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Jüdische Rundschau · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 43 Seite 470 zuschätzen, wenn sie nicht gleich von ״heute auf morgen“ die erwarteten Resultate erzielt. Ist doch die Möglichkeit, vor der grossen, breiten Oefientlichkeit eine Tagung wie die Frankfurter zu veranstalten, nicht nur ein grosser Schritt weiter, sondern der Anfang einer wahrhaft erlösenden Tat. Und in diesem Bewusstsein sollte sich zunächst die Jüdische Frau aus Nord und Süd zu einigen suchen und Jede willkürliche Treunung vermeiden. Aber —* schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort — da spricht man ohne Scheu von einem geistig niedrigen Niveau — und doch müssen die drei dem Drucke übergebenen Hauptreferate diesen Beweis erst dem Urteil weiter Kreise überlassen. Im übrigen war es Ja Jeder Diskussiems־ rednerin überlassen, die Tagung diesbezüglich zu vcrvollkommnen. Man klagt über Verworrenheit und Unklarheit, während die neu gefassten Beschlüsse, wie Gründung von Propagandazentralen, von neuen Ortsgruppen, die als Aukunftstcllcn dienen sollen. Vcrcinsorgan. Wandervereine, Statistische Konimission zur Bearbeitung jüdischer Frauctiangclcgenheiten und noch anderes, doch gerade das Gegenteil beweisen. Und endlich gipfelt man seinen Unmut in dem Vorwurf eines einfältigen Personenkults, der überhaupt die süddeutschen Frauen nach Frankfurt geführt hätte — eine schwere Beschuldigung, die unser aller energischen Protest herausfordern müsste, wenn nicht der tiefe, sittliche Krnst und die Aus- Schaltung aller Klassengegensätze, die beide durch die Frankfurter Tage zogen, ganz von seihst dagegen sprechen würden. Und mm das Resümee des Frankfurter Frauentags. -״- Nicht norddeutsche, nicht süddeutsche, sondern jüdische Frauen waren es. die auseinander gingen mit dem erhebenden Bewusstsein inniger Zusammengehörigkeit mit einem Herzen voll Mut. einer Summe von Anregung zu einer fruchtbringenden Tätigkeit — Frauen, die unbewusst bereits auf ״national-jüdischem“ Boden stehen und die sich eines Tages in bewusst nationale m I: m p f i 11 d e n zu uns finden werden. Elise G u 11 n! a n n. נ\י*מר Rundschau Das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums hatte am Sonntag die Wohltäter der Anstalt zu einer ausserordentlichen Generalversammlung nach dem neuen Gebäude, Arfilleriestr. 14. eingeladen und damit gleichzeitig eine Besichtigung des schmucken Lehrgebäudes, das Dienstag feierlich ciugcwciht wurde, verbunden. Der Vorsitzende des Kuratoriums. Herr Justizrat Veit Simon, begrüsstc die Versammlung und gab in kurzen Zügen ein Bild von der Ent- Wicklung des Planes und der inneren wie äusseren Gestaltung des neuen Heims, gedachte der grossen Schwierigkeiten mate- Heller und moralischer Natur, dabei aber auch der Liebe und Opferfreudigkeit, mit der ihre Gründer. Gönner und Freunde für die Sicherstellung der Lehranstalt eingetreten sind. Sodann legte Herr Justizrat Veit Simon den Zweck der Vcr- Sammlung von der Einweihungsfeier dar; u. a. machte er beziiglich der Ernennung von Ehrenmitgliedern Vorschläge, die von der Versammlung genehmigt wurden. Darunter befindet sich der 88jährige Sanitätsrat Dr. Neu m a n n. Ferner wurde an Stelle des Herrn Georg Meyer, der sein Amt nicdergelegt hat, Herr Justizrat Dr. Mosse in das Kuratorium gewählt. — Hierauf hielt Herr Dr. A. S. Y a h u d a einen beifällig angenommenen Vortrag über ״Die wissenschaftlichen Aufgaben der Lchranstal t*\ welche jetzt ein eigenes Heim erhalten hat. Die nunmehr geschaffene dauernde Stätte bezcichnete Redner als ein unvergängliches Verdienst des Kuratoriums und namentlich seines Vorsitzenden, Herrn Justizrat Simon. Er gedachte auch des sei. Stadtrats Mayer. Bcrthold Simon. Prof. Lazarus und des Seniors des Kuratoriums, Herrn Sanitätsrats Neu mau n, und ging dann über zu der Frage, was die Lehranstalt will. Auf der Fassade über dem Eingang zu dem Gebäude, stellt in grossen hebräischen Lettern zu lesen: לתורה ולהבסת Die Lehranstalt hat sich schon von Anfang an die Aufgabe gestellt, traditionelles Judentum neben strenger, von jeder dogmatischen Voraussetzung freien