Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 440 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 41. Durchführung von Prinzipien, die. bei ihm nur aus Be-! quenilichkcit •entspringen. Was wir dagegen verlangen, ist nicht etwa die Ab* richtung unserer Jugend, sei es in Berlin oder irgendwo im Orient für irgend eine Richtung im Judentume. Wir haben ebenso wenig Interesse daran, dass ein falscher Liberalismus unsern Kindern aufgedrängt wird, wie dass sie mit den Ergebnissen der Wissenschaft künstlich in Widerspruch gebracht werden. Was wir verlangen, ist, dass unsere Jugend zum Judentume e.rzogen wird. Dieses verlangen wir vor allem von der Berliner Jüdischen Gemeinde, die so wenig auf diesem Gebiete bisher geleistet hat, dass sie sich selbst grosse Schuld beimessen muss, wenn heute die Fahnenflucht und die schmähliche Taufe der Kinder jüdisch bleibender Eltern in einem solchen Masse überhand genommen hat, dass sie in der jetzigen Zeit des allein herrschenden Liberalismus die Höhe der grossen Taufperiode aus der Zeit der Blüte der Reformgemeinde wieder erreicht hat. Die Jugend muss wieder zum Judentum erzogen werden. Nicht zu starren Dogmen und unverstandenen ethischen Artikeln, sondern zu lebendigem Judentum, das aus dem ewigen Borne der jüdischen Heldenge־ schichte und hebräischen Geistesgrösse, frische unvergänglichc Jugend schlürft. Man hat uns Prachtsynagogen gebaut, um den Nichtjuden zu zeigen, dass wir einen vornehmen Gottesdienst haben. Man baut prächtige Grabmäler und tiberhäuft den stillen Friedhof mit protzendem Prunk und laut prahlendem Luxus, man spendet mit vollen Händen zum Bau christlicher Kirchen, aber man lässt die jüdische Jugend ohne die notwendigsten Kenntnisse der eigenen Geschichte und Sprache. Man hat das Judentum öde gemacht, dass cs sich wie ein jüdischliberaler Friedhof ausmacht, auf dem die Bürgersleute fein still liegen müssen, damit sie niemand bemerkt, ׳während die Millionäre um so liberaler Prunk und Pracht entfalten, als gelte es des Todes und seiner Majestät zu spotten. Das elendeste aller Wahl- Systeme, auf das die Liberalen so sattsam schimpfen, ist nicht so elend, wie das absolut unjüdische Dreiklassenbegräbnissystem, das unsere Liberalen einführten, um auch im Tode noch die Kapitalsanhäufung zur Geltung bringen zu können. Aber die jüdischen Schulen hat man veröden lassen, und ohne den Zwang des Staates, der sich christlicher Staat nennt, gäbe es Kaum jüdischen Religionsunterricht. Die Gemeinde aber hat die Pflicht der Erziehung unserer Jugend zum Judentum. Das sei die Losung zu den Gemcindewahlen bei allen denen, die nicht wünschen, dass inan dem Judentume ein liberales Grab grabe, das vielleicht prunkvoll und prächtig ausfallen würde, aber doch nur einen Toten beherbergte. E I j ä q 1 in. Vorbereitungen zur Gemeindewahl Der liberale Gemeindevorstand der Berliner Jüdischen Grossgemeinde hat diesmal vor den Wahlen ein nicht allzu gutes Gewissen. Das schwere Unrecht, das man dem redncrisch gewaltigsten unter den Berliner Rabbinern, den! jungen Dr. Colin angetan hat. ist die Veranlassung dazu gewesen, dass in weiten freidenkenden nichtjüdischen Kreisen aller politischen und kirchlichen Richtungen eine schwere Miss- Stimmung gegen die Jüdische (ienieinJe. die an ihrem Vorstand eigentlich recht unschuldig ist. Platz gegriffen hat. Da diese in nichtjiidischen Kreisen allgemeine Verurteilung des Vorgeheiis eines angeblich