Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651541--05085-2662091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
Seite 444 ' No. 41 JÜDISCHE RUNDSCHAU. KönsUcr, er war auch ein edler, charakterfester Mensch. Wie viele haben ihren Erfolgen durch den Taufschein nachgeholfen! Ignatz Brüll blieb Zeit seines Lebens ein guter Jude. Wir wollen ihm nicht die sonderbare Anerkennung spenden, dass er ein Jude geblieben. Das ist doch für Menschen von Charaktcr selbstverständlich. Aber dass er überall dort zu finden war, wo cs galt, arme Juden durch seine Kunst zu erfreuen, dass er humanitäre Bestrebungen immer förderte, sei ihm nicht vergessen. Für das arme, aber bildungscifrige Publikum der ״Toynbce-Halle“ war cs ein Festtag, wenn Meister Brüll ein Konzert gab. Und wie freute ihn der enthusiastische Beifall der Armen! Ignatz Brüll hat ln früheren Jahren auch der zionistischen Bewegung nahe gestanden. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er sich jedoch vom öffentlichen Leben fast ganz zurückgezogen und erschien auch nur selten im Konzertsaalc. Als er im Vorjahre seinen 60. Geburtstag feierte, war er der Gegenstand grosser Ehrungen. Damals äussertc Brüll, er habe nie gewusst, das er ,.so geschätzt und belicht sei“. Aber sein Zuriicktrcten von der öffentlichen Betciligung an der zionistischen Arbeit hat ihn nicht dem Zionismus als solchem entfremdet. Er war nur zur weiteren Mitarbeit zu schwach geworden. Es freut uns, dass ein Teil des ersten jüdischen Kunstabends in diesem Winterhalbjahr am nächsten Sonntag den Kompositionen Ignatz B r ü 11 s gewidmet ist. Eine zionistische Deputation Lemberg, 3. Oktober. Vorgestern haben in ganz Galizien auf Anordnung der jüdisch-nationalen Parteileitung zionistische Versammlungen stattgefunden, die gleichlautende Resolutionen annahmen. in denen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für den Landtag, sowie die Schaffung eines nationalen Katasters für Polen. Rutheneu und Juden gefordert wird. Diese Resolution wurde heute durch eine 25 gliedrige Deputation, die von den zionistischen Rciclistagsabgcordncten Stand und Dr. Gabel geführt wurde, dem Landmarschall Grafen Badcni überreicht. Graf Badcni erwiderte, er selbst sei für das allgemeine Wahlrecht, doch gegen die Einführung des nationalen Katasters, da er darin nur eine Veranlassung zu neuen Zwistigkeiten erblicke. Dies sei jedoch nur seine persönliche Ansicht. Als Landniarschall nehme er die vorgebrachten Wünsche entgegen und werde sic den kompetenten Faktoren des Landtages zur Kenntnis bringen. — Diese Antwort ist umso bemerkenswerter, als dies die erste jüdische Deputation ist, die je von dem galizischen Landmarschall empfangen wurde. Wie ״man“ Religion propagandieri! Die Entführung jüdischer Mädchen ohne Einwilligung oder auch nur Kenntnis ihrer Eltern zum Zwecke ihrer Unterbringung in dem Kloster der Fclizianerinncn in Krakau wird ruhig fortgesetzt, ohne dass die Zivilbehörden den unglücklichen Eltern ihren Beistand leihen. Der neueste Fall ist der der fünfzehnjährigen Tochter des Herrn Fars in Dcmbica. Alle Bemühung—— ■י■ וו««!»«וI«■■n«w,«—■■.—ף ״Nun, warum?“ ״Die gute Laune ist in den meisten Fällen eine Folge der Selbstzufriedenheit. Sic haben in diesem Augeiw blick begründete Veranlassung, mit sieb selbst zufrieden zu sein, denn Sie waren, erlauchter Pan Potocki, gerecht und grossmütig gegen unschuldig Gedrückte und Geschädigte. Und Ihre gute, freundliche Stimmung Ist nun der Lohn, den Jede gute Tat, iedc edle Handlung In sich birgt.“ ״Und ich? Bin ich etwa nicht mir mir zufrieden?“ fragte Boiepolski lachend. ״Das habe ich nicht behauptet.“ ״Warum bin ich nun zufrieden mit mir? Habe Ich doch die, nach der Ansicht Don Pedros unschuldigen Juden gedrückt und gekränkt . . . Juden und unschuldig! Das ist doch aber geradezu lächerlich!“ ״Ja, lediglich darum, weil Sie, erlauchter Pan Bolenolski, den Juden keine Ehrlichkeit Zutrauen und Ihr Urteil für unfehlbar halten. Sie sind ebenfalls mit sich zufrieden, denn Sie haben geurteilt und gerichtet nach den Vorschriften der Gerechtigkeit — von Ihrem Standpunkte aus!