Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42 Seite 4(1ג JÜDISCHE RUNDSCHAU allem Nachdrucke eine ihrer Zahl, Intelligenz und Steuerkraft adäquate Vertretung im Landtage zu beanspruchen. Eventuelle Abmachungen mit den Moschkos werden der Landtagsmajorität nichts nützen; die Macht der oppositionellen Elemente nimmt im Lande mit jedem Tage zu. Wenn cs die Majorität durchaus will, kann sie die Juden auch auf dieser Seite finden. Die 800 UDO galizischen Juden haben cs endlich satt, sich drangsalieren und bevormunden zu lassen. Die jüdische Bevölkerung und insbesondere die jüdischnationale Partei wird dafür sorgen, dass der nationale Kataster nicht von er Tagesordnung verschwindet. Lemberg. Der Landesausschuss unterbreitet eine Vorlage über die Errichtung einer jüdischen theologischen Landesanstalt; Die Vorlage wird dem Schulausschussc überwiesen. Lemberg. Am 30. September und 1. Oktober tagte eine Konferenz der Jüdischen jugendlichen Arbeiter und Handelsa n gestellte 11 in Oesterreich, au welcher 47 Delegierte aus 42 Städten teilnahmen.‘" Jns'Pr;isidium wurden gewählt: Kenner. Seiler und Steinhock. Der Rechenschaftsbericht der Zentrale wies auf das starke und stete Wachstum des Verbandes hin. dem heute trotz der heftigen Konteragitation der Sozialdemokraten 19X1 zahlende Mitglieder angehören. In Erledigung der Tagesordnung wurde beschlossen, ein jüdisches Wochenblatt: DIE JÜDISCHE ARBEITERJUGEND, zu gründen, und mit dem allgemeinen Poale-Zionverband in Oesterreich und mit dem .,Internationalen Jugendlichen Verband“ in Kühlung zu treten. In kultureller Hinsicht hat die Konferenz den Parteigenossen die Gründung von Kursen und Bildungsgruppen im ganzen Lande empfohlen, wobei den sozialen und nationalen Prägen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden soll. Die jugcnJliehen Delegierten, die zum grössten Teil im Alter von 16 bis IS Jahren standen, diskutierten lebhaft und ernst bis spät in die Nacht über ihre ökonomischen Aufgaben, über die Lehrlingsfragc. Agitation und dgl. In das neue Zentralkomitee wurden gewählt: Kenner. Weint raub. Seiler u. a. Aus Rumänien (Aus einem Privatbrief) Von hier habe ich Dir wenig Erfreuliches mitzuteilen. Die Lage der Juden wird tagtäglich schlimmer, indem sie aus allen Dörfern ausgewiesen werden, llanzbcsonderstraurig stellt es um die Juden im Distrikte Bacau. wo man kein Mitleid ihnen gegenüber kennt. Auch Leute, die 50 - 60 Jahre alt und in den betreffenden Ortschaften geboren sind, Militärdienst geleistet haben, werden unbarmherzig ausgewiesen. Verschont werden nur Leute, die wie ich bei einflussreichen Bojaren in Dienst sind und ohne die die Herren nicht auskonmien־ könnten. Kaufleute, Handwerker, Witwen werden ausgewieseu. und das mit einer Strenge, wie man sie früher hier nicht gekannt. — Für die im hiesigen Dorfe wohnenden Juden, die nicht in Stellung sind, interveniert ein rumänischer Freund. Der Erfolg ist aber zweifelhaft, da sieh die ״Liberalen“ am Ruder befinden und er zu den ״Konservativen" gehört. Die letzteren haben die Juden eigentlich nie so grausam behandelt wie die ״Liberalen“. — Heute ist der letzte Termin, den die armen Leute zum Ausziehen bekommen haben, und was das Ende sein wird, lässt sich nicht fibersehen. — Russland Zulassung der Juden zum Hochschulstudium. Der russische Unterrichtsminister hat dem Gesuch der Hochschulen entsprechend gestattet, dass Juden in einer den normalen Satz übersteigenden Zahl zum Besuch der Hochschulen zugclasscn werden unter der Bedingung, dass die vorgeschriebene Gesamtzahl der Studierenden nicht überschritten würde und dass die Interessen der christlichen Studenten gewahrt bleiben. ln Petersburg wurde eine neue Gesellschaft ..Chowcwc Sfath Ewer'* (Freunde dcYlicbräischcn Sprache) mit offiziellcr Genehmigung gegründet. Dje Gesellschaft verfolgt dieselben Zwecke wie die ״Ibriair. Einer der Hauptgründer dieser neuen Gesellschaft ist der bekannte hebräische Schriftsteller Dr. Leib Katzcncls« n. Das Zentralkomitee der Jcwish Colonisation Association in Petersburg beginnt demnächst mit der Veröffentlichung des dritten Bandes der ..Materialien zur Untersuchung der vvirtschaftlichcn Lage der Juden in Russland", Dieser neue Band Ist der professionellen Bewegung und den Fragen.des kleinen Kredits gewidmet. Baron David G i n s b u r g in Petersburg hat die Erlaub- ׳ nis erlangt, Privatkurse für die Wissenschaft des Judentums . in der russischen Residenz ciuzurichten. Berlin. Dem Hilfsvcrcln der Deutschen Juden