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Jüdische Rundschau · 1907-10-25 · Heft 43 (25.10.1907) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 467 einen solchen Brief von mir veröffentlicht. Der Inhalt dieser ״meiner" Briefe ist ungefähr folgender: ״Mein gutes Volk! Ich gebe dir kund und zu wissen,* dass ich weder tot noch lebendig bin. Ich liege mit meinen sechs kleinen Kindern auf der Strasse, habe über 800 Dollar Schulden, bin stockblind, sehe nicht einen Cent vor meinen Augen usw.“ Dass ich einen solchen Brief geschrieben habe, entnimmt die Wiener NEUE FREIE PRESSE einer jüdischen Quelle — ein sicherlich unariechtbarcr Beweis für seine Echtheit. — So schmerzvoll die Dinge um mich auch stehen mögen, ich musste doch!aut auflachcn. Ist's nicht eine wunderbare Idee? Ich habe gerade genug an meinen zwei Kindern und sie behaften mich mit sechscn. Ich erwarte Jeden Augenblick aus ״meinem" kleinen Hause hinausgcschniisscn zu werden, well die Hypothekenlast allmählich grosser wird als die Erträgnisse der Dichtungen, und in Wien schreiben sie, ich liege bereits auf der Strasse. Nicht genug, dass ich gezwungen bin, vier Paare von den besten Spezialisten hergcstelltc Augengläser zu gebrauchen und doch kaum weiter sehe als meine Nase reicht: sie,!:1 Wien müssen mich ä tont prix stockblind haben. Und als ob cs nicht schon schlimm genug wäre, dass ich keinen Cent mein Eigen nenne, müssen sie mir n״c!1 Schul־ den von mehreren Hundert Dollars zuschreiben. Was ist’s eigentlich mit Europa? Es scheint, dass sie dort die russische Revolution beiseite geschoben und an ihrer Stelle mich aufgeri fen haben. Denken Sie einmal: Man greift ein Emze]individ1:.;n auf. ärgert cs zu Tode, wo man doch zur selben Zeit vier Kongresse mul einen Guerillakrieg hat, mit denen man sich doch eingehender beschäftigen sollte! Ich meinen den Ziomsteii־. Sozialisten-, Anarchisten- und den ״ist"*10sen Fricder_>kongress und einen Guerillakrieg in Marokko. Wäre es rächt vorteilhafter gewesen, wenn die Presse sich auf diese vier Kongresse geworfen und mich hätte ungeschoren sein lassen? Wäre es nicht zweckdienlicher gewesen, wenn sie den jüdischen, den Zionistenkongress aufgegriffen hätte, als einen einzigen Juden, der kaum noch lebt? So bin ich denn vor einiger Zeit gestorben, und jetzt, da ich wieder ins Leben zurückgerm'en wurde, werden mir wieder Briefe an europäische Zeitungen zugeschrieben, von denen ich niemals auch nur geträumt habe. Schliesslich ist cs noch besser, dass ich über meinen Tod lese, als andere, selbst meine besten Freunde —und es ist immerhin besser, dass mit meinem Porträt versehene Briefe in meinem Namen gcschrieben werden, als wenn ich mit Stillschweigen übergangen würde, wie einer, dessen ״Sein oder Nichtsein" weder Freude noch Schmerz bereitet. (JEWISH CO MM ENT. Baltimore.) Die jüngsten Schreckenstage in Odessa Vom Spczlalberichterstatter der WELT. Die russischen Juden sind im allgemeinen, was Sicherheit der Person und des Eigentums anbetrifft, nicht übermässig verwöhnt Immerhin ist der gesamte Ansicdciungsrayon noch ein Paradies, ein Gottesreich auf Erden im Vergleich mit der Hauptstadt des Schwarzen Meeres. Seitdem man im heiligen Zarenreiche von den katastrophenartigen Judcnahschlachtungen cn masse zum systematischen Terror im kleinen übergegangen ist. fühlt sich in Odessa, wo dieses neue strategische System des «Verbandes des russischen Volkes“ zur höchsten Blüte gelangt ist, jeder Jude wie ein zum Tode Verurteilter. Man lebt hier wie am Krater eines rauchenden Vulkans, wo in jedem Augenblick die glühende Lava mit elementarer Gewalt hcrvorbrechcn und alles um sich zerstören und im Schutte begraben kann. Täglich und stündlich durchziehen die Horden des ״Schwarzen Hunderts" oder, wie sie in letzter Zeit genannt werden, die ״Gelbc-Blusen-.Männcr“, die Strassen Odessas, übereil Entsetzen um sich verbreitend. Unaufhörlich wird die jüdische