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Jüdische Rundschau · 1907-10-10 · Heft 41 (10.10.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 41 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 41 JÜDISCHE RUNDSCHAU, Seite 445 entdeckt. Die Apathie, das Umsichgreifen einer müden Vcrärgertheit, ist die unvermeidliche Folge der erfahrenen Enttäuschungen — aber trotz allem neigt die Volksstimmung von selbst, sozusagen instinktiv, nach jener Richtung, nach der sie während der früheren Wahlkampagnen bewusst und überzeugt neigte. Daraus lässt sich schliessen, dass die inneren Ver- Änderungen wohl das Vertrauen der Allgemeinheit in die konstitutionellc Zukunft geschwächt, aber die Überzeugungen nicht verändert haben. Es ist bezeichnend, dass der ״Bund der Echtrussen“ und die Rechte überhaupt nirgends gesiegt und dass die Zentrumsclemente, d. h. die konstitutionelle Opposition die Oberhand behalten hat. Diese Schlussfolgerungen ergeben sich selbstverständlich erst aus den Anfangsstadicn der Wahlen. Das Resultat der in der Adclskurie vorzunclmicnden Wahlen mag ein ganz anderes sein. Es ist unmöglich, das cndgiltige Ergebnis vorauszusehen, um so mehr, da die Behörden unbeschränkte Machtbefugnisse haben, wodurch sie imstande sind, die Wahlen umzumodcln und deren Resultaten ihren Stempel auizudnicken. Aber all das was bis jetzt als unverfälschtes Symptom der öffentlichen Meinung aus den Tatsachen hervorgelcuchtet hat. lässt darüber keinen Zweifel walten, dass die Mehrheit auf seiten der demokratischeu Elemente steht. Es ist einfach erstaunlich, wie miserabel schwach die Kriiitc der Konservativen sind, trotzdem sic über unbeschränkte Agitationsmittel verfügen und trotzdem sie alles aufgebotcu haben, um die öffentliche Meinung einzuschiichtern. Es ist klar, dass nicht nur die Echtrussen, sondern auch die Oktobristcn und die Konservativen überhaupt gar keinen Boden unter den Füssen haben. Auch diese Tatsache, die den in russische Zustände Uneingeweihten etwas sonderbar erscheinen mag, ist ganz natürlich. Die Echtrusseji u:1d Konservativen anderer Schattierungen sind in den Augcjj .Vesienigen Teiles des Volkes, der am alten Regime hängfi'jnjcrflUssig. Dafür ist ja die Regierung da! Aber trotz allen» ist die Wahlenthaitung eine beruhigende Erscheinung. Man darf sich über dieses Symptom der Apathie, wie gesagt, nicht wundern; cs ist die naturgemässc Seelen- Stimmung, die sich aus dem Überdruss, der Müdigkeit und der Niedergeschlagenheit weiter Volkskreisc ergibt. Man muss also damit rechnen, dass, sollte auch die Mehrheit oppositionell sein, sie doch nicht die Wucht und den Einfluss besitzen wird, den nur ein' Wahlenthusiasmus ausströmen kann. Übrigens sind die Schicksalp der dritten Duma in Dunkel gehüllt. Nicht der Volkswille, sondern die bureaukratischen Behörden entscheiden vorläufig über die Existenz und die Arbeitsrichtung der Duma. Es ist möglich, dass das Schicksal der dritten Duma dem der zwei früheren gleichen wird. Das scheint uns sogar wahrscheinlich, solange die Kraft der konstitutionellen Richtung die Einflüsse, die die reale Macht bcsitzen, nicht überwunden hat. Es ist ein langer und schwerer Kampf. Dass die Juden dieser Sachlage gegenüber sich reserviert verhalten, ist selbstverständlich. Sic stehen ideell auf Seiten des Fortschritts, keine einzige jüdische nennenswerte Gruppe steht weiter nach rechts als die Kadetten, aber das passive Wahlrecht haben sic infolge der Schöpfung ״nationaler Kurien" fast gänzlich cingcbüsst. In Polen hatten sie schon früher keine Aussichten. Unter den 40 Abgeordneten war kein einziger Jude. Die Reduzierung der Zahl polnischer Abgeordneten auf 11, die alicinhcrrschaftliche Tendenz polnischer Nationalisten usw. haben die Chancen der Juden gänzlich vernichtet. In Litauen, Wolhynien und Podolien hatten die Juden einen bcdeutenden, zuweilen auch einen ausschlaggebenden Einfluss, aber jetzt sind sic in heimtückischer Weise vollständig lahmgelegt. Wir sagen; in heimtückischer Weise, weil cs eine Bcgriffsverwirrung ist, w׳cnn man von ״nationalen Kurien“ spricht. Die judenfeindliclien Machthaber haben quasi das nationale Prinzip zur Geltung gebracht, und die jüdischen Assimilanten bemerken mit