Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 ־ Seite •408 Crfolj? verbürgen: keine Trcibhauskultur zeitigt die Bliite des Gedeihens, sondern die ruhige Entwicklung der Natur, der es nur Kitt die Hand zu reichen! Dieser Entwicklungsni ö k I i c 11 k c i t wäre aber hier wieder ein Kanal, ein miitterlieh Becken erschlossen und damit der Ranzen Frage und ihrer Lösung ein• natürliches unRcheures Ventil auigetan. Und die Freiheit wäre mit keinem ZwaiiR bezahlt. Der Jude, der sich in seinem Adoptivvaterlande wohlfühlt, wird das Recht behalten, zu bleiben, wo er ist; er wird die Gast* freundschalt, die er bisher Rcnossen — genau wie jeder Deutsche, Engländer. Franzose in der Fremde — als Freund lind Gast des betreffenden Volkes nach seinem Willen weiter* hin Rcnicsscn und doch seiner Utngcbiing gegenüber gebessert sein mit dem moralischen, Gewinn und dem stärkenden Bewusstsein seiner Seele, lern in seiner auch ihm wiederge* wonnenen Urheimat einen mütterlichen Rückhalt zu besitzen. Es ist klar, dass auch das Judentum in der Zerstreuung durch diesen Rückhalt eines blühenden nationalen Reiches, das wie die andern Reiche der Erde in allen Ländern durch stehende Gesandtschaften und Konsulate vertreten wäre, au Ansehen, an ״Prestige“ in der ganzen Welt überaus gewinnen würde, und dass ihm dann auch .,das drückende Gefühl seiner Emanzipation“** namrgemäss Seilwinden müsste. Die um zwei Jahrtausende zuriiekgedämmte, dem Judentum innew (dmeride zähe Kraft muss sich wieder zu ilirer mütterlichen Scholle finden und. unter iestem Ftisse, erst wieder da Zuströmen aus heimatlicher Erde verspüren, wenn ihr das GeiTihl ihrer Spannung, die nach Lösung und Entladung drängt, wieder zu einer Quelle der Verjüngung weiden soll und jauchzender Weltbetätigung. Das jüdische Volk, wenn cs fatalistisch weiterhin auf den rettenden Messias warten will, den cs nicht verstand und den es verkannte, als er wirklieh ihm gekommen war, wird vergeblich harren; cs hilft ihm niemand, es sei denn, dass es sich selber hilft. Nur in der Selbsterlösung kann und wird es sein Hei! finden. Und wenn die jüdische Seele die krank ist an der grossen Leere, erst wieder einen Inhalt gefunden haben wird, dann wird sie auch genesen' sein, sich selber und der W'elt zur Freude. Völkcrbewcgungen und Wcltströmungcn sind zwar mit keinem Prosperostabc aus dem Grund der Erde zu stampfen: aber wenn Wasser zu Strömen sammeln, Strömen und Meeren Bett und Dämme zu setzen. Mannes Tun und Taten ist, so wären Männer solcher Art dem jüdischen Volk zu wünschen. Die Arbeit in Palästina Referat am VIII. Zionistenkongress im Haag erstattet von Prof. Dr. O. Wa rbu rg. Professor War bürg (mit stürmischem Beifall bcgrösst): Der überaus freundliche Begrüssungsbcifall, den Sie mir haben zuteil werden lassen, weckt in mir den Argwohn, dass Sie enttäuscht sein werden, und zwar vermute ich, dass Sie der Ansicht sind, ich würde hier ein umfassendes und weit ausschauendes Palüstinaprogrnnun Ihnen entwickeln. So verlockend es auch wäre, hier vor dem Kongress meine Ansicht in*, einzelnen Ihnen darzulcgcn. so sehe ich mich leider genötigt, hierauf zu verzichten und zwar deshalb, weil ich hier an dieser Stelle nicht als Teil resp. Sprachrohr des Engeren A.-K. stehe, sondern als Vorsitzender der Palästinakonnnission, und die Palästinakonimission hat eine gebundene Marschroute, Die Palästinakonnnission hat sich nicht mit Zukuimspiäneu im allgemeinen zu befassen, sondern mit der Ausführung von realen Wünschen, von realen Objekten. Als Vertreter der Palästinakonnnission habe ich Ihnen vor allem mir den Bericht über die Tätigkeit dieser Kommission in der letzten Berichts- Periode zu erstatten. Wenn ich über allgemeine Palästina• fragen hätte sprechen wollen, so hätte ich es nur in der (Jeneraldebatte tun können, die gestern geschlossen w urde. Das war aus dem Grunde nicht möglich, weil ich gleichzeitig ein Mitglied des A.-K. bin. dessen Taten ja gestern der Kritik der Versammlung unterlagen, und ich hätte nicht gewusst, c׳b ich mit meinem Palästinaprogramm w irklich die Ideen der N0. 38 Majorität des Engeren Aktionskomitees vertreten würde. (Hört! hört!) Und daher hielt ich es für loyal und richtig, darauf zu verzichten, bis dem Engeren A.