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Jüdische Rundschau · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
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j ^PlSCttfc RUNDSCHAU Seite 415׳ No. 38 den Traum eines ״Judenhassers“ wieder. In diesem Traum j wird attsgeführt, dass diu Bomben- und Revolvcrrevolution zu Ende sei und dass die Acrzte jüdischer und polnischer Herkunit eine neue Art von!evolutionären Kampfmitteln ausgedacht haben. ״Ich träumte•*, erzählt der Mitarbeiter der RUSSKOJE SNAMJA, ״dass ich mich in einem medizinischen Experimcntiersaale befinde. Ringsherum stehen Schränke mit Glaskolben und Glasgefiissen. An der Wand hängt das Bild von Hcrzenstein. Aus seinem Munde spricht eine Stichflamme, welche den ganzen Saal beleuchtet. Bei dem Lichte dieser Flamme begann der Saal sich mit Bolen und Juden zu füllen, weiche in ueissen Kitteln gekleidet waren. Jeder trug auf der Schulter ein Doktorabzeiehen und an der Brust einen samtnen Toteuschädel angenäht mit der Aufschrift ״Giit*• in roten Buchstaben. Die versammelten ״unheilverkimdeten Acrzte“ nahmen ihre Plätze ein, und dann erschien aus dem Schranke ein ״graucnerweckcnder Arzt“ mit einem ״Talles“ (jüdischer Gebetmantel. Red.) auf dem Haupte. Dieser Redner forderte die Polen und diu Juden auf. gegen die russische Regierung nunmehr mit Hilfe von Cholera- und anderen Bazillen zu kämpfen. Diese Bazillen sollen sic in den Kosakendörfern und unter der dunklen ״Bauermasse“ verbreiten. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass dieser Vorschlag des ..grauenerweckenden Redners“, mit dem ״Talles" aut dem Haupte, von den ״unheilverkiindctcn Aerztcn“ mit Jubel und Begeisteruitg aufgenommen wurde, sie schrieen, sprangen empor und applaudierten. Als der Redner sich von ihrem freudigen Ein- Verständnis mit seinem Plane überzeugt hatte, ging man gleich ans Werk: Aus den Schränken wurden die Bazillen herausgeholt. Zuerst Pest, dann Typhus und zuletzt endlich auch Cholera.“ . . . RUSSKOJE SNAMJA und die Schwarzen Hundert stellen bereits die hcrannaliende Cholera in den Dienst ihrer verbreclierischen Agitation. Koch sind aus den früheren Cholerajahren her die grässlichen Untaten nicht vergessen, die die verhetzten Bauern gegen Acrzte, Studenten, barmherzige Schwestern usw., welche ihnen Hilfe bringen wollten, begangen haben, weil verbrecherische Volksverfiihrcr sie als die Urheber der Seuchen bezeiehneten. ״Cholerny bunt" (Choleraaufrnhr) war damals ein Schreckwort, so schrecklich wie heute ״Pogrom". Und wie in den mittelalterlichen Pestjahren in Westeuropa, so verleumden jetzt die echten Russen die Juden als Volksvergitter. Die Folgen solcher entsetzlicher Hetzen werden furchtbar blutig sein. Und diese Verleumder sind nach einem Zarenwort die ״zuverlässigsten Stützen des Thrones“, gegen die selbst Stolypin machtlos ist! Der Zar selbst trägt auf der Brust das Bundesabzeichen des Verbandes echtrussischer Leute. I Ueber den jüngsten Odessaer Pogrom schreibt die Wiener NEUE ZEITUNG einen kurzen Leitartikel: Odessa. Und wieder ein Pogrom! Odessa in der Gewalt der ״schwarzen Hundert!“ Wieder hunderte Juden, Männer und Frauen, Greise und Kinder, getötet und verstümmelt! Mit Füssen getreten und geknutet! Aus den Strassenbahnwagcn und Droschken geschleppt und misshandelt! Aui dem Friedhofe, wo sie die Gräber ihrer Lieben besuchten, überfallen!- Unseren armen Brüdern und Schwestern bleibt nur die Rache. 011, brächten sie noch die Glut auf, sie zu üben! Für jedes Opfer ein Gegenopfer zu fällen! Unbarmherzig und ohne Wanken! Krieg bis auf's Aeusscrstc, — wenn die Blutliunde nicht Ruhe geben wollen . . . Aber die anderen Juden? Theoretisiercn, fernen Zielen zustreben, an den fernen Menschheitsfrieden glauben — es schadet nicht, kann sogar nützen. Doch die Tat des Augenblicks muss auch getan werden. Wir haben nach den Tagen von Sicdlce — genau vor einem Jahre — unsere Stimme erhoben. Wir haben gebeten: Tretet zusammen aus ganz Israel, um über Mittel der Abhilfe zu beraten und einen grossen, feierlichen Appell des jüdischen Volkes an die zivilisierte Menschheit zu richten. Einige Zu• sffrmnung fanden wir — aber im Ganzen blieb unser Ruf un. gehört. Es sind leider auf allen Seiten zuviel ncunmalwcisc Nasenriimpfer und Bclüchler in unserem Volke, die sich nichts sagen lassen. . . . Leider glauben wir selbst nicht, dass unsere Mahnung jetzt mehr Widerhall finden wird. Das kommt erst. Dennoch tun wir unsere Pflicht und wiederholen sie, indem wir nachstehend einen der Artikel, den wir im Vorjahre der Sache