Wissenschaft des Judentums in sich zu vereinigen. Die Lehranstalt will nicht bloss Rabbiner ausbilden. sondern jedem ohne Unterschied des Berufes und der Religion, der sich über jüdische Religion, jüdische Ethik, jüdische Religionsphilosophic. Literatur und Geschichte unterrichten will, Belehrung verschaffen. Dies war die A b s i c 111 der Gründer der A n s t a 11 und dies sei auch die Absicht der heutigen Leiter derselben geblieben; nur sind die Pflichten jetzt bedeutend gewachsen. Es soll jetzt zur Lösung all derjenigen Aufgaben geschritten werden, die sowohl der Zweck der Lehranstalt als auch die Ehre des Judentums erfordern. Vor allem gelte es. die biblische Exegese in die richtigen Halmen zu leiten und zu zeigen, wie manche r e 1 i g i 0 n s g c s c h i c 111 - liehe Hypothese, manches litcrarhistorisehe Ergebnis hinfällig wird, sobald das richtige Verständnis für den Text selbst erschlossen ist. Redner schloss mit der Versicherung, dass die Lehranstalt all ihren neuen Aufgaben gerecht werden wird. — Alsdann wurden die Einrichtungen des Gebäudes besichtigt, das die Architekten Hoeniger und Sedlmaier ausgeführt haben. Am Dienstag wurde das neue Gebäude der Lehranstatt in Gegenwart des Ministers Dr. Holle, des Polizei- Präsidenten, der Vertreter der Stadt Berlin usw. seiner Be- Stimmung übergeben, wobei Herr Justizrat Dr. V c i t - S i m o n die Feier nach einem ׳vom Chore gesungenen Psalme eröifnete und einen Rückblick auf die Geschichte und einen UebcrbJick über die Ziele der Anstalt gab. Dann erwiderte der Herr Kultusminister Dr. Holle mit folgenden Worten: Nachkomme unseres ehedem so zahlreichen Geschlechts war. Es ziemt dem Vater nicht, sein Kind zu loben, allein in bezug auf meinen Sohn war ich nicht durch väterliche Empfindung gebl'cndct. Ich batte vollkommen Ursache, auf iim stolz zu sein, nicht nur als Vater, sondern auch als Jude, als Mensch. Und in diesem einzigen Sohne lag all unser Stolz, unsere Hoffnung, wie jetzt — ach! — in diesem Kinde, das wie durch ein Wunder von den herzlosen Mördern verschont geblieben . . . . Weh mir, wehe!“ Der Greis bedeckte das Gesicht mit beiden Hiinden und verstummte. Seine Brust wogte, durch seine dürren Finger drangen grosse. Tränen. Don Pedro sass bestürzt da, Daniello wischte sich die Augen und richtete sie dann auf die Tür, welche ihn von dem Mädchen, von dem jetzt die Rede war, trennte. ״Ich hatte meinen Sohn früh verheiratet,“ fuhr der Rabbiner, sieb gewaltsam beherrschend, fort. ״Die Vorsehung gab ihm ein seltenes Mädchen zur Lebensgefährtin. Sie war eine elternlose Waise und arm, sehr arm. Aber wir strebten nicht nach einer grossen Mitgift; wir waren ja selbst wohlhabend. Dafür war meine Schwiegertochter wunderbar klug, herzensgut und von ungewöhnlicher Schönheit. Meine Enkelin ist nur ein sehr schwaches Abbild ihrer Mutter. Und diese grosse Schönheit, diese Gabe Gottes wurde ihr und unser aller Verderben; diese Schönheit mordete meine arme Schwiegertochter, meinen Solm seine drei Kindereben. Das war vor etwas über 10 Jahren — meine Enkelin hat vor kurzem ihren elften Geburtstag gehabt. Der Sommer war ungewöhnlich heiss. Mein Sohn war mit seiner Familie auf einige Zeit nach einer kleinen Villa eines bekannten Schlachzizen Ordzinski ubergesiedelt, die in der Nähe der Besitzung Radziwill, fast unmittelbar am Ufer der Weichsel lag. Dieser Schlachziz war mir und meinem Sohn vielfach verpflichtet, und mehr als einmal halfen wir ihm in seinem unsteten, flatterhaften Leben. Ich bemerke ausdrücklich, dass 'Aeder ich noch irgend einer meiner Vorfahren sich je- .nals mit dem gottwidrigen Wucher befasst haben; wir halfen diesen Menschen lediglich darum, weil er es verstand, uns mit seiner geheuchelten Gutmütigkeit zu umstricken Nur Rahel traute ihm nicht und warnte uns wiederholt vor ihm. Und als dieser Bösewicht, unter dem Deckmantel von Freundschaft und Liebenswürdigkeit, meinem Söhnt־ zu redete, «auf seiner Villa, die e ilnn gern abtrete, zu verleben, da war wiederum Rahe}, die zuerst gegen die Ucbcrsicdelung meines Sohnes in die menschenleere Gegend protestierte. Auch ich war

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