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Jüdische Rundschau · 1907-10-10 · Heft 41 (10.10.1907) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 41 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 446 No. 41 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Kurie wählen sollen. Die Einrichtung dieser Art von Kurie macht ihre Wahlbctätigung illusorisch. In Kremcntschue wurde von der Regierung eine besondere jüdische Wahlkuric. bestehend aus!938 Wühlern. aufgcstcllt. Die Zahl der christlichen Wühler betragt 2418. Die Juden haben das Recht, einen Wahhnann. die Christen 7. w c i Wahlmünncr zu wühlen. In Kowno ist auf Grund einer aus Petersburg vom Ministerium des Innern erhaltenen Verordnung eine separate jüdische Wahlkurie eingerichtet worden. Achntiche Naelirichten sind auch aus Rostow und Ekatcrlnoslaw cingclaufcu. Durch diese ״Wahleeomctrlc“ haben d.c .luden je<le Aussicht auf die Durchsetzung elccncr Kandidaten verloren. ln Ktschlnew waren aui der Versammlung der Stadtwahlc־ nur Christen anwesend. Die dortigen Juden haben gezwungen beschlossen, sich der Wahl zu enthalten. In Petersburg wurde in der Druckerei ..Bussel" der Aufruf der jüdischen Volksgruppe zu den Wahlen auf Grund der W- Schriften des ausserordentlichen Schutzes von der Polizei beschlagnahmt. Petersburg. Die Charkowsche amtliche Gouvernements- Zeitung bringt eine Mitteilung folgenden Wortlautes die hezeichnend für das Verhalten der Behörden gegen die Veranstaltcr vor! Judenhetzen ist: Auf Grund der Eiirbitte des Vorbandes des Russischen Wilkes sind die drei Herren Laptew. Golnwkow und Lnkin. die vom ehnrkowschen Bezirksgericht wegen der Ermordung des revolutionären Juden Sclieev ver* urteilt wurden, begnadigt und aus den: Gefängnis entlassen worden. Alle drei sind Juden m ״ r d e r. In der letzten Sitzung der städtischest Duma erklärten die• antisemitischen Stadtverordneten, mau müsse den ..nationalen’' Prinzipien des Verbandes des russischen Volkes folgen. Die Duma beschloss infolgedessen eine prozentuale Beschnittk u n g der jüdischen Angestellten in den städtischen Betrieben. Unter dem Eindruck dieses Beschlusses legten viele Stadtverordnete ihr Mandat nieder. Eine neue Bluttat wird dem RUSS. KÖR. aus Odessa gemeldet. Das Telegramm besagt: liier wiederholen sich die verbrecherischen Uebenalle, ein sechsjähriger jüdischer Knabe wurde von einem Mitglied des schwarzen Hunderts ermordet. Die Agitation gegen die Juden und Intelligenz nimmt wieder bedrohliche Formen an. Eine Anzahl von Sträflingen überfiel während des Trans- Ports von Tfutncn nach Tobolsk die Becdeitwachc. die im Handgemenge 22 Sträflinge tötete. Elf Sträflinge entflohen unter Mitnahme von 7 Gewehren. Sechs Mann der Wache sind verwundet. davon einer schwer, f Normale Unterdrückung Die Frage der Einhaltung der prozentualen Norm bei der Aufnahme von Juden in Hochschulen ist. wie nach der PETERSB. ZEITUNG verlautet, vom Unterrichtsministerium den Konseils der Hochschulen zur Begutachtung vorgelegt worden. Das Unterrichtsministerium selbst vertritt den Stand- Punkt, dass die im letzten akademischen Jahre geübte Praxis, wonach Juden in die Universitäten auch über die Norm aufgenommen wurden, nicht aiifztigcbcn sei. Die Norm ist zwar auf administrativem Wege festgesetzt worden und kann demgemäss ohne legislativen Akt aufgehoben werden, doch erblickt hierzu das Ministerium keine Notwendigkeit. Petersburg. Laut statistischen Daten sind irn Jahre 190(» nicht weniger als 186 089 Juden aus Russland nach Amerika ausgewandert. Der Hauptstrom der Emigranten richtete sich nach New York, 9000 gingen nach Kanada. |3 500 nach Argentiuien. i , 7 * , ־״ ’ ** Die Ermordung des Fabrikanten Dr. Silberstein Abgesehen von den Pogroms, die in Russland bald da, bald dort ausbrcchcn. gibt cs auch sonst Morde, die mit der Judevdragc nichts zu tun haben, sondern vielmehr eine Konsequenz der schrecklichen wirtschaftlichen Anarchie sind, die das ganze Land beherrscht. Als Opfer dieser Anarchie wurde vor einigen lagen Dr. Miecislatis Silberstein, der Hauptaktionär und Direktor der ..Aktiengesellschaft Sübcrstein” von seinen eigenen Arbeitern ermordet. Dieselben hatten nämlich durch 14 Tage gestreikt und als sic dann wieder in Arbeit traten, verlangten sie von Dr. Silberstein, als dem Eabrikdirektor. die Bezahlung der Löhne für die ganze Zeit, was 18 000 Rubel ausgemacht hätte. Dr. Silberstein weigerte sich dies zu tun. worauf ihn die Arbeiter in das Packniaga/iii einhiden, um mit ihm zu unterhandeln. Dort wurde Dr. Silberstein, als er lediglieh erklärte, die Wünsche der