widmeten, wieder zum Abdrucke bringen. Er hat heute noch fast wörtliche Geltung; jedenfalls der letzte Satz, in dem wir nur den Ortsnamen auszuwcchseln brauchen: ״Ueberlegen wir nicht lange! Odessa liegt hinter uns, vor uns liegen-“ Der Regierungsbericht über die Ereignisse in Odessa Man schreibt aus Petersburg: Amtlich wird über die Ereignisse in Odessa mitgeteilt: ,.Am 18. August explodierte eine Bombe, wobei Leutnant Kasarow getötet wurde und einige Schutzleute mit Verwundüngen davonkatneii. Am selben Tage wurden auf verräterische Weise zwei Schutzleute und ein Gehilfe des Polizei- Kommissars getötet. Diese Umstände und die Nachricht von der Ermordung des von allen verehrten ehemaligen Gouverncurs von Odessa. General Karangosow. im Kaukasus, riefen eine grosse Erregung unter der russischen Bevölkerung von Odessa hervor, die sich in einer grossen Anzahl von Gewalttaten äusserte. die hauptsächlich gegen die jüdische Bevölkerang gerichtet waren. Am selben Tage wurde abends ein Jude getötet und drei verletzt. Am 19. August fanden in verschiedenen Stadtteilen Zusammenstöße statt. wobe־i neun Juden verwundet wurden, von denen eitler starb. Ausserdem trugen 17 Personen leichtere Verletzungen davon. Am 2‘J. August wurden zwei Personen durch Fetter schwer, neun wurden leicht verletzt. Am 21. wurden zwei verletzt. Am 22. ־wurde bei einen: Ueberial! von bewaffneten Anarchisten auf die Polizei und eine Gruppe von Mitgliedern des ״Verbandes des russischen Volkes־' eine Person verletzt, eine andere erlitt eine Brandwunde. In diesem Falle wurden der Jude Feigermann und der Russe Barunow angehalten und dem Kriegsgcrieht übergeben. Am 23. wurden drei Personen leicht verletzt. Am 24. wurde der Schüler Zessarski verhaftet, weil er auf den ״Verbändler" Satschcssotschni geschossen halte. Zur Einstellung der beschriebenen Unruhen wurden von den örtlichen Behörden energische Massregeln (?) getroffen.־‘ Der Bericht zählt dann diese famosen Massregeln auf und erwähnt zuletzt grosstuerisch das Verbot von zwei patriotischen Zeitungen, die Artikel aufrührerischen Charakters abgedruckt hatten. ״Während der angegebenen Tage.“ fährt der Bericht fort, ״sind 22 Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes verhaftet worden. Es sind aber Anhaltspunkte dafür da. dass einige Verhaftete, die sich als ״Verbündler“ ausgegeben haben, überhaupt nicht zum ״Verbände des russischen Volkes“ gehören.“ Dieser offizielle Regierungsbericht ist. trotz seiner Oberflächlichkcit und Zweideutigkeit, ein schweres Anklagedokument gegen die Behörden von Odessa. Es wird darin von der natürlichen Erregung der Bevölkerung gesprochen, die durch die Nachrichten von der Ermordung Karangosow enstanden sein soll. Nun erfolgte aber der ״Zoruausbruch“ der Odessaer Bevölkerung alias des ״Verbandes des russischen Volkes‘!. — denn tatsächlich wurden nach dem Rcgicrungsberichte selbst nur ״Verbändler“ verhaftet — erst eine geraume Zeit nach der Ermordung des traurig-berühmten Generals Karangosow! — Es ist alst» befremdend, dass eiu solch scharfsinniger Psycholöge, wie der General Kaulbars, der das Barometer der öffentliehen Stimmung so schar! zu lesen verstand, vorher keine Massregeln zur Verhütung des ״Zornausbruches" des ״Verbandes des russischen Volkes“ traf. — Hier gesteht also der Regierungsbericht, der von Kaulbars wohl selbst verfasst ist. indirekt zu. dass die örtlichen öffentlichen Behörden es nicht für nötig hielten, dem ״Zornausbruch“ der ״Bevölkerung“ vorzubeugen. — Auffallend ist an dem Bericht, dass die Zentralrcgicrung. auf die allein die Verantwortung für diese Vcröffent- Hebung fällt, trotz der handgreiflichen Beweise, den ״Verband des russischen Volkes“ reinzuwaschen bestrebt ist. ״Es sind aber Anhaltspunkte dafür da, dass einige Verhaftete, die sich als ״Verbändler" ausgegeben haben, überhaupt nicht zum ״Verbände des russischen Volkes gehören“. Es bleibt also die Frage offen, welchen Grund hatten denn die Verhafteten, sich als ״Verbündler“ auszugeben, wenn sie nicht von dem Vater des ״Verbandes des russischen Volkes", General Kaulbars, ) mildernde Umstände erwartet hätten? General Kaulbars hat sich durch seinen eigenen Bericht schwer belastet. Er hat nichts getan, um die Unruhen zu verhindern. Der Wert solcher Rcgicrungsberichte ist gleich Null. Sie widersprechen sich meist selbst und haben nur den einen Zweck, die schuldigen Behörden reinzuwaschen. Diesen aber geben sie klar zu erkennen, dass sie ungestraft in ihrem Treiben fortfahren können.*

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