-K. Dccharge erteilt werden würde. Und dies ist geschehen. Insofern würde ich die Freiheit haben, meine Ansichten inbezug auf Palästina vorzutragen. Andererseits wurde vorgestern schon vom Präsidenten darauf hingewiesen, dass es verkehrt wäre, über das, was man ausführen will, vorher viel zu sprechen, und das ist auch die Ansicht, die Herzl stets vertreten hat und die zweifeilos richtig ist. Das, was man schaffen will, soll gemacht werden, ohne vorher durch grosse Trompeteiistösse und Veröffcntliehungen die Ausscnwelt darauf aufmerksam zu machen. Deshalb hat auch der Kongress beschlossen, zur Behandlung der Palüstinairagen eine Kommission einzusetzen. Und diese Fragen. die weitschaueaJ und grundlegend iiir die Zukunft sein sollen, die werden wir notgedrungen in dieser engeren Kotnmission behände!!: müssen. Ich möchte nur in einem Punkte einige Bemerkungen machen, weil unser verehrter Präsident daraui eingegangen ist und eine Erklärung abgegeben bat, der ich nicht ganz zustimmen kann. Das ist die! rage der Moglichkcit der Schaumig einer Agrarbank. Sie wissen, dass die Schaumig eines ländkchcn Kredites eine unserer wichtigsten Aufgabe!! für die Zukunft ist. Und ich kann es nicht unwidersprocheii lassen, wenn der verehrte Präsident sagt, dass es vollkommen ausgeschlossen ist. in der Türkei eine Agrarbank zu gründen. Ich möchte darauf hinweiscii. dass in der Türkei seit vier Jahren eine Agrarbank bestellt, (hört! hört!) die aber mit! Gründen, die hier mcht erörtert w erden s!>!'e!1, nicht w irksunt ist. Aber die Möglichkeit existiert. Auel: in anderer Beziektmg kann ich nickt mit den Ausführungen des verehrten Herrn Präsidenten iii .reinstimmen. Das wissen die Anwesenden durch die verschiedenen Diskussionen in der Presse, ich will hier darauf nicht cingchen. Ich muss;•!er der Ansicht widersprechen, als ob im Aktionskomitee zwei gruudverschiedene Strömungen geherrscht hätten, eine politische und eine wirtschaftliche. Das ist nicht der lall gewesen. Jedes Mitglied des Aktionskomitees ist für die politische und wirt- Schaft liehe Arbeit. Es bat sich nur gehandelt um den Grad und die Schnelligkeit, mit der man einen Punkt angreift. Nur darin lag die Differenz. Und ich möchte erklären, dass, vvühicnd in der ersten Zeit die Diifercnzen gross waren, sie sich im Laufe der Zeit erheblich gemildert haben. Und dadurch dass einige Mitglieder des Engeren Aktionskomitees Palästina besucht haben, gerade dadurch wurde eine Verständigung über die Arbeit und Methode erzielt. Und ich zweifle nicht, dass, wenn auch diejenigen Mitglieder, die Palästina noch nicht gesellen haben, es besucht hätten, die Arbeit viel ein heitficher geworden wäre. Es ist wünschenswert, und das bezieht sich auf alle Organisationen, die wir haben, — dass ermöglicht werde, dass alle Palästina besuchen und sich informieren. Sie werden alle zuriiekkehren mit der Ansicht, dass tatsächlich jetzt schon Grosses geleistet werden kann, nicht nur durch Privatinitiative, sondern auch durch unsere Organisation, indem sie Bedingungen schafft und die Grundlage legt für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Nach diesen kurzen Vorbemerkungen, erlaube ich mir zum Berichte überzugehen. Bericht der Palästina-Kommission für die Berlchtspcriode 1905/07. Die Tätigkeit der Palästinakommission wird bestimmt durch den Punkt I des Baseler Programms, wo als Mittel zur Schaiiiing einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ir: Palästina au erster Stelle die ״praktische Forderung der Bcsiedehmg Palästinas durch jüdische Ackerbauer, Handwerker und (lewerbetreibende in Aussicht genommen ist.“ Die vielfachen Meinungsverschiedenheiten, wie weit man in der Unterstützung der Kolonisten gehen diirie, oder mit anderen Worten, wie der Ausdruck ״zweckdienliche Förderung de* Besiedelung Palästinas*‘ in Wirklichkeit aufzufassen sei, Italien den VII. Zionistenkongress veranlasst, die Grenzen der‘ ziotiistischen Palästinaarbeit durch einige Beschlüsse grundsätzlieh iestzulegen. Als reale Unterlage mul zur Stärkung der politiseh-diploinatisclien Tätigkeit wird hiernach die systematische Ausgcstaltung unserer Position in Palästina erstrebt, und zw ar durch folgende Mittel: 1) Ailseitige Erforsclumgsarbcit. 2) Förderung von Agrikultur, Industrie usw. in möglichst demokratischem Geiste. 3) Kulturelle und ökonomische Organisation und Hebtmg der palästinischen Judenhcit durch Heranziehung von neuen intellektuellen Kräften. *1) Erstrebung dir für die Hebung Palästinas notwendiger! Reform inhezug auf Verwaltung und Recht. Es wurde hiermit auf den VH. Kongresse der Tätigkeit der Pakistinakoinmission eine viel weitere Grenze gezogen. JÜDISCHE RUNDSCHAU. 1 V _ '■*1 I