Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Üo. 43 JÜDISCHE küNDSCHAU. feuert. Während des ganzen Tages wurden in den vcrschicdensten Stadtteilen die jüdischen Passanten mehr oder weniger schwer verwundet, ficke Kondratenko-Strasse und Alexander- Prospekt überfielen Huligans den achtzehnjährigen Hirsch Zep und versetzten ihm Messerstiche. Als die Hooligans beim Anblick der herannahenden Schutzleute von ihrem Opfer Hessen, wurde Zep in bewusstlosem Zustande, aus fünf verschicdencn Wunden blutend, in die nächste Apotheke gebracht. Der hcrbeigcholtc Arzt konstatierte den sehr ernsten Zustand des Verwundeten und liess ihn nach dem Krankenhaus bringen. So wirtschaftete das Schwarze Hundert den ganzen Tag hindurch und wurde fast nirgends durch die ihm befreundete Polizei in seiner Tätigkeit gehindert. Hin rührender Pall p״lizeilicher Intervention spielte sich aui der Preobrajcnskaja- Strasse ab. Hier verletzte sich ein Hooligan, der mit dem Beine das Schaufenster im Hutgeschäft Margulis einstiess, das Bein an den Olasspiittcrn. Ein Schutzmann eilte ihm zu Hilfe herbei, legte ihm einen Verband an. brachte ihn auf eine Droschke, und der Hooligan fuhr davon. Am folgenden Tage erneuerten sich die Unruhen. Die aui dem jüdischen Ericdliofc zu einer Beerdigung versammelten Juden wurden von ״Verbändlern“ cinge&chlossen und misshandelt. Auf der Mjcschtschauskaja und Boljschaja-Arnautskaia wurden Fensterscheiben eingeschlagen, auf dem Priwusny- Platz wurde ein gewisser Meines verwundet, auf der Preobrajenskaja wurde der 18jährige Chi«0! durch einen Messerstich in die Schulter verwundet, aui der Basarnaja fanden zwei Verwundungen, auf der Jcwreiskaiu eine Verwundung statt, in den verschiedensten Stadtteilen wurden an diesem Tage die jüdischen Passanten geprügelt und misshandelt. Gegenwärtig herrscht hier .,Ruhe", d. 11. die übliche Odcssacr Ruhe, wobei die kleinen Strassenskandale und Miss- Iiandhmgen überhaupt nicht in Betracht kommen. Jeder m׳ch so geringfügige Anlass versetzt indes die jüdische Bo.öU.ertmg in 11 eile Todesangst: es bedarf nur eines provokatorischen oder ernsten Attentates atu irgend einen Polizeibeamten oder Detektiv — und solche Eälic gehören hier zu unserem alltäglichen Brote ־-. um den auf das Schlimmste gefassten Odcssaern die Pogrom-Perspektive mit all ihren Schrecken vor Gemüt zu führen. Wie sehr die öffentlichen Verhältnisse unter dem permanenten Kriegszustände, in welchem wir uns hier de jure und de facto befinden, leiden müssen — braucht nicht erst gesagt zu werden: der gesellschaftliche Lebensnerv ist sozusagen total gelähmt. Die progressive Presse ist voll von Klagen über den ungeheuren ökonomischen und sozialen Rückgang der Stadt, der in <!er letzten Zeit erschreckende Dimensionen angenommen habe. Wer nur irgend kann, beeilt sich, dieser gottverlassenen Stadt, deren Lnt- Wicklung sich anscheinend auf abschüssiger Balm bewegt und die dein gewissen Untergang cntgcgencilt. den Rücken zu wenden. Kein Mensch erwartet etwas von den unverdrosscnen. tragikomischen Bemühungen unserer jüdischen Honoratio¬ Seite 469 ren bei den hiesigen Machthabern, kein Mensch hört mehr auf die stereotypen, mit der Regelmässigkeit des Sonnenaufganges wicdcrkchrendcn Versicherungen unseres neuen Generalgouverncurs. dass ״die energischsten Massregcln getroffen sind usw.“ Die Schrecken und Gewalttaten der allerletzten Zeit hatten bereits eine stärkere Lmigrationsbcwcgung zur Folge. Das Odcssacr Informationsburcau für Emigranten hat gegenwärtig täglich unzähligen F'amilien über Emigrationsfragen Auskunft zu erteilen.