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Jüdische Rundschau · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 427 3fiSd Rundschau. * Antisemitische Beamtenpropaganda Die christlich-soziale Partei beginnt bereits ihre Portefcuillcs zu cskompticrcn. Mit aller Macht geht sic daran, ihre Stellung als Reichspartei, die sie bei den letzten Reichsratswahlen errungen, auszunützen. . . So berichtet die BU- KOWINAER POST von Vorbereitungen, die, vom Wiener Rathaus ausgehend, dem Antisemitismus in Czernowitz ein offizielles Heim gründen sollen. Unter Vorsitz des k. k. Rcchnungsassistenten der Finanzdircktion, Herrn Mcriniuk, fand in Czernowitz eine Versammlung statt, in welcher Herr Bcrezowski, k. k. Kanzleioffizial, reieriertc. Mit scharfsehcndcni Blicke erkannte er, dass die Feinde der Christen nur bei den Jude u zu suchen seien. Herr M e r c n i u k führte in einem poetisehen Vergleiche aus, dass der Weingarten der Bukowina durch die Juden, die er als Rebläuse bezeiclmete, zu Schauden gemacht werde. Weiteres sprachen noch der K a n z I c i - assi stent Schäfer, ein getaufter Jude und der k. k. Finanzkonimissiir Würze r, ein alter, liberaler Korpsstudent, welche die Gründung eines antisemitischen Vereins in Czernowitz wärmstem; begrüssten. Die Versammlung schloss mit einem Hoch auf Lueger. — Der Jüdische Klub wird der Regierung Gelegenheit geben, sich zu üussern, ob sie diese Tätigkeit von Staatsbeamten billigt. Die Kolonien in der Jewish Colonial Association Herr Na ז eisse Lcve.n, der Präsident der JCA. bat in der letzteis Generalversammlung über die Tätigkeit der JCA eine bemerkenswerte Rede gehalten, die über die lattdwirtschaftlichen Unternehmungen der Gesellschaft sehr interessante Ausführungen enthält. Zunächst berichtete er über die Kolonien in A r g c n t i tt i c n. Nachdem die Kolonisten mit Getreidebau begonnen und damit infolge Wetterungunst und He uschreekenp'.age Fchlschlüge erlebt hatten, sind sie allmählich dazu übergegangen, ausser dem Feldbau noch einige etwas weniger vom Wetter abhängige Frwerbszwcigc zu treiben: Viehzucht, Geflügelzucht, Milch Wirtschaft, Luzcrnklecanbau. Dann haben sic ihre Erfahrungen zur Verbesserung der Feldwirt- Schaft angewendet, so dass sie heute auf festen Füssen stehen und ihr Lebensunterhalt gesichert ist. Wie immer die Schwankungen und Zufälle des Landbaues auch sein mögen, die Ansiedler gewinnen aus ihrer Arbeit nicht nur ihre Subsistenzmittcl, sondern auch die Möglichkeit, ihre Schulden an unsere Gesellschaft abzuzahlen. Die Kolonie M o i s e v i 11 e liefert gerade jetzt einen bemerkenswerten Beweis: Die beiden letzten Jahre sind für den Getreidebau sehr ungünstig gewesen und die vor einigen Monaten, zur Erntezeit, an uns gelangten Meldungen lauteten ebenfalls sehr beunruhigend. Aber dank der verschiedenen Zweige ihres Betriebes haben die Ansiedler trotzdem das zu ihrem Leben Nötige gewonnen und noch eine Jahresabzahlung von ungefähr 110 000 Francs an die JKA leisten können. Die wirtschaftliche Lage schwankt natiirlieh, je nach den Kolonien und auch nach den verschiedenen Ansiedlern.selbst. Einigen von ihnen geht es sehr gut (man nennt in Mauricio mehrere Kolonisten, die in diesem Jahr von ihren Luzernklee-Fcldcrn über 30 000 Francs Einnahme hafien), andere sind weniger günstig gestellt. Im allgemeinen aber herrscht zur Zeit Wohlstand in den Kolonicn. Die Ansiedler leben gut und zahlen von Jahr zu Jahr grössere Summen ab. Die Kolonien in Palästina stehen jetzt ebenfalls günstiger. Das Land ist gut, die Erde fruchtbar und die Ansiedler haben genügend Land und entsprechende Ausrüstung bekommen, um sich ohne weitere Unterstützung d u r c 11z u b r i 11 g c n. Der grösste Teil der von der Gesellschaft bestellten Verwalter wurde entlassen, die Kolonien v c r w a 1 tt e 11 sich selbst und die Kolonisten arbeiten ernsth a f t. Freie Berufe in Palästina Ganz langsam, aber doch merklich, schafft die Wirtschaftliehe Entwicklung Palästinas auch Raum für die jüdische Intelligenz. welche sich in Europa immer mehr von der Proletarisierung bedroht sieht. Der letzte Bericht des Allgemeinen Informationsbureaus in Jaffa enthält zum Kapitel ..Freie Berufe” iolgende Daten: Drei jüdische Aerztc haben sich hier ctablicit. Vielleicht ist noch für einen oder zwei in Haifa oder in BeiriU Platz, vorhanden. Zwei neue Zahnärzte sind gekommen. Für einen dritten wird cs vielleicht in Jerusalern Platz geben, wenn er ganz im europäischen Sinne sich entrichten wird. Ein