Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651500-2651539--05046-2662050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 39 Seite 423 JÜDISCHE RUNDSCHAU. sie nichts. Weder hätten sie den Verlust von Vorrechten zu beklagen, wie der Adel, noch würden sic von wirtschaftlichen Schwierigkeiten betroffen, wie die Landwirtschaft oder «las Handwerk. Woher kam nun mit einem Mal gegen die Juden eine derartige Bewegung, nachdem man sie Jahrzehnte lang vorher in Ruhe gelassen hatte? Der Antisemitismus war eine Folge der neuen antidemokratischen lind nationalen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft; deshalb, und nicht weil sic nur eine kleine Minderheit bildeten, war er für die Juden uuübcrwindlich. Die Deutschen haben niemals demokratisches Talent bcsessen. Charakteristisch hierfür ist, dass es in Deutschland keine wirklich erfolgreiche Revolution gegeben nat. Auch haben weder das Reich noch einer der Bundesstaaten rein konstitutionelle Verfassungen erhalten. Das fortwährende Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmenzahl ist!•:ein Beweis für ein Erstarken des demokratischen Gedankens; denn in der Politik kommt es nicht auf die Majorität der Stimmen, sondern auf die der Kräfte an. Hier hat aber die Sozialdemo־ kratie erst im vorigen Jahre bei dem Versuch, das prcusslsehe Drciklasfenwalilsystcm zu ändern, die Ohnmacht der demokratischen Kräfte offenbart. An die Stelle der demokratischen Tendenzen, die das Bürgertum während seiner liberalen Periode beherrscht hatten, traten seit 1878 andere, die man wohl als aristokratische be* zeichnen kann. Es war eine natürliche Folge des wachsenden Reichtums der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn selbst in einem so demokratischen Lande, wie den Vereinigten Staaten von Nordamerika, sich eine Plutokratie von streng exklusivem Charakter bilden kann, um wieviel mehr mussten derartige Bc- Strebungen begünstigt werden in einem Lande wie Deutschland, mit seinen vielen Monarchien und dem noch in halb patriarchalischen Verhältnissen auf seinen Gütern lebenden Adel. Die neue Bourgeoisie, in ihrem Widerstand durch den wirtschaftlichen Aufschwung mächtig gefördert, in ihrem nalionalen Bewusstsein durch die Gründung des Reiches gehoben, bekam bald einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der öffentlichen Angelegenheiten. Es ist klar, dass dieser Einfloss kein für die Juden günstiger sein konnte. Zunächst musste sich die aristokratische Entwicklung gegen die Juden wenden, weil diese, wie wir gesehen haben, notwendigerweise Vertreter der Demokratie du? Komm her, komm zu mir, ich fürchte mich so sehr! Grossväterclieu, komm her!“ ״Mädchen, gib mir deine Hand, komm schnell mit uns, schnell,“ sagte ein Jude, der sich des Kindes erbarmte. ״Wo ist mein Grossvater?“ .,Lass ihn, Kind, lass ihn . . . Man schlägt ihn auf dein Herrenhofe ... Man wird auch uns erschlagen, wenn wir nicht fliehen!“ ״Mein Grossväterchen . . . schlägt man . . . auf dem Herrenhofe?!“ flüsterte das Mädchen zusammenschauernd — riss sich los von dem barmherzige;! Juden und stürzte aus Leibeskräften auf den Paradcplatz. Dort wurde dfc allgemeine Aufmerksamkeit von den iutercssanten Vorbereitungen für die komische Exekution, von Bolcpolski ״Gottesgericht“ genannt, völlig in Ansprucli genommen, und niemand bemerkte das reizende Kind, das den ganzen Platz durchlief, sich zwischen den Henker und sein Opfer warf und an dem Halse des Grbises hing, um durch den verhängnisvollen Zufall mit seinem zarten Köpfchen den mörderischen Schlag aufzufangen, den von einem Ungeheuer für die siechen Schultern des Greises bestimmt war. Man brachte Jetzt das unglückliche Mädchen in ein waren. Nämlich, demokratische Gleichheit bedeutet