Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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'No. 40 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 433 neu. Und da niemand verantwortlich sei, könne eben jeder einzelne verantwortlich gemacht werden.! Das jüdische Volk wird im Sinne der Völkcrvertretung erst wieder eine Stimme haben, wenn es auf efgerfem Grund sein Geschick in eigene Hand nimmt and über seine eigenen Angelegenheiten selbst bestimmen wird. Aber inzwischen hat sich bereits insofern eine Wandlung zum Besseren vollzogen, als das Volk den klaren und unzweideutigen Willen kund gegeben hat, wieder eine Firma zu werden und ein Aktionskomitee erwählt hat, das in seinem Namen die nötigen Schritte vorberciten und so weit es angeht unternehmen soll, um das Ziel zu erreichen, das in einer öiientlich-rechtlich gesicherten Heimstätte im eigenen Lande bestellt. Es sind zehn Jahre, dass dieses Aktionskomiteezuerst seine Tätigkeit unter Theodor Herzls Leitung begonnen hat, und die Welt hat bereits erkannt, dass die Juden die Absicht haben, nicht weiter unter anderen Volksfirmen die Geschäfte ihres Volkes zu führen. Aber wenn das jüdische Volk auch seinem Aktions־ komitce auf acht Kongressen den klaren Auftrag, der uns allen bekannt ist, erteilt hat, so hat es leider diesem Aktionskomitee nicht den Betriebsfonds zur Verfügung gestellt, dessen es bedarf, wenn es die Arbeiten ausführen will, die man von ihm erwartet. Noch auf allen Kongressen wurde es offen ausgesprochen, dass wichtige Schritte aus Mangel an flüssigen Mitteln unterbleiben mussten, und dass gerade das Geld zu unserm poütischen Schritten fehlte, das Geld, an dem das jüdische Volk ja so ungeheuer reich sein soll. Wir wissen, dass liier^ wiederum eine Verwechslung in erster Linie der getauften Juden mit dem jüdischen Volke vorlicgt. Denn von einem gewissen Stcuerzensus ab ist es eine einfache Pflicht der am Gelde haftenden Vornehmheit, in feiger Flucht dem Judentume offen den Rücken zu kehren. Freilich gibt es eine noch viel grössere Verworfenheit, die der Taufe aus dem Wege geht, Indem man die Kinder der Kirche zuführt, an deren Dogmen man nicht glaubt und der man aus noch grösserer Feigheit nicht beitritt. Dass sind die Kreise, die das jüdische Volk in den Ruf gebracht haben, das reichste zu sein, während es das allcrärmstc ist. Aber diese Allerärmsten sind es, die aus den Spar- Pfennigen bitterer Armut die jüdische Kolonialbank geschaffen haben, die dazu bestimmt ist, dem jüdischen Volke ein Werkzeug zu sein bei der rechtlichen Wiedergewinnung seiner Heimat. Dieses allcrärmstc Volk hat aus seiner Armut in kurzer Zeit bereits die erste Million des Nationalfonds zurückgdegt, dessen Zweck es ist, dass der Grundbesitz Gesamteigentum bleiben soll, damit nach biblischer Bestimmung kein Armer im Lande sein kann. Und an dieses arme Volk geht jetzt der Ruf, für das Aktionskomitee einen Betriebsfonds zu schaffen, dessen cs bei seinen Bemühungen um die Eröffnung der Firma des Jüdischen Volkes im internationalen Völkerfinnenregister bedarf. Der Parteifonds, der nach dem Beschlüsse des Haager Kongresses geschaffen werden soll, und zu dem jeder Schckclzahlcr verpflichtet ist, mindestens die einmalige Zahlung von vier Mark zu leisten, ist als Fonds für außergewöhnliche Zwecke bestimmt. Das ist ein Fonds, wie ihn jedes Volk und jede Partei hat, und nur wir