Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651539--05049-2662053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 426 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 39 den mehr Politischen die Gewissheit geworden ist, dass die praktische Arbeit nicht an die Stelle der politischen treten, sondern parallel zu ihr laufen soll. Und weil man eben nicht alle radikalen und unpraktischen Wünsche, sondern nur dieejnigcn der Besonnenen erfüllt hat, sodass Schaden nicht zu befürchten steht. Vor allem aber haben wir zum crstcnmalc seit Hcrzl’s Tode wieder ein arbeitsfähiges Aktionskomitee, und diese Krrungcnschaft ist die wertvollste der Haager Tagung. Was nützen die schönsten Beschlüsse, wenn sic tote Buchstaben bleiben! Zwei lange Jahre haben wir überhaupt keine Arbeitsmöglichkeit gehabt, weil einmal ein Kabinett von 7 Mitgliedern, die verstreut wohnten vom Kaukasus bis zum Ozean, nichts zuwege bringen konnte, dann auch weil wir Pferde vor und hinter den Wagen gespannt hatten. Die Leitung muss homogen sein, einheitlich im Willen, einheitlich in der Richtung, sonst ist sie zur Tatenlosigkeit von vornherein verdammt. Das hat die deutsche Landsmannschaft vor den meisten anderen cingeschcn. Und darum ging sic auch dem Kongress einheitlich geschlossen vor. Während die anderen Landsmannschaften schwankten, die Richtungen hart aneinander prallten, fanden sich bei uns die ״Praktischen“ und ,,Politisehen" schnell zusammen. Denn sie sahen ein, dass cs hier nicht um praktisch oder politisch, sondern um die Zukunft der Organisation überhaupt ging. Noch ein solches Dezennium der Zerfahrenheit und Piihrerlosigkeit — und man hätte uns draussen nicht mehr bekriegt, weil cs unnötig gewesen wäre. Nicht in Hurrastimmung, sondern aus tiefem und ernstem Pflichtgefühl haben wir gehandelt und inan wird uns später dafür danken. Schon weil endlich ein Aktions-Komitee von Männern da ist, die eine Verantwortlichkeit tragen! Einstweilen freilich lassen die Unzufriedenen an uns ihren Zorn aus. Zunächst Herr Simon, einer der wenigen Dissentierenden. Im Zorn wirft er uns nur folgendes vor: mangelndes jüdisches Verständnis, Spiessbürgcrtum, westeuropäischen Hochmut, Selbstgenügsamkeit und Empfindlichkeit, erstaunliche Harmlosigkeit, und noch andere schöne Dinge. Man sollte es nicht für möglich halten! Und weshalb das alles? Weil wir wagten, gegen ein Aktions-Komitee alten Stils aufzutreten und ein arbeitsfähiges zu wünschen. Weil wir gegen die Mehrheit der russischen Landsmannschaft stimmten. Und da bei manchen Leuten stets die Welt untergeht, wenn die Ereignisse sich gegen ihre Ueberzeugung vollziehen, so müssen die Deutschen verständnislose Spicsser sein. Das ganze wäre als Ausdruck der Verärgerung schliesslich nicht tragisch zu nehmen, wenn es nicht einen sehr ernsten Hintergrund hätte. In einer Anzahl von Westeuropäern hat sich nämlich mit den Jahren unter dein Einfluss unserer Theorie die bedenkliche Erscheinung gezeigt, dass sic jeden Glauben an sich selbst verloren haben. Alles im westlichen Juden erscheint ihm faul, halb, zerrissen, er selbst als eine geflickte Halbnatur. Dagegen alles, was vom Osten kommt, als schön, unbestreitbar, richtig und glanzvoll. Natürlich steckt in diesem Empfinden ein Körnchen Wahrheit. Wir in der Diaspora können nur schwer die innere Geschlossenheit uns aneignen, die der Jude des Ostens von Hause mitbringt. Aber die oben gekennzeichnete Betrachtungsweise ist masslos übertrieben. Weder ist alles im Westen schlecht, noch sind alle Westler halbe Juden ohne jüdisches Empfinden, noch sind alle Eigenschaften der Ostler gut und schön. Wenn wir das Judentum anders empfinden, als die Massen, so müssen wir es darum weder falsch noch oberflächlich anffassen. Wenn wir mehr Europäertum besitzen, als die anderen — so sagt Herr Simon —, so ist nicht cinzuschen, weshalb die daraus sich ergebende Denkweise verwerflich