Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 39 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite 421 un« 1750 der Fall. Um diese Zeit entstanden Worte, wie die ״Gebildeten“ oder die ״öffentliche Meinung'*, Begriffe, die der bürgerlichen Denkweise eigentümlich sind, und deren Aufkommen das Erstarken des Bürgertums zeigen. Wie alic neuen, in ihrem sozialen Rang noch nicht fcstgelcgten Klassen, war auch die bürgerliche Gesellschaft freidenkend und human, das begünstigte die Annäherung der Juden ausserordentlich. Dazu kam Jener Ucbcrsclnvang der Ideen, wie er alle Jungen Kulturen kennzeichnet und wie er auch die zweite Hälfte des IS. Jahrhunderts charakterisiert. Es war eine Zeit der Morgenstimmung, die Zeit der grossen Dichter und Philosophen, da Deutschland Männer hatte, wie Goethe und Kant, die den Deutschen den Namen eines Volkes der Dichter und Denker cingebracht haben. ln diese schwärmerisch-idealistische, mit der Leiden- Schaft aber auch der Unerfahrenheit der Jugend auf sie einstürmende Kultur gerieten nun die Juden hinein. Was hatten sie ihr aus eigenem gegenüberzustelien? Man muss sagen: fast gar nichts. Das Judentum des späteren Mittelalters war, wie äusserlich, so auch innerlich, durch die entehrenden Mussnahmen der Regierungen herabgekommen. Der Betrieb der jüdischen Wissenschaften war in blosse Kasuistik ausgeartet, die Religion hatte aber gläubische Zuge angenommen, ein leerer Formelkram überwucherte in ihr. Die Juden waren ungebildet geworden und hinter der allgemeinen Entwicklung zurückgeblieben. Nun gerieten sie fast plötzlich in eine ganz anders geartete Welt. Es ist nur zum kleinsten Teile ihre Schuld, wenn sic in dem Wirbel des Neuen das Alte nicht festzuhalten vermochten und den eigenen Halt verloren. Zwei Umstände bewirkten den Verfall des einst so starken iiidisehen Starnmcslebens: der Kampf um die Staatsbürgerrechte und das rationalistische Denken der Zeit. Ueber die unendliehe Bedeutung der Emanzipation braucht man kein Wort zu verlieren. Man .braucht nur an eine so beschimpfende Abgäbe zu denken, wie es der Leibzoll war, um zu ermessen, was die Befreiung aus einem solchen Zustande bedeutete. Während aber der Kampf um die bürgerliche Gieichbcrechtigung alle Kräite der Juden in Anspruch nahm, war das rationalistische Denken dieser Zeit nicht fällig, einen so eigenartigen Prozess, wie den Eintritt der Juden in die europäische Welt, richtig zu beurteilen. Diese Welt nannte sich zwar stolz die aufgeklärte, sic stand aber doch erst Im Anfang der Aufklärung, ihr Wissen von soziologischen und historischen Dingen war noch gering und deshalb waren die Juden, die Und als zerrisse ihm plötzlich ein Schleier vor den Augen, so wird ihm mit Blitzesschnelle Jetzt alles kla,p und mit einem Jubelnde stürzt er nieder und küsst mit durstigen Lippen und der Inbrunst eines Verschmachten- den den Boden — des Vaterlandes. Jäh schreckt der Greis von seinem Traume auf, mit schlaftrunkenen Augen blickt er umher und sucht ver« gebens das herrliche Land der Väter, in dem er soeben noch voll des jubelnden Glücks niedergekniet war. Aber nichts davon ist zu sehen; um ihn herum ist nur tiefschwarze, trostlose Nacht und das eintönig plätschernde Meer. Und mit furchtbarer Deutlichkeit steigt es wieder vor ihm auf, all das namenlose Elend seines Lebens. Wieder sicht ׳er die schrecklichen Szenen der Vergangenheit, die Unmenschen, die ihm alle die hingeschlachtet hatten, die ihm auf Erden lieb und teuer gewesen waren, und sich selbst sieht er fliehen vor dem Entsetzlichen, als einen gebrochenen Mann, der mit dein Leben abgeschlossen hat. Und nun sitzt er hier und steuert zusammen mit seinen armen