persönliche - und oft leider persönlich gehässige — Art der Leitung des offiziellen Organs des deutschen Zionismus hat auf den Parteikonferenzen immer wieder zu lebhaften Klagen Anlass gegeben; merkwürdigerweise hat der deutsche Zionismus es bisher dennoch nicht verstanden, hier Rcmedu r 7u schaffen. Trotzdem müssen wir deutschen Zionisten cs ablchnen. für die Fehler der JÜDISCHEN RUND- SCHAU mit vrantw örtlich zu sein Ergebenst Dr. Je.remlas.“ Dem ersten Angreifer zu erwidern, verbot mir ein gewisses Reinlichkeitsgefühf. das ich mit keinem Geringeren teile als mit unserem Herz!. Dem Eideshelfer dieses Menschen