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Jüdische Rundschau · 1907-11-01 · Heft 44 (1.11.1907) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 475. weniger verwunderlich, als dass er zuerst seinen Feh!־ griff eingestand, um ihn nachher um so kräftiger abzuleugnen. Immerhin hat auch He.rr Lilienthal juristische Fortschritte gemacht, .,denn er hat sich bemüht, dem Türhüter wie dem Leichenmann mehr und objektiver Gehör zu schenken, als man dem Rabbiner geschenkt hat, dessen •einzige Schuld cs ist, dass er seine Pflicht als Jude und Rabbiner getan hat. Was aber gedenkt die Gemeinde zu tun, dass solche Vorkommnisse, die nur die Symptome der Unordnung und Unfähigkeit sind, uumöglich werden? Es bedarf einer Reform an Haupt und Gliedern, in allererster Linie an den Häuptern. Es genügt nicht mehr, dass ein!liberaler Repräsentaut die Zionisten als schlechte Patrioten anzeigt, denen der Staat wegen ihrer Gesinnung die Bürgerrechte zu entziehen habe, es genügt nicht mehr, die Rabbiner zu bevormunden und den von ihnen, der für das Judentum kämpft, wegen dieses Kampfes aus seiner Stellung hinauszuwe.rfen, es genügt nicht mehr, aus liberalem Munde in Gegenwart des Ministers auf die etwaige Schaffung einer jüdischwisseuschaftllchen Professur feierlich zu verzichten, es muss e.twas getan werden, dass der alte Schlendrian der plutokratischcn Gemeinde- Verwaltung aufliört. Die Repräsentantcnwahlvn stehen dicht bevor. Keine Kompromisse zwischen den Parteien, keine liberai-konservative Paarung, kein Wahlblock werden es verhindern, dass an die Repräsentanten und an den Vor- ׳ stand die Frage herantritt, was ist der Grund, weshalb ׳ man heute noch erinnern muss, dass keine Anzeige bisi her erfolgt ist und dass bisher noch kein Steckbrief er- I lassen wurde. Wir erwarten nunmehr eine schleunige Antwort. Judaeoborussus. {====*« Rundschau. «a==J Was sagen die Herren Rabbiner nun? Seit Jahren dürfen auf den Breslauer Jüdischen Friedhöfen anstandslos Aschenurnen beicesctzt werden. Die Gemeinderabbiner leimten indes eine Mitwirkung bei einer solchen Bei- Setzung ab, der eine, weil er glaubt, dass die Leichenvert.rennung gegen das jüdische Gesetz verstosse, der andere, weil er die Verbrennung nicht durch seine Mitwirkung sanktionicren wolle. Sie haben indes vor der Ueberführung der I.ciclie nach dem Verbrennungsorte im Hause des Vcrstorbeneu in einigen Fällen Ansprachen gehalten. Die Beisetzung musste aber ohne ihre Mitwirkung erfolgen. Der Gemeinde- Vorstand schlug nun den Repräsentanten ein Zeremoniell für eine solche Beisetzung vor. Dieses enthält unter anderem ein Gebet, das auch auf den Berliner Friedhöfen in solchen Fällen gsprochen wird. Da dem Vorstand der Standpunkt der Rabbiner in dieser Frage bekannt war so war in der Vorlage vorgesehen, dass weder auf die Rabbiner noch auf andere dabei in Frage kommende Beamte ein Zwang, das Gebet zu sprechen, ausgeübt werden dürfe. Die Vorlage ist auch schliesslich dementsprechend angenommen worden, ln der der Abstimmung vorangehenden Debatte sprach jedoch ein Repdüscntan; Dr. mcd. Carl Reich gegen die einen Gewissenszwang ausschliessendc Bestimmung der Vorlage. Seine Ausführungen dürften weitere Kreise interessieren und seien daher hier nach dem Bericht des JÜDISCHEN VOLKSBLATT wiedergegeben, dem wir allerdings auch die Verantwortung für die richtige Wiedergabe der Worte überlassen müssen. Dr. Reich:. Bis jetzt hat die Beisetzung ohne Andacht stattgei'unden. Der Vorstand will Abhilfe schaffen, c’as erkenne ich dankbar an. Aber was er mit der einen Hand gibt, nimmt er ml: der andern. Fr will niemand zwingen, das (lebet zu sprechen, das ist noch schlimmer. Bisher wussten die Angehörigen wenigstens, dass nichts gesprochen wird; ict/.t kommen sie hinaus (uui den Friechoi) und werden getäuscht. Wenn der Vorstand es beschlossen hat, so muss der Beamte das Gehet