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Jüdische Rundschau · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 425 Man muss das Volk auf Strassen und Plätzen, bei seinen Vergniigungen und Belustigungen beobachtet haben, um zu wissen, dass es, trotz unbestreitbarer guter Eigenschaften, doch im Sinne einer feineren Kultur roh und ungeschliffen ist. Man* muss an die Erfahrung jenes Breslauer Militärarztes denken, der ungefähr 70 Rekruten einer Schwadron examinierte, von denen ca. 20 nicht wussten, wer Bismarck war, und ebenso viele nicht, wie die Hauptstadt Frankreichs heisst; man muss an das Elend denken, das die Berliner Heimarbeits-Ausstellung im vorigen Jahre offenbarte; man muss daran denken, dass es in Berlin 60000 Wohnungen gibt, die aus einem einzigen Raum bestehen, in dein je 6 und mehr Personen hausen: nnn muss an das vielerörterte Wohnungselend auf dem Lande denken; mau muss auch daran denken, dass in den Reichstag mehr als 100 Abgeordnete des Zentrums geschickt werden, einer Partei, die alles negiert, was seit 4 Jahrhunderten die Grösse und Bedeutung der deutschen Nation atisniaeht. An diesen kulturellen Tiefstand der grossen Masse muss man denken, um zu ermessen, was von einer demokratischen oder proletarischen Herrschaft in Deutschland iiir die Juden zu erwarten ist. Die grosse Masse des Volkes ist ausserstaade, die Juden richtig zu begreifen. Es gehört bekanntlich eine sehr starke Kultur dazu, um etwas Fremdartiges verstehen zu können. Wenn schon jeder Künstler, der zuviel des Neuen. Ungewohnten bringt, von dem Publikum einfach abgclelnit wird, dann kann man nicht von einer ungebildeten Menge glauben, dass sie eine so fremdartige Erscheinung, wie cs für sie die Juden sind, würdigen und respektieren wird. Ausserdem aber bedeutet jede, auch eine gemässigte Demokratie, Unirormierung. Diese liegt vielleicht im Interesse der Assimilatioiis* juden, wir aber, die wir unsere Eigenart und unsere Sonderexistenz rein und lebenskräftig erhalten wollen, müssen uns mit allen Kräften gegen jeden Uniformierimgsversueh wenden. Wenn somit die jüdische Interesscnpolitik in ihrem Verhalten zur Demokratie siel! in gleicher Richtung bewegen müsste, wie die RegicrungspoÜtik und deshalb von dieser Seite nicht bekämpft würde, so gibt es doch viele Juden, die eine solche Politik für gefährlich halten, weil sie scheinbar das Staatsinteresse verletzt, weil sic darauf hinausläuft, den berüchtigten ״Staat im Staate“ zu bilden und deshalb geeignet ist. neues Wasser auf die Mühle der Antisemiten zu liefern. Indessen, derartige Befürchtungen entstammen einer ver- Rangenen Zeit. Darin besteht ja der Fortschritt und die Wie sehr der Rabbi auch verzweifelt war — die cdelherrlichc Hand wirkte. Er verstummte, Hess das Haupt auf die Brust sinken und weinte still vor sich hin. ״Natürlich ohnmächtig!“ liess sich Wirg'mskis Stimme vernehmen. ״Ein Peitschenhieb tötet nicht.“ ״Lieber hätte man mir hundert, zweihundert, tausend Hiebe versetzt, als meinem Kinde einen. Für einen seiner Nägel gäbe ich ja freudig mein Leben hin,“ stöhnte der Rabbi, sich einigermassen fassend. Die aus seinen Augen unaufhaltsam hervorbrechenden Tränen übten eine wohltuende Wirkung auf das (iciuüt des Unglücklichen aus. ״Armer Greis!“ bedauerte ihn schliesslich auch Pan Potocki. ״Was ist zu machen? Es ist ein Unglücklieber Zufall; hier ist niemand schuld.