Arbeiter beim Verwaltungsrat zu unterstützen, von dreien derselben niedergeschossen. Der Verstorbene war Dr. der Chemie der Universität Heidelberg und hat als Vertreter der polnisch-assimilatorischen Richtung hier eine hervorragende Rolle gespielt. Er war ein Schwager des verstorbenen Krakauer Advokaten l)r. Popper. Für die hiesigen Verhältnisse sehr charakteristisch sind die Vorgänge in der Silbersteinschen Fabrik am darauffolgenden Tage. Wiewohl in der Fabrik weder ein Direktor noch ei״ Beamter anwesend war. drangen die Arbeiter in dieselbe ein. heizten die Kessel und Hessen die Maschinen arbeiten, als wenn nichts passiert wäre. Angesichts der Lebensgefahr, die jedermann, reich und arm, bedroht, sind alle Menschen hier rein apathisch geworden. Die allgemeine Stimmung ist die, wie in einer Schlacht zwischen feindlichen Kugeln. Jedermann ist auf das Acrgste gefasst. In dieser einst blühenden Stadt, wird man bald nichts anderes sehen, als wandelnde Leichen. Die polnische Presse, ohne Unterschied der Schattierung, widmet dem Falle und dem Verstorbenen ausführliche Betrachtungen. Im KURJFR POLSKI schreibt der bekannte Publizist Straszewicz: ..Es fehlt schon an Tränen! Wir haben keine Kräfte mehr, um die Hände zusammenzuschlagen. Hier 1זי:ו nicht das Banditentum, sondern der Abschaum der Ge- Seilschaft ein Verbrechen begangen. 600. ja 70') Arbeiter haben einen Menschen ermordet. Sie haben ilm nicht ermordet; sie haben ihn gequält. Nicht einmal ein Glas Wasser wollten sie ihm reichen! . . . Annes Land, unglückliche Heimat! Wir gehen einen! Abgründe entgegen, und nicht bloss der Tod erwartet uns. so!!- dern auch die Schande. Die frische Vergangenheit hat uns nicht gelehrt, die Tragik der Gegenwart hat uns nicht ersemiüert. gleichgültig sehen wir der Zukunft, entgegen. Und vor einigen Jahren hatten wir uns nicht genug entrüsten können weil einer einen Wahnsinnigen niederstreckte, der auf die Passanten geschossen hat. Weit haben wir's gebracht! . . . Denn wir alle sind schuldie Der Mord erreet in uns nicht jenen Widerwillen, den er in jedem ehrlichen Kulturmenschen erregen sollte. Das Verbrechen hat in unserer Mitte nicht jene Atmosphäre des Widerstandes gefunden, in der cs ersticken müsste. W'cr sich von uns um die Ergreifung eines Banditen bemüht hätte, wäre * 1',Kcrbätm werden. Die Gleichgültigkeit gegenüber den Freveltaten galt bis zuletzt noch als eine Tugend, als eine Bürgerpflicht. Die englischen Geschichtsforscher verweisen mit Stolz, darauf, dass ihre Nation selbst in der revolutionärsten Stirninung vor dem Blutvcrgicssen zurückschreckte. Darin sehen sie eine der Ursachen ihrer Gesundung, sowie ihrer sozialen, politischen Kraft. Und wir! . . . Glücklich derjenige, der cs nicht erlebt hat.“ Es ist immerhin zu beachten, dass Dr. Silberstein mehr noch als die anderen Fabrikanten in Lodz keineswegs jüdische Arbeiter beschäftigen wollte, um. wie er glaubte, nicht dadurch den Judenhass wachzurtifcn. Infolge dieser Abwehrtätigkeit ist die jüdische Arbeiterschaft in Lodz durch die iiiehtiüdisel e zum Teil aus dem Auslände eingewanderte verdrängt worden, der Antisemitismus aber nur verstärkt hervorgegangen. In der jetzigen Lage sehen sich viele jüdische Grossfahrikantcn. soweit sie es nur können, genötigt, ihre Betriebe nach andern Städten, zum Teil Inner-Russlands zu ver* legen. . ~ Aus der marokkanischen Judenhölle Das Deutsche Bureau der Alliance I s r a e I i t c Universelle stellt uns die nachfolgenden Spczialbcrichtc aus Marokko zur Verfügung. Casablanca. 23.Scpteml>er 1907. Ich habe die Ehre. Sie zu benachrichtigen, dass ich soeben die Verteilung von Unterstützungen an Lebensmitteln und Geld beendet habe. Ungefähr 300 Familien befanden sich in äusserstcr Not. An diese habe ich an den Rasttagen zum Rösch-' Maschana-, zum Jom-Kippur- und 7.11m Sukkat-Ecst drei grosse Verteilungen vargeuammeu. Den Familien, die nicht 7ur Ablioluug zu kommen wagten, habe ich die Spenden persönlich ins Haus gebracht, die anderen kamen in die Schule, um dort die Gaben zu empfangen. Alle Lebensmittel und eine betrachtliehe Geldsumme sind verteilt worden. Sobald auch die Kleidiinesstiickc verteilt sein werden, die wir von Dr. Baron Rothschild erwarten, können wir. glaube ich. das Unterstiit znngswerk an Ort und Stelle für abgeschlossen erachten Wirkliebe Armut bleibt nur bei wenigen Familien, bei ׳Kranken und Waisenkindern. Ich stelle eine liste d'escr Personen auf. die wie in früheren Tagen wöchentliche Unterstut/.ung erhalten werden. Besondere Aufmerksamkeit wende

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