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Jüdische Rundschau · 1907-09-27 · Heft 39 (27.9.1907) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 424 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 39 erinnert diese Unfähigkeit, über eine Erscheinung die sie fast täglich zu beobachten Gelegenheit haben, klare Vorstellungen zu bilden, an Dinge, wie etwa das Unvermögen der Maler des frühen Mittelalters, richtig perspektivisch zu zeichnen. Der Grund, weshalb die Juden nicht die eigentümliche Abneigung ihrer Umgebung gegen sic verstehen können, liegt wahrscheinlieh darin, dass sie, als eine kleine Minderheit mit der Erscheinung ihrer Umgebung so vollkommen vertraut sind, dass sie ihr gegenüber kein Gefühl der Fremdheit mehr haben, während umgekehrt die Mehrheit, entsprechend ihrer hundertfachen Überzahl, die Juden nur hundertmal seltener sicht und deshalb in deren Erscheinung und Wesen zahlreiche fremdartige Züge bemerkt, an die sic nicht gewöhnt ist. Aus diesem Nichtvcrstchcnkönncn der Juden schöpft ihre Hoffnung auf ein baldiges Verschwinden des Antisemitismus immer wieder neue Lebenskraft. Dazu kommt, dass auch die Assimilation jenem Gesetze untersteht, das man. in Anlehnung an die physikalische Ausdruckweise, das Gesetz der historischen Massenträgheit nennen sonnte. Ein Körper, der sich in einer bestimmten Richtung mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegt, setzt jedem Versuch, seine Richtung oder seine Geschwindigkeit zu ändern, Widerstand entgegen. Ebenso leisten :incls Massenidecn oder Volksströmungen Widerstand, wenn man ihre Richtung ändern will. Die deutschen Juden haben sich durch eine jahrzehntelang beibehaltene Denkart zu sehr an die Assimilation gewöhnt, als dass sie diese Richtung plötzlich verlassen könnten. Dennoch ist eine Änderung der jüdischen Politik dringend nötig, nicht bloss, weil die assimilatorischen Bestrebungen Fiasko gemacht haben, sondern auch weil die Zukunft des Judentums sie erfordert. Welcher Art aber soll die neue jüdische Politik sein? Hier muss man unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Verhältnisse und Anschauungen des offen{- liehen Lebens sagen, dass sie nur eine Intercssenpoütik sein kann. Das Wort ״Intercssenpolitik“ drückt dasjenige aus, was dem heutigen öffentlichen Leben seinen Charakter gibt. Nicht mehr um ideale und theoretische Rechte, sondern um Zölle, um Eisenbahn-Tarife und Kanalbauten drehen sich die heutigen politischen Kämpfe. Seitdem die Sozialdemokraten als die ersten die!.ehre vom Klassenkample predigten und die Angehörigen einer einzigen Berufsschicht zu einer Partei zusarmnenfassten, hat der Gedanke der Intcresscnpolitik weitere . und weitere Kreise gezogen. gebracht, sondern einzig und allein durch die ungewöhnliehe Schönheit des Opfers dieser Katastrophe. Wäre ein hässliches Kind von dem gleichen Schicksal ereilt worden, sie würden keine Sekunde ihr Cielage unterbrachen haben, um sich nach dem verunglückten ״Judenferkel“ umzuschcn. — So gross ist die magische, tmwiderstehliche Gewalt einer ungewöhnlichen Schönheit. ״Wo bleibt denn Pedro?“ unterbrach Potocki das allgemeine Schweigen, indem er ungeduldig mit dem FusSe stampfte. ״Er wird noch im Hinterhofe sein, bei den vertutglückten Pferdeknechten,“ antwortete Chmielnieki, sich der Türe zuwendend. ״Hol’ sie der Teufel! Dass er sofort herkommt!״ befahl Potocki ärgerlich. Der Stallmeister lief nach dem Doktor, während die Frauen dem Kinde die Jacke öffneten und Fauna OJa nach ihren Flacon eilte. Und zu derselben Zeit trat der Rabbiner, gestützt auf den Narren, in das Vorzimmer. ״Setze dich, Allerchen, ruhe ein wenig aus; ich werde inzwischen nach deinem Kinde sehen und dir dann Bescheid sagen. Setze dich!