“ ״Und im Geiste meines Rzeptanzer Talmuds,“ fügte Bofepolski lachend hinzu. gen des unglücklichen Vaters zur Wiedererlangung seiner Tochter waren vergeblich: selbst der Reichsratsabgeordnete des Bezirks und der Bürgermeister von Krakau erklärten sich für machtlos. Reichsratsabgcordnetcr Dr. Gabel wird die Regicrung wegen dieser Untat interpellieren. Jüdischer Schulverein ln Böhmen Die Statthalterei hat die Statuten des ״Jüdischen Schul- Vereins für Böhmen“ genehmigt. Die Verlautbarung ist bereits im PRAGER ABENDBLATT erfolgt. Es wäre zu wünschen, dass die Proponenten des Vereins, dessen Gründung wir aufs lebhafteste begriissen. baldmöglichst mit der praktischen Tätigkeit .beginnen. Es gilt die jüdische Jugend in Böhmen ihrem Volke zu erhalten. Aus England London. Hierher gelangte folgendes offene Schreiben des Rabbiners von Minsk: ״Unsere letzten Hoffnungen auf bessere Zeiten sind nun verschwunden, unser Los hat sich noch verschlimmert, ja, cs ist fast uncitrnglich Geworden. Am Neujahrstage wird uns verwehrt, unser Haus zu verlassen und das Bethaus aufzusuchen: auch am Versöhnungstage sind wir an unsere Schwelle gefesselt. Unsere tüchtigsten Söhne und Töchter sind entweder im Kerker oder in Sibirien. Wie glücklieh seid Ihr zu preisen, dass es Euch vergönnt ist, in einem freien Lande zu leben! An wen sollen wir uns aber um Hilfe wenden? Zu wem sollen wir flehen, dass er sich unserer annehmt? Wir sind elend und verlassen! Aber Ihr, im ircien Mngiar.J. könnt Euch an die guten, gläubigen Qiristen wenden, damit sie für uns ihre Stimme erheben Bemüht Euch, euer erlauchtes Königshaus, welches durch seinen Edelmut bekannt ist, auf unser Schicksal atmner.sant zu machen. Ein Wort aus ihrem Munde würde die Herzen von Millionen unserem tmglücklichen Volke zuwenden. Möge Gott walten, dass die mächtige und furchtlose englische Presse sich unser annelunv und auch uns Gerechtigkeit verschaffe!“ .• י Die Wahlsituation in Russland Die bisherigen Ergebnisse der Wahlen in Russland haben zwei bedeutungsvolle Merkmale der Wahlbewcgung an den Tag gefördert. Einerseits siegt trotz allem die Opposition, anderseits zeigt sich eine starke Neigung zur Wahleuthaltung. Es sind anscheinend zwei sich gegenseitig widersprechende Erscheinungen, denn Opposition bedeutet ja eine Intens!vität der politischen Kräite, ein verstärktes Selbstbewusstsein des Volkes: die Wahlenthaltung hingegen legt den Gedanken nahe, dass eine allgemeine Apathie um sich gegriffen hat. dass die Mehrheit, verärgert, den Glauben an die Zweckmässigkeit und Nützlichkeit des Wahlaktes überhaupt verloren hat. Wie sind diese Widersprüche zu harmonisieren? Nun, es sind eigentlich keine Widersprüche, wenn man in das Wesen der Ereignisse der Entwicklungen der mächtigen Krise, die Russland durchlebt, tief hincindringt und die Triebkräfte dieser Veränderungen IIH ■1«|1»10ו—■» lll1IW»l '«IMy1HI■ >1■ II »■ I 1 ■ 11 זן[ I—1 ■I Win■iTIf liTiii—umani Wl—rI Till 11 11j>1*n1|• » trani i ■ Hf—'MHMMMW1 »1 '1H1—I—— Ohne Boiepolski weitere Beachtung zu schenken, wandte sich Don Pedro an den Hausherrn: ״Pan Potocki wollen entschuldigen, wenn ich auf die Ehre, an den! Souper tcilnehnien zu dürfen, verzichten muss.“ ״Weshalb, mein lieber Don Pedro?“ ״Ich habe dem Rabbiner versprochen, nach seiner Enkelin zu sehen, und ich fürchte, dass der heutige Tag nicht ohne Folgen bleiben wird für den zarten Organlsmus.“ ״Gebe, mein guter Pedro. Das Kind flösst mir das lebhafteste Mitgefühl ein.“ ״Natürlich,“ bemerkte Boiepolski mit einem hassliehen Lächeln. ״Ich wette, dass der Gedanke an die Estcrka Kasimirs des Grossen dem Pan Potocki tief in das Herz gedrungen ist.“ An der Tür versperrte der Narr Don Pedro den Weg. ״Eine Frage, edler Don Pedro.“ ״Fragen Sie.“ ״Ist es wahr, dass jeder Mensch ln seinem Innern einen Wurm birgt?“ 1 ״Und wenn dem so wäre?“