Voraussetzungslosigkcit, die bürgerliche Gesellschaft aber kennt viele Voraussetzungen, sic stuft sich ab nach Geburt, Vermögen, Rang und Titel. Wesentlicher jedoch als der politische Gegensatz war der nationale. Die antisemitischen Schriftsteller beh&uptcn immer, dass die Juden auf Staat und Gesellschaft zersetzend wirkten, die Juden selbst sind tief überzeugt, aufbauende Elemente zu sein. Der Widerspruch erklärt sich vielleicht dadurch, dass die Juden, entsprechend ihrer exponierten Stellung, die Gesellschaft durch den Staat dirigieren wollen, ein formell richtiges, aber unorganisches Verfahren, während ihre Gegner verlangen, dass der Staat sich nach dem Zustande der Gesellschaft zu richten habe, was zwar zu formellen Verstössen führen kann, aber die natürliche Entwicklung bildet. Jedenfalls stellte es sich heraus, dass die Juden für die weitere bürgerliche Entfaltung ein störendes Element waren. Die aristokratische Bourgoisic, wenn sie auch eine grosse Zahl von verschiedenartigen Personen umfasst, strebt doch nach einer gewissen Geschlossenheit der Lebenshaltung und Lebcnsanschaumig, wie sie vielleicht am besten in dein Typus des Reserveoffiziers verkörpert ist, sie strebt nach einem ein־ lieblichen gesellschaftlichen Diapason, ln dieser Entwicklung wird sie nun durch den fremdartigen, aber sehr stark wirkenden Geist der Juden beeinträchtig{. Deshalb musste es dahin kommen, dass die Juden gesellschaftlich vollständig ausgeschlossen wurden, dass man sie weder in eine akademische, noch politische, noch sonstige Vereinigung mit geseüschaft־ liehen! Charakter auinahm. Eine Folge der gesellschaftlichen Ausschlicssimg war es dann, dass man sie auch nicht mehr zum Staats- und Heeresdienst zuliess. Diese Folgerung Ist zweifellos ein Verstoss gegen den Geist der Gesetze, aber der Geist dieser Gesetze ist eben nicht mehr der Geist der heutigen bürgerlichen Gesellschaft, deshalb sind alle Berufungen der Juden auf ihr Staatsbürgerin und ihre Gleichberechtigung wirkungslos. Es entsteht nun die Frage, wie sich die Juden unter der gegenwärtigen asemitischen Tendenz des öffentlichen Lebens verhalten sollen. Hier zeigt sich die überraschende Erscheinung, dass die Majorität.die alte assimilatorische Politik beibehalten will. Sie hofft noch immer, dass der Antisemitismus eine vorübergehende Erscheinung sei. Nämlich — es mag paradox klingen, ist aber eine Tatsache —- die Juden sind ausserstandc, den Antisemitismus richtig zu begreifen. Es helles, luxuriöses Divanzimmer des Pan Potocki, das ganz nach türkischem Muster ausgestattet war. Ringsum liefen breite, niedere Divans, die aus übcrcinandergeschichteten weich?!! Matratzen gebildet und mit silberdurchwirkten! Brokat bedeckt waren. Der Fussboden war ganz mit dicken kostbaren persischen Teppichen ausgebettet. Ein eigenartiges Schauspiel bot sich der Ge- Seilschaft dar': vor einer Viertelstunde noch sorglos, heiter, jetzt ernst, abgespannt, uuhörbar sich bewegend, wie Schatten der Nacht, wie eine Leichenprozession auf weichen Teppichen, hinter den Trägern der Kindeslcichc. Panna Wanda setzte sich auf einer der Divane; Daniello liess den kindlichen Körper neben Wanda behutsam nieder, diese rückte näher, hob das liebreizende Köpfeben des Kindes hoch und f;egte es auf ihren Schoss. Einige Minuten herrschte lautloses, tiefes Schweigen. Hätte ein Fremder in diesem Momente die edelherrliche Gesellschaft gesehen, er würde sic für die weichherzigste, humanste gehalten haben. Mit Ausnahme des weibliehen Teiles des Anwesenden, die nach der von Frauen eigenen Weichheit, innigen Anteil an dem unglücklichen Opfer nahmen und mit Ausnahme des noch unverdorbenen Jünglings Danielio, waren die übrigen Glieder der Gesellschaft nicht durch die Katastrophe ausser Fassung