Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651543--05131-2662139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 43 Seite 468 JÜDISCHE RUNDSCHAU. so verspürt er doch ab und zu das Bedürfnis nach grossen Aktionen, nach einem förmlichen Pogrom mit all seinen grauenhaften Begleiterscheinungen. Einen solchen Tag hatte unser Pöbel am vorletzten Sonntag, der länge im Gedächtnis der erfahrungsreichen und an manche Uebcrraschungen gewöhnten Odcssacr Juden bleiben wird. Der Abschaum der bunten Bevölkerung Odessas, alles, was diese viertgrösstc Stadt Russlands an dunklen Ehrenmännern, Halsabschneidern und verbrechcrischen Elementen aller Art besitzt, erschien an diesem denkwürdigen Sonntage auf der Oberfläche und feierte seine wüstesten, schauerhaitesten Orgien. Es war ein förmlicher Hexensabbat menschlicher Bestialität. Die Plünderungen und Misshandlungen cn niasse, die verzweifelte, panikartige Stinimung der jüdischen Bevölkerung, die unzähligen Schwerverwumieten — alles erinnerte an die üblichen Sclireckensszenen der grossen Pogrome. Als Anlass benutzten die Banditen vom ״Verbände des russischen Volkes" die Beerdigung des ermordeten Gehilfen des Leutnants der Geheimpolizei Dclphinsky. Den Reigen eröffnete eine an der Spitze des Trauerzugs marschiercnde 30 Mann starke Gruppe der Knmpiesorganisation des ״Verbandes" in gelben Blusen und gelben Mützen mit blauen Rändern. Ihnen folgten die für unsere Pogrome cliarakteristischen halbwüchsigen Burschen. Ihre ״Tätigkeit" bcgamicn die Hulignns auf der Troitzknjastrasse in der sogenannten kaufmännischen Teewirtschaft A. Kleemanns. Während der Mittagsstunde drangen die Banditen pfeifend und •johlend in die überfüllte Wirtschaft, zertrümmerten alles, was ihnen in die flande kam, folgten dann den in Entsetzen geflüchteten Besuchern in den Mol und in den Keller, schossen aus Revolvcrn und verursachten eine unbeschreibliche Panik unter den Hausbewohnern. Nach drei Stunden kam eine zweite Gruppe Kxzedenten in die Wirschaft, die diesmal viel griiudlicher zu Werke ging. Im Hofe ertönte bald eine Salve, durch die der greise Owsjanik, Abraham Ornisch und Moses Ostrowsky verwundet wurden. Ornisch erhielt eine schwere Darmverletzung, Ostrowsky fühlte zunächst die Verwundung der Wange nicht und versteckte sich auf dem Abort, als cs etwas ruhiger wurde, wagte, er sich hervor; kaum hatte er aber zwei Schritte gemacht, da zerschmetterte ihm eine zweite Kugel den Kiefer, Der Unglückliche sank zusammen und stürzte in den anliegenden Keller hinunter. — Von der Troitzkajastrassc aus breiteten sich gleich am Anfang die Ausschreitungen auf die ganze Umgegend aus. Besonders stark wurden die Prcobrashenskaia, Usjrcnskaja, Ekaterinowskaja, Nowo-Rybnaja, Staro-Rjesnitsclmaja. Boljsehaja, Arnautskaja, Basarna/a u. a. Strassen heimgesucht. Gründlich ausgepliindert wurden das Hut- und Pelz Warengeschäft von Solodowsky, das Delikatessengeschäft von Lekacii, die Ulircuhandlimg Slotnikows. der Bücher- und Zeitungskiosk Kotlars und andere mehr. Schwer verwundet wurden ausser den Erwähnten unter aiuieren Grdgoirc Silberstein. Samuel Goldsclunidt, der zwölfjährige Krasilnikow, der drei Stichwunden erhielt, P. Edelmann, Schreibmann und viele andere. Ecke Nowo-Rybnaja- und Ekaterinowskajastrassc spielte sich nach dem Berichte der ODESSKIJA NOWOSTI folgende herzzerreissende Szene ab. Die ״Gclbe-Bluse-Mümter" umringten den Metzger Jacob Gutowitsch, der mit Frau und Kind vorüberging. Der entsetzte Gutowitsch suchte die drohenden Hooligans durch Bitten zu rühren. ״Du bist ein Jud’ und musst sterben!" rief einer der Hooligans und schwang das Messer. ״So verschonet doch wenigstens meine Krau und mein Kind. Nehmet mir das Leben, sie aber lasset in Ruhe," flelitc mit bebender Stimme der Unglückliche. Ein Messerstich in die Sclmltcrknochcn war die Antwort. Gutowitsch stöhnte und geriet ins Wanken. In diesem Momente wurden ihm in Rücken, Kreuz und Kopf Messerstiche versetzt und er sank den Raubmördern zu Missen zusammen. Die Frau und das Kind schrieen indessen aus Leibeskräften. ״Maul halten!“ herrschte einer der Kolter* knechte Frau Gutowitsch an und schwang über sic das vom Blute ihres Mannes gerötete Messer. Aus der Mitte der Hooligans trat aber jetzt ein junger Mann hervor und ergriff seinen Kollegen am Arm. ״Lass gut sein. Weiher wollen wir in Ruhe lassen," sprach er. Diese Intervention benutzte Krau Gutowisch; sic nahm das Kind, ergriii die!