Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Seite 4S6 - JÜDISCHE RUNDSCHAU. __No. 42 lehrten, wie es Geh. Rat Cohen ist, abgchaltcn werden; halten lässt, der verletzend wirken muss. '.;. Der, ״Verband d e r D e u t s e h e n Juden“ soll nach unwidersprochener Auffassung den Zusammenschluss der gesamten deutschen Judcnhcit ohne Unterschied der Parteien bilden und soll als Organisation in den Kampf ziehen für die verbrieften Rechte der Juden als deutsche Staatsbürger Es muss dann auch ein Boden geschaffen werden, auf dem die gesamte deutsche Judenhcit einmütig zusammensteht. Dieser Boden wird aber verlassen, wenn z. B. in Reden gesagt wird, dass die Juden kein Volk, keine Nation bilden, dass sic ..überhaupt kein Anrecht auf eine besondere Kultur haben. Dem messianisclien Glauben im Judentum wird ein Schlag zugefügt durch die Behauptung, dass wir keine andere messianisehe Hoffnung hätten als die übrigen Gottesglaiibigcn.; Auf Anregung des Vorstandes durfte über den Vortrag des Herrn Gcheimrat Cohen nicht disk u t i c r t werden und so mussten die Ausführungen dieses Herrn unwidersprochen bleiben. Ucbcrhaupt fehlte der ganzen Tagung mit Ausnahme der letzten Rede der frische Zug, den wir namentlich bei den zionistischen Kongressen so schätzen und liehen gelernt haben. Von einem Judentag überhaupt war wenig zu spüren, eine Diskussion wurde immer voreilig abgeschnitten und eine dem Referenten gegenteilige Meinung kam nie zur Geltung. Es ist z. B. ein Unikum, wenn man, wie es auf dem Verbandstage geschehen, über eine Resolution erst abgcStinimt und erst dann eine Diskussion zulassen will. Was daun eine Dis■; sion für Zweck haben soll, ist uns unerfindlich. Der Zweite Redner, Herr Professor Phllippson, gab einen geschichtlichen Rückblick über die heutige Lage der Juden in Deutschland. Auch dieser Vortrag war nach unserer Auffassung fiir den Judentag ungeeignet. So sehr wir den Rcdnef schätzen und mit seinen Ausführungen uns eiuverStanden erklären, so wenig haiten wir es angebracht, in einer Volksversammlung einen langen historischen Exkurs über die Lage der Juden Im Mittelalter etc. abzugehen; aber auch hier ist wohl die Verbandsicitung der schuldige Teil. Ganz auf der Höhe der Tagung stand dagegen die Rede des Herrn Richtsanwalts Dr. Max Loch. Schon der frische Ton und temperamentvolle Zug seiner Ausführungen brachten es fertig, die Zuhörer für seine Gedanken zu begeistern und eine Stimmung hervorzurufen, die in gewisser Beziehung an die. Innigkeit erinnerte, die auf zionistischen Kongressen herrscht. Er war der Einzige, der dem Zionismus einige an* erkennende Worte zollte, indem er dankend bemerkte, dass die jüdisch-nationale Bewegung dazu beigetragen habe, die Juden mit Selbstachtung zu erfüllen. Seine Ausführungen wurden, Wie oben schon erwähnt, mit Jubel aufgemmimen und Sic bildeten auch den Glanzpunkt der ganzen Tagung. Zu den Beratungen der Delegierten hatte die jüdische Presse keinen Zutritt, dagegen konnte die lokale Presse schon atu nächsten Vormittage ausführlich über die Beratungen be* richten. Von bekannten Zionisten waren anwesend die Herren: Rechtsanwalt Dr. B o d c n h c i m c r ־ Köln, Dr. M o s c s- Mannheim, Dr. H i r s c h ־ Hannover, Rabb. Dr. Sonde r litt g - Göttingen, H 011 a n d c r - Altona u. a. in . Nachstehend ein Referat über die Verhandlungen: . Der Vorsitzende. Herr Justizrat Dr. Lachmaun -Berlin eröffnet die Versammlung, begriisst die Anwesenden und verliest ein für den Kaiser bestimmtes Hukligungstclegramm. ln das Bureau werden gewählt die Herren: Justizrat Dr. Horwitz. Prof. Martin Philippson, Justizrat Breslauer. Dr. Blau u. s. w. Namens des Regierungspräsidenten von Wiesbaden bcgriisst Herr Regierungsrat Walther die Versammlung und erklärt, dass die Regierung den Verbandstag mit Wohlwollender Aufmerksamkeit begleite: im Namen der Stadt sprach Herr Stadtrat S cli a u m a n n einige Worte. Rechtsanwalt Dr. Blau entbot den Willkommensgruss namens der. Gemeinde und• sprach die Hoffnung aus, dass die jüdische Jugend sich ihres Judentums immer mehr bewusst werde und dafür mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ein* trete. Die Juden seien immer die Kämpfer fiir die höchsten Ideale, fiir Gott, für ■Ereiheit und Recht, gewesen. Wahres Judentum und’echtes Deutschtum schüessen sich nicht aus. sondern ergänzen sich. Der Vorsitzende gab dann einen Ueb erblick über die