Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 414 No. 3S JÜDISCHE RUNPSCHAU. er fand höchst traurige Zustände, die er auch in einer ganzen Reihe von Artikeln in der hebrüischen Wochenschrift HAM1CPE veröffentlichte. Diese Artikel von einem so angesehenen Rabbiner riefen grosses Aufsehen hervor. Sowohl der ״Kolel" wie auch die Bevölkerung brachte ihnen grosses Interesse entgegen, sodass die Verwalter die öffentliche Meinung zu scheuen begannen. Seitens der Verwaltung wurde ein Artikel im 01־ gan des Beizer Rcbbe MACHSIKt HAIMSS voll Besehimpfungen gegen den Rzeszowcr Rabbiner veröffentlicht. Der Rabbiner Lewin wurde schon seit langem von den Fanatikern als gebildeter und fortgeschrittener Rabbiner gehasst, und nun wollten sic die Gelegenheit benutzen, ihn zu beschimpfen und als Ketzer zu verschreien und auf diese Weise unschädlich zu machen. Das gelang ihnen aber nicht. Das erwachende Interesse der Oeffcntlichkeit wollte sich nicht beruhigen, bis die Sache in Ordnung gebracht werde. Die HAM1CPE machte es sich zu,* Aufgabe, alles zu reinigen und so deckte diese Zeitung unglaubliche Tatsachen auf. Es zeigte sich, dass die Verwaltung eine Bande von Dieben sei, die den armen Juden das Geld stehlen und sich so ein Vermögen machen. Hinter dem ״Nassi“ Schreiber aus Drohobycz stand sein Gehcimsekretär Josef Eriedmann, der gemeinsam mit den ,.Memtininf• in Palästina ein ungeheures Unrecht beging. Auch die Chalukahnehmer erwachten, und fingen an, sieh zu rühren uiul die ganze Handlungsweise der ״Mcnuinim“ bekanntzugeben. Aber man ■wusste sie schnell zum Schweigen zu zwingen, da ü; Palästina die Fanatiker noch grosse Macht besitzen, und dort noch der ״Chcrcm*• augew,endet wird. Auch die Rebbes stauden auf Seiten der Machthaber, und daher glaubten die Letzteren gegen die Augrnic gesichert zu sein. Der Gerechtigkeit kam der Zufall zu Hilfe. Es starb plötzlieh der ״Nassi“ Schreiber und ein anderer musste gewählt werden. Nun verschlimmerte sich die Situation f :r die Machthaber sehr. Die Verwalter mit den an der Sa die interessierten Rebbes hielten Geheimkonferenzen ab und wollten ganz cmiach den Solm des verstorbenen Schreiber, der in Pressburg wohnt, zum ״Nassi" ernennen. Das gelang ihnen jedoch, dank den Bestrebungen der fortgeschrittenen Rabbiner, nicht, und sie mussten — selbstverständlich nachdem sie sich in der Majorität gesichert wussten — eine Rabbinerkonferenz einberufen. - Vorige Woche fand diese Konferenz in Sadowa-Wisznia bei Lemberg statt. Ob zwar diese Konferenz in der Chalukahverwaltu 11g noch nicht Ordnung herbeifiihrte, gelang cs den fortgeschrittenen Rabbinern doch, eine Reform durchzuführen. Laut Wahlordnung hat der Rabbiner und der ״Gabai“ einer jeden Stadt das Recht zu stimmen, ohne Rücksicht auf die Spenderzahl, die diese repräsentieren. Und so war voraus- Zusehen, dass die Rebbes der kleinen Städtchen in der Majorität sein werden. Wortführer waren die Rebbes unter dem Kommando des Cieszanower Rabbi Halberstamm. Dieser junge Rebbe hat es sich zur Aufgabe gestellt, der Entwicklung entgegenzuarbeiten. Er hatte die Frechheit, auf der Konferenz den Lernberger Rabbiner Dr. Brande und den Rzeszowcr Rabbiner zu beschimpfen. Jedenfalls w ar diese Konferenz eine Interessante Erscheinung und würden solche Konferenzen öfters stattfmdfcn, dann würde cs vielleicht den Rabbinern gelingen, die Massen der Judenschaft aus dem Joche der Rebbes zu befreien. Das Resultat der Wahl war, dass der junge Schreiber aus Pressburg zum ״Nassi“ gewählt wurde, mit eine Majoritat von 55 Stimmen. Es wurden aber noch zwei Vizeprösideuten, die Herren Essig Paporisch aus Brody und Samuel Schenker aus Krakau gewühlt. So wird der ..Nassi“ nicht mehr allein die Macht haben. Es wurde auch ein zwölf,;hed* riger Ausschuss gewühlt, der die Zustände zu prüfen und die nötigen Reformen horbeizuiühren hat. W'ie man sieht, wurden also teilweise Verbesserungen gemacht. Es ist aber noch viel Schlimmes zu beseitigen. Der Sekretär Josef Friedmann muss beseitigt und auch andere Verwalter in Palästina eingesetzt werden. Die ganze Sache hätte uns nicht gekümmert, denn die ״Chalukah“ ist eine veraltete und unmoderne Institution, ein Überbleibsel aus alten Zeiten. Wir hätten leichten Herzens die ״Chalukah“ auf bessere Zwecke verwendet, aber solange sie existiert, können wir als gute Juden absolut nicht erlauben, dass sich Privatpersonen vom Oelde der Armen bereichern. W'ir haben das Unsrige getan, indem wir in unserer Presse darauf aufmerksam machten. Wir legen es den Spendern ans Herz, die weitere und vollkommenere Reform selbst zu er* streben. Sie dürfen nicht erlauben, dass ihr Geld, das sie für Palästina geben, Kalizischen