־lucht und verschwand in dem Piortchen eines benachbarten Hauses, das sich rasch vor ihr auftat. Ecke Prcobrashenskaia und Boljschaia- Arnautskaja bei der Haltestelle der Pierdebalni. spielte sich indessen eine andere Szene ab. Die Exzedenten sprangen in den Wagen der Pferdebahn, wo sic sich auf die jüdischen Passagiere stürzten. Diese stürzten hinunter und fliiclncten sich in die benachbarten Höfe. Einer der Hooligans bemerkte eine erschreckte Krau mit einem Kind auf dem Arm, hielt sie für eine Jüdin und entriss ihr das Kind. ״Gebt mir das Kind zurück,•‘ schrie verzweifelt die Mutter, ״ich bin eine Rtisvjr־; jetzt erschien aber ein Detachement von Schutzleuten und die Exzedenten zerstreuten sich nach allen Richtungen, w<׳!׳d sie das Kind mit sich wegsclileppten. Die Krau wurde ohnmächtig. Ecke Makija Arnautskaja und Semskaja-Strasse kmmten die Voriibcrfahrenden die folgende Szene mitansehen. Vor der Trinkhalle des Abraham Einkclstoin blieb eine Droschke stehen, ans der ein kleiner Knabe, der Sohn EinkeSsteins. ausstieg. Die vorübergehenden Hooligans fielen über den Knaben her. Einkelstein bemerkte dies, stürzte auf die Strasse hinaus, ergriff den Jungen und wollte in die Trinkhalle zurückeilcn, als einer der Hooligans das Messer zog und ihm mit dem* selben zwei Stiche versetzte. Einkelstein sank zu Buden, der Junge entfiel seinem Arm und verletzte sich am Pilaster. Kran Einkelstein wurde bei diesem Anblick ohnmächtig. Der her* beigeholte Arzt gewährte beiden ärztliche Hilfe. Am schlimmsten trieben es die ״Verbändlcr" in dem von den ärmsten Schichten der jüdischen Be.völkenmg bewohnten Stadtteil Moldawanka. Unter anderem bombardierten sie mit Steinen und Rcvolverschiisscn das jüdische Krankenhaus. Stundenlang wurden in Moldawanka Salven auf Salven ab ge- Blicken an, wie man einen Menschen ansieht, der plötzlieh wahnsinnig geworden ist. ״Jawohl. Pan Potocki und alle polnischen Paris, soweit ich sie kenne, sind bejammernswerte Bettler. Denn sie, ihre Väter und Urväter haben durch Arbeit keinvn Strich Bodens, keinen Gulden, keinen einzigen Stein ihrer fürstlichen Paläste erworben. Diese uuermesslichcn Strecken Landes, diese tausende Dörfer, diese unversiegbaren Schätze gehören dem Volke, den Leibeigenen, die dies alles mit ihrem Scliweisse und Blute, mit ihrem Leben, erworben; und all dieser Reichtum ist gestohlen, geraubt, erpresst der Bauernschaft. Der Ade! hat nichts eigenes; ihm gehört selbst das Hemd auf dem Lcil/o nicht. Welches Recht haben die!,ans, zu schenken, wenn sie selbst nicht das Recht haben, zu gemessen, was ihnen lediglich die Gewalt, die Anarchie, gegeben? Ihre Gnade, ist beleidigend, ihr Reichtum fluchbeladen und ihre Gvossmut bringt eitel Unglück. Nein, eher stiirbe ich vor Hunger, bevor ich von irgend einem Pan ein Brotkrümchen antiehme. Lieber dulde ich die Reitpeitsche der Paus auf meinen Schultern -- das ist wenigstens ihre ureigene Eigenschaft, ihr unveräusserlicher, angestammter Besitz. Jetzt begreifen Sie mich hoffentlich, edler Don Pedro!“ Der Anblick des Rabbiner war in diesem Moment grandios. Seine gebeugte Gestalt straffte sielt, er wurde, um Kopfeslänge grösser, seine Brust hob sich mächtig, seine Rechte war ausgestreckt, als wollte er irgend eine unangenehme Erscheinung verscheuchen, und auf seinem Angesicht war die Empfindung grenzenlosen Ekels, Abscheus und äussersfer Verachtung den11 ich ausgedrückt. ״In Ihren Worten, verehrter Rabbi, liegt viel Wahres. Die Sklaverei, die Knechtschaft hat den Adel geschaffen. Allein überall, wo Menschen wohnen, gibt es Bedrücker und Bedrückte, überall - tritt jenes natürliche Recht hervor, das Recht des Stärkeren. Dieses natürliche Recht wird nur dann sich ändern, wenn alle Naturgesetze sich anders gestalten. Und ich glaube, dass Sie, Rabbi, sielt doch ein wenig zu sehr hinreissen lassen in der Beurteilung des Adels." ״Möglich, möglich .... Mag mir’s der Allgiitige verzeihen. Möglich, dass ich ungerecht biti . . . vor Leidenschaft, vor Zorn . . . Indes, was soll man mit seiner kleinlichen Natur nnfangen? Und ich soll es vergissen? Kami ich es vergessen?“ entschuldigte sieh der Rabbi und drückte beide Hände vor die Augen. ״Wie ich sehe, Rabbi, scheinen Ihnen die!,ans viel Böses zugefiigt zu haben!“ ״Böses, sagen Sie?" rief der Greis aufspringend.