Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 42 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seile 455 Elsass-Lothrlagcn endlich hatte Anfang 1907 4 Jüdische Richter, nämlich 2 Oberlandesgerichtsratc und 2 Richter erster Instanz. Drei Getaufte waren zugleich zu verzeichnen, von denen einer Oberlandegcrichtsrat und zwei Richter erster Instanz waren. Ucberail ergibt sich hiernach in Deutschland dasselbe Bild, überall werden die Juden entweder vollständig von der Justizverwaltung ausgeschlossen oJer von ihr zurückgedrängt, und von den ״Dirigcntenstellen״ ganz ferngehalten. Dass in Sachsen, in Hessen und in einer ganzen Reihe der kleineren Staaten kein Jude als Richter angestcllt ist, dürfte aut die Dauer unerträglich sein; man braucht nur an die grosse Zahl der in jenen Ländern angesessenen Juden, an die daselbst tätigen Rechtsanwälte, an ihre Mitwirkung in allen öffentlichen Angelegenheiten, an ihre Berufung zur Ausübung von Ehren* ändern zu denken, utn jeden Zweifel an ihrer Fähigkeit zur Bekleidung von Acmtcrn in der Justizverwaltung auszuschlicsscn. Die Verweigerung ihrer Anstellung in dieser Vcr* waltting ist den bestehenden Gesetzen gegenüber geradezu ein Rechtsbrueh. Im Jahre 1907 scheint eine kleine Wendung zum Besseren sich anbahnen zu wollen. , . In Hamburg und InElsass-Lothrlngen sind In diesem Jahre die ersten beiden Jüdischen Landgerichtsdircktoren ernannt worden, in Hamburg allerdings ein Herr, der seine Kinder vorher der Taufe zugeführt hat; immerhin Ist in jenen beiden Staaten der Barn! gebrochen. In Preussen sind zwei weitere jüdische Richter an Oberlandesgerichte berufen worden. Das sind Veränderungen, die wohl beachtenswert sind und auf ein grösseres Wohlwollen der gegenwärtigen Leiter dieser Justizverwaltungen hindeuten. Sic gewährleisten aber noch keinen Umschwung ini Verhalten der Justizverwaltungen gegenüber den jüdischen Richtern; insbesondere ist in Preussen noch kein Jude zum Direktor, Präsidenten oder Staatsanwalt ernannt worden. Deshalb dürfen die‘ beteiligten Kreise in ihrem Kampfe nicht ermatten, sondern müssen nach wie vor mit allen gesetzlichen Mitteln dahin wirken, dass die bestehenden Gesetze auch den jüdischen Richtern gegenüber zur vollen Durchführung gelangen. Und wenn in Staaten, wie Preussen, Bayern, Baden durch die Anstellung der Juden in der Justizverwaltung die Wirksamkeit der bestellenden Gesetze insoweit anerkannt wird, dann ist die grundsätzliche FcrnhaUung der jüdischen Juristen von gewissen Aemtern auf dem Verwaltungswege zum mindesten als eine nicht genug zu verurteilende, kleinliche Massrcgei zu erachten, deren baldige Beseitigung mit allen zulässigen Mitteln erstrebt werden muss. Nicht dass es sich um die Erlangung eines Ehrenpostens handelt, obwohl auch hierin fiir Mitglieder einer Beamtenhierarchie nichts Bedenkliches gefunden werden könnte, nein! darum handelt cs sich, dass den Juden in vollem Umfange das Reclit gewährt werde, das ihnen nach Gesetz und Verfassung zustcht. Wenn ein jüdischer Richter fähig ist, den Kammern der Landgerichte oder den Senaten der Oberlandesgerichte vorzustehen, dann hat er ein gleiches Anrecht wie sein christlicher Kollege, zuin Direktor oder zum Senafsprasidenten befördert zu werden; wenn er sich für das Amt eines Staatsanwaltes berufen fühlt und eignet, dann hat er ein gleiches Recht darauf, zum Staatsanwalt ernannt zu werden. Die ״Dirigcntenstcllen bei den Verwaltungsbehörden“ sind nach dem Gesetz nicht einem Teil der Bevölkerung allein Vorbehalten. Ve:t?.r;3stag t! (Ei ge 0r Dsutsclisn iudsn ncr Bericht.) Frankfurt a. M., 13. Oktober 1907. Zum Judentag hatten sich mehr als 400 Delegierte eingcfunden; der ungefähr 2!