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Jüdische Rundschau · 1907-09-20 · Heft 38 (20.9.1907) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU. ____!eA־l±13- - 111־—־־ .־־־״■ .1—! i Rundschau —===ז־- * ___— Ein frommes Blatt Zur Tätigkeit der Ansiedlungskommission schreibt das Blatt mit dem Kreuz im Kopf: ״Der W'andcrungsvcrlust der Juden im Ausicdlungsgebiet — in,den am meisten interessierenden Regierungsbezirken iibcrwng bereits in den 40er Jahren den Geburtenüberschuss ln Posen und Bromberg betrug die Zahl der Juden: Posen: Brombcrg: 1858: 47 85U 24 225 1871:39 786 21651 1885 : 32 891 17 975 19t 15: 19 392 11 045 Von je 1000 Juden des preussisclien Staates wohnten 1m Ji hie 1816 420, im Jahre 1843 noch 585, im Jahre 1905 nöch 74 in der Provinz Posen. Diese Zahlen bedeuten, dass d.e Juden in andere Gegenden absirömten, weil sie in Posen zu dich: sassen: in :teuerer Zeit streben sic den Urossstädteu nach, um vielleicht nach einigen Generationen ihr Ziel im Tiergarteil• \iertel oder in Frankfurt a. M. zu erreichen. Diese Bewegung ist also viel später als die Ansicdelimgskonimission und die!.:iküichen Genossenschaften.‘ Wenn durch diese mancher kleine Wucherer aus ue:• östlichen Städten vertrieben sein sollte, so wird man das nicht gerade bedauern, es ist aber auch dann noch zu beachten, dass die jüdische Abw anderung ebenso wohl und sogar stärke: dort vorhanden ist, wo nicht gesiedelt wird." Die KREUZZEITUNCi nimmt cs sehr übel, dass es in der Provinz Posen vielleicht auch jüdische Wucherer gibt. Sie glaubt, dass aui Wucher Arier den gleichen Anspruch haben wie auf Mord und Totschlag in dem Ideallande der KREUZ- ZPITÜNG im Heiligen Russland, übrigens ist der stille Leid• tragende bei der Verdrängung der poseuseben Juden durch antisemitische Deutsche und polnischen Boykott die deutsche Sprache, die mit den Juden aus den posenscheu Orten Schwindel. f Friesischer Nationalismus in Preussen Ein peinlicher Vorfall ereignete sielt nach dem HAMB. KORRESP. gelegentlich der Deichschau in Nicolum, an der auch Landrat Roggc aus Tondern und der Bildhauer Harro Magnussen teilnahmen. Beim Festessen wurden verschiedene Lieder gesungen, u. a. auch ״I c 11 bin ein P r e u s s e." Hiergegen opponierte der neben dem Land* rat sitzende Künstler in scharfen Worten. Alles blickte verwundert auf; es wagte aber niemand zu erwidern. Jetzt hat Magnussen in einem offenen Schreiben eine Erklärung seines Verhaltens gegeben, die darin gipfelt, dass die Friesen Ihr Stammcsbewnsstselri wahren sollen. Sie sollen Friesen bleiben, ihre Sprache, Sitten, Trachten und Eigenarten hoch• halten. ״Lasst die Preussen stolz auf ihre Geschichte sein und seid Ihr dasselbe auf die Eure. Ihr könnt zufrieden sein, dass Ihr unter Preussen steht, aber Preussen seid Ihr nicht.“ Er er• mahnt die Friesen schliesslich noch, von den friesischen Alter- ♦.ümcrtt nichts zu verkaufen, sondern die Sachen dem Friesenmttseum zu schenken, auch sollen sie das Aussehen ihrer Häuser erhalten und nicht zum modernen Bau übergehen. Das Nationalgcfiihl der Friesen verdient alle Anerkennung, soweit es sielt nicht in völliger Verkennung der Tatsachen sich gegen den Staat wendet. Denn es gibt keine prcussiscltc Nation, die den Friesen, Polen, Deutschen, luden oder irgend einer anderen Nation glcichgeordnet oder entgegengesetzt wäre. Preussen ist nur ein Staatsbegriff um! die Treue gegen den Preussisclien Staat hat mit der Nationalität ebenso wenig zu tim, wie mit der politischen oder religiösen Gesinnung. Nur Antisemiten. Juduiiibcrale und ähnliche Kufturjüngcr haben sich bisher diesen Grundgedanken des modernen Staates — und Preussen ist trotz alledem ein moderner Staat — verschlossen. Immerhin ist cs interessant, dass Friesen sich bei Bezeugung ihrer nationalen Gesinnung sogar taktlos gegen Preussen und sein Prctisscnlicd benehmen können, offne Tn der deutschen Presse auch mir ein Wort der Rüge oder des Be• dauerns zu finden, während dem staatstreuen Juden seine Nationalität so lange als Bleigewicht an den Fiissen hängt, bis er in ehrlicher LI c b c r z c 1t g u n g. dass ihm das V o r - teil bringt, dieses Blei in W asser auflöst. Der Freidenker Wasserzug . Gegen den }üdischcn KlerlkaHsmiis nahm der Prager F r c i d e n k e r k 0 11 g r e s s in folgender von dem Delegierten W a s s e r z u g (W'arschait) beantragten Resolution >tel- Jung: ״Der 14. internationale Freidenkerkongress spricht beztiglich der Judenfrage folgende Wünsche aus und erwartet von allen Organisationen eine stetige Arbeit für deren Rcaiisierung: Da der «Antisemitismus der frappanteste Ausbruch