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Jüdische Rundschau · 1907-10-10 · Heft 41 (10.10.1907) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 41 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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No. 41 1 Seite 443 JÜDISCHE RUNDSCHAU. ekelhafte Art gewisser antisemitischer Kreise — besonders der Wiener —, die da sagen den Judfcn wäre es durch ihre Religion erlaubt, zu stehlen, zu betrügen und zu wuchern. Sondern ich meine, dass das alte Testament im .allgemeinen -־ natürlich steht in der Bibel vieles, um allen philologischen Spitzfindigkeiten auszuweichen -- das Buch der Stärke, der vollen Krait des hebräischen Volkes ist und dass sich diese Krait auch in seiner Sittcnlehrc offenbart. Das neue Testament aber hat die Spuren der Entartung.. der Degeneration an sich. Das alte Testament steht mit beiden Füssen aui der Erde, während das neue..die Vorbereitung auf das Jenseits als menschliches Leben ausgibt. Das Ideal der Bibel ist ein ehrlicher, kralliger, freier Mann. , wohltätig und wissend, der als Sohn eines adeligen Volkes die Stiere über die Scholle seiner Väter führt. Demütig vor Gott, aber stark und mutig im Kriege, stolz vor den Men־ sehen. Auge um Auge! Zalm um Zahn! Ich möchte wahrlich dies nicht in Parallele zu ..Wenn dich jemand auf die eine Wange schlägt, so reiche ihm die andere hin“ setzen. Jcrcmia goss die bittersten Verwünschungen, die grossartigsten und wildesten der Weltliteratur, über die.Feinde aus. als das stolze Jerusalem am. Böden lag. Und unsere Väter nahmen inmitten der Stick• luft des Ghettos jenes ״Giesst deinen Grimm aus über die Völker" in die Haggadali auf. Mein Rcligimislcltrcr allerdings, ein .;liberaler. Jude", liess diese Stelle einfach aus und ersetzte sic durch eine Jcsajastcllc ״in seinem Sinne''. Unsere Väter im Ghetto hatten den Stolz noch, den ilire freien Söhne verloren haben. . Wir sollten die feigen Mörder in Russland oder die Ramänen — lieben? Lügen wir doch nicht! Wir sind ein Volk. Feurig in der Liebe, aber auch feurig im Hassen. Shylock ist Jude! Natürlich wollen wir nicht in den Felder verfallen, das alte Testament als das alleinseligmachende lünz.ustcllen. Friedrich Nietzsche, den ich hier zum zweiten Mule zitiere, sagt 1:1 ״Jenseits von Gut und Böse", die Bibelübersetzung Luthers sei das einzige deutsche Buch. Und wirklich ist ein kr.‘;:* tigeres. ursprünglicheres Werk nie in deutscher Sprache geschrieben worden. Luthers grosses Werk war die Nationaüsiernilg, die Germanisicrung des Evangeliums. Die Reformation hat. ein Neues aus der christlichen Religion geschaffen einen selbständigen, kraftstrotzenden׳ Organismus. Wie einst Ulrich Zwingli in die Schlacht bei Kappel, so kann auch heute jeder evangelische Militärpfarrer in das Feld der Ehre mit ehrlicher Ueberzcugung gehen, trotz des ״Liebet eure Feinde!" Es steht ein ganz neuer Geist zwischen den Zeilen des neuen Testamentes, den kein Philologe vergleichen kann, der Geist der germanischen Reformation. Es ist kein Zufall dass E. von Gebhards Jesus Christus die Züge eines blonden, germanisehen Bauern trägt und auch Prcnssens Christus ist kein Jude trotz seines Menschentums. Das neue Testament war, als cs entstand, das Zeichen der Auflösung, der Entnationalisierung und zu seinem Glücke hat das jüdische Volk es von steh abgcschüttelt, das jüdische Volk, das damals noch stark genug war, seine nationale Eigenart dem allgemeinen Menschheitsich will alles sagen . . . ich war es nicht ... Es war Pinte . . . der Marwicher Rabbi.“ Ein schallendes Gelächter unterbrach ihn. ״ ־Der scheint wahnsinnig geworden," sagte Potocki zu dem Rabbiner. ״Nein. Es ist nur die Angst; ich werde ihn beruhigen. Der Rabbi beugte sieh zu Zodek nieder und flüsterte ihm einige Worte in jiidisch-dcutsclicm Dialekt zu. Zodek sprang auf. ״Woickowski!“ rrcf Potocki. ,.Deine List mit den Lichten ist gemein und nichtswürdig. Du bist kein Schlachziz, .sondern . . .; ein Jud. Pan Potocki braucht solche Diener nicht .... fort aus meinen Augen!. Und.