Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 471• r׳ , Meine Herren! Wenn ich heute an dieser Stelle das Wort nehme, so erwarten Sic kein Eingehen auf schwierige religiöse Gebiete, wie sic der Her/ Vorredner berührt hat. Ich bin hierher gekommen, um mich mit Ihnen Ihres neuen prächtigen Heims zu freuen und Ihnen durch mein Erscheinen wie die übriges Gäste zu bekunden, dass iede ernste wissenschaftliche Arbeit und darum auch diese Anstalt, die zur tieferen Erforschung Ihrer Religion und zur Heranbildung tüchtiger Rcligionsdiener bcstimmt ist. vollen Beifall und volle Anerkennung findet. Die Wissenschaft, ob sie gleich nach des Dichters Wort dem Leben ihre Kraft verdankt und aus dem Leben ihr eigenes Leben nimmt, schafft doch auch erst des Lebens wahren Wert. Und dazu rechne ich neben dem höchsten Ziele, uns an die Grenzen menschlicher Erkenntnis zu führen, vor allem auch, dass wissenschaftliches Forschen auf allen Gebieten, wenn es selbstlos lind in sachlicher Hingabe getrieben wird, unseren Blick weitet, uns die Auffassungen anderer verstehen lässt und so echte Duldung fördert. Möchte sich dies auch an der Lehranstalt iiir die Wissen- Schaft des Judenschaft iiirdcr bewähren! Ich wünsche ihr zu ihrem Fortschreiten im neuen Heim von Merzen Glück und Gottes Segen. Nach dieser Rede sprachen der Vertreter der jüdischen Gcmcindc zu Berlin, derselben Gemeinde, die den beiähigsten Schiller der Lehranstalt wegen seiner ehrlichen Verteidigung des Judentums vergewaltigt hat, und der Vertreter des Zentralvcreins deutscher Juden vom Standpunkte der Abwehr des Antisemitismus, wobei Justizrat Dr. Fuchs recht warme Töne fand. Nach einer Rede Dr. Rosenzweigs namens der Hörer sprach Rabbiner Dr. Maybaum in sehr langer Rede über die Trennung von Kirche und Staat in Amerika und Frankreich, über den unheilvollen Einfluss des jüdischen Staates auf die Freiheit der Wissenschaft, über die frühere Notwendigkeit eines Lehrstuhls für jüdische Wissenschaft an einer deutschen Universität und über die Zwecke der Lehranstalt. Nach einem Schlusswort Veit-Simons und einem Schlussgesang schloss die Feier. Am selben Abend fand ein von den Hörern veranstaltetcr Festkommers in der Philharmonie statt, der Schüler. Lehrer, Kuratoren und Gäste ln trauter Freundschaft vereinigte. Wir wünschen der ,.Hochschule“ in ihrem neuen Helm von Herzen ein gedeihliches Wirken für das Judentum und seine Wissenschaft. Verbandskontroverse Wir entnehmen dem MAINZER ANZEIGER vom 9. Oktober die folgende Zuschrift: Jüdische Staatsbürger. Man schreibt uns: Im Leitartikel in No. 240 Ihres geschätzten Blattes, in welchem Sic die Frankfurter Tagung des ״Verbandes deutscher Juden“ behandein, wird auch der Zionismus gestreift und von demselben gesagt: ״Diese Entrechtung der Deutschen jüdischen Glaubens ein wenig dagegen, weil ich mich einfach von meinen | Kindern nicht trennen wollte. Allein mein Sohn bestand darauf, dass die Landluuft den Kindern nötig sei und er übcrsiedelte mit seiner Familie in jene . . . Mörderhöhle . . . Ich blieb mit Rahel in der Stadt zurück. Seit der Zeit, wo mein Sohn sieh vermählt, hatte ich mein Geschäft und mein Vermögen, das zumeist in barem Oelde bestand, in seine Hände gelegt. Ich aber widmete mich der Gottcslehre und den jüdischen Gemeindeangelcgnheiten. Mein Sohn nahm auch unser Komptoir und mein ganzes Vermögen in das Dorf mit. und dahin 20gen mit ihm auch einige jüdische Junge Leute, diie in unserem Komptoir arbeiteten. Mehr als zwei Monate lebten dort unsere Kinder glücklich. Wir Alten fuhren bisweilen;hinaus und verbrachten dort ein oder zwei Tage. Meine Rahel, entzückt von dem frischen gesunden Aussehen der Kinderchen, die in der reinen Land- Uift sich sehr gut erholten, war selbst froh, dass man ihr nicht gefolgt. Nur eins wollte ihr durchaus nicht gefallen: Pan Ordzinski, der um diese Zeit bei seinem, wie er es nannte. Wohltäter, dem Magnaten Radziwill, lebte, kam fast täglich vorgefahren, jedesmal mit allerhand Geschenken für die Kinder beladen. Er benahm sich äusserst familiär, wie ein alter Hausfreund, sagte bei jeder Gelegenheit die ausegsuchtcsten Artigkeiten hat der zionistischen Bewegung in Deutschland viel Vorschub geleistet, einer Bewegung, die nicht nur die eigene Religion, sondern auch die eigene Nationalität dem Judentum erhalten und dieses zu einer Art Staat im Staate machen will.