Brüdern, die er eben noch im grellen Kontraste zur Wirklichkeit als glückliche, freie Menschen im freien Hcimatlande gcsehen hat, einer trüben, ungewissen Zukunft entgegen, die ihm nichts mehr zu bieten hat. Wohin? . .. Wohin? die Höhe des damaligen Wissens erreicht hatten und die Führung übernahmen, nicht die richtigen Führer, weil sie nicht zu einer richtigen geschichtlichen Auffassung der Verhältnisse ihres eigenen Volkes zu gelangen vermochten. Zwar, cs entstand im Anfang des 19. Jahrhunderts eine neue, auf modernen Grundlagen aufgebaute Jüdische Wissenschaft, aber sie nahm stark archäologischen Charakter an und gewann deshalb wenig Einfluss auf das Leben. So bekamen die Juden nicht eine klare Anschauung von ihren eigenen Verhältnissen und die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte war auch nicht danach beschaffen, sic zu einem tieferen Nachdenken über ihre Lage zu veranlassen. Die revolutionären Stürme des Jahres 1848, die die liberale Aera in Deutschland einleitete, hatten ein neues Staatsideal geschaffen: das des demokratisch-konstitutionellen Staates. Es war ein Sieg der bürgerlichen Parteien über die absolute Monarchie. Indessen, wenn auch der absolute Staat äusserlich beseitigt wurde, so war sein Geist durchaus nicht besiegt, hn Gegenteil, jene Anschauung, dass der Staat unumschränkte Gew?.!‘ über die Bürger ausüben dürie, wurde eher verstärkt als geschwächt. Der liberale Staat war eben der Erbe des absoluten, nur dass er in einem viel tieferen Sinne herrschte; denn während jener die Leiber unterworfen und sich durch Gewalt Gehorsam verschaff: hatte, regierte dieser die Seelen, indem er verlangte, dass die Bürger sich ihn! freiwillig unterordneten und ihre besten Kräfte ihm weihten. Die Zeitgenossen beachteten wenig, dass der liberale Staat mit seinen neuen Freiheiten, mit seiner Aufhebung aller Vor- und Sonderrechte, eigentlich nur das Bedürfnis einer einzigen Klasse, des kapitalistischen Unternehmertums war, das iür seine Wirtschaftliche Tätigkeit einer viel grösseren Bewegungsfreiheit von Menschen und Dingen bedurite, als sie im absoluten Staat vorhanden gewesen war. Sie betrachteten vielmehr die politische Entwicklung sub spccic aeternitatis. Die Ideen der französischen Revolution, der Einfluss eines Idealismus, wie er sieh an den Namen Schülers heftete und vielleicht auch die Wirkung des humanistischen Gymnasiums mit seinem Hinweis auf die Antike, bewirkten, dass dem politischen Denken dieser Zeit der demokratisch-konstitutionelle Staat als die höchste, bedeutendste und vollkommenste Form der menschliehen Gemeinschaft erschien. Weit über seinen juristischen und administrativen Charakter hinaus, hatte der Staatsgedanke einen bedeutenden ethischen Inhalt bekommen, er war zu einer moralischen Macht geworden, die verlangte und verlangen Und verzweifelnd bricht der Greis zusammen und birgt schluchzend das Antlitz in den Händen. — H. G o s I a r. Spinnen und Fliegen Roman von Bagroff. Aus d. Russ. übersetzt. (Fortsetzung.) Als der Rabbiner in das Schloss abgeführt wurde, war unter den jüdischen Zuschauern eine rege Unterhaltung, ja ein heftiger Streit entstanden. — ״Wozu mag wohl der Herr unseren Rabbiner zu sich beschicden haben?“ ״Ja, was bedeutet dies in der Tat?“ ״Dass ihn nur nichts passiert!“ ..Unsinn! Der Herr wird wahrscheinlich wissen wollen, was für ein Mensch der Zodck fst.“ ״Das wäre ein Glück für diesen Esel!“ ״Das muss man sagen: unser Rabbi ist in gewissen Dingen ein wxiiig schwach; bei ihm sind alle gut, und böse Menschen giht.es in seinen Augen gar nicht!“ ״Nun, das ist schon nicht wahr. Unser Rabbi schont niemanden, er sagt jedem die Wahrheit ins Gesicht. Und