Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9 No. 3S JÜDISCHE RUNDSCHAU. . Seite 407 Gebiete. Die Winschnftsgegcusützc, wo sie zwischen Christ und Jude bestehen, sind naturgemfiss sekundärer Art, und ihr religiöser Antagonismus, der einst, vor zwei Jahrtausenden und bis ins tiefe Mittelalter hinein, dem Fanatismus das ausschlaggebcnde gewesen ist, erscheint heute bereits als historisch überwunden, wenigstens vor der gesamten Intelligenz der Welt. Die christliche Orthodoxie, die auf Jahrtausende hinaus Christi Geist ans Kreuz geschlagen, hat dem Judentume, das nur seinen Leib gekreuzigt, nichts mehr vorzuwerfen. Damit ergibt sich die Beantwortung der weiteren frage, ob die Lösung des jüdischen Problems in den verschiedenen Ländern eine verschiedene oder ob sic überall die gleiche sein wird, von selbst. Wenn wir den Religionsgegensatz, als für die Zukunft bedeutungslos, schon heute aus dem Problem nahezu ausscheiden dürfen, und wenn der wirtschaftlichen Seite der Frage nur erst eine sekundäre Bedeutung zukommt, also nur ein nationaler und Rassengegensatz als das eigentliche Unterscheidende, was aui beiden Seiten empfunden wird, zurückbleibt, so kann das Judcnprobletn für alle Länder der Welt nur ein gleiches sein, ein nationales Problem, das dann im wesentlichen accli überall die gleiche Lösung erfordert. Die Frage, w i c die Lösung sicli vollziehen wird, ist a priori nicht so leicht zu beantworten. Am wenigsten zu ihrer Förderung berufen erscheint mir die Richtung, die eine Fortentwickelung des Judentums ausschliesslich als Konfession anstrebt, denn sie erwartet von der Reaktion den Fortschritt. Wir sehen heute, wie durch unsere Zeit ein Sehnen geht, über alle Konfessionsklitterungen hinaus, zu einer grossen, einheitliehen, aus dem Urgrund der Erkenntnis ruhenden religiösen Weltanschauung zu gelangen, und wir glauben zu bemerken, wie alle diese religiösen Strömungen und Unterströmungen unsrer Tage schon heute gewissermassen ein gemeinsames gleiches Richtungsgefühl zeigen, und wie sic, schon vor ihrer wirklichen Vereinigung und Klärung im Künftigen, tatsächlich schon das Gemeinsame einer sie treibenden einheitlichen Kraft erkennen lassen. Einer Kraft, die sich in bewusster Absage an die dümmste aller Weltanschauungen, die materialistisehe, auf sich selbst und ihre höhere Ursprünglichkeit zurückbesonnen hat. Da scheint cs mir für die Lösung des jüdischen Problems eben nicht sehr aussichtsvoll zu sein, wenn sich das Judentum als Religionsgemeinschaft von den religiösen Bcfreiungstendenzen unserer Zeit orthodox abschliessen und mH seiner konfessionellen Fortentwicklung wieder dort einsetzen wollte, wo es schon vor zwei Jahrtausenden durch das Christentum überwunden war. Allerdings nicht durch das von der Kirche verzerrte, verfälschte sogenannte Christentum des Krummstabs und der Beffchen,. das die Welt in ihrer Kulturentwicklung um Jahrhunderte zurfickgehalten hat und wie ein Alp noch heute auf uns liegt, sondern durch das wahre Tnm Christi in seiner ursprünglichen Reinheit und Tiefe, jenes Urchristentum ״Jüdischen Geiste s“, das entstanden ist gewissermassen durch eine Okulierung und Veredelung des Judentums mit einem buddhistischen Reise und das seine Wcltaufgabc sicherlich noch nicht zu Ende geführt hat. Auch an die Lösung der Judenfragc durch Anpassung, durch Aufsaugung vermag ich nicht recht zu glauben. Die Taufe, die zu diesem Zweck empfohlen wird, ist ein ungeeignete* Mittel, und die Mischehe wiederum eine zu selten erfüllbare Bedingung. Ein Jude, der, um den Unzuträglichkeiten seiner sozialen oder gesellschaftlichen Stellung zu entgehen, sich in den Schoss unserer heutigen Staatskirche flüchten wollte, die im Sinne Christi nie christlich gewesen ist, wäre wie ein Mensch, der sich in ein sinkendes Schiii zu retten sucht, in dem Augenblicke noch, wo es von der eigenen Besatzung schon verlassen wird, wenigstens von deren ehrliehen und denkenden Leuten. Sie, die sich von der Oeistcskncchtschaft des Kirchenchristcntums gerade losmachen machten, würden dem Überläufer die Aufrichtigkeit seiner Qesinnung heute nicht mehr