“ ״Ach, ich bin schuld,“ sagte der Rabbi, fromm seinen Blick erhebend. ״Ich bin selbst schuld, sonst würde der Allmächtige mich nicht so hart strafen. Sein Wille geschehe, nein, ich murre nicht, ich murre nicht über dich, 0 Gott!“ Don Pedro erschien und blieb in der Türe stehen angesichts der vor seinen Augen sich abspielenden Szene. Die letzten Worte des Greises vernehmend, die mit gebrochener, abgestorbener Stimme hervorgcstosscji giössere Rciie der heutigen Interesscnpolitik gegenüber der ideologischen Politik früherer Jahrzehnte, dass sie die phanti'stiscfie Vorstellung eines selbständigen, ausserhalb und über den Parteien befindlichen Staatsintcrcsses beseitigt und an deren Stelle die Anschauung gesetzt hat, dass das Staatsintercssc nur eine Resultante ist. die sich aus den Interessen der einzelnen Parteien und Vereinigungen als Komponenten ergibt. Jede Gruppe, die ihre Ziele veri״!gt. ist ein Stück Staat und auch die jüdische Interessengruppe wäre ein solcher Teil des Staates. Man wird sie freilich bekämpfen — leben heisst kämpfen — aber die Art wird eine andere sein. Während wir früher in allen Parteien aufgestöbert und in die Rolle des entdeckten Verbrechers gezwungen wurden, wird matt später wissen, wo wir ztt finden sind, und schon das allein wird genügen, uns neue Achtung zu verschaffen. Man wird uns bekämpfen, wie das Zentrum und die Agrarier'und die Sozialdemokraten und der Adel und viele andere bekämpft werden, aber man wird uns auch als etwas Gleichwertiges empfinden. Sind wir jedoch erst eine ׳Macht geworden — und wir haben wirklich die Möglichkeit dazu — so wird man siel! auch nicht scheuen, mit uns in Beziehungen zu tictcn und B!,:1dt1isse anzukniipicn. D i e j ü d i s c h e I ״ t e r e s s e n g r 11 p p e. das ist die einzige Form, in der wir unsere Gleichberechtigung wahren können. Der Kongress und die deutsche Landsmannschaft Das Fazit des Kongresses ist jetzt von verschiedenen Seiten gezogen worden und int wesentlichen herrschte Lebereinstimmimg darin, dass jetzt die Bewegung geeint, innerlich gekräftigt und zielbewusst in ein neues Stadium eintritt. Das mag ein wenig viel gesagt sein, denn ein neues Stadium hat der Kongress nach meiner Auffassung nicht gebracht, aber sicher ist, dass er beide Richtungen, die mehr Politischen und die mehr Praktischen, befriedigt hat. Den letzteren sind eine Reihe von Forderungen bew illigt worden, die ihnen eine .gedeihliche Tätigkeit in Palästina ermöglichen. Alle Kräfte werden jetzt auf das Erreichbare und das Praktische konzentriert werden und dazu w erden alle helfen, alle deshalb, w eil wurden, erblasste Don Pedro und bewegte seine Lippen. Als Potocki den Arzt sali, ging er ihm entgegen. ״Mein guter Pedro! Hilf diesem reizenden Kinde und dem unglücklichen Greise. Hilf!" ״Es ist das dritte Menschenleben.an Ihrem Geburtstage!“ zischte Don Pedro. ״Nicht ich bin schuld daran, lieber Pedro! Und du, Alter, beruhige dich. Hier ist der Retter deines Kindes.“ Don Pedro kniete vor dem Kinde nieder, legte sein Ohr erst an die Lippe» und dann an das Herz des Mädchens. Alle folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit den Bewegungen des Arztes, jedem Ausdrucke seines Gesichts. Der Rabbi beugte sich mit seinem ganzen Körper vor und streckte beide Arme aus, als wolle er sich bei irgend einer trostlosen Erklärung des Arztes in!•:inen Abgrund stürzen .... Don Pedro horchte' einige Sekunden, dann fühlte er nach dem Pulse des Mädchens. Ein freudiges Lächeln verklärte sein Gesicht und er sprang auf.!Fortsetzung folgt.) 4 t

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