sprechen. Man so!! sich nur an den Beamten haften, der cs tut? Jeder muss das Gehet sprechen; der es nicht will, soll sein Amt n i e ä e r 1 e g c »... Im Name:: der grossen liberalen Synagogengemeinde Br^shius verlange ich, da>$ der liberale Rabbiner das Gebet spricht, wenn der orthodoxe Fanatiker es ablehnt. Es handelt sich hier um die Erfüllung einer humanitären Pflicht, um eine rein ethische Sache, die mit der Religion nichts zu tun hat. Wenn wir es beschlossen haben, müssen es die Beamten tun. Wir haben unsern Kontrakt mit den Rabbinern. Wir haben mit dein liberalen Rabbiner vereinbart, dass er auch andere Zeremonien ausübt (?). das hat er zu befolgen. Als er einmal sich weigerte, ein Kind, das die Eltern nicht beschneiden wollten, einzusegnen, hat ihn der Vorstand darauf aufmerksam gemacht, dass er nach seinem Kontrakt das Gebet zu sprechen hat. Wir sind nicht von unsernRabbinern abhängig, sondern die Rabbiner von uns. Wenn die Gemeinde liberal ist. so kann sie nicht alles tun. was die Rabbiner wollen. Die Herren wollen ja auch in die Gemeindeverwaltung hineinkommen. Es wird ja auch vielleicht einmal dahin kommen. Bis dahin haben wir noch den Rabbinern vorzuschreiben. Die Rabbiner haben den Gemeinden zu folgen. Sic können sich darauf veruns zur Ruhe begeben, als •es an die Tür klopfte. Ich öffnete; einer der Gehilfen meines Sohnes stürzte herein, blass wie eine Leiche, atemlos: ״Lauft! Eilt!“ schrie er, ״Räuber haben uns überfällen!“ Daun brach er ohnmächtig zusammen. Halbangcklcidet eilten wir zu unseren Nachbarn, von ־einer ganzen Menge von Juden begleitet, rannten wir — ich weiss nicht mehr, wie! — auf dem Wege zu den Kindern hin. Kaum hatte,» wir die Hälfte des Weges zurückgelegt, da stiessen wir auf einen Unglücksboten. Es war ein zweiter ,Gehilfe meines Sohnes. ״Wehe,“ schrie er, ״lauft, Mörder haben uns überfallen, sie wollen Eure Schwiegertochter entführen!“ In diesem Moment entlud sich ein heftiges Gewitter. Der ganze Himmel stand in Flammen; ein anhaltender Donner ergoss sich in einem ununterbrochenen Getöse und Gedröhn; ein Sturmwind erhob sich, brüllend wie tausende wissender Tiere, und warf alles zu Boden. Wie im Traume sind mir die Einzelheiten jener Nacht ,erinnerlich. In meiner Brust wütete etwas ahnliebes wie das Gewitter. Der Sturm schien in mein inneres gedrungen, er entwurzelte mein Herz, zerwühlte mein Gehirn. Ich weiss nicht mehr, was meine Unglückliehe Raitel mit meiner Umgebung gesprochen, ich weiss nicht mehr, wie wir angekommen sind .... Doch, da kam ich plötzlich zur Besinnung . ... 0, es war ein grauenhafter Augenblick. Meine Haare sträuben sich bei der Erinnerung! Ais heute dort . . . auf dem Herrenhofe . . . der Schrei meiner Enkelin ertönte, da stellte sich mir lebhaft ihre unglückliche Mutter vor . . . so wild schrie auch sie im Kampfe mit den erbamiungslosen Bösewichtern .... Der Weg in der Nähe der Villa Ordzinski ging an dem steilen Damm der Weichsel entlang . . . .“ , Der Greis erbebte an allen Gliedern und stockte mit einem Male, dann bedeckte er sein Gesicht mit seinen Hände.n. ״Beruhigen Sie sich, mein Freund,“ sagte Don Pedro mit zitternder Stimme. ״Ich be,dauere, von Herzen, in Ihnen so traurige Erinnerungen wachgerufen zu haben. Daniello, giesse etwas Wasser ein ... gib es her!“ Der Greis verschlang mit Gier das ihm dargereichte Wasser. ״Danke . . . mir ist schon bedeutend besser . . . . Auf dem Wege, an dor abschüssigsten Stelle, kämpfte ein halbnacktes Weib mit einigen Individuen, entwand sich ihren Armen, wurde aber wieder ergriffen, in der Absieht, sie in!einen bereitsteheuden geschlossenen Wagen zu werfen. Das Weib schrie unnatürlich, rief um Hilfe. Ihr Schrei verhallte aber in dem Geheule des Windes״ Und hoch wogten die Wogen und spalteten sich krachend an dem felsige/1 Damm. Und die ganze Um-

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