werden noch folgende Einzelheiten über die neuesten Pogrome in Odessa am 6. Oktober gemeldet: Nach der Uebcrführung der Leiche des Gehilfen der Geheimpolizei Dclfinski auf den Bahnhof zur weiteren Ber . förderung nach Moskau fanden in der schwergeprüften' Stadt wiederum erpste Unruhen'sjatf. \ve|che von 2 Uhr nachmittags bis spät in die Nacht andnuerten und die das bekannte Bild aller Pogrome aufwie§e11; Vergewaltigungen! Misshandlungen, schwere Verwundungen. Einbruch in jüdische Häuser und , Schicsseii auf jüdische Passanten. Als die Huiigans vom Bahn- hofe zurückkehrten, teilten sie sich in mehrere Gruppen und; begannen alle ihnen zu Gesicht kommenden Juden zu misshandeln. Prügeleien fanden gleichzeitig im Innern der Stadt statt, hauptsächlich auf den lebhaftesten Strassen. Die Misshandelten waren fast ausschliesslich Juden. Alle Krankenwagen der Sanitätsgesellschaft ״Schnelle Hilfe“ mussten in Tätigkeit gesetzt werden und sammelten vor allem die durch Messerstiche. Gummischläuche und Kugeln Schwer- : verwundeten und transportierten sie in die Krankenhäuser, Apotheken usw. Die Erscheinung der Horden rief überall eine fürchterliche Panik hervor. Um 3 Uhr nachmittags erschien, wieder eine Gruppe der Gclbblusenträgcr (Huügaus) auf den; Strassen von Preobrasehenski und Jamskaja. imd! ifiit Steinen, bewaffnet, begannen sie unter tosendem Lärm die Fenster der Magazine zu zerschmettern und die flüchtende!! Juden zu ver-. iolgen. Die Strassen widcrhaüten vom Schreien. Heulen und; vom Seufzen der Misshandelten. Auf der Preobrasehenskaja- Strasse wurde eine jüdische Konditorei und ein Esswarcurnagazin geplündert. Eine zweite Gruppe von Plünderern drang in das jüdische Restaurant K 1 e i in a n n ein, zerbrach die Gefasst* und verwundetc durch Schüsse drei Juden. Als sie mit dem Restau- , rant iertig waren, zerstreuten sich die Huiigans in die verschiedcucn Strassen und liessen niemand vorübergehen. ohne ihn 211 misshandeln. Die Wohnungen vieler Juden wurden beschossen. Einige Kugeln Helen in die Wohnung des jüdischen Arztes Dr. Kisser auf der Basarnajastrasse. Von einer Kugel wurde das zehnmonatlicke Kind des Doktors verwundet. Unter anderem misshandelte eine Gruppe von Huiigans aufs grausamstc den jüdischen Schlächter Tubowitsch. Einer stiess ihm ein Messer in den Leib, so dass der Schlächter blutüberströmt! zusamnienbrach. Ein Wagen der ״Schnellen Hilfe“ nahm ihn auf. Unterwegs stiess derselbe Wagen auf einen zweiten im Blute liegenden Juden, der sich als der lSjährige Schneidergeselle Zcpa erwiess. Ein /"jähriger Greis Ornitz wurde durch drei Kugeln auf den Tod verwundet. Kruschewan's Wahlagitation Die russischen Zeitungen beschäftigen sich viel mit der Agitation, die Kruschcwan bei den Wahlen in Kisehinew trieb: Vor dem Gebäude des Stadthauses agitierten die ,Verbandler“ ungehindert, versammelten sich in Gruppen, zerrissen viele Wahlkuwcrts. prüften bei Licht genau alle Aufrufe und ersetzten sie durch die ihrigen, wenn sic ihnen nicht passten und unterrichteten nach ihrer Art alle Wühler. Die Trottoirs waren mit zerrissenen Zetteln besät. Selbst .vor Misshandhingen anders gesinnter Wähler schreckten die Verbündler nicht zurück. Ein Volksschullehrer wurde schwer verprügelt. Das Resultat ist denn auch, dass die Wahl Kruschewans gcsichert ist. In noch grösserer Anzahl als bei den früheren Wahlen erschienen längst Verstorbene an der Urne und wähltcn. Kisehinew musste seinen Kruschcwan haben. Die Ehre der Stadt Kisehinew ist somit gerettet worden. Dr. Nathan und Dr. Mittwoch im Orient Dr. P. Nathan und Dr. Eugen Mittwoch hielten sich in Konstantiitopel vom 15. bis 27. September, also 12 ,volle Tage, auf. Dem Zwecke ihrer Reise entsprechend, benutzten die Gäste ihren Aufenthalt hauptsächlich dazu, um die Verhältnisse der 8<000 י Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung genauer kennen zu lernen, ihre besondere Aufmerksamkeit schenkten sie dem Schulwesen. Ausser den Lehranstalten des Hills- Vereins besuchten die Herren noch eine ganze Reihe von iüdisehen und nichtjüdischen Schulen und sonstigen gemeinnützigen Werkstätten. Herr Dr. Nathan empfing auch jüdische Deputationen sämtlicher Riten und Richtungen, um aus ihrem Mund zu hören, dass die Einführung der deutschen Sprache neben der Landessprache an den Schulen (des Hilisvercins) im Orient von eminenter Bedeutung für die materielle und moralische Hebung der dortigen Juden werden könnte und dass eine Reorganisation des ganzen jüdischen Schulwesens dringend