Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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S2lte 422 JÜDISCHE RUNDSCHAU. konnte, dass sich ihr alles unterordnctc. Schule und Kirche, Familie und Wirtschaft. Es ist klar, dass das ohnehin schon geschwächte Judentum der Übermacht dieser Ideen, denen selbst die viel stärkeren Gewalten des Königtums und des Adels hatten nachgeben müssen, nicht gewachsen war. *Jetzt, als die langersehnte bürgerliche Gleichberechtigung errungen war, kam die Assimilation, deren Bestrebungen schon friilt während der Etnanzipationskämpfc begonnen hatte, zur vollen Entfaltung, sic wurde auf die Höhe einer politischen und Lebensanschauung gehoben. Es fällt dem national-jüdischen Betrachter schwer, einer Erscheinung gegenüber objektiv zu bleiben, die noch heute ihre verheerenden Wirkungen aiisübt, die nicht nur die Juden als Gesamtheit in einer schmählichen Weise blossstellt, sondern auch den einzelnen durch das fortwährende Versteckspielen moralisch korrumpiert. Indessen, wer gewohnt ist, historische Entwicklungen als Notwendigkeiten zu bctrachten, weiss, dass sic weder getadelt noch gelobt werden können. Die Assimilation war schon so sehr ein Versuch der Juden, sich den! neuen Staatswesen anzupassen, als umgekehrt ein Versuch, das Staatswesen sich anzupassen. Sich selbst wandelten sie um, indem sie versuchten, alles Völkische an sich zu unterdrücken und sich als blosse Religionsgemeinschaft zu konstituieren. Deshalb reihten sic sich als mosaische Konicssion den anderen Konfessionen an, gaben dem Gottesdienst einen christlich-kirchlichen Charakter und entwickelten zur tieieren Begründung ihres religiösen Standpunktes die Mec von der Mission Israels unter den Völkern. Wichtiger jedoch, weil für die weitere Entwicklung bedeutungsvoller, waren die Versuche, das Staatswesen nach ihrem Sinne zu beeinflussen. Jenes Hauptbestreben der Assimilation, das jüdische Stammesgeffihl zu beseitigen und durch das staatsbürgerliche Bewusstsein zu ersetzen, hatte nur Aussicht auf F.rfolg, wenn die Ideen der demokratischen Gleichheit alle anderen Anschauungen im Staatslcbcn überwanden. Deshalb wurden die Juden nicht nur Mitglieder der liberalen Partei — das war natürlich, dass sic sich einer Partei anschlosscn, der sie gleichsam ihre staatsbürgerliche Existenz verdankten, — sondern sic stellten sich auch innerhalb der Partei au! die radikale demokratische Seite. Sie erhofften von dem nivellierenden Einfluss einer demokratischen Gesetzgebung die allmähliche Beseitigung aller Gegen- Sätze zwischen sich und ihrer Umgebung. Sie waren mehr als alle anderen auf den demokratischen Gedanken angewiesen und wurden deshalb seine eifrigsten und hervorstehendsten Vertreter. Indessen, die Hofimmg auf einen endlichen Sieg der Demokratie in Deutschland erwies ’ sich als trügerisch und damit fiel eine der wesentlichsten Voraussetzungen für den Erfolg der Assimilationsbcstrebungen. Seit jeher war es eine der vornehmsten Aufgaben der preussischcn und später der Rcichsregierung gewesen, Jeu demokratischen Gedanken zu bekämpfen. Jedoch solange der Liberalismus das politische Leben beherrschte, war an einen Erfolg nach dieser Richtung hin nicht zu denken. Der Libe• ralismus war eine Verbindung des Kapitals mit der Demokratie, leide hatten an einer freiheitlichen Gestaltung des öffentlichen Lebens Interesse und waren in ihrer vereinigten Kraft miüi trwindlich. Eine Möglichkeit, diese Koalition zu sprengen, ergab sich erst, als der eine Teil, das Kapital, für sich hinreichend Bewegungsfreiheit erlangt und als gleichzeitig das liberale System genügend Missstände erzeugt hatte, tun