liberalen Vorstandes, der nichts anderes als die Quintessenz der Berliner Jüdischen Plutokratic ist. auch in weite jüdische Kreise gedrungen ist so beginnt diese sich liberale Partei nennende Plutokratic einige Bedenke״ für die diesjährigen Gemcindewahlen zu hegen. Min zu kommen die Gmcindeskaudalc bei der Durchreisindenkonimiss'on. die trotz öifcntliclier Rüge in den Blättern nicht einmal zu einer Veriolgung des famosen Herrn Arndt geführt haben und die zur Zeit bereits eine würdige Nachfolge gefunden haben. Da fühlt der Gemeindevorstand.! 1dass etwas geschehen muss, um das gesunkene Vertrauen der liberal-plutokratisch regierten Gemeindenntglieder wieder zu heben. Das muss die Abwehr des Antisemitismus besorgen, die wie die MIT- TEILUNGEN aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus genügend beweisen, so ungeschickt und unfähig wie nur möglich geführt werden kann, ohne doch von den Juden, die so oft von ihr mehr blamiert als verteidigt werden, die gebührettde Abfuhr zu erhalten. Um das liberale Regiment zu retten, muss eine rettende Tat geschehen. Das Judentum muss gerettet werden. Es wäre nun vom liberalen Standpunkte undenkbar, die rettende Tat dort zu beginnen, wo sie zu beginnen hätte, bei dem Kampfe gegen die aus dem Judentum hinaus führende Reform. Da aber ״Reform*' im Sinne der Auflösung des historischen Judentums eben das ist. was man heute liberal nennt, so würde dieser allein wirksame Kampf für das Judentum die Negierung des angeblichen Libers- Spinnen und Fliegen Roman von B a g r 0 f f. Aus d. Russ. übersetzt. ־ (Fortsetzung.) ״Wie du willst, Alter,“ sagte schliesslich Potocki. ״Ich habe dir gegen meinen Willen viel Kummer bereitet,׳‘ fuhr er fort, Don Pedro anblickend, ״verzeihe mir!“ ״Freude und Kummer — beide kommen von dem allmächtigen Gott. Und aus der Tiefe meines Herzens danke ich dem edlen Pan und den erlauchten Damen für die Mühe, die Sie sich um meine Enkelin gemacht, und für die Freundlichkeit, die Sie ihr erwiesen. Lohne Ihnen der allmächtige Gott Ihre Guttat hundertfach,“ sagte der Rabbiner, sich nach allen Seiten hin verbeugend, und näherte sich mit seiner Enkelin dem Ausgange. ״Halt, Alter,“ rief Potocki tief *erschüttert, ״du und deine Enkelin —׳ ihr seid von uns gröblich insultiert worden. Fordere von mir, was dir beliebt. Pan Potocki kann fehlen, kann aber auch seine Fehler wieder gut machen. Fordere!“ ״Warle, Alter,“ sagte Panna Oda, und w׳urde jetzt ebenfalls grossmiitig, ״ich werde für die Kleine einige Kleidungsstücke holen lassen.“ ״Von mir aber, mein Schatz, nimm diese Kleinigkeit an,“ sagte Panna Wanda, riss die kostbaren Ringe aus ihren Ohren und reichte sic dem Kinde. ״Danke, danke,“ sagte der Rabbiner, zu Tränen gerührt, indem er das Kind an sich zog. ״Mein Kind braucht nichts. Ich bin vielleicht arm, für mein Kind aber reich genug. Das Notwendigste haben wir, und an Luxus und Ueberfluss sind wir nicht gewöhnt. Wenden Sie, edle Herren und Damen, Ihre Grossmut denjenigen Unglücklichen zu, die bedürftiger sind ah wir." ״Du bist ein guter Kerl,“ sagte Don Pedro; er verbeugte sich vor dem Rabbiner und drückte ihm kräftig die Hand. ״Und du, mein Herzdien,“ sagte Potocki, das Kind auf die, Stirn küssend, ״wünschest du ebenfalls nichts?“ ״Nein.“ ״Das ist nicht wahr, Estherchen,“ sagte der Rahbiner lächelnd. ״Du könntest den edlen Pan j'a ftir die unglücklichen Kinder Zodeks bitten, die ohne Obdach und Nahrung sind."