Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. Ho. 44 * Seite 478 Tschiflik ausser dem Verwaltungspersona! 7 Fermiers (Lohn- Pächter) mit 30 Seelen, 9 Locataires (!,achter) mit 54 Seelen * und 1 unabhängiger Kolonist, in Cholmakchi. eine unabhängige Kolonistenfamiiie mit 7 Seelen, 1 Fermicr und 4 Locataires (13 Seelen). Das Out Kouklia, das noch nicht kolonisiert ist, wird von einem Locataire bearbeitet. . . Im abgelatifcnen Jahre haben wir einen Versuch mit einer neuen Art der Ergänzung unseres Kolonistcnmaterials gemacht, indem wir nur bemittelte Familien auinahmen, die die Kosten ihrer Installierung selbst trugen. Unter diesen Be■ dingungen sind die obenerwähnten 9 Familien von Marge und die 4 von Cholmakchi angesiedelt worden, die sämtlich aus Russland kamen. Die neuen Ankömmlinge, denen wir nur das Land und die Baulichkeiten zur Verfügung stellten, haben einen Pachtvertrag unterzeichnet, der die Zusicherung des Verkauls der Ländereien an sie nach einer bestimmten Frist enthalt, vorausgesetzt, dass sie sich dessen durch ihre Arbeit und die liinclialtung ihrer Verpflichtungen würdig gezeigt haben. Die neuen Kolonisten von Cholmakchi haben eine Summe von 1211 Pfund Sterl. als!,acht des ersten Jahres im voraus gezahlt. Liner von ihnen hat ausserdem ein Wohnhaus für ungenihr 150 Pfund Sterl. bauen lassen. Mehrere der Kolonisten von Margo haben ebenfalls erhebliche Betrage für ihre Ansicdhmg aufgewendet. Ausser den Gebäuden, die einige von ihnen haben errichten lassen, haben fast alle Zier- und rruehtbäiiine um ihre Häuser angepilanzt, mul einige von ihnen haben schon mehr als 500 Bäume auf ihrem Besitztum stehen. Aus ihren eigenen Mitteln haben sie auch ihr Vielt und die notwendigen Ackcrgeiätschaitcn gekauft. Zwei; der Kolonisten waren schon in Russland Ackerbauer mul sind vorzügliche Landwirte. Unser Verwalter spricht sich, im allgemeinen sehr lobend über den!egen Arbeitseifer und die guten Eigenschaften unserer neuen Kuhmisten aus. Fs scheint, dass einige der Kolonisten sich nicht dauernd in Cypcru mederlasscn werden, da sie sich Illusionen über die Erfolge, die ihre Arbeit gleich von Amaitg an aufzuweisen haben würde, gemacht haben. _ Ausser den neuen Familien gibt cs in Margo 7 rermicrs und 1 Fermicr in Cholmakchi. Diese sind junge Leute, die aus den Ackerbauschulen hervorgegangen sind, und von denen die Mehrzahl bereits seit einer Reihe von Jahren installiert ist und als fest atigcsicdeH in der Kolonie gelten kann. Sie zeigen sich fast alle sehr geschäftsgewandt, erledigen die auf ihren Anteil entfallenden notwendigen Arbeiten selbst und machen sich, nach Massgabe ihrer Mitte!, frei von ihren Verpflichtungen gegen die Gesellschaft. Unser Verwalter führt den Fall eines dieser jungen Leute au, der im Jahre 1906 als Fermicr in Kouklia gearbeitet hat tmd der die Farm Ende des Jahres vorläufig verlassen hat, indem er ohne Mühe die Zinsen zahlte, die er uns schuldete und noch zirka 2000 Frcs. übrig hielt. . Man weiss, dass jeder Kolonist in Cypern über einen Be* sitz von 40 Hektar verfügt, auf denen er Wintergetreide (Weizen, Gerste, Hafer) und Somnicrkulturcn (Bohnern Wicken, Baumwolle, Sesam) anpflanzt. Diese letzteren sind ertragreich, dank einem ausgezeichneten Bewässeruugssys* terne, das die Insel besitzt. Allein in Margo haben wir fast 7,5 Kilometer Bewässerungskanäle. Die Kolonisten betreiben ausserdem Schafzucht (die Herde der Kolonie beläuft sich auf 857 Stück) und werden in kurzer Zeit die Erträgnisse wich* tiger Fruchtpflanzen gemessen: Oelbäumc, Mandelbäume, Apri* kosenbäume, Maulbeerbäume usw. Die Erträgnisse der Kulturen, — die in Margo 500 Hektar und in Cholmakchi 163,6 bedecken, ״־• sind im letzten Jahre geringer gewesen als im Vorjahre. Der Weizen, mit dem in Marge» 192 Hektar und in Cholmakchi 51 besät waren, erbrachte pro Hektar 7 Zentner weniger, dafür aber war die Qualität besser, so dass das Getreide zu einem sehr guten Preise verkauft werden konnte. Der Umfang unseres Besitzes ist der gleiche geblieben: 1226 Hektar in Margo Tsehiilik, 330 Hektar in Cholmakchi und 337 in Kouklia. Das System der Ausbeutung mit Tagelöhnern in eigener Regie durch die Administration ist vollständig aufgegeben worden. Der Gesundheitszustand war in! verflossenen Jahre nor* mal, wir verzeiclmeten eine gewisse Anzahl Fieberfälle, die» aber ohne Bedeutung waren. Die Kolonie befindet sich, alles zusammengefasst, in einem guten Entwicklungszustande, sie setzt sich aus guten Elementen' zusammen, und cs ist überall zu hoffen, dass die Kolonisten mit Arbeit und Ausdauer bald in die Lage kommen werden, sich unabhängig zu machen. Unsere Administration verzeicli* net mit Genugtuung die Tatsache, dass sogar