“ Diese Worte bedeuten eine so vollständige Verkennung des Zionismus und sind geeignet, ein so falsches Licht über dessen Ziele zu verbreiten, dass sie nicht unwidersprochen bleiben dürfen. In früheren Jahren, als der Zionismus noch eine neue Erscheiming. mag es wohl verzeihlich gewesen sein, wenn man in der Ocffentlichkcit über sein Wesen ungenügend unterrichtet war und sich ein unrichtiges Urteil über ihn gebildet hatte. Nachdem der Zionismus jedoch zu einer grossen Bewegung geworden ist die in öffentlichen, von der ganzen Welt beschickten und beachteten Kongressen seine Ziele regelmässig diskutiert und festlegt, sollte kein Missverständnis mehr obwalten bezüglich seines in lapidarer Kürze fixierten Programms, das die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstatte in Palästina erstrebt. Wenn dem gegenüber immer noch von dem Zionismus als einer Bewegung gesprochen wird, die eine Art Staat im Staate schaffen wolle, so bleibt seinen An- Itängern nichts anderes übrig, als eine derartige Darstellung mit aller Entschiedenheit ziirückzuwcisen und iimncr wieder zu betonen, dass der Zionismus diejenige Bewegung ist. welche sich zum Ziel gesetzt hat. neu vielen Tausenden von Juden, welche in den Ländern der Unkultur unaufhörlich bedrängt, beraubt, gepeinigt, gemordet und verjagt werden, auf dem historischen Boden ihrer alten Heimat eine neue Heimstätte zu schaffen. L)ic Intellektuellen der Juden aller Länder stellen au der Spitze dieser Bewegung und schon regen sich Tausende von Händen in selbstlosem, munterem Fieisse. um Palästina für eine jüdische Sicdelung in grösserem Stile v<*rzubereiten. durch Verbesserung der Landwirtschaft, durch Erschliessung neuer Erwerbsquellen, durch Gründung von Genossenschaften und Banken usw. wirtschaftlich zu heben. Und an diesem lauteren und erhabenen Ziele sollte man nicht mehr zu mäkeln suchen. Die Zionisten sind treue Anhänger des jüdischen Stammes, nach einem Kaiserwort hindert das nicht, treue Deutsche zu sein und sie wissen sich bezüglich ihres Staatsbürgertonis einig mit den Vertretern des Verbandes deutscher Juden, die in Frankfurt tagten. Es war um so weniger Anlass, bei dieser Gelegenheit in der Presse das Wort von einer Art Staat im Staate zu gebrauchen, als der Referent. Herr Rechtsanwalt Dr. Löb-Mainz, den Zionismus objektiv behandelte und von seinen durchaus günstigen Wirkungen berichtete. Die neue Zelt ln Ungarn In dem Dorfe Nagy-Totfalu (Biharer-Kornitat) drangen dieser Tage einige Bauernburschen In den Laden eines jiidisehen Kaufmannes, schleppten diesen aut die Strasse, wo sic ihn unter lautem Beifall!von etwa 200 Bauern arg zurichteten. Dann stürmten sie das Haus des Opfers und demolierten cs fast vollständig. Hierauf ergriffen sie einen zufällig des Weges seinem Sohne, die, schönsten Schmeicheleien dessen Frau. Mein Sohn scherzte über derartige auffällige Höflichkeit und!nass dem keine Bedeutung bei. Er vernachlässigte auch im Dorfe unsere Geschäfte nicht. Pan Ordzinski verstand es, sielt in das Vertrauen meines Sohnes ׳einztisclileichen, besonders, als es durch Vermittchmg dieses Pan meinem Sohne gelungen war, dem vornehmen Pan Radziwill vorgestcllt zu werden und von demselben einen überaus vorteilhaften Auftrag zu erhalten. Ordzinski tiberbrachtc meinem Solmc höchst schmeichelhafte Aeusserungen, die. der stolze Radziwill über seinen neuen Kommissionär gemacht haben sollte. Und als Zeichen seines Wohlwollens kehrte sogar der edle Pan Radziwill einmal selbst, begleitet von dem als Kutscher fungierten Ordzinski, bei meinem Sohne eip, was er als sehr hohe Ehre angesehen. Und Radziwill, sonst beständig mürrisch und aufbrausend, war diesmal ungemein freundlich gegen meinen Sohn, liebenswürdig und aufmerksam gegen dessen Frau. O diese edellicrrliclic Freundlichkeit! — Sic sei verflucht! . . . . (Fortsetzung folgt.) r־