sein soll. Wenn vieles in uns halb ist, so haben wir dafür das westliche Kulturmilieu in uns aufgenommen und schaffen damit Werte. Aber vor allem —- worin besteht eigentlich die ״Jüdischkcit", die uns Herr Simon wünscht? Im Empfinden? Dann nehmen wir sic mit Entschiedenheit für uns in Anspruch. Denn wir lieben unser Volk, hängen an seinen Traditionen und seiner Geschichte und wollen unser Schicksal mit dem seinen vereinigen. In äusseren Eigenschaften des Wesens? Herr Simon wird selbst nicht wünschen, dass wir in dieser Beziehung uns von unserem Lebenskreise unterscheiden und sich wenigstens in der einen Beziehung den Vorwurf gefallen lassen müssen, auch ein deutscher Spicssbürger zu sein. In den jüdischen Volkssittcn des Ostens? Warum sollten die gerade den Gehalt des Judentums darstellen, da sie doch zum erheblichen Teil Folgen unendlichen Druckes, der Lcbensvcrhäitnissc und des slavischcn Milieus sind. Ich muss also schon bitten, das, was uns zu so schlechten Juden macht, etwas präziser zu erklären. Mit schön klingenden Worten ist dabei gar nichts getan. Nun aber die Hauptsache. Weil uns, wie behauptet wird, die Jiidischkeit ahgelit, dürfen wir nach Herrn Simons Ansicht niemals anderer Meinung sein, als die russische Landsmann- Schaft. Zwar war diese tief in sich selbst gespalten und weil beide Teile sich nicht einige״ konnten, schlugen sie die beiden Hauptgegner gemeinsam ins Aktions-Komitee vor. Ein Pferd vor, eins hinter dem Wagen. Aber das war der Vorschlag der Russen — wie konnten die unglaublichen Deutschen anderer Meinung, eigener Meinung sein! Sie haben Ja keine Jüdischkeil! Sic verstehen den Osten nicht. Wenns nach Herrn Simon ginge, so wären die Beratungen der Landsmannschaften überhaupt zwecklos. Sie würden nur entgegennehmen, was drüben beschlossen wird und damit wäre die Sache erledigt. Vorläufig sind wir so weit denn doch noch nicht. Wir wollen jede Möglichkeit nach Verständigung und Verständnis suchen, hoffen, dass die Ostler denselben Weg gehen werden und werden uns zusammenfinden. Aber keineswegs mittels eines sehr unjüdischen Verzichts auf unsere Individualität und Ueberzeugung. Und nun eine Merkwürdigkeit: während man uns ״Verständnislosen“ auf dem Kongress efnredcn wollte, wir sprengten die Bewegung, die Russen würden sich nie mit dem Aktions-Komitee aus dreien zufrieden geben usw. usw. — genus irritabile. vatuni — ging’s ganz friedlich her. Und der sichere Block, in dem die Deutschen der Kern waren, kam zum Ziel in Frieden mit den verständigen Westlern und Ostlern, Das ,.Verständnis für Disziplin und Situation“ war allerdings bei einem Teile nicht nur von Ostlern, sondern auch von Westlern gering. Die besten waren noch die, welche in ״stiller Grösse" sich der Abstimmung enthielten. Vom politisehen Sinne derer, die der Einigung zum Trotz eine leere Demonstration gegen Wolifsolm in Szene setzten, will ich schweigen. Nur über einen Vorwurf noch ein paar Worte, nämlich dass ״auf dem Kongress durch dreitägige Kulissenpolitik die Russen mürbe gemacht worden seien von Leuten, die den Zionismus an der preussisch-russischcn Grcn/e wollten aufhören lassen.' Wir haben uns im Stillen sehr darüber gewundert! Kam dieser Vorwurf doch gerade von Herren aus demjenigen Lande, in dem das Aktions-Komitee früher seinen Sitz hatte! Das war nicht geschickt 1 Im übrigen wären wir auf Einzelheiten mit Namen und Daten gespannt. Alles zusammengenommen — wir können die Verantwortung tragen. Der Einfluss der deutschen Landsmannschaft war segensreich, denn das lecke Staatsschiff ist wieder flott geworden. W'r können wieder arbeiten und brauchen nicht mit anzusehen, wie die leitenden Männer jahraus, jahrein sich die Tätigkeit gegenseitig verleiden. Jetzt sind wenigstens die Möglichkeiten zur Arbeit gegeben. Das neue, nun allein verantwortliclic Aktions-Komitee wird sie, wie wir zuversichtlich hoffen, benutzen. Dr. Friede mann.