“ Eine solche Politik, wenn auch in einem umfangrcieliereii Sinne als dein eines blos beruflichen Verbandes — etwa in dem Sinne, wie der Adel Interessenpolitik treibt — müsse!; auch wir in Deutschland zu betreiben anfangeii. Wir habe•!׳ alle Voraussetzung dazu. Dass wir nicht blos ideale, sondern auch sehr starke materielle Interessen gemeinsam haben, kam! nicht bezweifelt werden. Jede neue statistische Aufnahme lehrt, dass wir nur wenige Berufe ausüben, dass wir mir in einigen grossen Städten wohnen und dass hier unsere Kon- Zentrierung eine immer dichtere wird. Unter den ungeheure,! Massen, die als industrielle und landwirtschaftliche Arbeite* leben, die im Staats- und Kommunnldicnst und im Kriegswesen beschäftigt sind, gibt cs nur sehr wenige Juden. Wir sind Kanfleute, Ärzte und Rechtsanwälte und seit einiger Zeit au*'•. Industrielle und Ingenieure, wir sind, obgleich uns seit de- Emanzipation alle Gegenden mul fast alle Betätigungen stehen, räumlich und beruflich s auf einen kleinen Kreis k schränkt geblieben. Diese Tatsache, dass w ir eine geschlossene Bluts-, Icker• und Interessengemeinschaft bilden, ist die natürliche Basis f * eine gesunde Intercssenpoütik. Es ist vorläufig nicht nötig, L; diese Ideen eine besondere Organisation zu schaffen. — w: lieben schon genügend indische Organisationen in Deuts*!, laitd -- was wir aber tun müssen, ist, den Gedanken pr•; gieren. Wir müssen lernen, uns als einen grossen lnteres.se.,• verband iiihlen und jeder einzelne wie jede Vereinigung v< Juden muss von diesem Gefühl durchdrungen sein. Die erste Folge einer solchen Interessenpolitik wäre t... dass sie die Beziehungen der Juden zur Demokratie lös*־;. Unsere bisherige Verbindung mit den unteren Volksklassen!>: etwas Unnatürliches. Die deutschen Juden sind eine durch:!:? bürgerliche Klasse, sie sind, trotz mannigfacher Abstufung.־: in sich, eine einheitliche soziale Schicht, die nach unten 11;״. gegenüber dem Proletariat und dem Kleinbürgertum schari algegrenzt ist. Sie gehören, wie man in Athen gesagt hatte, zu den oberen Zehntausend, wie man jetzt sagen muss,;:! den oberen fünf Millionen. Aber auch abgesehen von diese! sozialen Gegensätzen, liegt eine demo—kratisclic oder p:׳- letarischc Politik durchaus nicht in dem Interesse eines sc!'- ständigen Judentums.! Die Demokratie mag theoretisch die beste Staatsform sei.!.! praktisch ist sic für die Deutschen hei dem gegenwärtigen * Stande ihrer kulturellen Entwicklung nicht zu gebrauchen. ״Wo ist mein Kind?“ P'ug der Rabbiner scharf. ״Es ist dort in einem der Gemächer!“ ״Ich gelle selbst hin.“ ״Du darfst es nicht, Alter, man muss erst um Erlaubnis tragen. Ich . . .“ ״Fort, aus dem Wege,“ schrie der Rabbi /.ähr..־ knirschend, sticss den Narren heftig zur Seite und Iran,׳ in die inneren Gemächer ein. Im Divanzimmer;־.>:.!״ langt, versenkte er seinen feurigen Blick in das Antlitz seiner unbeweglich daliegciiden Enkelin. Fr schien mand und nichts uni sich her zu bemerken. Die ganze Seele, dile ganze Empfindung, das ganze Sein des Grd'־.׳* konzentrierte sielt in diesem einen Blicke. ״Alles verloren .... sie ist!ermordet .... meine Letzte . . . meine letzte .... 0, ich Unglücklicher!“ stöhnte der Greis und begann sich die Maare zu raufen aus seinem ludbkahlen Scheitel. ״Alter, verzage nicht und verzweifle nicht,“ sagte Potocki beruhigend, seine ׳edelherrliche Hand auf di-’ Schulter des Greises legend. ״Dein Mädchen ist mir ohnmächtig. Mein Arzt muss jeden Augenblick er־ scheinen und wird deine Kleine bald wieder munter machen.“

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