>» Personen fassende Saal des Saal- I) a 11 e s nebst Logen und Galerien war von Zuhörern überiiiJt. Wir bemerkten unter den Zuhörern auch solche Juden, die sonst mit jüdischen Dingen nichts zu tun haben wollen und sich kaum ihres Judentums erinnern. Als Demonstration nach aussen hin war der Judentag vollständig gelungen. Nicht so ganz einverstanden erklären können wir uns mit dem Ton, der in den Verhandlungen zutage trat. Wir wollen daiür weniger die einzelnen Redner verantwortlich machen, als die Leitung, die es zu Wege brachte, dass z. B. einer der Redner, Herr Geheimrat Cohen aus Marburg, einen grossen Teil der anwesenden Delegierten in ihrem nationalen und religiösen Empfinden lebhaft verletzte. Selbstverständlieh treten wir daiür ein, dass jeder seine Ueberzeugung zum Ausdruck bringen soll, aber es erscheint uns unrichtig, dass man einen Vortrag, mag er auch von einem so berühmten Gedas Auge der Kranken auf dem jugendlichen Antlitze Daniellos haften. Ünd die Heberträume fuhren sichtlieh fort, das arme Kind zu quälen, ohne ihm klares Bewusstsein zu lassen, um Schein von der Wahrheit unterscheiden zu können. Das Mädchen streckte dem Jüngling die Arme entgegen. ״Liebe, liebe Panna!“ flüsterte sie, und das ganze entflammte Gesichtchen nahm einen freundlichen, zartliehen Ausdruck an. ״Ach, wie schön Sie sind! Wit sehr liebe ich Sie! Lasst mich, lasst mich . . Und sie versuchte vom Lager zu springen. Allein Rahel umschlang die Phantasierende und stellte sich vor Danidlo. ״Komme״ Sie weg von hier; wir wollen die Patientin nicht atifrcgc.n. In ihrem kranken Köpfchen schwirrt es schon ohnedies von fremden Bildern.“ Alle drei begaben sich in ein anderes Zimmer. Die kleine, niedrige Wohnung des Rabbiners war überall in so untadelhafter Ordnung, solcher peinlichen Sauberkeit und Reinlichkeit, dass diie Acrmlichkcit der gesamten Einrichtung unmerklich in den Hinte,rg.rund trat. Eine eigenartige wohltuende Behaglichkeit verlieh den ungestrichenen Fichtenmöbeln, dem ungestrichenen morschen Fussboden, den schneeweissen Vorhängen an den kleinen Fenstern, wie den welken, aus einigen unverhältnismässig grossen Töpfen dürftig hervorlugenden Blumen einen eigenen Reiz. Sogar die, Regale mit ihren riesigen abgegriffenen Folianten verloren ihr asketisches, ernst-düsteres Aussehen. Den östlichen Winkel zierte eine kleine schwarzpolierte Lade mit einem Brokatvorhang. Reichtum wie Armut haben ihre zahllosen Schattierungen; mancher Reichtum ist abstossender als die Annut, manche Armut glänzender als Reichtum. Und die Armut des Rabbiners war nicht aüein glänzend, sondern sozusagen graziös zu nennen. ״Papa,“ sagte Daniclla in spanischer Sprache, ״sieh doch, wie schön hier alles ist. Warum wird aber behauptet, dass alle Juden schmutzig sind?“ ״Rabbi,“ sagte der Doktor, Platz nehmend. ״Wie icli sehe, sind Sie nichts weniger als reich, nicht wahr?“ ״Ich bin reicher als selbst Pan Potocki, Herr Doktor!“ ״Wirklich?“ sagte Don Pedro lächelnd» Dani,ello sah den Rabbi erstaunt an. ״Jawohl. Ich erfreue mich des grössten Reichtums —־ ich bin mit meinem Lose zufrieden.“ (Fortsetzung folgt.)