*) Viele geben einfach ihre Geschäfte auf, die ihnen und ihren Familien den Lebensunterhalt sichern, um nur das unwirtliche Land hinter sich zu haben. Gar mancher Emigrant geht so in die weite Welt hinaus, ohne irgend eine Vorstellung davon zu haben, wo und wie er ein neues Heim finden wird. Noch weniger beneidenswert sind indes die. welche gezwungen sind, hier zurückzubleiben. Diese fühlen sich von Gott und Menschen gleich verlassen. Einen traurigen, herzzerreissenden Anblick bieten abends die jiidi— sehen Familien, die gruppenweise vor den Haustüren stehen, um nach anstrengender Tagesmiihe etwas frische Luit zu atmen, ohne sich nur einige Schritte auf die Strasse hervorzuwagen. Der düstere Eindruck der spärlich beleuchteten weiten Strassen entspricht der allgemeinen gedrückten Stirninting. Die dichte, längs des Strassendanunes sich hinzicliendc Reihe von Bäumen rauscht geheimnisvoll: die Zeugen des Strassenleheiis scheinen einander die schrecklichen Geheimnisse des Tages zuzuflüstern. Die Brust schnürt sich einem zusammen, und unwillkürlich drängt sich die alte. zwecklose Frage auf: Wie lange, wie lange noch? . . . Dr. M. G. LochntrJs der II. Deleniortentac! 9 *j *j das Jüdischen Frausa&uncss Schade - dieses Wort, das Frl. Berliner eingangs ihres Berichtes über die obige Tagung in No. 42 Ihres!Mattes gebrauchte, mochte ich aufgreiien, um ebenfalls zu sagen: schade, jammerschade, dass zwei so junge, ihre Nation mit so bcwussten! Stolze vertretende Jüdinnen, wie Brl. Baretli und Frl. Berliner, so wenig Einblick und Ausblick, daiür aber umso-!!!ehr Nörgelei und Tadelsucht für eine Institution bekunden, u eiche von einem grossen, begeisterten Willen ins Leben gerufen, sich aber noch im Anfangssiadiun! befindet, und deshalb vielleicht noch manchen Felder und Mangel ״allzugrossser Jugend" besitzt die aber jetzt schon zu den schönsten und segensreichsten Hoffnungen berechtigt. Wer, wie Schreiberin dieses, auf eine jahrzehntelange, jüdisch-weibliche Indolenz und Indifferenz, ja auf eine beinahe allgemeine Ablehnung für jede jüdische Betätigungsart, die nicht in den Rahmen des Ritus gehörte, zurückblickt, der weiss eine Schöpfung, wie die des Frauenbundes, wohl zu w ürdigen. Er weiss sie auch dann ein- *) Die gleiche Erscheinung macht sich beim Informations• burcau unseres Palästinakomitecs bemerkbar. ״Sic liabcn meine Kunze Familie erschlagen, mich, einen feurigen Menschen voll Leben, Streben und Hoffen, in einen siechen Greis verwandelt, in eine wandelnde Leiche; sie haben die Gesundheit meines teuren Weibes untergraben, das fast erblindet ist von Tränen; sie haben meine süsse Enkelin zu einer elternlosen Waise gemacht, die nun ausser uns keinen Menschen auf der Welt hat. O, w enn nicht dieses Kind, das unsere ganze Glückseligkeit ausmaeht, lebte, w ir, ich und mein Weib, wären schon längst dort .... vor dem höchsten Richter! Denn mir fiir dieses Kind leben und atmen wir!“ ״Verzeihen Sie. mein Freund, verzeihen Sie mir . Ich habe gegen meinen Willen traurige Erinnerungen in Ihnen wachgerufen. Lassen wir das. Wozu vernarhete Wunden wieder aurreissen?“ ״Ach nein. Diese tiefe Wunde war nie vernarbt, wird nie vernarben, bis meine Augen sich schliessen zum ewigen Schlafe.“ ״Uebrigens — gestatten Sie mir die Bemerkung — Sie sind den übrigen polnischen Juden gar nicht ähnlich, Rabbi. Sie sind nicht in Polen geboren, nicht wahr?“ ״Eine ähnliche Wahrnehmung glaube ich au Ihnen gemacht zu haben, verehrter Herr Doktor. Auch Sie scheinen nicht in Polen geboren zu sein. Ich fühle, dass mich ein unbestimmtes Etwas zu Urnen zieht. Und ich werde ihnen alles erzählen, alles. Ich möchte mein Herz erleichtern. Wollen Sie es hören?“ ״Gern, wenn die Erzählung Sie nicht zu sehr echauffiert. — Sie haben es erraten, ich bin kein Pole, sondern Spanier. Mein Name ist Pedro Miguel Sphardici.“ ״In diesem Falle sind wir gewissennassen Landsfeute.“ ״Wie, stammen Sie auch aus Spanien?“ ״O nein. Aber meine Vorfahren zählten zu den alten spanischen Familien. Mehrere Generationen meiner Familie haben in Cordova gelebt, bis die IuquL sition über sie hereinbraeh . . . ״Di'es alles weiss ich, vereintester Rabbi. Ich bin Spanier, der die Geschichte seines Vaterlandes mit allen seinen Auswüchsen genau kennt.“ ״Auch meine Grosscltern mussten, um sich der Verfolgung» zki entziehen, auswandern. Mein Grosse vater kam bis nach Warschau, wo auch ich geboren bin. Ich habe mich auch dort mit meiner Rakel vermahlt. Ich arbeitete gemeinschaftlich mit meinem Vater und nach dessen Tode ging das Geschäft, das er hier betrieben, auf mich und mcjncn Sohn über, meinen einzigen, der, wie ich vermute, d'er letzte männliche «י |יי *%״*-־•־