des religiösen und Rassenhasses und die Juden stets seine ersten Opfer sind, da lerner die antisemitische Propaganda auf die niedersten menschlichen Instinkte spekuliert und deshalb eine schädliche Macht in jeder Hinsicht ist, fordert der Kongress die Freidenker aller Länder auf, ihre Kräfte der Bekämpftmg des Antisemitismus zu widmen mul die bürgerlichen Rechte für die Juden in allen Ländern, in denen sie dieselben noch nicht besitzen, zu erkämpien. Bezüglich des jüdischen Klcrikalismus erkennt der Kongress, dass derselbe der grösste Feind des j ti d is c h c n Volkes ist, da er künstlich das Volk im Aberglauben und in U n w׳ i s & e n - heit sowie in religiösem Fanatismus erhält. Der Kongress fordert die jüdischen Freidenker auf, eine rege Propaganda unter den Juden zu Gunsttu der Prinz1p.cn und der Wcitanschaumig der Freidenker zu veranstalten und das jüdische Volk von dem Joche des jüdischen Klerikalismus zu befreien und die Erziehung in den Schulen au! das Fundament der reinen L a i e n - V e r!1 ä 11 n i s s c zu stellen." Es ist merkwürdig genu׳.׳. dassder Ereidenkcrkongrcss es gerade für nötig innd, gegen den jüdischen Klerikalismus Stellung zu •nehmen, der doch auch in Russland sich mir noch in einer Verteidigungsstel!;!ng findet. Dass der Klerikalismtis aller Völker und aller Konfessionen um kein Haar kultureller ist, das konnten dem Herrn W'asser/ug aus Warschau, wenn er sich freies Sehen und Denken bewahrt hätte, die täglichen Ereignisse genugsam beweisen. Aber liegt denn den jüdischen Freidenkern irgend etwas an dem Freidenkertum? Liberalismus. Frcidenkcrtum, Reform und wie die Zwischenstufen zur Taufe alle heissen״ sollen ja nicht zum freien Denken führen, sondern sollen möglichst wenig von dem Judentum übrig lassen, das nun einmal lästig von einem wenig selbstbewussten Teile seiner Tr. ger empfunden wird. W ir glauben, dass man um so besser für ircies Denken, freie Forschung und Wissenschaft und für Loslösmig von veralteten \ orurieiien im jüdischen Volke wirken kann, wenn matt intensiv an dem Wiederaufbtiu seiner Selbständigkeit, an der Erhaltung seiner stamniestiimliclicn Eigenart tcilnimmt. Sonst ist das Resultat des vermeintlichen jüdischen Ercidenkertums der Wasserzug zur Taufe, und das Ergebnis ist wie bisher, dass die Kinder jüdischer Freidenker Verkündiger und Anbänger des Klerikaiismus christlicher Konfessionen sind. Die frömmsten christlichen Kreise entstammen heute den Kreisen jüdischer Liberaler. Die Chalukah in Galizien Die Chalukah ist eine sehr alte und unter den religiösen Juden sehr verbreitete Einrichtung. Sic hat den Zweck, arme Juden, die in Europa schon alles aufgegeben bähen und ihre letzten Lebenstage in Palästina mit Beten und Fasten verbringen wollen, zu unterstützen. W'cnn diese Institution auch unpraktisch ist. so ist sic doch im Volke tief eingewurzelt und erfreut sich einer Popularität, wie keine zweite. Sie ist allen teuer und heilig, upd es äussert sich darin ein Geiiihl von Liebe und Verehrung. Auch viel Mystisches ist daran geknüpft. Wenn jemand einen Kreuzer fiir die Chalukah spendet, glaubt er etwas Grosses geleistet zu haben. Er fühlt sich mit Paklstina. dem Lande seiner Väter, seiner religiösen Ideale, verblinden und glaubt alles Schlechte von sich entfernt zu haben. Er meint, dass durch das Klagen und Beten der Alten an der Klagemaucr in Jerusalem die baldige Erlösung herbeigciiihrt werde. Es gibt daher fast kein jüdisches Haus in Galizien, in dem sich keine Chalukali-Biiclise befindet, in die der Jude bei jeder Gelegenheit etwas hineinwirft. Diese Büchsen haben kolossale Einnahmen und werden in diesem Jahre durch die ..Gcbaim" (Verwalter) ausgelecrt und an den ..Nassi‘‘ vom ..Koiel" (Obmann der Hauptverwaltung) in Drohobycz abgeliefert. Rechenschaft wurde niemals erteilt imd auch gar nicht verlangt. •Vr ..Nassi“ und die ״Gcbairn“ waren aut Lebenszeit gew-älilt oder ernannt und regierten wie sic w’nlltcn. Schon lange liefen Klagen aus Palästina ein, dass die ״Memnnini“ (die von den ausländischen Verwaltungen Ui Palästina eingesetzten Beamten zur Verteilung der Chalukah) die Armen sehr grausam behandeln, dass sie das Geld veruntreuen. Auch viele Reisende haben die schrecklichen Zustände, die in der . Chalukah" herrschen, genau geschildert. Unter Anderem hat auch der Dichter Ludwig August Frankl die Misswirtschaft in der Chalukah beschrieben. Aber das Alles niitzte nichts und es blieb wie früher. Erst im vorigen Jahre wagte es der Rabbiner Nathan Lewin aus Rzcszow, in die Verwaltung Einsicht zu nehmen, und

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