die ,jungen russisehen Mädchen, die in ihrer Heimat Universitätsstudien obgclegen hatten, sich nicht zu gering achteten, auf dem Felde mitzuarbeiten, und das scheint uns ein Beweis dafür zu sein, dass , die neuen Familien sich vollständig als Ackerbauern fühlen,! Eine neue hebräische Zeitung In Od essa wird demnächst eine hebräische -Wochenschrift unter dem Namen HATECHfAH zu erscheinen beginnen. Dieselbe soll vorzugsweise vom Odessaer Palästinakomitce subventioniert werden und die bisherige, in russischer Sprache herausgegebene JEWREISKAJA MYSL ersctzc.il, HATF- CH IAH soll, ebenso wie ihre Vorgängerin, ihre Spalten hauptsächlich den aktuellen Fragen der Palästinaarbeit, den verschicdenen Seiten des in Palästina neu aufkeimenden jüdischen Lebens, der Förderung der Privatinitiative in Palästina und den Angelegenheiten des Odessaer Palästinakomitccs widmen. Zu diesem Zwecke soll in Palästina ein ausgiebiger Nachrichtendienst organisiert und die jetzt bereits bestehenden Informationsburcaus weiter ausgebaut werden. Als Redakteur dieser Wochenschrift ist der ehemalige Redakteur des HA- ZOFF, Herr Ludvipol, der das letzte Jahr in Palästina zugebracht hat, ausersehen. Die Petersburger Dumakandidaien über die Uudenfrage Man schreibt der RUSS. KORR, aus Petersburg: Um die Ansichten der verschiedenen Dumakaiididatcn über die Judenfrage zu hören, halten Vertreter des Verbandes zur Erlangung^ der Gleichberechtigung der Juden Unterredungen mit dem General S s 11 b o t i t s c h , dem Geistlichen Petr «> w und mit dem Exminister der Volksatiiklärung,־ G r a f c n Tois toi. Tolstoi hat sich dafür ausgesprochen, dass er nicht hui die Rechte der russischen Juden verteidigen, sondern dass er selbst die Regelung der Judenfrage bei jeder Gelegenheit anregen werde. Nach seiner Meinung darf die Judenfrage nicht stillschweigend übergangen werden. Sie müsse schon bei der ersten Tätigkeit der dritten Duma behandelt werden. Die Rechtlosigkeit der Juden sei nicht nur iiir die Juden allein schrecklich. Sie verursache viel Schaden im ganzen Staate. Tolstoi versprach schliesslich einen energischen Anteil an den Arbeiten der Kommissionen zu nehmen, welche sich mit der Judenfrage beschäftigen werden. General Sstibotitsch erklärte zwar, dass er nicht die Rolle eines Verteidigers der russischen Juden von der Tribüne der. Duma übernehmen könne. Fr sei wenig mit den Ausnahmegesetzen tmd überhaupt mit der Lage der Juden vertraut. Wenn an ihn einige konkrete Fragen gestellt werden sollten, würde er nicht imstande sein, sie zu beantworten. Jedoch ist seine Anschauung über die Judenfrage klar: Die Gleichberechtigung ist notwendig! Die Rechtlosigkeit der Juden sei eine Schande iür die russische Nation. — Der populäre russische Geistliche Petrow. Mitglied der zweiten Duma, äussertc sich über die Judenfrage, wie folgt: ״Die ״jüdische" Frage" ist in der Tat keine ״jüdische", sondem eine rein russische Frage, schon Wl. Ssoloxvew nannte sie eine ״christliche*‘. — Diese Frage ist eine der fürchterlich• sten Fragen des gegenwärtigen russischen Lebens. Mir scheint es, dass cs überhaupt überflüssig ist, zu beweisen, wie empörend und schändlich alle diese Pogrome, Vergewaltigungen und Misshandlungen iür das russische Volk sind. Man kann sich schwer etwas Beleidigenderes vorstellen, das für das Christentum ganz unwürdig ist. als diesen tierischen Ausbruch der sogenannten ״nationalen" Gefühle der schwarzen Hundertschäften. — Die Pflicht eines jeden Russen ist es, laut und entschlossen gegen die Handlungen der Pogromlcutc zu protestieren. Jeder Deputierte muss vor allem bei. seinem Erscheinen auf der Tribüne der schwarzen Hundertschaft laut zurufen: ״Schämt euch, fürchtet euch vor euch selbst, sehet, was ihr aus dem russischen Volke gemacht habt!" Ich trete für die völlige Gleichstellung der Juden mit der kern-russischen Bevölkerung ein. denn ich betrachte es als eine tiefe Unge-. rechtigkeit, die Juden gesetzlichen Beschränkungen zu unterwerfen.*‘ Die im Staatsdienst stehenden Wahlmänner, die als Kandidaten der Kadettenpartei gewählt worden sind, werden sofort ihrer Aemtcr enthoben. So wurde Baron Wränge!, der Mitglied des Landgerichts im Gouvernement Orlel ist, entlassen. In Odessa dauert die trostlose Lage an. Es sind keine Pressbesprechungen möglich, da alle Organe, die über die Vorgänge berichten, unterdrückt werden. Das Organ der jüdisehen Volksgruppe SWOBODA I RAVFNSTVQ wurde für immer verboten, weil es Nachrichten über die Odessaer Vorgänge brachte. Ein Führer echt russischer Leute Der Führer des ״Russischen Volksvcrbandcs" in Minsk, der ehemalige Kapitän zur Sec S c h m i d , war von der Kreiswahlkommission aus der Wählerliste ausgeschlossen wor-