Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 420 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 39 Aufgabe in jeder . \Veise zu unterstützen, Anregungen für die Agitation zu geben und selbst die Propaganda auszuführen. Die eingelaufenen Beträge werden in der WELT*) namentlich ausgewiesen werden, und wir erwarten zuversichtlich,dassdieseListezugleichdieListederZionisteninderganzenWeltdarstellcnwird. ♦ Köln, Ubierring 23.-—yjgy Zionistisches Zentraibnreau. *) Die deutschen Zionisten senden diese wie alle zionistischen Beiträge an Herrn Max Wolisteiner, Berlin NW. 23. Holsteiner Ufer 10, der darüber in der JUEDISCHEN RUNDSCHAU öffentlich quittiert. Den Ortsgruppen gehen vom Berliner Zentralbureau die näheren Weisungen zu. lieber das Verhältnis der Juden zu dem öffentlichen Leben in Deutschland Von Dipl.-Ing. Wilhelm Majcrczik. Vier .Abschnitte der Entwicklung kann man in den Be- Ziehungen der deutschen .luden z;1 dem öffentlichen!.eben ihres Landes unterscheiden. Die erste Epoche reicht von Moses Mendelssohn bis zum Jahre IMs, sie ist die Zeit der!:man* zipationsbestrehun*׳en: die zweite dauert soit IMS bis IS'/'k sie ist die Zeit des Liberalismus: die dritte geht vor! IS7H 1 is ungefähr zum Lude des 19. Jahrhunderts, sie ist die Zeit des Antisemitismus; die vierte, die sielt bis auf den heutigen Ta:4 erstreckt, kann man als die asemitische be/.cichtter. sie ist d.e Zeit, da die Juden aus dem öffentlichen Leben aus«׳.•* schaltet sind. Wir wollen im folgenden den Verlauf dieser Entwicklung kurz darstcllen, sie hat eine weit über das Lokale hinausgehende, universal jüdische Bedeutung. Sic bedeutet den Lin* tritt der Juden überhaupt in die modern-europäische, d. h. bürgerliche Welt. Zwar waren die holländischen, iranzösisehen und englischen Juden schon früher mit der modernen Kultur in Berührung gekommen, aber ihre Zahl war zu gering, um bemerkenswerte Erscheinungen hervorrufen zu können. Die deutschen Juden waren die ersten, die als grössere Masse zu einem europäischen Volke in nähere Beziehungen traten. Ihre Erlebnisse sind gleichsam ein historisches Beispiel und ihre Erfahrungen beachtenswert, sowohl für die Judenmassen, die noch im Osten leben und auf den Sieg der Revolution ' hoffen, wie für die, welche nach den Ländern der angel- J sächsischen Rasse ausgewandert sind, um an den Segnungen der republikanischen Lreiltcit tcilzuhaben. Die Entwicklung der deutschen Juden ist eine stark schwankende, von einem Extrem zum uuderep springende, aus der orthodoxen in die assimilatorische, aus der assimilatorischen in die nationaljüdische Richtung fallend: dennoch ist sie kein planloses Hin* urulher, sondern, ־dem Zuge der Allgemeinem Wicklung folgeuJ, bewegt auch sie sich in :liif.steigemlcr Linie, von der niederen zur höheren Erkenntnis und von der geringere״ zur grösseren Lrciheit. Pie erste Epoche. \<m Moses Mendelssohn Dis zum Jahre 1 .*>, umf.isst den Eintritt der Juden in die deutsche Staatsmul Kultargemciuschaft. Es erscheint uns heute als eines der merkwürdigsten P’uänomer.e. mit welcher (jcscliwindigkeit die Juden aus ihrem ganz anders gearteten Milieu in die deutsche Kultur sich einlebten. Die erste Generation hatte gerade augefangen, richtig deutsch sprechen und schreiheil zu lernen, als die zweite schon soweit vorgeschritten war, dass ihre Spitzen in Berlin Salons cröiinen konnten, in denen Prinzen verkehrten. Gelehrte von Weltruf ihre Meiinnigen tauschten, und für die damals hart umstrittene Poesie Goethes Propaganda gemacht wurde. Die Raschheit dieser Entwicklung ist gewiss ein glänzendes Zeugnis für die hohe Begabung ues jüdischen Geistes, indessen sie lässt sich daraus nicht erklären. Die Juden sind ja nicht zu einer beliebigen Zeit in die deutsche Kultur hineingekommen und sic sind auch keine beliebige Mcnschenklassc, sondern, als ein der Bourgoisie verwandtes Element, begannen sie in dem Augenblick an der deutschen Geschichte teilzimckmen, als das deutsche Bürgertum hinreichend erstarkt war, um Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten zu gewinnen. Das war ungefähr Nur ein Trauml Eine Skizze., Tiefe •Nacht ringsum . . . Leise plätschern die Wellen und schlagen gegen den Rumpf des grossen Ozeandampfers, der ruhig und gleiehmüssig seine JRalm verfolgt. Alles an Bord schlaft; nur ab und zu dringt das Wimmern eines Kindes oder das Stöhnen eines schwerträumenden Alarmes vom Zwischendeck, wo 300 russischjüdische Auswanderer zusammengepfercht den ersten ruhigen Schlaf nach Wochen gefahr- und leidvoller Hetze schlafen, zum Bord des Schiffes hinauf, wo einsam und unbeweglich ein zusamniengckauerter Greis hockt. Ihn hat cs dort unten bei seinen armen Brüdern nicht länger gelitten und hinaufgetrieben aus der beängstigenden Stickluft ah die frische, erquickende Seeluft, wo er endlich einmal nicht das ewige abstutnpfende Elend um sich hat und sinnen kann und träumen ... ja, träumen, . . . von einer besseren, schöneren Welt. — Langsam fallen dem Greis die Augen zu, herrliche Träume umgaukeln ihn, und über seiti müdes eingefallenes Gesicht, in das Not, Angst und Kummer so manche scharte Falte gcmeisselt haben, zieht ein seliges Lächeln. ן Und wonnige Bilder steigen vor ihm auf. Er sieht I sich, entronnen all dem Elend der Gegenwart, in einem herrlichen Lande. Ticfdtmkel blaut der Himmel über ihm, riesengrosse, vor Saft strotzende Palmen spendet! ihm köstliche Schatten vor der südlich glühenden Sonne. Und die Palmen rauschen Lise im Winde, der sanft ihre Blätter küsst, und sie beugen sich zu ihm herab und Espeln und flüstern so geheimnisvoll, so traut, so . . . heimisch. ־• Er schreitet weiter; üppige Saaten und goldig wogende Kornfelder bieten sich seinen trunkenen Blicken in nie geahnter Pracht und Fülle dar. Kräftige, gebräunte Männer, aus deren Gesichtern ihm Glück und Zufriedenheit cntgegenlaeht, stosseti unter fröhlichem Gesang, der ihn bis ins Innerste ergreift, ihre Spaten in die schwarze, kräftig und würzig duftende Erde der Felder, um neue Schätze aus der schier unerschöpflichen Tiefe Uervor/.uHoleit. Ihm wird so wunderbar zu Mute,; seiti Herz klopft so stürmisch, als sollte es springen; noch einmal bückt er sich atemlos prüfend um; dort links das schimmernde Meer, dort der dunkle Olivenhain, ans dem die feurig-goldigen Früchte lockend hervorschauen, und dort, ganz hinten am äussersten Horizont, die majestätische, schimmernde weisse Stadt, über der der Abglanz cin.es stillen Gottesiriedens zu liegen scheint . . .