Zionisten haben durch die viele augenblickliehe Not, die über unser Volk hereingebrochen ist und durch die Sorge für die allernotwendigsten Partei- und Volksinstitutc, bisher nicht die Zeit und die Mittel gehabt, diesen Notpfennig dem Aktionskomitee zur Verfügung zu stellen. Hier liegt ein in den Umständen begründeter Krebsschaden der Partei, der dazu geführt hat, dass in Bedarfsfällen einzelne Privatpersonen die Pflichten der Gesamtheit übernehmen mussten, und dass unser Theodor Herzl ausser seiner ganzen Lebenskraft auch sein ganzes beträchtliches Vermögen der Volks- Sache opferte und nichts hinterliess, als er die müden jungen Augen schloss. Und doch hat auch er so manchen von ihm für notwendig erachteten Schritt aus Mangel an flüssigen Mitteln unterlassen müssen. Das ist ein unwürdiger und ein ungesunder Zustand. Hier gilt es, Abhilie zu schaffen, und die Abhilfe liegt in der Schaffung ejnes zur Verfügung des Aktionskomitees stehenden Parteifonds. Wir haben wahrlich nicht nötig, unsern Gesinnungsgenossen vorzurechnen, wie gross, wie riesengross die Mittel sind, die deutsche Arbeiter für ihre sozialdemokratischen Bestrebungen aufbringen. Unserer Opfermut ist nicht geringer. Man Wunderbar schön war das halbausgekleidete Kind. Dieses Engelsköpfchen auf dem klassischen Halse und den runden Schultern, die von dichten, langen, rabenschwarzen Haaren umhüllt waren, hätte das ■schönste Modell abgegeben für einen Maler oder Bildhaucr. ״Pan Stephan,“ sagte BdepoLski, die Arme ausbreitend, ״du bist entschieden ein Gliicksmenscli. Etwas schöneres als deinen Conrad und das Judcnmädel hier habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen.“ ״Ja, sie ist berückend schön,“ stimmte Potocki bei. ״Fine ungewöhnliche Schönheit,“ ertönte cs im Chore. ״Wie hat sie doch gleich der Alte genannt?“ fragte jemand. ״Etja, das ist soviel wie Fsterka.“ ״Nun, wenn die Fsterka Kasimirs des Grossen dieser ähnlich sah, dann begreife ich sehr wohl, dass er die jüdische Schneiderstochter vor allen unseren berühmten Schönheiten jener Zeit vorgezogen. Ha, ha, ha!“ ״Bruder Stephan,“ sagte Pan Wirginski, dem Hausberrn vertraulich auf die Schulter klopfend. ״Wenn du eine Perle wie. diese aus den Händen gibst, dann werde ich dich vor aller Welt einen Einfaltspinsd, ein altes Weib nennen." ״Bist du von Sinnen, Wirginski, oder sinnlos betrunken? Dieses Mädchen ist ja noch ein Kind!“ ״Ha, ha, da müsstest du selbst betrunken oder kurzsichtig sein. Sichst du denn gar nicht, dass diese herrliehe Knospe sieh schon zu entfalten beginnt? Noch ein, zwei Jährchen, und aus dieser Knospe wird eine üppige, unvergleichliche Blume. Sieh doch, diese Fingerchen, diese Fingerchen!“ ״Alien Frustes, Brüderchen,“ sagte nun auch’ Bolepoiski lächelnd, ״richte di!r auch deine eigene Fsterka ein. nach der Weise Kasimirs. Was mich betrifft, so würde ich für einen so leckeren Bissen mit Freuden . . . selbst mein hohes Amt als Judenrabbiner hingeben.“ Die Umgebung lachte; nur Chmielnicki, der sich an der Unterhaltung nicht beteiligt, aber sich auch keine Silbe derselben entgehen Hess, lachte nicht ein einziges Mal. Er wendete kein Auge von dem Mädchen ab und hing seinen eigenen Kosakengedanken nach.- Unweit von Chmielnicki gruppierten sich einige Pfaffen um den Pater Benediktus und führten unter, sich eine Unterhaltung anderer Art. ״Mich empört diese ekelerregende Szene,“ sagte