Verwaltern zufällt. Sie müssen vor allem trachten; dass sie selbst über das Geld entscheiden und nicht die Rabbiner. Sie sollten einen Delegiertentag einberufen, der nach der Zahl der Spender und Spenden bestimmt werden mi1s;.:e. Und so ein Kongress sollte über das Geld bestimmen. Nu« auf diese Weise kann Ordnung in die ״Cha* lukalr gebracht weiden. Rzcszow, den 5. September I9U7. Moses Wiesenieid. (NEUE ZEITUNG.) Jüdische Arbeiter in England Der Fabrikinspektor Herbert Evans, der durch seine loyalen Aussagen vor der Aliens-Kommission riihmlichst bekannt ist. hat gegenüber einem Vertreter der JEWISH CHRO- NiCLE sich in bemerkensw erter Weise über die Verhältnisse der eingewanderten jüdischen Arbeiterbe•.ulkerung in London ausgesprochen. Mai: erfährt aus seinen Mitteilungen, wie irrig cs ist, dass die Einwanderung jüdischer Arbeiter die Lage der Bevölkerung des Ostens verschlechtert habe. Die Zustände sind auch in hygienischer Beziehung seit den 9üer Jahren, in denen die Einwanderung bedeutend zu wachsen begann, sehr Gel besser geworden. Während es bis dahin gang und gäbe war, dass derselbe Raun! als Wohn-, Schlafzimmer und Küche, und zugleich auch als Werkstatt diente, ist im Laufe der Jahre liier mehr und mehr die Einrichtung besonderer Arbeitsräume Gepflogenheit geworden. In Soho, dem Arbeiterviertel im Westen, liegt freilich die Wohnungsfrage noch sehr im Argei!. Evans spricht!einer die L'cberzeugung ans, dass die eiligewanderten Arbeiterscliaan an den! Aufschwung des englischen Handels einen bedeutenden Anteil haben. In den Gewerben, in denen diese Arbeiter vorzugsweise I'cschäitigt sind, in der Kammgarntmu Wolle-Manufaktur, in der Konfektions- und Schuhwarenbranche ist seit den 9!)er Jahren eine ausserordentliehe Verminderung der Einfuhr und ein nicht minder bedeutendes Anwachsen der Ausfuhr zu konstatieren. Dass die Iminigrauten ein sehr tüchtiges Arbeitern.atcrial darstellcn, beweist die Tatsache, dass sie durchschnittlich doppelt so holte Löhne wie die eingeborenen Arbeiter erzielen. Dies gilt auch von den Arbeiterinnen hinsichtlich deren Evans die intercssante Bemerkung macht, es sei ihm niemals ein Fall vorgekommen, dass eine jüdische Frau noch nach ihrer Verheiratung als Lohnarbeiter!» beschäftigt gewesen sei. Er rühmt das als ein Zeichen des hohen moralischen Niveaus der jüdischen Bevölkerung und. als ein Glück für die zukünftigen Generationen. Als sehr beklagenswert bezeichnet Evans die Tatsache, dass im Gegensätze zu der jüdischen Bevölkerung von Whitecheapcl im Ostend die Arbeiter im Westen, in Soho, zum grössten Teil am Sabbath werktätig sind. Zum Schluss hebt Evans auch die Nüchternheit und Massigkeit des jüdischen Arbeiters rühmend hervor. 8abbathruhe in — Italien Es wird gegenwärtig von der Regierung ein Reglement, betr. die Einführung der Feiertagsruhe, ausgearbeitet. Oberrabbincr T e d e s c 11 i in Ancona wandte siel! angesichts dessen an seinen Florentiner Kollegen Dr. M a r g u 1 i e s und regte eine Aktion zur Erlangung einer Bestimmung au. durch welche den den Sabbath beobachtenden Juden die Möglichkeit, am Sonntag zu arbeiten, gewährleistet würde. Herr Dr.!Margulics stellte von einer Auslandsreise, einem der Minister den Wunsch einer solchen Bestimmung schriftlich vor und bat ihn um seine Unterstützung. In seinem Antwortschreiben wies der Staatsmann zwar aui gewisse Schwierigkeiten hin. sagte jedoch zu. dass er den Minister für Handel und Industrie ersuchen werde, dem Verlangen, das i m P r i n z i p c i n vollkommen berechtigtes sei, Rechnung zu tragen.* Zu dieser Mitteilung ist zu bemerken, dass der Prozentsatz der jüdischen Gewerbetreibenden in Italien, namentlich derjenigen, die auf Sabbatliruhe Gewicht legen, abgesehen von Ancona, ein üusserst geringer ist. In Galizien, wo die Juden die Mehrheit der Gewerbetreibenden bilden und mit wenigen Ausnahmen den Sabbath halten, konnten sie dank ihren Versorgern keine Sabhatiiruhe bekommen. Brunnenvergiftung In Petersburg. Moskau und anderen Städten sind einige Pestfälle beobachtet worden. Im gegenwärtigen Momente lässt sich schwer beurteilen, ob die Epidemie grossere Dünensioiien annehmen wird. Es ist aber andererseits nicht zu leugnen, dass die Oeiiciitlichkcit durch die offizielle Mitteilung sehr beunruhigt ist. In einer solchen trüben und unruhigen Zeit also, wo die Volkslegende von den dunklen Massen genährt und betrieben wird, sorgen die ״inneren Freunde“ dafür, das blutige Märchen zu verbreiten, dass die Pest und die• Cholera von polnischen und jüdischen Aerzten verpflanzt wurden. Das offiziöse Organ der ״Nebenregierung“, die RUSS- * KOJE SNAMJA. gibt unter dem Titel ,,Eine neue Revolution“