vermögender diplomierter Apotheker könnte verdienen. Drei neue Heba m m e n fanden Stellung, eine erhielt eine kommunale An- Stellung in Haifa. Alle angekomnienen Lehrer und Le 11־ rer innen fanden Stellungen. Für Spezialisten ist noch immer Platz. Es fehlen Gesang- und Zeichenlehrer. Es waren Nachfragen nach Gouvernanten, die ausser Hebräisch noch eine europäische Sprache beherrschen. Es fanden sich keine. Dienstbotennot In Palästina Wie das fnformationsburcau in Jaffa berichtet, gibt es in Palästina fast keine jüdischen Dienstmädchen. Die in den letzten zwei Jahren angekommenen Mädchen erblicken in diesem Berufe etwas besonders Beleidigendes und wollen ihn nicht annehmen, auch bei Kost und Logis und einem Lol me von 2ö—30 Franks monatlich. Für manche Familie ist das eine Kalamität und mancher Einwanderer liess sich dadurch zum Wegzug bestimmen. Die einheimischen aschkenasischen jüdischen Mädchen wollen ihr Heim nicht verlasset! und mit den arabischen kamt man sich zunächst nicht verständigen. Die!־'rage wird erledigt sein, wenn ausser mtelligenten Mädchen auch einfache, verdienstsuchende Mädchen kommen werden. Aus Pelhach Tikwah wird gemeldet, dass die Traubenernte in diesem Jahre nicht gut ausgefallen ist. Sie ist nicht hallt so gross wie die der letzten Jahre. Es scheint, dass auch die diesjährige Orangenernte hinter der des vorigen Jahres Zurückbleiben wird. — Baron Edmund v. Rothschild wird, wie es heisst, in Saied auf seinen: dortiger! Bodenbesitz, ein grosses Krankenhaus erbauen lassen: die Arbeiten sollen in Kürze in Angriff genommen werden. — Wie HABAZELETM aus Jaifa berichtet, steht die dortige Volksküche in Gefahr, aufgehoben zu werden. Die Volksküche ist eine Gründung des Philanthropen S. Goldberg, der sieh von seinen Geschütten zurückgezogen und seine ganze Kraft dieser segenstiftendcii Institution zugewandt hat. Die armen Einwanderer, deren ja jeden Tag eine Anzahl in Jaffa ankommt, bekommen in der Volks- Küche für einen ganz geringen Betrag ein Mittagessen. Da die Leute niemanden haben, an den sic sich wenden könnten, ist dies während der Tage ihres Aufenthalts in Jaffa für sie eine_ grosse Wohltat. Durchschnittlich besuchen täglich 30—40 Einwanderer die Volksküche. An manchen Tagen bcträgt die Zahl der Besucher bis zu 60. In dem vor kurzem beendeten ersten Jahr ihres Bestehens bat die Anstalt nicht weniger als 11 000 Mahlzeiten verabreicht. Die Gefahr, die der Volksküche droht, besteht darin, dass Dr. Chisin dem Odessacr Palästina-Komitee empfohlen hat, ,den monatlichen Beitrag, den cs zu den Unterhaltungskosten bisher leistete, Ginzustellen. Herr Goldberg wäre, wenn das Komitee diesem Rat folgte, nicht imstande, die Institution länger zu halten. Die Neutralität der Regierung Stolypins Während man den friedlichen Kadetten die Legalisierung ihrer Parteiorganisation verweigert, ist letzt der ״Verband zur aktiven Bekämpfung der Revolution” registriert worden. — Bekanntlich wurde den Kadetten als Grund der Verweigerung angegeben, dass sie die Mittel und Wege, durch welche die Kadetten die bestehende (!) konstitutionelle Staatsordnung aufrecht erhalten wollen, in ihren Statuten nicht klar erläutert hätten. — Die Statuten des .,Verbandes zur aktiven Bekämpfung der Revolution‘' scheinen in ganz klaren Worten abgefasst zu sein. Es bleibt nur die Frage, wozu denn die russische Regieruttg zu den Kriegs- und Feldgerichten greiit, wenn sie die Ausübung ihrer ..Beruhigungstätigkeit” den Händen der niedrigsteu Klasse der schwarzen Hundert anvertraut. Die Ziele des Verbandes zur ..aktiven Bekämpfung der Revolution”.sind keineswegs zweideutig. Der weisse Terror ist also jetzt, trotzdem Stolypin behauptet, dass im Lande vollkommene Ruhe herrsche, von der Regierung auf Umwegen sanktioniert. Die von der Behörde genehmigten Statuten lauten: ..Mitglieder des ״Verbandes zur aktiven Bekänipiung der Revolution * können mit alleiniger Ausnahme von .,Juden'‘ alle russischen Bürger werden, welche anerkennen, dass in Russland ein u n ־ beschränkter Selbstherrscher (!) herrscht. Um die Jugend von revolutionären Ideen abzulenken, veranstaltet der Verband Uebungen im Turnen. Fechten und Scliiesscn (!)." Die Ermordungen von Herzenstein und Jollos, die auf das Konto dieses Verbandes zu setzen sind, zeigen seine wirklichen Ziele sehr deutlich. Und ein solcher Verband wird von der angeblich konstitutionellen Regierung Stolypins legalisiert. Der Zar trägt ein Abzeichen.

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