stärkere Kn'i.'te dagegen mobil machen zu können. Das war ungefähr im Jahre IS7S der Fall. In diesem Jahre begann die antiliberalc Politik der Regierung, und es ist eins der grössten Meisterwerke Bismarcks gewesen, dass cs ihm gelang, durch die Jkkämpfting des Liberalismus den demokratischen Gcd:1u!;c:\ zu schwächen. Die erste Veranlassung für den Wechsel der Regienmgs- Politik war die Frage der Schutzzölle. Das Frcihanddsprin/ip, eins der Fundamente der wirtschaftlichen Anschauungen des Liberalismus, hatte den Landbau und die noch in der latwickhing begriffene Industrie durch den ausländischen Wettbewerb in schwere Kalamitäten gebracht. Die Regierung woiite deshalb schutzzölhierische Massnahmen treffen. Es ist mm charaktcristisch für das Verhältnis der Juden zur liberalen Partei, dass über dieser zunächst rein wirtschaftlichen Streitfrage die ersten Stürme der antisemitischen Bewegung in DemschlanJ ausbrachen. Die Antisemiten behaupteten, dass die Juden r.ls Finanz, -und Handelsleute an der Erhaltung des Freihandels- Systems am stärksten materiell interessiert waren, sie behaurteten ferner, dass der Liberalismus überhaupt nur zum Nutzen der Juden arbeite; denn diese seien von allen Schichten ücr Bevölkerung am meisten durch die liberale Gesetzgebung bcvorzugt worden. Alle Vorteile der freiheitlichen Ordnung waren ihnen, die in dem früheren Staatswesen am meisten zurückgesetzt waren, am stärksten zugute gekommen, von fl1׳n Nnf01ff>itf>!1 <10r modernen Hntwicklnntr rinee׳re!1 versmirten hat e r vorhin nicht dich einen Unglücksraben genannt, als du gegen Zodek belltest?“ ״Das ist es ja eben. Bei ihm ist auch der nichtsnutzlgc Zodek ein guter Mensch.“ ״Und worin ist cr schlechter als du?“ ״Brüder! Mir will es scheinen, als ob der Herr unser!! Rabbiner zum Schiedsrichter zwischen Zodek und Woickowski machen will.“ ״Mir scheint cs auch so. Wie oft kam cs m früheren Zehen vor, dass die, Paus streitende Parteien zu da! Rabbinern schickten, um sie sc» aiiszusöhncn oder über sie abzuurteilcn." Die Enkelin des Rabbiners, die mit allen Nerven ihres empfänglichen Naturells sich den!, was sie sah, hingab. war so ganz gefangen genommen von den ווווgewohnten Erscheinungen, dass sie weder die Abwesen־ heit des Grossvaters bemerkte noch ein Wort von alledem hörte, was hinter und neben 111 r gesprochen wurde. Das Ocsiehtchcn an das Gitter gepresst, hörte sie den! Chore zu, dessen Töne aus der riefe des Parks zu iiir drangen und betrachtete die Spitzen der Bäume, als suchte sie da das Nest, aus welchem die Töne unsichtbarer Sänger entströmten. ״Brüder, Brüder, ach, ein Unglück, ein entsetzliches Unglück! Seht doch, seht!“ schrie einer der Juden, von! Gitterzaune zurückprallend. ״Was gibt’s ,was gibfs?“ riefen andere, gleichfalls zurücktaumelnd. ״Mein Gott! Man bindet unser!! Rabbiner mit Stricken! Seht . . . seht . . . dort!“ ״Man bindet ihn! Wir sind verloren!“ ״Wenn sie sich schon an linsern Rabbiner vergreifen, dann werden sic auch uns kein gutes antun!“ ״Kommt, flieht!“ ״Gewalt! Die Haiduckei! schauen her zu uns!“ ״Mir nach, Brüder, sonst schlachtet man uns hier ab v׳ie Schafe.“ Ein panischer Sei!recken bemächtigte sich aller Zuschauer. Die ganze Menge, stosseud und drängend, setzte dem Fliehenden nach. Die Weiber weinten beim Laufen, die jammernden Kinder hinter sieh herschleifeiid. Eine allgemeine Verwirrung entstand. Die Enkelin des Rabbiners fuhr zusammen, sprang vom Zaun weg und begann, von der allgemeinen Panik angesteckt, and! 7.11 laufen. Doch kaum hatte sie sich einige Schritte entlernt, blieb sie stehen, drehte sich nach allen Seiten und schrie: ״Grossvätcrchen, Grossväterclien, wo bist