Tätigkeit des Verbandes in den letzten zwei Jahren, in denen sich der Verband namentlich wegen des Religionsunterrichtes der Volksschulkinder in Preussen bemüht habe und dann auch durchgesetzt habe, dass man in Zukunft ,von einer jüdischen Volksschule sprechen könne, i Weiter habe man eine Abfassung von Denkschriften an den; Justizminister in Angelegenheit der Schöffen- und Geschwürencn-Auswahl hcrausgegeben. Die von Justizrat Breslauer fertiggcstcllte Schrift über die Zurücksetzung der Juden im Justizdienst wird in den nächsten Tagen versandt werden. Weiter habe man in Gemeinschaft mit dem ״Deutsch-Israeliti* sehen Gemeitidebund“ auf dem Gebiete der pretissischen Oemeindcorganisation in erster Lesung einen Gesetzentwurf durchberaten. Im November werde die zweite Lesung fertig gestellt und dann den Gemeinden zur Begutachtung vorgclcgt. Herr Dr. La c 11 m a n n hofft, dass daraus zunächst für Preussen ein Gesetz entstehe, welches der Idee der Zusammenfassung der Juden Rechnung trägt mul aus diesen! Gedankengange heraus das Eortbesteheu leistungsschwacher kleinerer Gemeinden ermöglicht. Als erster Referent sprach Herr Geheimer Regierungsrat Cohen über ״Religiöse Postulatc“. Er leitete die Diskussion aller religiösen Fragen aus dem Leitbcgrifi der Einheit Gottes ab. Der Gutt des Judentums ist der Gott der Sittlichkeit. Daran wird eine Ermahnung geknüpft an diejenigen Juden, welche aus dem Vorurteil der europäischen Kultur, ob zwar im Judentum verbleibend, diesem die positive l'ebcrzeugimg und Mitarbeit versagen. Die Einheit Gottes ist eine der Grundlagen der europäischen Kultur, denn Natur und Sittlichkeit diirieit nicht nach Monismus und Pantheismus identifiziert werden, aber sie weisen auf gemeinsame Grundlagen hin. Diese bildet allein der einzige Gott. Die Mitwirkung der deutschen Juden am deutschen Staate ist eine weitere E״rderung aus dem jüdischen Gottesiiegriii heraus, denn nach unserer Ucbcrzeugmig ist Gott nicht nur fiir das Individuum, den Stamm, das Volk vorhanden, sondern für die gesamte Menschheit. Der messianisehe Gott vollzieht die Vcrwrklichung der Sittlichkeit auf Erden in der Vereinigung der Vö!- ker zur Idee der Menschheit. Die Tragik unserer Wander• schaft ist. dass der einzige Gott uns unser Vaterland gemmimen hat und uns dieses in der ganzen Welt wiedergegehco hat. Den einzigen Gott zu verbreiten, zu vertieien, von Jahrtausend zu Jahrtausend fortzubilden, begründet die Existenz, des Judentums. Wir sollen daher nicht von einem jüdischen Volke sprechen. (Lebhaiter Widerspruclj.) Wir lieben unseren Staat, gehen in seinem Wesen aui. Unser Weg ist uns klar vorgezeichnct durch die Geschichte. Wir leben in unserer Heimat, in unserem Staat und für unseren Staat. Eine jüdische Kultur existiert nicht, diese erschöpft sich in der Idee Gottes. Nur In dem Gottcsbcgrlii sind wir Juden und wollen Juden bleiben. In allen Fragen der Kultur sehliessen wir uns den anderen Völkern der Erde an. ihr Vol kist unser Volk, ihre Kultur unsere Kultur. Und der deutsche Jude fühlt sieh den Deutschen besonders nahe. Die G e m ii t s t i c f e und die sittliche Strenge der Deutschen ist auch ihre eigene. Von der Weltliteratur ist den Juden besonders die deutsche klassische angenehm, in der der klare, lebendige Begriff der iressianisehen Idee autgebaut und iortgebildet ist durch die deutsche Humanitätszeit: dem deutschen Geiste (??I verdauken wir die Neubclebung des religiösen Lebens. Die dritte Forderung ist die intensi.e Piiege der Wissenschaft des Judentums. Das literarische Ghetto muss fallen, auch die Politik muss die Kulturkraft einschätzen. welche aus den Religionsqiiellen des Judentums erstlich den Juden, sodann aber auch der allgemeinen Kultur zufliesst. Und für die Juden ist die Forderung ihrer Wissenschaft geschichtlich wie sachlich die Erhaltung ihrer Religion. Gkiiall.) Staats-Interesse und Judennolitik. Prof. Martin Philippsyn behandelte diese Frage. Das Altertum habe das Staatsimercsse auf dem Gebiete der ReligionspoHtik lediglich in der Bewahrung des altüberlieferten Kultus bei den Bürgern des eigenen Staates gesucht: den Fremden gegenüber habe cs sich aber konfessionell gleichgültig verhalten, wenn sie nicht die Staatsreligion aiigriffen. Die christliche Kirche dagegen habe geglaubt, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein und deshalb jedermann gezwungen, sich ihr zu unterwerfen, soweit A