Bevölkerung terrorisiert, Männer, Frauen und Kinder au: offener Strasse misshandelt, und — ״die Polizei ist machtlos". Wer 11.it blossem Prügeln davonkommt, kann so wenig auch Stöcke und Guinmisehläuche der Hooligans zu verachten sind — noch von Glück sprechen; in der letzten Zeit sind aber die Verwundungen durch Messerstiche und RcYolvuschüsie sehr häufig geworden. Mit Revolvern ist der Oäcssaer Pogrom:!jbel reichlich ausgestattet: als unsere w ohlloi liehe IV.izei in den glorreichen Oktobertagen des Jahres WS mit der jüdische;! ״Selbstwehr״ gründlich aiariiumie. fielen ihr die Waffen des ״Feindes" als Kriegsbeute zu und wurden dann enter die braven Pogromhcldcn verteilt. Diese wissen natiirli.h von sr> ruhmreichen Waffen den gebührenden Gebrauch zu rr.achen. So der tapfere Gasalabuw, der vor einigen 'lagen ein fünfjähriges Kind durch einen Revolverschuss tödlich verwundete, wofür er schliesslich von der sonst so geduldigen und nachsichtigen Odessaer Polizei arretiert werden musste. Den! braven Manne fiel das Arretiertwerden nicht leicht. Seine eifrigen Bemühungen im jüdischen Krankenhausc. wo er vor wenigen Wochen einen kolossalen Exzess veranstnltetc und durch Revolverschüsse eine ungeheure Panik unter den Kranken hervorrici, brachten ihm seitens der Polizei nur die hüll icke Einladung ein. die Stadt zu verlassen. Als er tags darauf von seiner Reise zuriiekkehrte. wurde es im luteresse der öffent'.'chen Sicherheit der lokalen Presse verboten, von seiner Rückkehr Notiz zu nehmen. Nach einem grandiosen Strasscnskanda! konnte man in einer der hiesigen Zeitungen lesen: ״Führer der Exzedenten war einer, der vor kurzem zurückgekehrt ist.*' Darf nun unser Janhagel ungestraft die jüdische Bevölkerung zu jeder Stunde nach Belieben in Todesangst versetzen, Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) ״Sind Sie Philosoph?“ ״O nein, davor bewahre mich Gott. Ich bin nur gläubig.“ ״Ja, bemerkte der Doktor nachdenklich," zu seinem Solme gewandt ״Ein tijefer, .wahrer Glaube t.nd eine tiefe wahre Philosophie führen zu ein und demselben Resultat: jener hofft grenzenlos und harrt vertrauensvoll auf das Kommende; diese erkennt grenzenlos und erwartet absolut nichts. Und das eine wie das ande.re wirkt in gleichem Masse heilsam, beruhigend auf das menschliche Gemüt . . . .“ Daniello sah den Vater fragend an, da er den tiefen Sinn seiner Worte nicht fassen konnte. Der Doktor wendete sich zum Rabbi: ״Mit seinem Lose zufrieden sein, ist ein grosser Segen, der selten einem gewöhnlichen Sterblichen zuteil wird. Allein Sie, Rabbi, haben auch eine Familie, die eines greifbaren, materiellen Reichtums bedarf; warum haben Sie nun eine Gnadenbezeigung des Pan Potocki zuröckgwiesen? Er ist, versichere ich Ihnen, in seinen Kreisen einer der besten Menschen.“ ״Mag sein, doch er ist... . ein Pan.“ ״Was wollen Sie damit sagen?“ ״Einem anderen würde ich es nicht gesagt haben, aber vor Ihnen, Herr Doktor, will ich mich aussprechen. Ich habe Sie heute zum ersten Male gesehen, doch keime ich Sie schon seit lange. Tausend Mal habe ich Sie schon unbekannterweise gesegnet für all das Gute, das Sie meinen armen Brüdern erweisen. O, ein geräunüger, ehrenvoller Platz wird dort für Sie errichtet, . . . dort ... im ewigen, besseren Leben.“ ״Wollen sehen, wollen scheu, mein Freund. Ihnen aber danke ich für diese günstige Meinung und Ihr Zutrauen. Und nun erklären Sie mir rückhaltlos Ihre Gedanken.“ ״Sie wollen wissen, warum ich einen schwachen Moment des Pan Potocki nicht benutzt und auf die mir und meiner Enkelin zugedachten Gnaden verzichtet habe?" ״Ich gestehe, ich bin begierig, den Grund zu er^ fahren.“ ״Bitte — Pan Potocki ist ein Bettler, und von einem Bettler ein Geschenk auzuitehinen, ist erniedrigend und sündhaft.“ ״Was fällt Ihnen ein, Rabbi?" fragte. Don Pedro erstaunt. DanieHo sah den Rabbiner mit entsetzten

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