glauben und ihm für seine vermeintliche religiöse Annäherung nur mit einem sie noch schärfer trennenden Vorhalte, dem des Renegatentums, quittieren. So könnte die Taufe, in der Bedeutung, die sie heute hat, den Assimilationsbestreblingen eher wohl hinderlich als fördernd werden, denn sie würde der Intelligenz des Überläufers entweder das Odium der Rückständigkeit oder der Verleugnung aufdrücken und ihn so für seine Kulturbcrufung an den gemeinsamen Stand ״vor Ort“ eher kompromittieren als empfehlen. — Da ist die Mischehe schon ein gründlicher Mittel. Allein auch mit ihr wird das Problem schwerlich zu lösen sein: fiir diesen oder jenen Einzelnen vielleicht, in Ausnahmefällen, wo eine grosse Passion die Gegensätze zusammenschmilzt, aber wohl niemals fiir die Gesamtheit des jüdischen Volkes und seiner Wirtsvölker. Dazu wären hier wie dort zu alte, zu schwere, zu eingewurzelte Vorurteile zu rollen, was, rein äusscrlich, noch als das kleinere Hindernis erscheinen mag; cs wäre, was schwerer wiegt und meines Erachtens beiderseits eben das Unüberwindliche ist, der Rasseninstinkt zu unterdrücken: es wär’ eine Bindung durchzuführen der innersten Natur des Menschen. Und gerade das jüdische Volk, das trotz seiner nationalen Auflösung und Zersplitterung durch zwei Jahrtausende hindurch eine Rassezähigkeit dargetan hat. wie sie in der Geschichte der Menschheit ohnegleichen ist, macht diese Wendung des Problems nicht sehr wahrscheinlich. So bleibt nur noch eine Möglichkeit der Lösung, die durch die nationale Gruppe der Juden in der zionistischen Richtung \ertretcn wird. Meiner Ansicht nach hat diese Richtung die meiste Aussicht, die Klärung der Judensfrage herbeizuiüitren, denn sie packt das Übel bei der Wurzel an. Das Leid des Judentums ist im letzten und tiefsten Grunde seine Heintatlosigkeit: sie ist die Not seiner Seele, der Ruhelosen, die noch heute irrt, wie einst an den Wassern Babels. Das jüdische Volk scheint mir einem Manglebaum zu gleichen, den einmal in der Urzeit der Sturm geworfen und entwurzelt hatte, und der sich nun in seiner Not geholfen hat, allenthalben Luftwurzeln zu treiben, die seine ausgebreitete Krone tragen, stützen, nähren müssen. Trifft dieses Bild zu und erkennt man in ihm das Wesen der ganzen Frage, so ist es eigentlich zu verwundern, dass die nächstlicger.de, von der Natur selbst gewiesene Lösung, die darin besteht, einem entwurzelten Stamme, wieder die Wohltat seiner Heimaterde zu geben, nicht längst zur Wirklichkeit wurde. Denn diese Wirklichkeit ist keine Utopie, sie wird sicher einmal kommen, weil sie notwendigerweise kommen muss. Der Wiederaufbau des jüdischen Reiches ist unter den heutigen politischen Verhältnissen durch- * aus denkbar und möglich, und zwar, der historischen Uberlieferung und Suggestion wegen, am zwcckmässigsten in Palästina. Die zur Enteignung erforderlichen Gelder sind in jüdischer Hand vorhanden. Die Grossmächte würden einem solchen Plane, wenn ihm erst einmal Hand und Fuss gewachsen, sicher keinen unüberwindlichen ^Widerstand entgegensteilen, und sobald dafür England, Deutschland, Frankreich usw. gewonnen sind, würde sich sicherlich auch die Türkei dem moralischen Druck der Mächte auf die Dauer nicht entziehen können. Ein annehmbarer Abfindungsmodus, der allerdings sehr wahrscheinlich nicht ausschliesslich rein materieller Natur sein dürfte, wäre gewiss zu finden. Die Errichtcr dieses Reiches, das sich völkerrechtlich vielleicht den neutralen Staaten wie Belgien, die Schweiz anreihen könnte, hätten den grossen Vorteil, sich die staatsrechtlichen Erfahrungen der Länder um sic herum seit Jahrhunderten her zunutze zu machen und ihrer Schöpfung die besten Vcrfassungs- und Vcrwaltun<rsformen, die sie heute auf dem Erdball vorfinden, zugrunde zu legen. Es ist wohl selbstverständlich, dass man sich dieses ״dritte Reich“ des Zionismus nicht als einen Zwangsstaat vorstellen dar], so dass nun alle Juden der Welt etwa gezwungen wären, ihrem Wirtslande den Rücken zu wenden. Nur die absolute Toleranz auf der einen, die unangetastete Wahl- und Entschliessungsfrciheit auf der andern Seite könnte hier den