einer gewissen Schadenfreude: das sind die Früchte der Geltendmachung des nationalen Prinzips. Sie begreifen nicht, welch schlaues Meisterstück liier geleistet w orden ist. Anstatt einer allgemeinen nationalen Kurie für alle Juden Russlands hat man die städtische Bevölkerung zerstückelt. Eine allgemeine nationale Kurie würde eine respektablc jüdische Vertretung gewährleisten, eine mechanische Zerschncidung der Wahlkreise hingegen macht das passive Wahlrecht der Juden ganz illusorisch. Es bleibt also nur das aktive Wahlrecht, d. h. das Recht, andere zu unterstützen. Allerdings hat auch die Betätigung dieses Rechts eine gewisse Bedeutung, aber es fehlt der wesentlichste Ansporn, das Selbst* Mnndigkeitsgeiiihl, die Sicherheit der eigenmächtigen Ent- Scheidung und dcrgl. Trotzdem wäre es ein politischer Dok* trinaiismus, ans Verärgertheit diesem Einihisse zu entsagen. Das Programm der jüdischen Wähler stellt sich in logischer Notwendigkeit einfach dar. Juden haben die Pflicht und das Interesse, diejenigen Elemente zu um.erstiitz.cn. die ihre Gleichbercchtigung!ordern werden und die die meisten Aussichten haben, in dieser Beziehung etwas Praktisches zu erreichen. Wir übersehen dabei nicht den gewaltigen Unterschied 7,w isehen dem assimilatorischen Gleichberechtigungsstandpunkt und dem Standpunkt der Nationalinden, die um das Volkswesen und, um die geistigen Güter der Nation nicht weniger als z. B. um das Wohnrecht in Moskau bekümmert sind. Es wa׳• notwendig und richtig, dass letztere bei den früheren Wahlkampagnen ihren Standpunkt, gleichviel, ob mit oder ohne Erfolg, jedenfalls mit tüchtiger Energie und überzeugungstreue verteidigten. Wir sind nicht für die Vertuschung dieses Unterschiedes, und wir sind auch sicher, dass dieser Kamp! ausgefochten werden wird. Aber Politik ist die Kunst des Möglichen und das Rechnen mit der Zeit und Ortumständen. Durch die Gewalt der Tatsachen ist dieser innere Kampf zuriiekgedrängt worden, und cs gilt jetzt, die noch vorhandene jüdische aktive Wahlkraft so zu benutzen, dass sic der Rettung vor den drohenden Gefahren diene. Mit Abstinenz wäre nicht viel genutzt, und Überdruss ist ein schlechter Berater. Die Wahlkampagne in Russland In Wilna hat der Gcneralgouvcrneur angeordnet, dass die jüdischen Wähler in einer für sie ganz besonders eingerichteten ״In diesem Falle würde ich heute eine Menge solcher Würmer entdeckt haben!“ ״Zum Beispiel?“ ״Geben sie acht; Pan Potocki ist der Wurm tinscres Königs; Panna Oda, der Wurm des Pan Stephan Potocki; Panna Wanda — des jungen Potocki; der Stallmeister Chmiclnlcki — des alten wie des Jungen Potocki, weil er der Wurm der Panna Oda und Panna Wanda; Sie, Doktor, sind der Wurm des Pater Benediktus. Pater Benediktas der Wurm aller . . ״Und Ihr Wurm, Pan Simon?“ ״Meine ungewaschene Zunge.“ ״Zeigen Sie Ihr öfter drei Finger, und sie wird vor- * sichtiger werden,“ schloss der Doktor, nickte dem Narren zu und entfernte sich. * * * > Auch in der Zwantzcr Schenke schlief man nicht. Dort richtete sich der Rendar Zodek mit seiner ״lebenslänglichen'1 Arrende wieder ein, ordnete das alte Gcrümpel und den unbeschädigt gebliebene,u Rest seiner alten Wirtschaft. Zodek war womöglich noch blasser und zerzauster als zuvor, allein in jedem seiner Blicke, in jeder seiner fieberhaften Bewegung lag soviel Freude und Glück, in den Liebkosungen, mit denen er seine Kinder überhäufte, soviel Zärtlichkeit und väterliche Liebe, dass seine mit ihm schaffende und kramende Frau jede Minute in dc.r Arbeit innehielt, glücktsrahiend ihre Hände und Augen gen Himmel erhob und inbrünstige Danksagungen zu dem sendete, der in seiner unendlichen Barmherzigkeit ihr Leid in Freude vcrwandelt hatte. ״Frau!“ rief Zodek, in der Arbeit innehaltend. ״Was sagst du zu alledem? Wache ich oder träume, ich? He?“ ״Was soll Ich sagen, Zodek? Danken wir Gott fiir das uns gesandte grosse Glück.“ ״Ja, unser weiser Rabbi hat recht; cs ist alles zum Guten, alles zum Guten! Man darf nie die Hoffnung auf Gott verlieren; er straft, abe,r er beglückt auch.“ ״Aber wie wird das jetzt sein, Zodek?“ Werden wir wirklich niemand etwas für die Arrende zahlen?“ (Fortsetzung folgt.)

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