‘(In, Jude, hast recht in der Sache. Nimm die Arrende wieder auL Man hat dielt aber ruiniert und insultiert» und dazu noch diesen ehrwürdigen Greis heschimpft und sein Kind fast getötet. Der Greis verzichtet auf eine Entschädigung, aber Pan Potocki bleibt niemand etwas schuldig. So lange du lebst, sei darum die Arrende dein — u n c n t ge 111 i*ch! Danke aber dafür mir nicht, sondern deinem Rabbiner, diesem ehrwürdigen Greise, und bete für das Wohl seines Rindes.“ '..''׳ ... träume nicht zu opfern. Und eine neue, nationalisierte, protestantisclic Religion hat die Reformation geschaffen. Darum ist es unendlich töricht, das alte und das neue Testament in Parallele zu stellen. Weder die protestantische, noch die katholische Kirche sind von dem ursprünglichen Sinne des neuen Testaments erfüllt und cs ist gut so. Einer geht heute nur zurück auf jenen alten auflösenden Sinn des neuen Testa* nients und das ist der Feind alles Nationalen, der neue Prophet der europäischen Entartung, der Anarchist ־ - Tolstoi. Lassen wir doch endlich von der angeblichen Existenz* bercchtigimg des Judentums, von der Mission anderen Yölkern gegenüber, lassen doch auch wir jeden nach seiner Fagon selig werden. Dieser Schritt, die Versendung der ..Parallelen" auf dem Wege der ״jüdischen Mission“, so schwächlich und ohnmächtig, so historisch unwahr, wie er ist. wird die jüdischen Apostel der Assimilation in Deutschland in grellem Lichte zeigen, und wird mir den einen Zweck erreichen, den alle solche Versuche seit Moses Mcndelsohn gehabt haben: Zerfall im eigenen Lager. Masscntaufcn. Lassen wir doch jedes Volk nach seiner eigenen Fac״n selig werden! Kardorft sagte einmal im Reichstage, was er an der jüdischen Religion hochachte, sei. dass sie nie Mission getrieben habe. Wir sind im Begriff diesen Vorzug zu ver* lieren. Den germanischen Christen das Kreuz. den Juden den Königsscliild Davids! L. *־* Rundschau. «־ Grossherzog Friedrich von Baden Der Präsident des zionistischen Aktionskomitees, Herr David Wolfisolm, hat an den Grossherzog von Baden folgen* des Telegramm gerichtet: ״Seiner Königlichen Hoheit Friedrich II.. Grossherzog von Baden. Schloss .Mainau. Das zionistische Aktionskomitee nimmt elirfurclitvollst an o'er tiefen Trauer teil, in die Ew. Königliche Hoheit lind das deutsche Volk durch das Hinscheiden Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs versetzt worden ist. Die zionistische Organisation wird das hochherzige Interesse, das der hohe Verewigte den zionistischen Bestrebungen entgegengebracht hat, in dauernder und dankbarer Erinnerung halten. Das Aktionskomitee der zionistischen Organisation David Wolüsohn, Präsident. Darauf ist folgende Antwort cingelaufen: ״Herrn David Wciiisohn, Präsident des Aktionskomitees der zionistischen Organisation. Köln. Seine Königliche Hoheit der Grossherzog lassen für den Ausdruck treuer Teilnahme herzlich danken. Im höchsten Aufträge Babo." Wie vom Blitz getroffen stand Zodek da, dann stürzte er dankend zu den Eiissen seines Herrn nieder. ״Nicht mir, nicht mir,“ wehrte dieser mit beiden Händen ab, ״sondern dein Rabbiner dünke.“ Zodek wendete sein träncnbeieuchtetes Gesicht dem Rabiner zu. ״Nicht mir, mein Bruder, nicht mir danke,“ sagte der Greis, die Hände erhebend, ״sondern dem, der unserem erlauchten Herrn den Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit eingeflösst. Bete für de.11 edlen Pan Potocki, und genifesse den dir geschenkten Reichtum nicht allein, sondern gedenke auch derer, die in Armut und Elend schmachten, und vergiss nie das Wort unseres weisen Rabbi Akiba: ״Wa s der Herr tu t, ist z u in Gute 11.“? Fünftes Kapitel. Eine alte Wund e. Dem iiir die Zwantzer Juden so denkwürdigen Tag. der mit dem interessanten Schauspiel der edellierrlichcn Grösse begann und mit eine,in blutigen Drama der edelherrlichen Willkür fast geschlossen hätte, folgte ein stiller, ruhiger Abend. Das Städtchen lag in tiefer Ruhe da. Das mutwillige, erfrischende Lüitchen ent- \ ׳.

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